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Wiener Morgenzeitung · 1924-01-23 · Heft 1774 (23.1.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1774 (23.1.1924)
Date
1924-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Elazelnnmm er R10 0 0 Wien: Zum Abholen iu der Expedition, II., T aborstr. 1 -3, oder in einer Verschlefastelle (Trafik) monatl. K 35.000: Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt.I. Bez.» Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 35.000 Tsehech o-S 1 owa kei: Mon. K18. |u?os1awien: M»*. Dinar 60. Polen: Mon. Österreich. Kronen 30.000, Deutschi.: Mon. Goldmark 4.-—, Frank r., Belgien: Mon. Frcs. 12 HF* Naeheahlnngen "WW bei Preiierhehangen Vorbehalte» Nr. 1774 "Märtyrerin^ L VTAaöaafä/^ Poren: poln.lft-100.000 Italien: Monatl. 12 IJre, Rumänien Mon. 130Lei Bulgarien Mön. 80 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 Redaktion u. Administration Wien, IL.Taborstrassel^S Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abd«.19-483,25-282 Tel- Adr.:, ,Morgenzeitung<l Wien Oesterieichisches Postspar * kassen-Konto Nr. 150.693 Wien, Mittwoch, N. Jänner 1924 6. Jahrgang Lenin Mrben. (EigeiNnenft der „Wiener Morgenzeitung".) Moska», 22 Jänner Gestern 6 Uhr 5V Minuten abends, ist Lenin in Gorki bei Moskau verschieden. 6lne offizielle Kundgebung derSowjettegierung Moskau, 23. Jänner. In der offiziellen Mitteilung der Regierung über das Hinscheiden Lenins heißt es: „Nichts wies auf das nahende Ende hin. In der letzten Zeit trat in dem Befikden Wladimir Jlitschs sogar eine bedeutende Besserung ein. Man mutzte annehmen, datz sein Gesundheitszustand sich auch weiterhin bessern werde. Ganz unerwartet trat am 21. Jänner eine Plötzliche Verschlechterung ein, und wenige Stunden nachher weilte Wladimir Jlitsch nicht mchr unter den Lebenden. Der derzeit tagende allrussische Sowjetkongretz und der in den nächsten Tagen zusammentretende Kongretzder Sowjetunion werden die n o t w endig e n Be s ch l ü s s e zur Sicherung der weiteren Arbeiten der Sowjetregiemng fassen. Der härteste Schlag, der die Arbeitenden der Solvjetunion seit der Eroberung der Macht durch die Arbeiter und Bauern getroffen hat, wirp jeden Arbeiter und Bauer nicht nur inunsererRepublik, sondern auchin . attcgti-SSit» dern aus das tiefste erschüttern. Diebreitesien Mästender - Arbeitenden ganzen Welt werden ihren tatkräftigsten W erk bleibt unerschüttetL Die Sowjetregierung, die den Willen der arbeiteridrn Massel aüßführt, wird die Arbeit Wladimir Jlttschs förtsetzen. ünd den von ihm beschrittenen. Weg weiter gehen. Die. Sowjetregierung steht unentwegt auf ihrem Posten zuni Schutze der Eroberungen der proletarischen Revolution!" Samstag Beftatvmg. Moskau, 22. Jänner. Der Leichnam Lenins trifft morgen aus Gorki in Moskau ein und wird bis zur Bestattung, die für Samstag festgesetzt ist, im Gewerkschaft s h a u s e anfgebahrt. Der Zugang wird der ganzen Bevölkerung frei sein. Lenins Lebenslauf. AWadnmr Jlic Wjanow P <mr 10. MprÄ 1870 in Simbirsk >ac>borert. Sein Vater war dort Leiter des DMAschuil- . wüsens. Leuiin war noch im Gynnrasium, als sich in seiner Fanwiilieein Creiignis -cwGMe, das Ainstvß zu seiner revMt'ionäron Otisinnung gab. Sein Bruder Alexander Mjchnow wurde in der Festung SchMsseM'rg Weizen Teilnahme an dein Att-entaisvevfuch vo-m 13. Mürz. 1887 gegen Alexander den Dritten gehenkt. Nach Beendigung seiner Ghinnah'iaUMen trat Lenin m die inrifftisthe F>aku!l>!at in Kasan ein. wo er in reivoüiutionären Kreisen Verkeihvle. Bon her UMvepsiitäi Kasan Maldmald ausMschlossen. ging er nach Petersburg, wo et sich. dopt Staatsexainen an der suristiswen FakuÄät unteMg./Zu Beginn der MuUi;:gerjayr.e ncchru er teÄ M dtzr BÄdurm der SbömCpiftocreimW-n-g für die Bssrenmg der ArÄeiiiteMasse.