Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1771 (20.1.1924)
- Date
- 1924-01-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Sk. 177* Men, Sonntag Wienei: Morgenzertung. Völkerbund mrd HeivMte. Deo Völkerbund in seinem 'heutigen Wirken «ist mannigfacher Kritik ausgesetzt: von Freunden, deren Hoffnung die^ Wirklichkeit, an dein Ideal gemessen, noch nicht entspricht; von Gegnern, bic-ctu und für sich das Prinzip des Völkerbundes bekämpfen, die fürchten, das; diese Körperschaft an Macht getoimteit und sich zu einer überstaatlichen Organisation erweitern könnte. Die Liga der Nationen will die mternattonalen Beziehungen der Völker, soweit dies möglich, ans dem Wege der schrittweisen Evolution der Menschlichkeit näher bringen/ alle Konflikte schiedlich ausgleichen, dom Menschenmord, den der letzte Weltkrieg irr so grauenvollen Dimensionen betvieben hat, ein Ende setzen und die Parole „Nie wieder Krieg" zum Gesetz erheben. Für die Friedensfreunde ist das Tenrpo zu langsam und sie sehen mit Besorgnis, wie sehr die Arbeit des Völkerbundes im Lärm der Deinagogie zurück tritt. Den Gegnern, den Anhängern und Nutznießern der Geheim- und Gewaltpolitik, der Routine' der Ultimaten und Kanonen, liegt in der Existenz dieses Programmes, in denr Palt von Versailles ein Gvund'für unaufhörliche Angriffe und Verkleinerungen. Diese Strömungen machten sich scholl vor fünf .Jahren geltend, als von Wilson der Versuch unternommen wurde, den Kriegsfvieden 51t einem Gottesfrieden zu gestalten, und so ist auch der Völkerbundpakt nur ein Kompromiß geworden, welches die Fehler der Machtidcc naturgemäß in sich trägt: Vor allem fehlen zwei gewichtige Glieder der europäischen Völkevfamilie, das deutsche und das russische. Weiters beruht die Konstruktion des Völkerbundes noch nicht aus denr demokratischen Prinzip, seine Organe sind nicht Vertreter der Parlamente, sondern Vertreter von Kabinetten. Drittens ist ihr Wirkungskreis durch den Mangel einer Exekutive noch sehr eingeschränkt. Diese drei Nachteile sind bestimmend für die Haltüng der Vereinigten Staaten, aus deren Ideologie Präsident Wilson beit Gedanken des Bundes mitgebracht batte. Ebenso wie feine vierzehn Punkte die Pariser Luft nicht vertragen konnten, so ist auch in: Gifthauch des französischen Militarismus der reine Plan Wilsons zum Kompromiß gezwungen worden. Trotzdem aber hat der Völkerbund bisher viel Ersprießliches geleistet. Noch ehe er 'in die Politik cimiraf, hat er sich als Organ der Menschlichkeit erwiesen. Cr hat Tausende von Kriegsgefangenen ans den sibirischen Lagern nach Hanse gebracht, er hat durch die Schaffung des internationalen Arbeitsamtes eine Vereinheitlichung der sozialen Gesetzgebung in den einzelnen Ländern in die Wege geleitet und die Krebsschande der Nachtarbeit von Kindern mit vielem Erfolg bekämpft. Durch die Schaffung eiirres ständigen Gerichtshofes ist er den Problernen näher getreten, die als Folge der Kriegszeit die europäische Politik verwirren. Vor allenr der Minoritätenfrage, deren willkürliche Behandlung eine der'tiefften Ursachen des Weltkrieges war. An den Grenzen der europäischen Zentralstaaten waren Brandfpharen geschaffen worden und aus diesen zuckte das erste Gewitter ans. Die Regelung dieser HÖBE tripie-sec Original-Hobe-Liköre Zentralbureau: Wien, I. Bezirk, Concordiapl. 