Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1771 (20.1.1924)
- Date
- 1924-01-20
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I J Seils 12 Wien. Sonntag Wilhelm ü. und die Ltvhlrichter. Die Achtung vor dem Gesetz. Jur „Budapest! Hirlap" schildert der pensionierte Oberstuhlrichter Dr. Eugen Baar einen Besuck, den er im November vorigen Jahres beim Exkaiser Wilhelm in D o o r n abstattete. i Im Zause des Gesvrachs bemerkte der Kaiser beiläufig. man wisse gar nicht, wie dort) er d i e u n g a r i s ch e n t u h l r i ch t 'e r s ch ä y e. Und erzählte zur Illustrierung, wie er einst, vor den: Krieg, als Jagdgast des Erzherzogs Friedrich in Fünfkirchen geweilt habe und vor dem -itbschirdsdiner vm: ihm befragt worden fei. ob er etrvas dagegen einznwenden hätte, wenn auch der Mchacser Oberstuhlrichter dem Mahle beigezogen wüche. Der Mann fei für die Tauer der Jagden mit der Aufrechterhaltnng der Ordnung betraut gewesen, habe sich viel Mühe genommen und u. <2. auch 80 Verso n e n a n s b c nt, ö c 5 t r t e in» stecken lassen. ,/Jiacr} dem Tiner," erzählte der Kaiser weiter, „nahm :ch Gelegenheit, den betreffenden Obcrstuhlrirhter in ein Gespräch zu ziehen. Ich fragte ihn, ob er in der Tat dreißig Leute für die Iagddauer habe einsperren lassen. „Genauer: 32", erwiderte er. Und aus meine Frage nach der Ursache solcher Maßregel erhielt ich die Antwort: „Die irr Gewahrsam genommenen Leute haben sich im letzten Jahr verschiedentlich liebe rtremngen zuschulden kommen lassen, die meisten und auch des, W.il de rn Z o der Forstfrevels schuldig, haben auch .Feuerwaffen,' und damit' sie die Lust nicht anwandlc, gerade zu einer Zeit auf die Jagd zu gehen, zu der Ew. Majestät pirschen, oder damit sie nicht sonstige Verwirrung aurichten, habe ich für angezeigc gehalten, sie in sicheren Gewahrsam zu, bringen." „Und bieten Ihre Gesetze eine Handhabe, daß während der kaiserlichen Jagd 32 Leute ins Loch gesteckt werden können?" fragte ich. Ta tut mein Oberstuhlrichter einen schritt zurück, mißt mich von oben bis unten.- und erwiderte: „Majestät, w 0 l'l re n wir im mcr nur t u!tj roas' unsere Gesetze gestatten und was deren Buchstabe besagt, wir würden wahrhaftig so manchen dummen Streich begehen." „Na. wissen Sie," fuhr der Kaiser sorr, „ich war außer mir! Ich sagte zu dem Mann: „Seit sieben Jahren suche ich in ganz Deutschland einen Mann von solcher Denkart/der sich, wenn es geboten erscheint, nicht an den Buchstaben hält, sondern an den Sinn des Gesetzes. und so vvrg-cht,. wie die Situation es gebietet. Und habe keinen solchen. Menschen gesunden. Wären Sie deutscher Staatsbürger, ich würde Sie auf der Stelle zum Kanzler ernennen." Seit dieser Zeit bin ich esu großer Verehrer des ungarischen Stnhlrichterkorps." M Mische Fraurghaarmode. Da haben wir uns jo lange den Kopf darüber zerbrochen, warum denn eigentlich die Frauen jetzt kurze Haare tragen. Daß dies oft Berufssache ist, daß es mit gewissen erotischen Instinkten zusammenhängt, daß vielfach die kurze Haartracht den Mangel schönen Haares verdecken soll oder — daß es einfach eine Modetorheit ist, alle diese Begründungen gelten nichts, seit die ,Mbre Parole" den wahren unumstößlichen Grurrd für die kurze Haartracht der Frauen entdeck: hat: Es ist einfach jüdif He r Zwang,'der auf die Frauen der ganzen oder halben Welt ausgeübi wurde, mit dem Zwecke, die güten christlichen Gewohnheiten der Welt wieder einmal durch jüdische Art zu ersetzen und so den Einfluß des Judentums zu stärken. Das kurze Haar der Frauen — so erklärt das scharffinnige Pariser Antisemitenorgan — ist seit je eine jüdische Mode; denn bet den Juden wird den Frauen vor der Hochzeit das Haar abgeschnirten und sie tragen dann Perücken. Wenn man die verschiedenen Antisemitenolätter lieft, so bekommt man ordentlich Respekt vor der Geschicklichkeit der Juden, ihre Macht auf alle möglichen Gebiete auszudehpen. Jetzt fangen sie schon mit der Frauenhaarmode an, offenbar, weil sie auf allen anderen Gebieten ihre Machtgelüste bereits befriedigt haben. Die Welt wisse es: Jeder weibliche Bubenkopf ist, mag er nun mehr oder weniger reizend sein, ein Sinnbild jüdischer Macht, ein Zerrbild einer durch Juda in ihrer heiligsten Tradition — der Frauenhaarmode — verletzten und im „Belange" des christlich-germanischen Schönheitsideals entzötterten Welt. Darum Frauen aller Länder, so ihr das christliche Schönheitsideal feschaltet, traget keinen Bubenkopf! —tz. NoterSchnee. Win Jnsektenregen in Schwede«. Wie aus London gemeldet wird, wird jetzt in Gekchrtenkreisen eine aus