^ Gegen Euide der. NenMgevjaihre wurde er verhaftet und in die Wer- . bannnng geschickt. Dann wanderte er aus-nnd Wied mit Bürgen Unteckrechungen dis 1917 im AuÄorbd. Im Jahve 1901. HÄe er. zusammen mit Martow die Revue ,Fun5e" („Giskra") . tzegründet, die eine wichtige Rolle in der. russischen RevÄuiivnsaoweigung fttödfoe. Zwei Ja'hre 'hüittt sWbtote sich i hie vuIssiWv soz-iÄMeumtva^iische Partei, die Än, Jahre 1A8 -. gegrÄndet worden war, in zwei FvaKtionrn, die Bollschewiki und Menischeiwibi Lenin gab die Redaktion -es „Funke" auf, da . diese mewschewikiisch gowcwden war und gründete das erste boWewikilsche. Organ „Vorwärts". Im Jahre 1905 fand m London der.erste Kongreß statt, der den Grund zur henrirgen kMnnmn-ijstiischein Partei RnManlds legte. Dieser Kongreß wurde vorbereitet und geleitet von Lenin,.der vom MomeiriderStzal- ..tlmz der-saM'ffMchen'PcrxtÄ angeijangon der /mchchtrittem 'Führer' der BchschewM wnche. . Im Jahre 1905 -beigcrundie erste russische Revolution. Lenin kchrte nach RiuMand zurück -und spielte, chwohl er l sich ckse -MM Zcht im' Hintergrund' hiM. eine ^hervorragende Rolle in dicher -Epoche. Nachdmr die. redylntionave '.WwMM/.ün, Jahre. 1907 .u-icherysschlayen - provdm ..war,' rWe - Lärr'ÄWieder nach dvnr Ausland, wo - tt~ bis zum - Jahre 1H12 mchrere.D-yWüren.^ und w-chreve auÄmckrsche -Blatter leitete. ■’• 1912 ll'ieß er sich nt K-rakau Meder, um von do-vt aus -die MicheWiWchie Bowegüntz zu leiten. Der Ausbruch des Krieges fand ihn in -einem Weinen Mizischen Davfe. hsi Krakau. Er wurde vörhaftet. lbaid dcwiMf jedoch freigelasiell, worauf er in. die Schweiz albroiste. Bei der Organisievurrg der gegen den Krieg gerichteiten Zimmer Wälder K oir seren z sowie bei. der ■ Könsereng fefflöft, an der ans Oesterreich Dr/ Friedrich Adler teÄnahnr/ spiMe er eine yän« hervor- . ragende Rollen Lenin gehörte zm äußersten Linken der Zc m m e r w a s d e r. Er: schling, von Radek unterstnüt, hie Sabotage und. bewaffneten Wider st a n d vor, um dein Krieg ein ■ Ende zn machen und. den K l a s f e n k a m p f zu >bcginnnn. Als die Revolution Kerenskis anslbrvch, reifte er im' Marz 1917 imch Rnßlland. wo er sofort die Fühvuirg der Bo!l!schÄvi>ken übernahm. Bei de.n weiteren^ Auseinandersetzungen M der Aoailit'ionsreigierung lag-die Loitn-ng der pWiüiischen Aktion des Prolletariaits in seinen. Händen. Der erste Versuch der . Machtergreifung durch die Bvlschewiken wucke im JÄi 1917 unterdrückt. Die Bewagung würde anßechaW des Gesetzes gestellt und gegen die Führer, darunter auch gegen Lenin, Hastdefehle erlassen. Er verbarg sich danmls.in einem Ackeiteckeztrik von Petersburg, von ,wo aus er die hollfchOvMche Mion weitersühvte.' Die weiteren Kämpfe, besonders - der O k t o d e r a u s st a n d, der ihn zur Macht und' .Klnenski zur Wucht führte, wurden von -ihm-geleitet. . Seither war er nach Erringung der. Macht Vorsitzender des Rates, der Voltskommifsäre der Sowje'trepnibli.ken, weilche Stelle er bis zu seinem Tode innehatte.