Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1774 (23.1.1924)
- Date
- 1924-01-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seiie 8 Men, Mittwoch «»Dal ly Mail" meint, Baldwin sei verantwortlich jVr die unglückliche Lage, in der die konservative Partei sich heute befinde. Die „TimeS" schreiben, die Prophezeiung, daß daß Land mit den nächsten Neuwahlen fürdieLiberalen i stimmen werde, sei vielleicht etwas optimistisch gehalten,, enthalte jedoch ein gewisses Maß von Wahrheit. „Daily Telegraph" führt aus. die Gefahr, die. mit der RegierungSÜbernahme durch die Arbeiterpartei verbunden sei, bestehe darin, daß sie freie Hand haben werde, die nächsten Wahlen zu machen. Die liberale „Westminster Gazette" betont, das Land sei di« schtvachste Regierung der letzten Zeit los. Die Arbeiterpartei müsse nun beweisen, daß sie regieren könne. Ve werde eS nur können, wenn sie sich von Anfang an vor Augen halte, daß sie eine Minderheitsregierung ist und bei allem, waS sie tut, vom Wohlwollen uud der Unterstützung der anderen Parteien abhängt. Sie »Schste« Aufgaben der englischen Regierung. London, 22. Jänner. Nachdem B a l d w i n durch die Hilfe der Liberalen gestürzt wurde, wird erst der viel schärfere Kampf beginnen, denn es ist klar, daß die gesamte konservative Partei und viele Liberale alles aufbieten werden, um Labour zu Fall 'zu bringen und eine anti sozial: st if che Regierung zusammenzustellen. Die Konservativen verzögerten ihre Entscheidung, um desto sicherer zu gewinnen. Die Parteileu'te verwarfen den gemeldeten Plan der Jndustriegruppe der Asquith-Gruppe, und willigten in den Schluß de.r Debatte ein, was, wie di« „Dimes" sagen, der gestrigen Abstimmung erst ihren Pollen Sinn gibt. Denn dadurch wurden die liberalen Hoffnungen gestört und vermieden, daß ein Wiedtzrzufammentritt des Parlaments eine Reihe vergeblicher Versuche zur Bildung von Regierungen aus verschiedenen Parteien veranlasse. Zunächst ist eine gewisse Stabilität erreicht, die es der Labour-Regie.rung ermöglicht, in der nächsten Zeit praktisch zu arbeiten. Die Hauptaufgabe liegt in der Außen- Plüitik, wo sich Maodonald zunächst der durch die englische Kritik sehr zugefpitzte Streit über die französische Rheinpolitik darbietet. ,^Destminster Gazette" nennt die sogenannte Blockade der Kölner'Zone einen offenen Bruch von französischer Seite. Die „SimeS" fordern zu lebhafter Energie auf und unterstreichen den Bericht Clives, der die Tatsache feststem, daß die autonome Regierung in der Pfalz keinen Tag föribeftehen Knute, wenn sie nicht von französischer Seite unterstützt würde. Set englische Mubahnerfkeik. Unangenehme Wirkungen. — Bildliche Rationierung des ROfHtUtKJwiuUuJCv« (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 22. Jänner. Der Ausstcmd des Lokomottlchevfo- MS droht weitgehende Arbeitseinstellungen nach sich zu ziehen. In verschiedenen Lcmldestevlen sind die KohlenvorrÄe sehr knapp geworden, besonders in Newcastel und in SüdwaleS. In diesen TeÄen des Landes haben die Gösen- und StcchÄveÄe nur noch für wenige Tage Kohle. Im westlichen Wales sind große ArbeAssrwstellungen vorgenommen worden. * Der GEraHeikrÄär des enMchm TranSpovdarbeiterverbandes, der die Seeleute und BimrmtvansPovtaNbsvter mit Ausnahme der Eise-ulbahttversmigung umfaßt, erklärt, die Gqendahngsfellschchten taten gut daran, die Ansprüche der LoLmrotivheizer zu bevücksichtiiM, da sankst die Gefahr emeS allgomernen AuÄstcwdeS der Transpovtmdeiter drohe. Die Streikenden hep>te «im Demonstration urtb gaben bskLmtt, daß sie jeden Versuch, den Verkehr wieder in Gang zu bringen, mit allen Mitteln vechindevn uttd auch vor Gewalttaten nicht zurückschrecken würden. Die ersten Folgen des Streiks sind bereits c-ingetreten. Die Kohlenhändler habm