Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1773 (22.1.1924)
- Date
- 1924-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EMnmmierlUfioi) Wien; Zum Abholen in der Expedition, II* Taborstr. 1-3, oder in einerVerschleisstelle OTrafTkl monatl. K 35.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goidschmiedt,l.Bez., Wollzeil© 11. Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 85.000 Ts c b e c h o- SI owa Ic e i: Mon. K17. fntrosiawien: Mon. D?nar50. Polen: Mon. polnische Mark 2,200.000. Deutsch!.: Mon. Goldmark 3.—,.Frankr., Belgien: Mon. Frcs. 10 MT Naebsahloese« bei Prelierbobuagm wbenalte* Ws TrAjvo "Märtyrerin" ’S'VtaSorstr/^J rener Nr. 1773 Wie». LkeuMg. 22. R««er 1924 m PoT»m poTn.lffk HhMtot Italien: Monatl. 12 Lire Rumänien Mon. 130Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frei. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-349, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 TeL-Adr.rjjMorgenzeitunjr" Wien Oesterreiehisches Postspai kassen-Konto Nr. 150.693 6. Jahrgang (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) ' London, 21. Jänner. (Radio.) Das Unterhaus hat den Antrag der Opposition, der Regierung das Vertrauen zu entziehen, mit 328 gegen 258 Stimmen angenommen. Bor der ßntfcheidung. (Eigenidienst der „Wiener MorgenzeitMdg".) London, 21. Jänner. Scho» lange vor Beginn der Heutige» Unterhaussitzung herrschte in der Gegend des Parlaments reger Verkehr. Der Zudrang zu den Parlamentstribüne« war ungeheuer. Die Debatte dber den Mißtrauensantrag der Arbeiterpartei wurde durch den Führer der Liberalen, Sir John 0i m o u, eröffnet, der erklärte, es sei Pflicht des Hauses, die unfähige Regierung Baldwiu zu beseitigen. Er hoffe, daß ^ue Regierung der Arbeiterpartei unter wohlwollender Haltung aller Parteien das Amt übernehmen-werde. Äafli» ThaMerlitzW mit Set Arbeiterpartei zusammen stimmen sollten, würden sie das Land verraten und nie mehr über das Land regieren. Die Erklärung Simons bedeutet, -aß die Liberalen geschloffen, bis aus einige. wenige Abgeordnete, die den Konservativen nahestehen, für das Mißtrauensvotum stimmen werden. Die ernste Erklärung des Konservativen Chamberlain ist der Bemühung entsprungen, die I Arbeiterregierung in letzter Minute zu verhindern. Simon I hat diesen Bemühungen gegenüber bereits eine deutliche Absage ausgesprochen. Miß Margarete Bonfield, das neue Mitglieder Arbeiterpartei, behandelt in ihrer Jungfernrede hauptsächliche die Arbeitslosigkeit unter -en Frauen. Der Vertreter der Admiralität gab sodann Einzelheiten über das neue Marineprogramm bekannt und teilte mit, daß in den nächsten zehn Jahren 52 Kreuzer auf Stapel gelegt werden müßten. Sodann ergriff Ministerpräsident BaLdwin selbst das Wort, um seine äußere und innere Politik zu verteidigen. Er führte aus, daß seine Regierung alles getan hacbe, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. In der äußeren Politik habe die Regierung ihre Hauptausgäe darr« gesehen,, die E»tenteV»frecht, zv erha{tem Außer- ■&* i f »n »**}«• ert rag Aach und Fe ch zu bringen. . . -.■' Wenn die Arbeiterpartei zur Regierung gelangen sollte» so werde die konservative Partri sie b e kämpfen. Die Opposition der Konservativen . würde aber sachlich sein. Die Zukunft des Landes.gehöre den Konservativ en y n d de r A rb e i t e rpa r te i. Nach der Rede Baldwins wird zur Abstimmung geschritten. Frankreich sperrt die englische Zone. Unterbindung der Eisenbahnverkehrs im Kölner Gebiet. — 7>er Streitumdie bevaratisten. London, 31. Jauner. Das Reutersche Bmeau erfahrt, daß die britische Regierung die Nachricht von einer amtlichen französischen Kundmachung erhalten habe,-» die jeden