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Wiener Morgenzeitung · 1924-01-25 · Heft 1776 (25.1.1924) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1776 (25.1.1924)
Date
1924-01-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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0cue 6 Wien. Freitag Film Md Kino. „DaS ^reudenschiff." Der ganze Film ist scheinbar nur auf eure Person aufgebaut und diese ist dankenswerter Weise Consta nee Talmadge. Wäre sie es nicht, würde dieses recht aron angelegte Wer! jedenfalls in sich selbst zmammenbrechen. Was das Büch dieser Handlung anbelangt, muß leider gesagt werden, daß es so ziemlich Logik ganz entbehren läßt und ein sehr schwerwiegendes Nassenvroblem nur darum atllrickt, nur sich mit einer mimischen Phrase und einem schwülstigen Titel darüber hinwegzusetzen. Und in den Fußstapfen dieses Buches schreitet die Regie und macht mit vieler Freude aus einer vielleicht ernst zu nehmenden Frage mit einer erörterungswerten Tendern ein verfilmtes Opercttenlibretto und — es ist gut so. Denn Constance Talmadge ist eine Darstellerin, um die herum man ruhig ein Buch schreiben kann, das die Wirklichkeit fälscht, das eine Gegenwart schafft, die eigentlich gar nicht existiert und dem wirklichen Leben nur die allernotwendigsten Konzessionen macht. Die Talmadge schaut absolut nicht chinesisch aus, nicht im entferntesten, aber sie ist überaus reifend und man hält sich daher lieber mit der Beurteilung ihrer Person und ihres Spieles air die letztere Eigenschaft als an die erste. Und das Kostüm steht ihr ausgezeichnet, viel besser als ihr Schlitzaugen und verkrüppelte Füße stehen würden, und dann ist sie ja eine richtiggehende Amerikanerin, die nur als Babn nach bekannten Mustern irans- und zisatlontischer Backfischliteraturiudnstrie geraubt wurde: wozu rst auch nicht ganz erfindlich — aber um Gotteswillen, warum denn gerade nickt? Sie muß tnch zum Schluß ihren Retter, Befreier und was der smarte Jüngling sonst noch war, heiraten, und da paßt doch die gan-e Geschichte wunderschön da-'n und außerdem kommt dann io wie so gleich der Titel „Ende". Daß aber die diversen Chinesen und Weißen gar nicht gem"rkt haben, daß das Mädel so gar nichts Cbinefisches an sich hat, ist jedenfalls eine Zufälligkeit, deren Erörterung am besten mit dem Gedanken: ..Die oanze Geschichte wird halt nicht so ernst gemeint sein" abgetan ist. Erfreulicherweise hat dieser Film nichts Dramatisches an sich, oder wenn, dann nur oanz verschwindende, kleine Momente. Ansonsten gebärdet sich hier alles wie in einem Lustlviel großen Stils, obwohl die meisten Kinobesitzec ans ihren Makatanschlägen mit aller Gewalt aus ihm ein Sensationsdrama machen wollten. Tie Regie hat ein sehr flottes Tempo angeschlagen, hat eine Unmenge reifender Nuancen und Details geschaffen und ein Ensemble wirklich ausgezeichneter Schauspieler um Constame Talmadge gesckort, deren Nomen leid-r in den hiesigen Kopün nickt ersichtlich waren. Ganz ausgezeichnet war speziell der Darsteller eines amerikanisierten Chinesen, der eine drollige und groteske Tpve schuß dabei aber auch sehr viel Beobachtungsgabe und Schauspielkunst verriet Sehr gut war auch der Darsteller eines alten chinesischen Kaufmanns. Ausgezeichnet — wie olles andere im Renten dieses Buches — ist auch die ganz vorzügliche Photographie. „Madien, wie sie niM sein sollen." Es liegt etwas wie eigentümliche Ironie io die^m Film, daß Wallace Raid, einer der populärsten Darsteller Amerikas . Menev Morgerizeitunü._ ZU seinen Lebzeiten (heute, wo seine letzten Filme nt uns tom* meu, drüben wohl längst vergessen), die sympathischeste und markanteste Rolle in diesem spielt. Er'gibt hier