Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1773 (22.1.1924)
- Date
- 1924-01-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980856--17526-3004536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite S __ Men, DieiiSstq Ner kisenbahnerstteik iti England. Sie Versorgung Londons gesichert. (Eigendienst der „Wiener Morgenzcitung".) London, Kl. Jänner. Heute Mitternacht sind 67.000 Lokomotivführer und Heizer der englischen Eisenbahnen in den Ausstand getreten, na'chdem der Bollmgsansschuß der Trade Unions noch in später Nacht vergeblich versucht hatte, den Streik zu verhüten. Im Londoner Verkehrsministerium fand darauf eine Versammlung, statt, an welcher Beamte und Vertreter der Lebensmittelbranchen teilnahmen. Es wurden genaue Pläne für den Lebensmitteltransport, insbesondere für den Transport von Milch ausgearbeitet. Obwohl eine gewisse Anzahl von Zügen weiter verkehren wird, ist man auf den allgemeinen Ausstand vorbereitet. Es wird erklärt, daß die Verproviantierung Londons gesichert sei. 1700 Lastautos wurden für die Milchversorgung und 350 weitere für den Fruchte- und Gemüsetransport requiriert. Die Mehlvorräte der Bäckereien sollen für mehrere Wochen auSreichen. Auch seien sehr große Gefrierfleischvorräte vorhanden. Nach Meldungen aus der Provinz haben dir Mitglieder der Lokomotivpersonalgewerkschaft überall beschlossen, der Streikparole Folge zu leisten. Diese Gewerkschaft, die, wie alle englischen Gewerkschaften, nicht einheitlich sozialistisch gesinnt ist, sondern konservativ gesinnte, christlichsoziale mch liberale Angehörige hat, hält an ihrem Streikbeschluß fest, um gegen die Zumutung zu protestieren, daß eine Parlamentspartei — in diesem Falle die Arbeiterpartei — berechtigt sei, die wirtschaftlichen Interessen einer bestimmten Arbeiterschichte aus grundsätzlichem Opportunitätsgründen vorzuschreiben. Der Führer der Lokomotivsuhrergewerkschaft Bromleh erklärte: „Mag die Arbeiterpartei zum Teufel gehen, wenn ihre Existenz uns schlechtere Löhne einbringt!" Diese Aeußerung wendet sich gegen den Führer der Gewerkschaft der Verkehrsarbeiter Thomas, der gemeinsam mit Henderson eine Beilegung des Streiks versucht hatte. Die Gruppe Bromleys, der die Führer der großen Expreßzüge angehören, ist darum die radikalste, weil sie 1 von der Lohnreduktion am stärksten betroffen wird und auch mit dem Spruch des Reichslohnamtes, welches die von den Bahngesellschafteu geplanten Abstriche auf weniger als ein Viertel ermäßigte, nicht zufrieden ist, da diese Lokomotivführer nach dieser Entscheidung auf vier Pfund (mehr als eine Million Kronen) im Monat (bei einem Gesamtbezug von über, elf Millionen Kronen im Monat) verzichten müßten. In den Besprechungen über den Ausbruch des Streiks lehnen die Blätter im allgemeinen ohne Unterschied d e r Partei den Streik ab,,Einige,Zeitungen verweisen.auf die beklagenswerte Wirkung, die der Streik auf die Aussichten eines Kabinetts der Arbeiterpartei gerade zu Beginn seiner Tätigkeit ausüben konnte. Die Zeitungen,.die in beschränktem Umfange erschienen sind, werden durch zahlreich aufgebotene Motorwagen in alle Teile des Landes versendet.. .. Der Präsident des englischen. Eisenbahnerverbandes erklärte, der Eisenbahnerverband beabsichtige nicht, sich dem Kampfe anzuschließen. Die Vereinigung der Eisenbahnverwaltungsbeamten fordert in einer Kundgebung ihre Mitglieder auf, die Arbeit fortzusetzen..