der schwedischen Stadt Halm stad gemeldete seltene Naturerscheinung viel diskutiert. Es hatte den ganzen Tag unausgesetzt geschneit, doch welches Entsetzen erfaßte die Bevölkerung, als sie beobachtete, daß die Schneeflocken, die in der Lust „schneeweiß" wirbelten, als sie zu Boven fielen, blutrot gefärbt waren. Eine genaue Untersuchung der der obersten Schneeschichte entnommen Flocken ergab, daß der Schnee mit Millionen winziger Tierchen von roter Farbe vermengt war. Die Insekten lagen leicht aus der obersten Schnecschichte, sie fielen also offenbar gleichzeitig mit dem Schnee, ohne auf den Erdboden zu gelangen. Eine Anzahl oieser wurmartigen Tierchen, von denen manche 10 Millimeter Lange hatten, wurde zur genauen Feststellung ihrer Beschaffenheit an ein Laboratorium geschickt. In Londoner Gelehrtenkreisen schenkt man dieser Meldung von einem Jnsektenregcn nicht viel Glauben. Man erinnert daran, daß El. F. Kemtz in seinem meteorlogischen wissenschaftlichen Werke, einem der vollständigen Arbeiten auf diesem Gebiete, vcrschirdrns Fälle von rotem, ja, sogar grü'.wm Schnee in den Alpen und den Pyrenäen cn.führr. Auch' der Forscher Roß kv m der Bucht von Bafin rötlichen Schnee/ Wiener Morgenzeitung. Ae Tutankhamen-Mode. Die okkupierte Grabkammer. .In der Ungarischen Akademie der Wissenschaften hielt letzten Montag das korrespondievmde Mitglied Prof. Doktor Eduard M ahler ein Referat über „Neuere Entdeckungen auf dem Boden des alten Orient mit besonderer Berücksichtigung der Tutaukhamen-Grabungen".' Der Vortragende wies darauf hin, daß die Aramäischen Papyri und die auf die Geschichte Assyriens bezüglichen keilschriftliü)en Funde äußerst wertvolle Entdeckungert sind, die sich auf die älteste Geschichte der Menschheit beziehen. Schon vor der Aufdeckung der Grabstätte Tutankhamens wurden mehrere Köniosgräber aus Theben gefunden, und die Aufdeckung des Tutankharnen- Grabes -wurde eigentlich durch die Weltpresse zu einer außerordentlichen - Sensation aufgebaut. Die älteren Funde wurden in bescheidener Weise der Wissenschaft übermittelt, während jetzt sich eine wahre Tutankhamen-Kultur entwickelt und die' Welt der Mode sich Tutankhamens bemächtigt habe.?ebervtes sei-auch eine Art Tutankhamen-Aberglaube entstanden, der durch einen zufälligen F l i eg e n st i ch gleichfalls modern geworden ist. Es sei ganz unwissenschaftlich, diesen Flicgenstich-Aberglauben irgendwie mit dem Volksglauben im asten. Aegypten in Zusammenhang zu bringen. Die Arbeiten bei den ' Ausgrabungen der Grabkainmer des. Königs Tutankhamen sind sicherlich ehrliche und in gewissem .Sinne wertvolle Arbeiten, ihre Ergebnisse sind jedoch bloß vom musealen Standpunkte so wertvoll, wie sie in der. Tagespreise gerne hingestellt werden. Vom geschich^wissenschaftlichen Standpunkt jedoch betrachtet, sind die bisherigen Funde keineswegs hervorragend, denn sie bieten wenig Material für die Ergänzung unseres bisherigen Wissens über diese Epoche. Sodann Lefaßrr sich der Vortragende mit der interessanten Frage, auf welche. Meise ein König, der feine Würde einer Palastrevolution verdankte und zeitlebens bloß ein willenloses Werkzeug in den Händen der wieder zur Macht gelangten A m 0 n p r i e ft >2 r war, einen so nrächtigen Schatz anfammeln konnte. Ein kurzer Rückblick auf die Verhältnisse vor der Thronbesteigung Tutauthamens dürfte einiges Licht auf diese Frage werfen. Der Vorgänger Tutankhamens, A m e n 0 p h i s der Vierte, harte sich als Anhänger des Glaubens an einen Gott mit den Amonprieftern zerworfen und ließ sogar aus allen. Denkmälern den Namen Amon ausmeißeln- Als die Entrüstung hierüber ihren Höhepunkt erreichte, verließ Amenovhis die Hauptstadt Theben und gründete eine andere Residenz, CHut -Alen. Zur gleichen Zeit mußte er an die Sicherung der von seinen Ahnen geerbten Rcichtümer denken, die sich in seinem Palast sowie im Tempel von Theben befanden. Da er höchstwahrscheinlich nicht alle Kostbarkeiten in seine neue Residenz mihmnucn konnte, dürfte er. diese, vielleicht -aud> mir Hilft seiner Getreuen und seines Schwiegersöhne-, dys späteren Königs Tuta nkhamen, in seiner Grabkammer verborgen haben. Als dann Amenophis der Vierte nicht in seiner Grabkcmrmer. im Tale der Königsgräber, sondern in der Nähe seiner neuen Residenz begraben wurde, nahm Tutankhamen die Grabkammer seines Schwiegervaters in Bes ftz, -wodurch der auffallende Reichtum und noch andere b'sher ziemlich ratelhafte Tatsache;: ihre einfache Erklärung finden dürften. Mitteilungen nur dem Publikum. 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