1 Telephone: 64-3.65, 65 6-64 Echt nur ln vier* eckigen Flaschen! Frage in den Friedensverträgen ist nicht das Ideal. Die Unzufriedenheit ist überall gestiegen, an manchen Punkten sogar bis zum Fiebergrad des Exzesses; 'der Völkerbund sucht nun das, was die Machttdee verdorben, durch die Nechtsidee wieder gut zu machen. Der Machtwahnsinn ist aber noch zu stark. So lange im Herzen Europas, am Rhein und an der Ruhr Kriegsgerichte schälten und wältcit, kann die Nechtsidee, als deren Repräsentant der Völkerbund gedacht ist, nicht voll zur Geltung kommen. Die Versöhnung Deutschlands und Frankreichs und die Anerkennung Rußlands sind die ilnbedingten Vorarrssetzungen für die ungestörte Entfaltuug 'des Völkerbundes, Voraussetzungen, die freilich diese Körperschaft nicht selbst schaffen kann, so lange die Friedensverträge in Kraft sind. Hier kann nur ein neuer Kongreß der Völker Wandel schaffen. Immerhin hat der gute Wille des Völkerbundes, sein ehrliches und aufrichtiges Bestreben, den Friedenszustand nach Möglichkeit zu befestigen, sich in seinem bisherigen Wirken gezeigt. Die Aktion für Oesterreich war, unabhängig von den ökonomischen und finanziellen Details, ein wesentlicher Faktor für die Anfrechterhaltung des bürgerlichen Friedens und irr noch viel höheren: Grade wird der Völkerbund seine Missiorr für Demokratie und Kultur in Ungarn erfüllen könrren, wenn er die Möglichkeit erhält, in diesem Zerrbild eines Staates Ordnung zu schlaffer:, der sich rmr dank dem Raffinernent der Bevufsdiplowatie und der hohen Protektion der französischen Royalisten in den Völkerbund einschmuggeln konnte. Den: jüdischen Volk bedeutet der Völkerbund etwas Größeres. Er ist noch nicht der Weg zum Weltfrieden, aber er kann dazu führen. Das jüdische Volk ist das Volk des Friedens. In seiner Seele lebt das Prophetenideal von dem ewigen Frieden rrrrd seine Unrast ist nur der Ausdruck dieser Sehnsucht. Das waffenklirrende Europa der Vorkriegszeit hatte für dieses Ideal nur Spott und Hohn, wenn es nicht gar seine Bekenner als Hochverräter irr die Kerker sperrte. Erst die blutige Verwirrung des Weltkrieges brachte der: Zwang zum Nachden^n und über das bibelgläubige Amerikl kam das jüdische Prinzip des Messianismus in die internationale Politik. Es war das erste Mal, ' 20. Jänner 1024 Seite 3 daß wenigstens der Versuch gemacht wurde, die Beziehungen zwischen den einzelnen Völkern gemäß der: Grundsätzen der allgemeinen Sittlichkeit zu ordnen. Eine unmittelbare Folge dieses Bestrebens ist das Verhalten des Völkerbundes zu unserem politischen Ideal. Der vor: England vorgelegte Mandatsvertrag jm Erez Israel wurde ratifiziert und damit für urffere Heimstätte der völkerrechtliche Grund-, stein gelegt. Die große Bedeutung dieses Aktes wird offensichtlich viel mehr von unseren Gegnern als von -uns selbst gewürdigt. Die Mtnierarbeit gewisser Kreise bat seitdem keiner: Augenblick geruht und entsprechend Hrrr Methodik hat sie nicht bloß die Araber ausgestachelt, sonder?, auch, was sonst nicht leicht glaublich wäre, innerhalb deo Indentums eine gewisse Stimmung der Müdigkeit geschaffer. Durch die Ratifizierung des Mandatsvertrages hat das jüdische Volk die Fähigkeit erhalten, internationale Rechtsträger zu sein. Das mußte ihm von außen her geaebor: werden rmd von dem einzigen konrpetenten Forum, der Liga der Nationen. Aber die Handlungsfähigkeit kann ihm nicht erteilt werden. Sie