einen jungen Ingenieur, der, aus einem fremden Weltteil zurückgekehrt, erstaunt die unangenehmen Folgen des Weltkrieges in der obersten Gesellschaft sieht, und ein junges Mädchen von seiner Sucht nach Ausschweifungen und Nervensensationen heilt. Heute, wo es allgemein bekannt ist, daß dieser Mann, den Erfolge unb Frauen allnt sehr verivöbutett. tu den schwersten Narkotikep, wie Morphium uud Heroin, Belebung seiner total erschlafften Nerven suchen mußte, bis ihn nach kurzem Wahnsinn, kaum dreißigjährig, der Tod binwearaffte, ist es gewiß nicht ttnintcr-' essant, ihn in einer Rolle nt sehen, in der er die Genüsse, denen er im Leben huldigte, bekämpft. — Obwohl in den Großaufttahmen sein Gesicht schon den deutlichen Stempel seiner Leidenschatten trägt, ist seinem Spiel nichts von dergleichen anzumerken. Mit einer ganz ungeheuerlichen Leichtigkeit versteht er cs, diese Figttr eines soignierten Natttrburschen bis ins kleinste Detail hinzustellen, weiß sich so einfach, so ganz ttnkompliziert und durch und durch gesund zu geben, daß eS einem schier unfaßlich wird, daß dieser Film erst wenige Monate vor seinem Tode fertiggestellt wurde. — Hier merkt man erst, welchen. wundervollen Komödianten Amerika an ihm verloren bat, das Land, das sich seine Filmdarsteller auf Straßen und in Fabriken zusammensucht, um durch sie echtestes Leben auf die Leinwand zu bannen. - Ansonsten gehört der Film der großen P a r a m o u n t- Serie an, in der Bebe Daniels eine Ilnmeuge von Frauenfiguren verkörpert, die durch den Einfluß der Liebe eines moralischen und dabei doch svmvatbischeu Mannes von Abwegen wieder ins richtige Geleise geführt werden. Nebenbei ist diese Art der Sittenpredigt der Amerikaner mehr geschmackvoll als überzeugend. Der Film verfugt über eine reiche uud luxuriöse Ausstattung, die eher zu den — nebenbei nicht gar so gefährlichen Lastern seiner Heldin animiert, als vor diesen zurncksckreckt. Bebe Daniels ist liebenswürdig und in einem gewissen Maß hinreißend wie immer. Auch ihre tätige Buße in Hühnerstall und Gartenarbeiten hat mehr Koketterie als Maodaleneutum an sich. Konrad Nage l, ein äußerst talentierter, noch junger Mann, gibt mit lehr viel Charme einen notorischen Tagedieb ans der besten Gesellschaft. Auch die übrigen Rollen sind mit ausgezeichneten Tyven besetzt und werden sehr gut gespielt. Die Regie ist sebr geschickt, weiß fein nt pointi-wen und detaillieren und bringt in die nicht außergewöhnliche Handlung eines harmlosen Buches wirkliches Leben Ganz ausgezeichnet ist auch die technisch vollendete Photographie. „Die Märtyrerin." Abermals bringt hier die F o x - F i l m - Kooperation ein Werk von bedeutenden Oualitäten In der Titelrolle spielt Mary Carr, die wir ans dem Fox- Großfilm ..Ehre dritte Mutter" bereits kennen. Sie gibt eine Gelähmte und bietet uns in dieser Rolle abermals einen Beweis ihres hohen künstlerischen Könnens. Auch in allen übrigen Belangen muß dieser Film erstklassig genannt werden. Theakin. Unter diesem Namen wurde eine nette Kombi-' Nation zwischen Bü*"te und Film geschaffen, die Montag von den Schriftstellern Wolf und Mallina Vertretern der Der Fox-Film dieser Woche! DIE MÄRTYRERIN Die Sensation der Spielhölle von Ohio mit Mary Carr* der Hauptdarstellerin in dem Fox-Gross-Film „Ehre deine Mutter“ ab heute in den Wiener Kinotheatern Fox-Film*Korporatfon <?. m. b. H. Topyrrrv i'y Nachdruck verbalen «erlrsch.L;st;rri -c! er Se.tca, Wien. -i. Fousetzung. Die Heimatlose«. Roman von W'lma v. Vuklich, „Das übergeht man einfach, indem man ungarischer ist als der ungarischeste Magyare. der unverfälscheste Nachkomme Arpads, Denn, was sollten sonst die vl-rneh-men Gewohnheiten. das elegante Auftreten, die schicke Krawatte nützen; wenn man das gelbe J-udenzeichen irgendwo doch mit sich herum schleppen muß? Wenn man die letzten Spuren des Ghetto nicht endgültig und unwiderruflich abstreifcn kann?" Und Tihamer maß die Freunde mit eitlem mißtrauischen Blick, namentlich Daniel und dem kleinen Lajos. die -ihm äußerst kompromittierend erschienen. Aber was sollte er tun? Er war eben angewiesen aus den Bund, nachdem die anderen, die wirklichen Nachkommen Arpads, >«denen zu ähneln er sich so krampfhaft Mühe ga.