Eisenbahnverkehr mit der britischen Zone so gut wie verhindere. Außer dem Ausdruck der Neberraschung sei keinerlei Kommentar zu erhalten. Die britische Regierung widmet der Frage der Eisenbahnblockade im Kölner Gebiet durch die französischen Behörden ihre Aufmerksamkeit. Nach Feststellung aller Tatsachen werde die Angelegenheit mit Frankreich besprochen werden. „Daily News" veröffentlicht einen aus Dortmund/ datierten Artikel des Generalmajors Sir Frederic Maurice, worin die Maßnahme der französisch-belgischen Eisenbahnregie gegen die britische Zone eine offene Kriegserklärung und eine Blockierung der britischen Zone genannt wird. Die Maßregel der Regie sei nichts als ein Versuch, die Engländer zu zwingen, die Kölner Eisenbahnen einer Organisation auszuhändigen, die keine legale Stellung habe und deren Anerkennung die englische Regierung mit Recht abgelehnt habe. I'l I Hl IIIISII 'I lll'HIII ÜB WM —IMI—llllllUIUMII „SWWWSSIUMWWSSWSSRUW» Ein UallenW-nngarWer Wirtschaftsabkommen. Budapest» 21. Jänner. (U. T.-K.-B) Gestern wurde im Auswärtigen Amt seitens der beiderseitigen Delegierten ein u ngarisch-italieni'scheö Finanz- und Wirtschaf t S a b k o m m e n u n t e r z e i ch n e t, das sich auf die V o r k r i e gssch u l d e«, auf sonstige Finanzfragen und auf den V e r k e h r m i t den Adriah äsen bezieht. Die offizielle Zustimmung der beiderseitigen Vertreter wird fiir die nächste Zeit erwartet. Clive geht «ach London. London, 21. Jänner. Wie der Sonderberichterstatter des „Daily Telegraph" meldet, seien G nach der dort am Samstag stattgehabten Unterredung Clives mit dem britischen Oberkommissär Lord Kilmarnock zwischen letzterem und dem Loniwner Foreign Office Mitteilungen mit der Folge .ausgetauscht worden, daß Clive, der gestern nach München hätte zuvückkehren wollen, seinen Plan abgeändert und sich nach London begeben habe. Clives schriftlicher Bericht. London, 21. Jänmer. (Havas.) In Becmtwor-iiu-irg einer Anfrage erklärte der Staatssekretär des Aeußevn, daß bisher mx ein Bericht des GenevallkoiNtsuls Clive' Wer seine Unitevsuchung in der Pfallz eingeengt fei. Dieser Bericht halbe die Form einer Depesche, in der Clive mitteNe, daß er, nachdem er inähvend fünf Tagen die Meinung allerBedMeMrDslschichteu augehövt habe,. Zu solligenden Schlußsoilgovungen geLomnten fei: 1. Die BevAkevung ist in ihrer überwäMgendsn Mehrheit der autonomen Regierung feindlich gesinnt. 2. Ohne die französische Unte-vstützung hätte .die autonome. Regievung niemals eine eigentliche R e gie r u n g s t ä t r g k e i> t auSüben können. Die RegieMng würde . augsMiMch vertrieben werden,. Wenn, sie der franzölstschen Unterstützung vevlustig ginge. Ae iwWch-rnmSaMe MMaUonvenfton. Marschau» 21. Jänner. (Tschecho-slowaktscheS Presibureau.) Nach Blättermeldungen . sind die Delegierten des ru m äNische n G t u e ralstabeS, die mit den V e r t r e t e nt des polnischen Krieg Sminister i.umS und de» General st aber an der seinerzeit abgeschlossenen p o ln i s ch - r n m ä n i s ch e n M i l i t ä r! o n v e n tion gewiffeAenderungen vornehmen sollen, hier eingetroffen. Das Mißtrauensvotum. -y. Wien, 22. Jänner. Das englische Unterhaus hat heute abends mit 323 gegen 256 Stimmen den von der vereinigten Opposition : gestellten Zusatzantrag zur Antwort auf die Thronr^e angenomnren, es ■ sei „Sr. Majestät in Ehrfurcht mitzu-- teilen, daß das Unterhaus.das Vertrauen zu Sr. Maiestät Beratern verloren habe". In dieser althergebrachten Formel, die schon vielen englischen Kabinetten die Wirksamkeit jäh abschnitt, steckt das Mißtrauensvotum, der parlamentarische AuÄruck für die am 7. Dezember gefallene Entscheidung der Wähler. Der Mstimmung ist eine