entsteht aus der Willensfähigkeit. Wer die politische Psychologie der über zwei Dutzend Staaten mit verfchiederrer politischer, sozialer und kultureller Struktur zerstreuten Teile des jüdischen Volkes betrachtet, dem wird es klar, daß eine einheitliche positive und kraftvolle Einstellung auf die durch die Nöandatsratifikation gegebene Situation nicht rasch erfolgen konnte, nicht so rasch, wie das die Sehnsucht wünschen würde. Die fünfzig Jahre, seit denen die sogenannte Emanzipation der Juden sich vollzieht, haben den Wllen des Volkes vor allem auf das Ziel der primitiven Rechte gerichtet, der bürgerliche:: Gleichheit und der bürgerlichen Freiheit. Selbst diese Errungenschaften sind heute noch von unseren Gegnern auf das leidenschaftlichste umstritten, und ihre Wahrung bindet viele wertvolle politische Kräfte, die sonst für Erez Israel mobil gemacht tverden könnten. Es ist verstäMich, §aß 'in dieser Zeit des unaufhörlichen Kampsts um die Individualrechte der Gedanke der rationalen Gleichheit und Freiheit noch nicht jene Wirkung auf die Seele des Einzelnen übt, die notwendig ist, um >das ganze Volk mit der Energie zu erfüllen, die die Voraussetzung stader politischen Aktion. Hierzu bedarf es einer intensiven Erziehungsarbeit, sowohl des einzelnen an sich selbst als auch der Gesamtheit, vor allenr aber der Jugend. Der Heimstättengedanke ist nichts nationalistisches. Er deckt sich mit dem Grundprinzip des Völkerbundes, wonach jedes Volk die Möglichkeit erhalten muß, als Teil der menschlichen Gesellschaft auf den: ihm Ankommenden Boden sich frei zu entwickeln. Was das auch für die andere Welt bedeutet, wieviel Hatz und Zwietracht durch die nationale Befreiung des Judentums beseitigt wird, wieviel Vorurteile und Mißverständnisse dadurch aufgehoben werden — das alles hat den Völkerbund bewogen, den: 'Antrag Englands stattzugeben, „das älteste Unrecht der Weltgeschichte gutzmnachen". Der Völkerbund hat das Seine getan. Das wettere hat das Judentum zu besorgen. Julius Löwy. 5eklen-, Ritter*, Damemtoffe KLÜN ÄSPÄS taantaessssni RasserMKologie. Bon Maxim Gorki." Ans dm: Russischen übertragen vor: Grete Nenfeld. Es lebten einmal in einem Lande Juden — ganz gewöhnliche Juden, wie man sie für Pogrome, Verleumdungen rrnd sonstige Staats Notwendigkeiten benötigt. Der Hergang war folgender: Sobald die ansässige Urbevölkerung UWusriedenhölt mit ihrem Dasein an den Tag zu legen begann, erscholl voi: den mn die Ordnung besorgten Punkten ein hoffnungsvoller Ruf: „Volk, nähere dich vertrauensvoll den: Sitze der Macht." Das Volk versammelte sich und die Exzell-Nlzen fragten: „Weshalb die Unruhe?" „Exzellenz, wir haben nichts zu kaue:: ..." „Eure Zähne habt ihr aber uoch?" „Ein paar haben wir allerdings noch . . ." „Da sehet ihr, ihr verstehet noch immer etwas vor den Augen eurer Obrigkeit zu verbergen!" Und wenn die Obrigkeit glaubte, das; die Unruhe ntt;. dem restlosen Einschlagen der Zähne beizulegen sei. griss sie unverMich zu-diesem. Mittel; sah sie aber, das; dieses Verfahren die notwendige Harmonie in den gegenü '.tigen Beziehungen herzustelle:: nicht verbürgte, dann versnchte sie schmeichelnd, die Zlugelegenheit von der Vernnnsts>'ite her ans der Welt zu schaffen. „Was wollt ihr also?" „Grund und Boden könnte man brauche»." Aber andere wieder, denen in ihrer Verstocktheit das Verständnis für die Swatsnotwendigketten