ü. nichts von ihm wissen wollteit ... Trotzdem war d'e Frage erledigt. Und der Bund erklärte die weitere Erörterung dieses Konflikts für prrzipiell ausgeschlossen. * Als Alfred sich vom Bunde trennte, um nach Budapest §u übevsiedeln, ging ein R'ß durch sein Leben, den nichts mehr heilte. Er fWte sich isoliert und einsam, ganz auf sich selber angewiesen und dennoch außerstande, mit sich selber zurecht zu kommen. Und stand vor einer Fülle von Problemen, die er zu lösen unfähig war. Ter Boden feh'te ihm. Die gemeinsame Atmosphäre und das gemeinsame Tempo. Und Werl er viel zu viel mit sich beschäftigt war, verlor er Maß und Distanz, ja er verlor sich in nebelhafte Wünsche und Sehnsüchte, für die er selber keine Erfüllung wußte. Seine Mutter tat ihn in eine vornehme Privatschule, «*. «pues PauöLnlwlldW, Deich, dazu dräuen. den Minderbegabten Söhnen wohlhabender Extern rasch und schmerzlos über die Matura hinüberzuhelfen. Alfred ließ sich dies um so lieber gefallen, als ihm sein Gymnasialstudium ohnedies ein un"öliges Uebel schien, denn er fühlte nur zu gut, daß fe-ne Hestert Kräfte in eine andere R chwng drängten, eine andere Erfüllung in sich bargen ... Welche, wußte er selber nicht und litt unter dieser Unsicherheit und d'.e'em Nichtwissen tun so heftwrr. als die Phantast!schert Träume von Ruhm und Künstwrgröße, mit deren die Mutter seine Kmderjahrc umwehen hatte, doch nicht spurlos an sestrer See'e vorbeigeglitten waren. Irgendwo in seinem Unterbewuß's'tin hatten sie sich verwurzelt. und er glaubte noch immer, daß er die gehet tue Fähigkeit besitze, dem Leben irgendwie näher zu kommen als andere MeEen und sich selber zu erfüllen in eitvrm 1 ungewöhnlichen Schicksal. Vorläufig setzte er sein Ich als Mittelpunkt eines harmlosen Kultes, bezog alles auf sich selber, genoß keinen Eindruck unmittelbar und obscktiv, sondern nur als Material der Bereicheruna, das diesem Ich immer wieder ueuen Stofs zu fü hrte der inneren Leere Inhalt und Fülle gab. Es war ein Suchen mit au^ebaltenern Atem, und hm wieder felgte die Enttäuschung. Tenn niemals fand Alfred die Spur dessen, was er suchte. Tann bechwß er nach fast Poe i jährige nt planlosen Umhertaften, das ihn in die Lehrsäle der Anatomie s wie in die nationalAonomischen Seminaren gebracht, das ihn im Mikroskop die Geheimnisse des ersten Lebens suchen ließ, sowie er Geschichte betrieb, um der Entwicklung und den äußeren Gesetzen des Lebens näherzukommen, nach zwei Jahren also, gewissermaßen im Zwecklosen vergeudet —- dentr all diese Studiert ließen ihn unruhig und ohne jedes innere Gleichgewicht zurück — beschloß er. sich zu sammeln und sich die Tinge, die er immer fremder, immer seiner empfand, durch ein Medium vermitteln zu lassen. Dieses Medium war bei ihm die Musik; denn diese war 1 wickllich ein Stück seiner Seele gewesen, nur zu früh ge¬ _25. Jänner 1924_Nr. 1776 der Industrie und Presse im Pavo-Atelier vorgeführt wurde. Es muß gesagt werden, daß diese Vorführung zum ersten Male eine mögliche Kombination dieser beiden verschiedenen Elemente bot und daß bei weiterem Fortschreiten in dieser Bahn (e8 handelte sich diesmal nur um einen kleinen Reklamesketch) sicherlich