„Daily Herald" meint, der Streik werde ungefähr zwei Wochen dauern. Makdimaids Kabinett. London, 21. Jänner „Times" teilen auf Grund von Informationen von gut unterrichteter Seite die Liste des künftigen Kabinetts mit. Danach soll Ramsay Macdonald das Präsidium und das Ministerium des Aeußern übernehmen. Lordgcheimsiegelbewahrer soft. Clynes, Lordkanzler Lord Parmoore und Schatzkanzler Snowden werden. Die übrigen Portefeuilles sollen folgendermaßen verteilt werden: . Inneres — Henderson, Krieg — Thomas, Admiralität — Lord Haldane, Arbeit — Sydney Webb, Gesundheit --7- Withley, Unterricht — Trevelyan, Ernährung — Robert, PräsMurn des Handelsamtes — Greenwood, Generalpostmeister — Harts Horn, Sekretär für Schottland — A d a m s o n, Unterstaatssekretär für Aeußeres — Brigadegeneräl T o m p s o n, Atlorney General — Catrick Haust in gs, Sollicitor Generäl — Slesser. Ser Währungsverfall. London, 21. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung/h Die „Financial News" schreibt, daß alle radikalen Maßnahmen, die Frankreich getroffen hat, um dem Sturz des Franken Einhalt zu tun, völlig aussichtslos seien, und daß es überhaupt nur ein Mittel gebe, um den Frankenkurs zu bessern: eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland. Das Blatt befürchtet, daß, wenn diese Verständigung nicht in kürzester Zeit zustande kommt und damit der wirkliche Friede in Europa seinen Einzug hält, nicht allein der Franken Ammer tvsider fallen werde, sondern daßauchdieenglische W ä h r u n g von dem Schicksale aller europäischen Währungen mtü werden wird. Leider fei der Einfluß Englands auf dem Kontinent starik zurückgegangen, England halbe sich von Frankreich entfernt und suche neue Verbündete — was alles die Folge davon sei, daß England hen^ ke'ne Regie- Mng ha«. _ Wiener MovftenlleltunK. "_ Erhöhung der Postgebühren in Frankreich. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Parsö. 21. Jänner. Die Regierung hat der Finanzkommission .eine ne ne Vorlage unterbr eit e t,' wonach die T e l e p h o W, P o st- und Telegrapbe»gebühren erhöht werden solle«. Die Postgebühren für den I n lau b 8 b r i e f , sollen von 25 a u f .50 C eit.tim e,s erb 8H t, die Fernsprechgebühren der Berechnung nach der Zeit unterworfen werden. 'Versuchen Sie unseren seidenen 3» I. TRATTNERHOF 2 (Gräben) Dröchiuht vor demSachverMdire»- aurschuß. Der Reichsbankpräsident soll statistische Aufklärungen geben. — Das zweite Sachverständigenkomitee zusammengetreten. — England schließt sich Amerika an. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Paris, 21. Jänner. Der Sitzung des ersten Sachverftänid^Änko'Mitee-s, das heute nachmittags wieder Zusammentritt, wird der Präsident der Deutschen Reichsbcm? Dr. Schacht beiiwochnen; er hat bereits gestern dem Ausschuß eine Anzahl van Dakuimmten zuychen lassen, die seine Alvsklävwngen, die hauptsächlich statistischer Art sein werden, belegen sollen. Auch der frühere Staatssekretär Dr. Bergmann wird der Sitzung beigezcgon werden. > Das zweite Sachverständigenkoinitee hat sich um dveiviertel 12 Uhr mittags zuim evstenimail devscvmmelt. Der Präsident der Reparationskommission Barthou begrüßte die MiMeder; in seiner Ansprache wies er unter anderem darauf hin, daß die deutsche Regierung eine Reihe legislativer und admmistmkwer Maßnahmen getroffen halbe, um die Ka^tailsflucht evnAuldämmen. Bon Deutschen im Ausland ist in Form von Depots, Von Beterligung-en an bestehenden Geschäften und von Holdings ein betr ächt 1 iches Kapital a n g ehäuft worden, das die Leistungsfähigkeit Deutschlands in Mitleidenschaft zieht und dadurch auch seine Zahliumgsfähigteit beeinträchtigt. Der hervorragende englische Sachverständige MaeKenna hat im Septsmlber 1922 die auf diese Weife nach dem Ausland a<bgewandevten deutschen Kapitalien auf eine Milliarde Dollar geschätzt. Sodann bot Barthou Mac K e n n a den Vorsitz an. MaeKenna übernahm den Borsitz