Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1771 (20.1.1924)
- Date
- 1924-01-20
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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«r. tm Wien, Sonniatz Auszeichnungen einer Mischen Dolmetschers. Bon Jakob Kraus-. 1. Die jüdischen Dialekte. Bor etwa zwanzig Jahren erregte die Entlarvung And Festnahme einer Gesellschaft von Bankuotenfälschern in Wien ungeheures Aufsehen. Die Technik der Notenfälschungen stand damals noch nicht auf solcher Höhe wie heute und dennoch wiesen die Falsifikate der Fälscherbande Nuchim Schapira und Konscrten eins so täuschende Aehnlichkeit mit den echten Banknoten auf, daß selbst die gewiegtesten Sachverständigen der Oesterreichisch-ungarischen Bank an ihnen irre wurden. Aber auch die Persönlichkeit der Fälscher erregte' Sensation. Nuchim Schapira und seine Mithelfer waren Juden aus Galizien und Rußland, beherrschten außer der jüdischen keine andere Sprache und hatten keinerlei Intelligenz beruf. Sie arbeiteten sowohl bei der Herstellung wie auch bei der Verbreitung der Falsifikate mit verblüffender angeborenen Intelligenz, mit der sie Polizei und Gericht in Staunen versetzten. Die tzauptverhandlung des Prozesses gegen Nuchim Schapira und Genossen gestaltete sich demgemäß zu einer Sensation ersten Ranges. Das „Graue Haus" war während der mehrtägigen, an aufregenden Wendungen und Zwischenfällen reichen Verhandlung immer „ausverkaust". Das Verhör Nuchim Schapiras mußte mit Hilfe eines jüdischen Dolmetschers durch geführt werden. Es war keine leichte Arbeit für den Interpreten. Denn Schapira sprach nicht die jüdische Literatursprache — «s war vielmehr ein Jargon des Jargons, wie er in den finstersten Gassen mancher Städte und Städtchen Galiziens, Rußlands und Rumäniens vom Lumpenproletariat, von den dunkeln Lustexistenzen der letzten Winkel der Judengasse gesprochen wird. Es war der Jargon der Leute, durch welche einzelne Ausdrücke und Redewendungen in die „Gaunersprache", in das sogenannte Rotwelsch der „Fahrenden Gesellen" hineingetragen wurden. Diese sonderbare „Kulturmission" der untersten Schichten des Ghettos hat dem Judentum manch schweren nroralischen Schaden zugefügt, denn unter den Pächtern der Menschheitskultur in Deutschland entblödete sich gar mancher Forscher des vorigen Jahrhunderts nicht, die Taten der Wurzellosen im jüdischen Ghetto zur Grundlage für die Beurteilung der Moral des jüdischen Volkes zu nehmen. Der jüdische Dolmetscher im Prozesse Nuchim Schapira hatte schwere Tage durchzumachen. Das soll'durchaus kein Tadel für ihn fein. Denn es gibt nur wenige Dolmetscher für die jüdische Sprache die, selbst wen« sie dieses Bolksjdiom noch so gut beherrschen, allen Situationen gewachsen wären. Die' jüdische Bolkssp.vache ist heute 'keine einheit- Me mehr:Trotzihrer großen) teilweise auf sehr hohem- Wiener Mornenzeituns. Niveau stehenden -Presse und Literatur weist sie, je nach den Ländern und Landesteilen, selbst in der Schriftsprache, mehr noch jedoch in der gesprochenen Rede des Volkes sehr große und wesentliche Verschiedenheiten auf. In weit höherem Maße, noch als z. B. die verschiedenen Idiome und Mundarten der italienischen Sprache. Daß z. B. der „Lutwak" sich mit einem beßarabischen Juden kaum zu verständigen vermag, ist ja so ziemlich bekannt. Die jüdische, satirische Literatur ist reich an Schilderungen von Szenen, in denen zwei Juden, die miteinander jüdisch sprechen, einander nicht verstehen, wobei natürlich, jeder überzeugt ist, daß er das echte Jüdisch spricht. Die Verschiedenheit der jüdischen Dialekte zeigt sich erstens in der durch klimatische Bedingungen begründeten Verschiedenartigkeit der Aussprache einzelner Vokale und Konsonanten, besonders der Zischlaute — dieselben Unterschiede sind zwischen dem Nord-, und Süditalienischen vorhanden —, ferner darin, daß die Juden der einzelnen Gebiete ihre Volkssprache nicht nur mit hebräischen, sondern auch mit Worten aus der Umgangssprache der sie unmittelbar umgebenden Nationen ergänzten, „bereicherten", die den Juden anderer Gebiete mit andrrsnationaler Umgebung unverständlich sind. Das Sprachchaos, welches dadurch in der großen Masse jüdisch sprechender Juden bestand, wurde noch vergrößert, seitdem die große Judenwanderung aus dem Osten Europas in die Ueberseeländer, vornehmlich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in