noch recht schöne Erfolge gezeitigt werden dürften. Gleichzeitige Uraufführungen in Wien und New-Pork. Eine hiesige Firma hat die Vertretung der amerikanischen Filmvrodnktion Warner Brothers übernommen und verspricht, daß die Uraufführungen dieser Filme gleichzeitig in New-Aork und den Hauptstädten der Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie stattfinden werden. Der neue Filmweltalmanach. Der Verlag Universale gab einen reich illustrierten Almanach der illustrierten Filmrevue „Die Filmwelt" heraus, der einige sehr interessante Artikel enthält, Bilder der bekanntesten hiesigen Darsteller und ein Adreßbuch von Wiener und Berliner Firmen und Schauspielern. Kinofreunden ist dieses recht wohlfeile Buch bestens zu empfehlen. Die Filme der Woche. „Kid Roberts, der Boxrrlvittg." — „Die Marthrenn." —- „Die brennende Kugel." — „Old Dad." - „Gebrochene Blüten." — „Der Wetterwart." — „Der Weg zu Gott." rBUR<£-XINO, I. OPERNRIKG19—, Ab heute bis 28. Jänner LrMiM°d«Liebe Kolossaldrama in 6 Akten und das übrige Sclilagerprogramm Beginn der Vorstellungen! 4. '/„6 7. V«9 Uhr -CENTRAL'KINO 1 abors te Nr 8 Direktion J. Schulz11 Ab heute bis 28. Jänner Sensations-Sport film und das übrige Schtagernrogrämm Beginns °..5, %7, V,9 Uhr —LOWEN-KINO , Ab heute bis 28. Jänner TrMwii°».-Liebe Kolossal drama in 6 Akten und das übrige Scblagerprogramm Beginn der Vorstellungen: *1,5, ‘/?7, lffl Uhr K'no-Orchester unter Leitung des KaneUnieisters Riimeth ROTENTURM-KINO WIEN, l, FLEISCBMAUKT 1 AM" Ab heute bis 28. Jänner Sl s an i#tio ob* tl ilio nnd da« übrige Schlajerprogramn» Besinn der Vorstellnneen - 4!/.ß. /48 nnd 8/j9 TTbr B&eleiini sit eins? erafkla'-s'Ren Künsilerkupalle weckt, zu gewcll'iäm aroß^ezcgen. Nach einer Ruhepause jedoch, die ihm die plötzliche G^ckchgültigkeit feiner Mütter gegönnt, erschlcssen sich neue Knospen, nicht dwst- und farblos wie jene frühreifen, sondern gesund, herb und echt, gaboren aus Sehnsucht . sich selber zu finden^ auf^ebl'"'ht wie in Wunder, fertig über Nacht, so daß er es gar nicht fassen konnte, woher d'e Stimmen ihm kamen, die ihn so ganz mit Musik erfüll'en und die er zu bannen versuchte in seinen großen, auserwählten Stttuden. Er spielte. Und lauschte wie gebannt seinem Spiel. War er es, der diese Tiefe ausischä^ste? Ter an dieses Geheimste rührte, das er im Grunde selber nicht verstand, uni? ^das' ihm von irgntdwoher entquoll, aus einem Urgrund, den kein Wissen und kein Verstand eraründet? Wie war das nur, daß alles Tiefg. Selige und Sebirerzl-che Musik wurde. in se'n<w Seele? Sich aussang und ausweiute . . . und war doch ihm selber fremd, und er fühlte, daß in seiner Musik ein Durckies mitschwang, dessen Ursprung er niemals-zu deuten vermochte, das von irgendwo ausdämmerte. wo die Queren längst verschüttet waren, fremd, ja . . . und dennoch vertraut wie ein altes Wiedl'ed, das die Mutter der Mutter vererbt. Das an das Dunkelste und Aeltcste Ves Stammes anrührt. Ein E-t>waL in seinem Blute sang, ihm selber unfaßbar, und er sann nnd sann und konnte sich niemals verstehen lernen. Er fühlte: da war ein Fanden irgendwo abgerissen, und keiner findet das Ende disses Fadens wieder. Das war es. Die Heimatlosialeit. Me Beziehungen Ware.» ihm fremd. In der Wissenschaft und in der Kunst. Im Leben und in den lebendigen Zusammenhängen mit der Natur. Ohne Anhalt, ohne Uebergang war er in eine Welt geworfen, die namenlos einsam ließ. Alles blickte ihn an mit kalten, leeren Augen. Als ob er keinen verstehen könnte, als ob ihn keiner verstünde. Er aber sehnte sich nach Urlauten, nach etwas völlig Einfachem und Primitivem. (Fortsetzung folgt.l

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