und sagte, er schließe sich den kürzlich von General D a w e s abgegebenen Erklärungen an. Um 12 Uhr 26 Minuten wurde die Sitzung aufgeholben. Dr. Schacht ergriff das Wort zu einer etwa zweistündigen Darlegung, wobei er sich der engMfchm Sprache bediente. Vevabvedungsgemäß wurde Dr. Schacht mit keiner Frage unterbrochen. Die Darlegungen.des ReichAbanDPrafidenten hatten rein technischen Charakter und bevühvtG das politische 'Pvoblom nicht. Nach den Aussühmngen Dr. Schachts untersuchte de« englische Delegierte sodann, welche Fragen aus Grund eines vom Ausschuß a-usgearbe-iteten Fragebogens durch die Vovcmgsgcrngenen Ausführungen Dr. Schachts noch nicht erledigt seien. Nach Präzisievunig dieser Fragen äußerte sich Dr. Schacht noch einmal eingehend über die aufgeworfenen Punkte-, wobei sich seine Darstellungen wiederum in den rein technischen Grenzen hielten. Morgen vormittags dürfte Dr. Schacht vor dem zweiten Sachverständigencmsschuß gehört werden: Es liegt im Bereiche der Möglichkeit, daß im Anschluß hieran auch der erste SachverftLndigenausschuß den ReichAbanbPräsidenten noch einmal i zu hören wünscht. Ser Mordplan gegen Seestt.! Der zweite Gesuchte verhaftet. i (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") München, 21. Jänner. Der geheimnisvolle Dr. G., der steckbrieflich gesucht und in Augsburg verhaftet wurde, der zweite Beteiligte an dem Komplott gegen General v. Seeckt, ‘ ist der nationalsozialistische Fabriksbesißer Dr. Grandel. Er wurde durch Berliner Kriminalbeamte nach Berlin gebracht. Die Fäden des Komplotts laufen deutlich nach Augsburg. Die Beseitigung des Oberbefehlshabers war in vollem Ernste geplant und die Einzelheiten' de8 Anschlages wurden jetzt den Behörden bekannt. Die Pvr- 'hafteten erklärten, mit dem Mordplan schon seit den ersten Tagen des Jänner beschäftigt gewesen zu sein. Sie waren mit den täglichen Gepflogenheiten des Oberbefehlshabers sehr gut vertraut und müssen in Berlin noch Helfershelfer gehabt haben. Darauf deutet auch'der Umstand hin, daß . Dri Grandel von der Verhaftung Thormänns und damit von der Aufdeckung ges geplanten Attentats durch einen -unbekannt gebliebenen Komplicen rechtzeitig Nachricht erhalten hatte, so daß die mit seiner Verhaftung betrauten Kriminalbeamten das Nest bereits leer fanden. Thormann ist zusammen mit Dr. Grandel nach Berlin gekommen. Fest steht, daß Dr, Grandel Thor- 22. Jauner 1924 ... Nr. 1778 mann vorgeschoben ll-at, um sich daun im Dunkeln zu halten. Er Hai an den Besprechungen, die zwischen den zum Attentat bereiten Mördern und Thormann erfolgten, nur ein einziges Mal teilgenommen und sich dabei eines Pseudonyms bedient, in dem er sich als Dr. Bernhard vorstellte. Kahrs mildes Reaiment. Gegen die Hitler-Leute. München» 21. Jänner. Dtr vor einigen Tagen wegen Verdachtes des Landesverrates festgenommene Redakteur des „Völkischen Beobachter", S to lzi ng »Cer nh, ist wieder aus der Haft entlassen und das CrmMmrgsverfahren gegen ihn eingestellt worden Das Verbot der „Völkischen Presse" ist vom Generalstaatssekretar aufgehoben worden. Der bisher. ängstlich verschwiegene neunte Angeklagte im Hochverratsprozeß Hitler»Ludendorff ist der Reichswehrleutnant Wagner, der versucht haben soll, die Münchner Jnsanrerieschule znm Anschluß an den Putsch zu bewcgen. ' Eine andere Meldung besagt dagegen, daß nicht Wagner, sondern Roßbach einen solchen Versuch gemacht habe. Eingeschritten ist gegen keinen der beiden bekannten Putschisten worden. Ein KaittlrMator. Der thüringische Militärbefehlshaber und die Weimarer Jnte^anz. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitnng".) Berlin, 21. Jänner. Die Blütder beschäftigen sich um einer Maßnahme, die der thüringische Mili'tä rdc sch l shaber geigen einen Beschluß des thüvingischen Gesamt- Ministeriums ergriffen hat atufo die sich aus eine reine Kulturfrage bezieht. Das thüringische Gesamtministerium hat näinMch dmn BolksMIduWsimimsterium die Ermächtiigung ert-M, den Mannheimer Intendanten Dr. Ul brich zumr Generalintendanten des Weimarer Deutschen NaftorraLcheaters zu berufen. Gegen diese Berufung hat der militärische Befehlshaber in Weimar im letzten Augen» blick Einspruch erhoiben mit der Begründung, daß «in Beschluß von solcher Tragweite der nach der Neuwahl des Thüviniger Landtages zusammen-t-velenden neuen Regieru-NH vovbchMen bleiben iroüffe, die voraussichLich über die Zukunft der Dhüriniger Landes cheater zugunsten einer Plan- Wirtschaft entscheiden würde. Gegen diesen Einigviff des MÄ'itärlbefehllshcvbers, der aus Grund des mil'itüpWsn Ausnahmszust andes evsckgte, macht sich shark Ent*- pörung geltend; in Berlin wird dieses eigenmächtige Vorgehen des Genevcvls in > einer Angelegenheit,^ die mit seinen Obliegenheiten nicht das gevinglste zu dun hat, aufs schärfste verurteilt. Sie deutsche Wahlresorm. (Eigendienst der Miener Margenyeitn^.) Berlin, 21. Jänner. Me die Blätter von zuständiger Seite erfahren, wird die Frage einer Wahlrefornr, der Verminderung der Zahl der Abgeordneten und der NeueinKÄung der Groß-Berliner Wahlkreise zurzeit verhandelt und steht kurz vor dem Abschluß. Künftig soll die Zahl der Abgeordneten nicht urchr wie bisher beweglich sein, sondern feststehend bleiben. Sic dürfte 348 Mandate betragen. Die Wghlreform soll durch die Verbindung der Methoden der früheren Etüerwahlen und des Pvoportionalwahlrechtes eine engere Verbindung zwischen Wählerschaft. und Abgeordneten wiederherstelleii. In diesem Zusammenhänge besteht der Plan, die großen Wahlkreise in kleinere Kreise zu zerMedern und die. Wahl in der Form vorzunchmen, daß in jedem kleinen Krejst ein Abgeordneter ausgestellt wird. Es soll dann zuerst *das Wahlergebnis dieser Heine» Kreise festgestellt und nachher die Errechnung nach dem bisherigen Verhältniswahlsystem in den großen Wahlkreisen so vorgenomncen werden, daß die Zusammenstellung der Listen erst nachträglich erfolgt. An die Spitze der Liste einer Partei eines bisherigen großen Wahlkreises soll derjenige Abgeordnete kommen, der in den kleinen Wahlkreisen die größte Stimmenzahl erreicht hat. Frau Siegfried Wagner als Halenkreuzlsrin. München, 21. Jänner. (Tel. der „Wwner MorgenzeitMLg".) Innenminister S ch w e y e r teilte im Landtage mit, daß die 100 Dollar, die in einem an Ludendorff gepichteten Brief gefunden wurden, von Fvcm Siegfried Wagner zur Unterstützrmg der Deutschvölkischen gesandt waren. Hiezu meldet der Münchner Korrespondent des „Achtuhr- Abendblattes", daß Frau Wagner sich auch sonst eifrig in der völkischen Bewegung betätigt. Dagegen stehe ihr Mann wie auch Frau Cosima Wagner jeder politischen Betätigung fern. Frau Siegfried Wagner war auch am 9. November in München anwesend und verkehrte in den Sammelstätten der NationaLsozialisten. , Ser Streik in Sberschlesien beeatzet. Beuthen, 21. Jänner. (Wolfs.) Nach Mitteilurlg von gegewerkschaftlicher Seite ist der S t r e i k in der o b e r s ch l e s ischen Eisenindustrie beendet. Die Arbeit wird in allen Betrieben unter den von den.Arbeitgebern gestellten Be- - diwgungen heirie voll Lnfgenommen. Warschau, 21. Jänner. (,,Voss. Ztg") Das bekannt- Mitglied der Warschauer Faszistenorganisation P. P. P., Pater Oraczewski, in dessen Wohnung die Vorsamnlungen der Faszisten stattfanden, ist aus Warschau geflohen. Die Polizei hat seine Verfolgung eingeleitet