- Premierminister. Pettamm» des llnterhanfes bis 12. Februar (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitvng".) Lenin. —y. Wim, .22. Jänner. Wladttnir Jlitsch Uljanow, der unter dem Namen Lenin in die Weltgeschichte eingezogen ist, ist Montag abends gestorben. Die letzten zwei Lebensjahre hatte er auf dem Schmerzenslager verbracht, an das ihn eine Nierenerkrankung fesselte. Der Führer, Kämpfer und Organisator des revolutionären Sozialismus scheidet von -der Welt und tut kund, daß es hienieden im Grunde doch nur eine unbestrittene Gleichheit der Menschen gibt: die der Tod ausspricht. Lenin ist, seit er in den Kreml einzog, ein müder, kranker Mann gewesen. Die ungeheuere Aufgabe, die er auf sich genonrmen hatte, zermürbte seinen Körper. Vergebens, aber hartnäckig wehrte sich der himmelanstürnrende Geist, der feste, unzerbrechliche Glauben an seine Mission; aber die Uebermacht der Krankheit siegte. Noch vom Svechenbett aus sandte er seine Befehle aus, die die Umformung des von ihm eingerichteten Systems der wirtschaftlichen Diktatur des sozialistischen Staates, die Mkehr von den mörderischen Grundsätzen des weltfremden doktrinären Bolschewismus einleiten sollten. Die Probe auf die Wirklichkeit kann Lenin nicht mehr machen. Vielleicht hat dies das Schicksal so gefügt, um den zeitlebens von Kerker und Mord bÄrohten Mann tvenigstens die Besiegelung ferner letzten großen Enttäuschung zu ersparen. Denn das große Werk, das er in den letzten Wehen des Krieges begann,, wankt in den Grundfesten. Die Dampfwalze der russischen militäri- I&dSöi: war Schlachtfeldern Galiziens und Polens, in den nrasurischen Sümpfen schliefen die Millionen der Jugerid, die der Befehl des Zaren, die Peitsche seiner Schergen zusammengetrieben hatte. Lenin riß die Macht an sich. Aber, was er plante, war doch nichts anderes als wieder die Dampfwalze, die silrchtbare Kraft der Masse einer Idee dienstbar zu machen, für die er die Zeit für gekommen erachtete. Er ist nur denkbar als der Nachfolger des Monomachen, der Staat und Volk als sein gehorsames Eigentum behandelt, das er lenkt und leitet, für das er denkt und dessen Arbeit und Fleiß ihm allein gebührt. Der Zar führte Rußland in den Krieg und vergeudete die Kräfte des Hundertmillionenstaates für das Prestige der Dynastie. Aus dem Zorn und der Empörung der Soldaten, der Arbeiter, der Bauern, aber .auch der Bürger, stieg dann die Revolution auf, die im raseirden Sturm, in wenigen Stunden den Thron zerschmetterte und mit ihm den Autokraten. Immer weiter nach links riß die Wut die Massen. Sie schlug KerenSki, dem geschmeidigen Advokaten, sein. Ministeriunt in Trümmer und trug Lenin empor, der mit Kamenew und.Trotzki an die Neuordnung gsng. Aber auch Lenins -'System ist nichts anderes als der Zarismus, aus die sozialistische Maschine transformiert. An die Stelle des einen tritt das Kollektivum. Der eine hatte Viinister, Beamte, Henker und Soldaten, die in seinem Namen wirkten; dos Kollektivum hat Kommissäre, Beamte, Henker und Soldaten, die im Narnen der sozialistischen Föderation der Arbeiter und Bauern wirken. Der Unterschied liegt nur im Namen, nicht in der Idee. Wo der Zarismus aufgehört