beschlossen, wähwnd deS AuSsta-ndes nur 300 Kilogramm Kchle pro Woche an den einzelnen Verbraucher obMgsben. Die Londoner Blätter haben den Umfang ihrer Ausgaben bereits echebvich eingeschränkt. Die Regierung bereitet eine Verordnung Wer die Einschränkung des Kohlenderbrauches und namentlich der Zentralhetzungen vor. Falls die Aufständischen auf. ihrer Weigerung, irgendeine VermiWunig anymehmen, verharren solüen, werde auch der Gas. und Elektrizitätsverbrauch eine behördlich« Herabsetzung erfahren. Wahrschoinilich werden zu gewissen Tageszeiten Sperrstunden eingsfühvt werden. Wenn auch erwartet wird, daß es Ramsay Macdonald bald gelingen werde, den Streik beizulegen, herrscht im PMAüm doch groß« Erregung. NameMich ans die LebensnuMgefchÄfle findet ein nxchrer Kouferf-urm «statt, so daß viele GefchäftSinlhaber bereits zur Rationierung der Warenabgabe ülbergegangen sind. Sie antienglische MMde. EnAand fordert Ausklärung. . (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Brüssel, 82. Jänner. Der englische Botschafter hat gestern nachmittags bei der belgischen Regierung einenSchritt anternommen und um Aufklärung über die Verordnung ersucht, durch welche die rheinische Eisenbahuregie den Eisenbahnverkehr nach der englischen Zone eingeschränkt Ijftfc WWWWWWWWW^^ STOfenetf Moraknzrsrttttg. 23. Zauner KÄk MM Ja^par gab dem Botschafter die Zusicherung, daß sofort eine Untersuchung eingeleitet werden wird. Pak iS, 22. Jänner. Der englische Botschafter Lord C r e w c hat der f r a n z ö s i s ch en R e g i e r u n g gestern vorgeschlügen, die pfälzische Frage dem Schiedsspruch des Völkerbundes zu unterbreiten. Poi'neare hai abg^lehnt. da nach seiner Meinung dieö eine Angelegenheit der alliierten Mächte sei. Sas Urteil der Sachverständigen. Gründung einer deutschen Goldnotenbank. — Weitere Verhandlungen in Berlin. Paris, 22. Jänner. Der erste Sachverständigenausschuß der Repa^ationskommission, der sich gestern mit der Frage der Stabilisierung der deutschen Währung und dem Ausgleich des Budgets befaßte, hat heute vormittags im Anschluß an die gestrige Anhörung des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht eine Sitzung abgehalten und, wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, sein Urteil getroffen. Der Ausschuß hat es für notwendig befunden, daß in Deutschland eine Goldnotenbank gegründet werde. Die hiezu' erforderlichen Mittel sollen aufgebracht werden: 1. durch die Mobilisierung desjenigen Teiles der deutschen Goldreserven- und Devisenbestände, Pie sich im Besitz der deutschen Untertanen befinden und keine nutzbringende Verwertung erfahren; 2. durch die Hilfe von fremdem Kapital. Der Ausschuß hält die Gründung einer derartigen Bank für einen Teil des Gesamtplanes, zu dessen Beurteilung und Ausarbeitung er einberufen sei. Der Ausschuß ist weiterhin der Ansicht, daß ein großer Teil des gestern vom Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht entwickelten Planes M der endgültigere Lösung mit Nutzen herangezogen werden könne. Der Ausschuß ist infolgedessen von der Anhörung Dr. S ch o ch t s außerordentlich befriedigt. Der Vorsitzende des Ausschusses, General D a w e s, unterstrich, wie notwendig es sei, zu einem gemeinsamen Programm zu gelangen, um eine Lösung herbeiführen zu können. Der Ausschuß ist andererseits, wie amtlich erklärt wird, davon überzeugt, daß, um die Tätigkeit einer Goldnotenbank nutzbringend zu machen, eine Mitarbeit des Auslandes in der Direktion der Bank notwendig sei. Angesichts der Dringlichkeit der betreffenden Entscheidung und der zu führenden Verhandlungen hat der Vorsitzende des Ausschusses Dr. Schacht mitgeteitt, daß weitere Verhandlungen über die bekannten Punkte ata 80. d. in Berlin stattfinden werden. WiedttrusammentrM der Reichstages am 1». Febmar. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung",) Prrlw, 23. Jänner. Der Zusammentritt des Reichstages wird, wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, voraussichtlich utn den 10. Februar herum erfolgen. DleS ist nach der Auffassung der Reichsregierung der äußerste Dermin, da daS EuslachtigungSgesetz am IS. Februar abläuft. Der Aeltestenrat wird am 30. Jänner zusammentreien und endgültig über den Zusammentritt deS Reichstages Beschluß faffen. Der auswärtige Ausschuß wird am 29. Februar zusammentreten, um vor allem die Antwortnote der französischen und belgischen Regierung zu besprechen. Ler Hitler-Prozeß Mt in Machen. Frapbsurk, 33. Jänner. Der Hitler-Prozeß wird nicht i n München durchgeführt werden, sondern, wie die „Frankfurts Zeitung" aus gut informierter Quelle hört, in Landsberg am Lech, wo H i t l e r und die Übrigen angeklagten Teilnehmer cm Putsch bereitS in Haftsitzen. Ausschlaggebend war, daß Landsberg eine ganz andere Möglichkeit deS Schutzes vor Störungen bietet als München. Wie verlautet, wird der Prozeß am 18. F e b r u a r beginnen. Ztalienikche Neuwahlen am 8. April. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) ctflütic cs als int Interesse des Staates. Er erbat sich die Ernlächtigung des Klubs zur Un>!erzsichn>unig deS Uebevedtzkommens, was nach längerer Debatte auch etfoigte. Die Skupschtlna. Belgrad, 22. Jänner. Morgen tritt die Skupschtma wieder zusammen. Unter den zur Beratung kommend«» Gegenständen ist die Verhandlung über die 300 Millionen Franken-Anleihe, die Frankreich Südflawien gewährt hat, besonders interessant. Als Berhandlungstag ist der 28. Jänner in Aussicht genommen. Die Budgetdebatte wird am 1. Februar beginnen. Man erwartet, daß bis! dahin der Ministerpräsident Pasic aus Rom zurückgekehrt sein werde. * Ein angesehenes Mitgl'ed der Opposition erklärte auf die Frage Ihres Ber'chterstatters, was die Bestrebungen der Opposition, die auf einen einheitlichen Block abzielen, bezwecken. Man wolle zunächst als kompakte Mehrheit der Regierung im Parlament entgegentreten, um den Minister, Präsident. Pa sie zur Durchführung von Neuwahlen zu zwingen. gugoslawien Kitt dem internationalen Antomobilabkommen bei. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Belgrad, 22. Jänner. Das internationale Automobilabkommen vom Jahre 1919, daS alle europäischen Staaten mit Ausnahme Südslawicns unterzeichnet haben, wird jetzt, wie Ihr Berichterstatter versichert, auch von Südflawien unterzeichnet werden. Die südslawischen Automobile, die die Grenzen passierten, hatter im Ausland große Schwierigkeiten. Man will deshall jetzt endlich Abhilfe schaffen. Sie balsarische» Reqnisitionen i« Serbien. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Belgrad, 22. Jänner. Der Völkerbund bestätigte im Wege der Berner serbischen Gesandtschaft der jugoslawische» Negierung, daß der mit Bulgarien abgeschlossene Vertrag über die Aufhebung der Sequester auf Wunsch Bulgariens beim Völkerbund eingetragen wurde. In dem Abkommen sind bekanntlich gewisse Fragen der Requisitivnelh die die Bulgaren während der Besetzung Serbiens vorgenommen, sowie auch die Fragen der Entschädigungen geregelt worden. _ Sie Srgamsatilm der Hellas- Banditen. Enthüllungen in der Nationalversammlung. 'Budapest, 22. Jänm.r. Der oppositionelle Äbtzeord»M D r o z d h machte in der heutigen Sitzung der Nationialversammlung Enthüllungen über die sogenannte Also lder Brigade, die, wie er ausführte, aus den nach d?m Umstürze gebildeten Hejjas-Detachement hervorgegangen sei, das schon im November 1919 zahlreiche Mordtaten in der Umgebung von Keczkemet begangen habe. Die Alsölder Brigade habe'ihrcil Sitz in Budapest, ihre Kecstemeter Abteilung führe die Bezeichnung HejjaS-Brigade. Ihre militärischen : fchlShaber seien Oberst Milan H i b l und Oberstleutnant Szavits. Gr gab ferner die Namen ihrer Kompa.?.n'.'