den großen Städten Amerikas neue, große, ostjüdische Kolonien mit einer neuen jüdischen Sprache schufen. Die aus Litauen, Weißrußland, Kongreß- Polen, Galizien, Rumänien usw. ausgewanderten Juden, haben, ihr Volksjüdisch mit.seinem ganzen speziellen heimatlichen Lokalkolorit, über bas große Wasser hinübergerettet. Sie. haben sich offenbar instinktiv bemüht, es so lange als möglich auch drüben „rein" zu erhalten, und ich glaube, daß die Sucht der eingewanderten Juden, sich in der neuen Welt nach Landsmannschaften zusammenzuschließen, wobei der Begriff der Landsmannschaft oft bloß auf ein kleines russisches Städtchen angewendet wird, gleichfalls dieser mundartlichen Sprachengemeitlschast und der Angst entspringt, von anderen Juden nicht verstanden zu werden. Das Tempo des Amerikanisierungsprozesses ist jedoch zu rasant, als daß der Einwanderer ihm lange standhalten könnte. Die aus Osteuropa mitgebrachien Kinder geraten gleichnach ihrer Ankunft in den großen Schmelztiegel. Sie sprechen nicht mehr jüdisch. Dieses allzurasche Verschmelzungsverfahren mit der jüdischen Jugend gegenüber dem Beharrungsvermögen ihrer Eltern hat zu manchen Familientragödien in den jüdischen Vierteln Amerikas geführt und \ den Borwurf fürwirkungsvolle Bühnendramen "abgegeben.; Der Erhaltungstrieb der jüdischen Einwanderersamilie.schus, - abermals^ instinktiv,! einen rttzMt jüdischen Dialekt, derCeng-. 90. Jänner IM Se rie 9 tisch-jüdischen. ober amerikanisch-jüdischen Jargon, der jedoch, je nach der ursprünglichen Landsmarmschaft des Eingewanderten, für fremde Ohren grundverschieden klingt. Die jüdisch geschriebene Presse in Amerika ist fast durchweg in diesem Dialekt geschrieben, und es ist wahrlich kein Wunder, daß mancher „Grüne" in der ersten Zeit nach seiner Landung im Lande der Freiheit einer solchen mit Amerikanismen durchsetzten Zeitung mitunter ebenso ratlos gegenübeisteht, wie einem „Kos'n", einem Vetter, der um einige Jahre, früher als er aus der russischen Hölle in die Freiheit des Schmelztiegels geflüchtet war. Wer eine amerikanischjüdische Zeitung verstehen will, muß nicht nur sämtliche europäisch-jüdischen Dialekte und die englische Sprache kennen, sondern auch in der phonetischen Transkription der englischen Worte mrd Redewendungen, die in die jüdische Svrache hineingetragen wurden, Bescheid wissen. Ich selbst kam im ersten Jahre nach Friedensschluß in die sonderbare Lage, zwischen zwei ans Galizien stammenden Brüdern in Wien den Dolmetscher abzugeben, weil sie sich sonst nicht hätten verständigen können. Die Geschichte kam so: Unmittelbar nach Friedensschluß erhielt ich von der New-Norker Kehillah ein Schreiben, in welchem ich ersucht wurde, zu veranlassen, daß ein in der Nähe von Stanislan wohnhafter Jude an einem bestimmten Tage in Wien anwesend sei. Der in Amerika lebende Bruder dieses Juden werde um dieselbe Zeit in Wien eintreffen und sich bei mir melden. Ich möge nun die beiden Brüder zusammenftthren, da der Amerikaner eine Reise nach Galizien vermeiden wolle. Die Reisekosten für den galizischen Bruder wurden überwiesen. Nach Ueberwindung all der bekamtten polnischen Und österreichischen Paß- und Einreiseschwierigkeiten gelang es mir, dieses auf echt amerikanische Weise in Szene gesetzte Wiederschen der zwei Brüder zu „managen". An einem bestimmten Tage saßen in nvrinem Amts-; zimmer zwei Brüder einander gegenüber, die sich zwölf Jahre nicht gesehen hatten. Der Amerikaner war der jüngere. Als er vor Zwölf Jahren nach Amerika ausgcwarrdert war, hatte er seinen älteren, etwas unbeholfenen Bruder versprochen, ihn nach kurzer Zeit „hinüberzubringen". Er wollte auch sein Vorhaben auSsühren, da kam der Krieg dazwischen usw. ° Das erste Wiedersehen der Brüder war herzlich, rührend. Der „Galizianer" mit seinem graumelierten Bart, den klugen, aber unsicher .dreinschauenden Augen und den zermürbten Nerven weinte. Der Amerikaner, glatt. rasiert, einfach, gut gepflegt, mit dem klaren und sicheren Blick eines Menschen, der im Kampf ums Leben Sieger geblieben ist, betrachtete (.seinen Bruder .innig, .mitleidsvoll. -f‘ . - ,; Meiyo Mission -tm'. hiermit eigentlich beendet, ich zog-mich zurück und, überließ , den. (Brüdern,, die sich -gewiß Y Heute und morgen JÜDISCHER jüdischen Kindern I! zur Rettung jüdischer Säuglinge u. ververwaister u. verwahrloster Kinder!!