durch eine Woche geführte Debatte voranaegangen, in welcher die Sprecher aller Parteien ihrer Ansicht in demokratisch-verbindlicher, aber doch präzisester Konzentration Ausdruck gaben. Die Arbeiterpartei tat dies, dem Temperament ihrer Wählerschaft entsprechet,; in derberer Fasson. Die Liberalen hielten sich strenger an die Form und vermieden es, sich im Ton zu vergreifen. Aber in: Wesen gingen alle mit dem Kobmett sehr streng ins Gericht und gemeinsam war die Schärfe, mit welcher edie auswärtige Politik Baldwins als die Wurzel aller inneren Sorgen angegriffen wurde. Die Annahme des Mißtrauensvotmns gibt nun der in.England eingetretenen Systemwendung den Stempel. BcMvin wird heute dem König die Demission des Gesamtkabinetts vorlegen und ihm empfehlen, den Führer der Arbeiterpartei als der > stärksten oppositionellen Gruppe des Unterhauses, mit. her, BiÜiüng des neuen MimsteriWzs M^betranen.vEs wird püch bereits .eine Liste jener EWen mftgehAlt, die Mächouald berufen will,' aber es wird jedenfalls noch einige TW dauern, ehe die Situation so Weit geklärt sein wird. Did Männer, die hier genannt, werden, sind sämtliche mr Verlaufe des Krieges als mutige Bekenner des Friedens hervorgetreten, einige von ihnen gehörten im Sommer 1914 der Regierung an und legten ihre Portefeuilles nieder. Es ergibt sich somit der Fall, daß die Leitung der Staatsgeschäfte ausgesprochenen Pazifisten anvertraut werden soll, die im Verlauf der letzten Jahve wiederholt ihre Gegnerschaft gegen den Versailler Vertrag betont haben. Es ist nicht anzunehmen, daß sie als Minister ihre Vergangenheit dementieren werden. Die neue Regierung scheint in den Umrissen bereits festzustehen. Damit ist auch ihr Programm gegeben,, so wie es Macdonald ausgesprochen hat, und es verstärkt nur diese Annahme, daß das so wichtige Amt des Lord- Kanzlers, der etwa unserem Justizminister entspricht, einem Hochtorh, den: Lord Parmoor, übergeben werden soll. Er ist der europäischen Oeffentlichkoit als der Begründer des Komitees zur Bekämpfung des Hungers in Mitteleuropa bekannt. Die jüdische Oeffentlichkert kennt ihn als einen ihr freundschaftlich gesinnten Mitberater der Zionistischen Exekutive an dem Werk der Mandatsbeftimmungen für Palästina. In England ist er im vierten Kriegsjahr öffentlich gegen den vom Handelsamt geäußerten Plan einer Wirtschaftsblockade nach dem Krieg aufgetreten und hat in einer vielbemerkten Oberhausrede die Hochschützzölle als Kriegsursache gebrandmarkt. In dieser Rede findet sich auch der Satz: „Geld zu machen ist nicht die oberste Pflicht, die Brüderlichkeit unter den Völkern zu fördern." Diese Aeußerung stammt aus dem Februar 1918, wo man in den Oberhäusern Oesterreichs und Deutschlands nach der Palme des Sieges griff und den Frieden ohne Annexionen und Kontributionen noch als jüdisches Friedensgewinsel verwarf. Das Bakuunr in der Leitung der Politik Englands firwet in dem eben ausgebrochenen Streik der radikaler» Lokomotivführer und in den Vorgängen im RuM gebiet seine, zeitliche Beendigung. Die erstere Angelegenheit, die aus einer Auflehnung gegen einen Schiedsspruch entstanden ist, wird' wohl isoliert bleiben, dpch sind die Wirkungen auf. das öffentliche Leben schon jetzt sehr schwer. Im Ruhrgebiet ist durch das Bestreben der Franzosen^ Rache für die englische Untersuchung der Separatistenaffären zu nehmen, ein sehr peinlicher ^Zustand eingetreten. Frankreich hat den Eisenbahnverkehr mit der um Köln gelegten britischen Zone eingestellt und diese Blockade erregt in England . naturgemäß , größte Aufregung. Die Blätter sprechen von einer unverhüllten .Kriegserklärung. Die neue Regierung übernimmt da ein sehr stark belastetes Erbe.