- kommandanten und sonstigen Offiziere bekannt. Ihr Proviantosfizier sei der Direktor der K e c s ff e m c 1 c r Mädchen bürg er schule. Die Brigade halte shrc Waffen und Sprengmittel in zwei Kecskemctcr Kasernen sowie auf den Gehöften mehrerer Lav'irte in Kecskemet und Orgovanh verwahrt. 2)°/.' Zahl der auf das erste Alarmzeichen in Kecskomet allein zur Verfügung gestandenen Leute hätte zweitausend ^betragen. Redner forderte, daß die Regierung nunmehr ihre Pflicht tue. llnsarnr Protoioüe nicht unterzeichnet. m;V ,'•# Rom, 22. Jänner. Mussolini hat heute dem Mnrsterrat den Bericht an den König über die Auflösung dev Kammer und Ausschreibung von Neuwahlen vovgelegt. Der Bericht wurde zur Kenntnis genommen. Das Dekret des Königs über die Kammeranflöfung wird noch in die-str Woche veröffentlicht. Die Oahlen werden am 6. April stattfindeu. Die Parteien sind bereits eifrig mit der Aufstellung der Kandildatenlisten beschäftigt. Sek italienlsch-jugoflattische Vertrag. Reise Pasic' und Nincic' nach Rom. (Eigendienst der „Wieirer Morgenzeitung".) Belgrad, 22. Jänner. Minüsterprälsidem Pasic und Minister ^2 i tt c i c werdest am 36. d. in Rom eiNtvaffein und wahrscheinlich noch am Alteisen Tage die stierliiche Unte-rzeichnmtg des Vertrages vornehmen. Schon vor der Unterzvichnung werden svch znr Regeilunig der Eisenibchn«, Hafen- und Zollfragen rtallienisch-jugchliaitvilscht. .Kommissionen versammeln. . Die peveiniigten Parteien der Opposition. habon> sich heuie nach einer lättigeren Sitzung dalhin geeinigt, in der morgiMN Sitzung der Mrpschtiita follgenden DvinyttchkottSamrag M stellen: Die Skupschkina fordert die Regierung aus, ihr sofort nähere Erklärungen über das Abkommen mtt Italien vorzulegen. Die Skupschtma fordert die Regierung weiter aus, im Namen des Staates mit Italien nur ein solches Uebereinkommen zü schließen, durch da» die Jn-tevessen beS Staatevollkommen geschützt imd alle Rechte gewähnt bleiben, die dem Königreich H- S. garantiert sind. Dr. it'tincic legte honte tat Kluib der roibiWm Partei dm, Text ^cs Uobereinikoninrcns mit Italien vor. Ministerpräsident Pasic rofoeierte Über das Ueberemkommen und Paris, 22. Jänner. Die Agence Havas meldet au; Londoy vom gestrigen: Das Komitee für den Wiederaufbau Ungarns hat sich endgültig dem französischen Vorschlag angeschlossen, die beiden Protokolle, nicht in der gegenwärtigen Tagung zu unterzeichnen. Sie werden erst genehmigt werden können, nachdem die Repavationskommission ihre Hypothek zurückgestellt haben wird. Der Generalkommissär. Budapest, 28. Jänner. Zum 'Generalkommissär des Völkerbundes für Ungarn soll Baron Theodor Adelswae r t, ein F^und A P P v n Y i s, ernannt wevden. Bon anderer Seite wird erklärt, daß zum Generalkommissär ein noch unbekannter Amerikaner ernannt werden soll. Ministerpräsident Graf Bethlen teilte in einem Telegramm der Regierung mit, daß in der Frage der Anleihe eine günstige Wendung insoferne eingetreten sei, als in bei Reparationskam Mission alle Schwievigkeite? be,seitigt erscheinen. __ Nodular Blatt eingestellt- (Ei.qendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 22. Jänner. Die Negierung hat heute das weitere Erscheinen der Z e i t s ch r i f t „Amerika", die seinerzeit wegenderHochverratSasfäre verhafteten Antisemiten Ingenieur Bobula, der aus Amerika in Budapest ankam und mit Unterstützung deS amerikanischen Automobilfabrikanten F o r d öle antisemitische Propaganda in Ungarn entfachte, eingestellt. Die Einstellung des Blattes wird damitbegründet, daß eS die innere Ordnung und Sicherheitgefährde. Das Blatt machte i n wüsterWeise antisemitischePropaganda. 41541