hat, setzt der Bolschewismus fort, tötend, zerstörend, vernichtend. Rußland ist nicht glücklicher geworden. Die ausbauenden Kräfte, die nur das geschulte Bürgertum dem Staat geben konnte und die es bei weiser und kluger Behandlung auch gegeben hätte, sind ins Ausland gejagt worden. Und Lenin mutzte selbst das Privatkapital begründen helfen, in der bitteren Evkenntnis, daß'keine Theorie imstande ist, Energie, Initiative und Intellekt zu schöpfen, daß ein durch den Weltkrieg ausgÄluteies Volk sich nicht von der Macht der Tradition lösen kann. Lenin ist gestorben, vielleicht an dieser Erkenntnis. Seinen Nachfolgern aber wird sein Geist und sein Elan iehlc::. * Die letzten Stunden. M o s k a «, 22. .Jänner. Der letzte Bericht der Aerzte vom Krankenlager Lenins lautet: Am 21. d. ist in dem Gesundheitszüstantz Wladimir Jlitschs unerwartet eine bedeutende Verschlimmerung eingetreten. Um halb 8 Uhr nachmittags trat A t e m n o t ein. Daraus folgte Bewiltztlosigkeit; es stellten sich Konvulsionen ein. Uur 6 Uhr 50 Minuten trat der Tot unter Symptomen der Lähmung der Atmungsorgane ein. London, 22. Jänner. Bald Win hat heute dem König sein Rücktrittsgesuch unterbreitet und ihm angeraten, Maedonald mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Der König hat Ra ms ay Maeidonaltz zum Premierminister ernannt. Ramsay Macdonald erklärte gestem nach der Abstimmung im Unterhaus: . Alles, was ich sagen kann, ist, daß wir un s e r Bestes tun müssen. Wir stehen sehr s ch w e r e n A u f g a b e n gegenüber und wir werden die gesämte Energie, Wer die wir verfügen, daran setzen. Meine Gefühle sind in diesem gegenwärtigen Augenblick von Ueb ermut sehr weit entfernt. - Das Unterhaus trat um 3 Uhr zusammen und nahm zunächst die Erklärung B a l d w i n s von seiner Demission entgegen. Im Einvernchmen mit seinem Nachfolger Ramsay M a e d o n a l d schlug er vor, das Unterhaus bis zum 12. F e b r u a r z u v e r t a g e n. Das Kabinett der Arbeiterpartei hat sich abends k o nstitniert. Ministerpräsident und Minister des A e u ß e r n isr Ranrsay M a c d o n a l d, . Sü'atzj j kanzler — Snowde», Kriegsürinister' — Wals h, j Imme» — Henderjon, Arbeit — Swney Weeb, \ Unterricht — Trev elyari, Ernährung — Buxta«, Kolonien — Th o m a s, Lordprasident und Führer des Oberhauses — Lord Paxmoo r, Lordgeheimsiegelbewahrer und Führer des Unterhauses — Clhnes, Indien — Sidney Olivier. Die erste Handlung der Arbeiterregierung wird eine Intervention zur Beendigung des Eisenbahnerstreiks sein. Das Arbeiterblatt „Daily Herald" schreibt, die Arbeiterpartei übernehme die Regierung mit ein ex klaren Erkennntis der Schwierigkeiten, die einem Ministerium vevorstehen, das sich nur aus He Stnnmen nicht ganz eines Drittels der Unt8ehausmitglieder verlassen könne. Wenn das Experiment scheitern sollte, so würde dies e i n e n p e i n l i ch e n R ü ckschlag bedeuten. Zur Niederlage der konservativen Regierung schreibt das Blatt der Diehards, „M o r n i n g P o st", die konservative Partei sverde stärker und fester aus ihrem schweren Unglück hervorgehen. / . \ „Daily E x p r e tz" führt aus, die konservative Parier müste zu allererst ihr Haus i n Ordnung b r i n-, genannter einer Führung, die Begeisterung einftötze und de« ArbeitswAen fördere.

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