vollständig abhanden gekommen war, meinten beharrlich: /.Irgendwelche Reformen wären schon wirtlich notwendig, weil. . . damit man, sozusagen, seine Zähne, Rippen und Gedärme als sei:: Eigentum betrachten könne und nicht ohne jeden Grund geschunden werde . . ." Da mengten sich aber sofort die Exzellenzen bctvciu »nd begannen ihnen ins Gewissen zu reden: „Aber Brüder! Was nützen solche Träumereien? . . . „Nicht von Brot allein: . . ." heißt es in der Schrift, und weiter heißt es: „Für einen Geschlagene» wird man euch zwei Nichtgeschlagene gebe:: . . „Und sind sic damit eiuverstcmde»?" ■ Mer?" „Die ZUchtgeschlagenen natürlich!" . „Aber gewiß! Da hört bloß! Bor einiger Zeit baten sogar die Engländer, zu uns kommen zu dürft::. Verschickt euer ganzes Volk nach Sibirien — baten sie — und siedelt uns an dessen Stelle an; wir — sagten sie — werden euch regelmäßig Steuern zahle:: und Schnaps werden wir trinken :nindestens zwanzig Eimer pro Tag; und überhaupt . . . Nein, — sagten wir — wozu sollen wir das tun? Auch unser Volk ist gutmütig, gehorsam und friedlich, wir werden schon mit ihm fertig werden . . . Uebrigens, wißt ihr )vas, Kinder? Es iväre wirklich vernünftiger, wenn ihr, statt euch umsonst aufzuregen, hingehen würdet, die Juden ein wenig durchzuprügelu, ha? Wozu brauchen wir sie?" Die ansässige UrbevöÄernug überlegt, überleg: nochmals, sicht da:::: schließlich ein, daß ja doch nichts Gescheiteres herauskommen wird, als das, rvas die Obrigkeit int vorhinein bestimmt hat, und sie beschließt: „Also, Brüder, in: Name» des heiligen Werkes, gehen wir an die Arbeit!" Nachdem sie, so ein halbes Hundert Häuser zerstört, hübsch viel Juden verhallt haben, sind sie von der staatserhaltenden Arbeit müde geworden, dabei auf andere Gedanken gekommen, sie vergessen allmählich, was sic durchzusetzen beabsichtigten, und die Ordnung triumphiert! Außer, den Exzellenzen, der Ubbevölkerung und den Juden — letztere zur AbkeMmg der Leidenschaften — gab es in den: Lande auch gute Menscheu, und diese, sechzehn an der Zahl, versammctten sich nach jeden: Pogrom und wendeten sich mit einen: schriftlichen Protest äu die Welt: „Obwohl auch die Inden russische Bürger sind, sind wir trotzdem überzeugt, daß es nicht tit Ordnung ist, sie vollständig auszurotten, und wir rügen hiermit das schrankenlose Toten lebendiger Menschen." Hierauf folgten die Unterschriften, darunter auch die des Grifcha Bndustschew, eines siebenjährige:: Kindes. Und so war es nach jedem Pogrom, mir den: einen Unterschied, das. Grifcha ttmner älter wurde. Manchmal reagierte auch die Provinz auf diese Proteste und es schlossen sich .ihn: einzelne Pevsonen an. Dann hieß, es: „Ich fühle mit und schließe mich an. Samogrifoff u. A." — wobei einem jeden klar war, das; er dieses „u. A." bloß ans Wichtigtuerci erdacht hatte, denn in fciu-eni Orte gab es keine „Arideren". Als die Juden die Proteste lasen, weinten sie noch bitterlicher, bis einmal einer von ihnen, ein ganz schlauer, folgende:: Vorschlag machte: „Wißt ihr kvas? Vor dm: nächsten Pogron: verstecken wir alles Papier, alle Federn und alle Tinte, und dann tverden wir scher:, tvas sie anfangeu werden, diese sechzch;: Alaun 'mit dem Gvischa!" Die Juden hätten bekanntlich Kusamrnen. Gesagt — getan, sie kauften alles Papier auf, verbargen alle Federn:, schütteten alle Diente ins Sch'ivarze Meer und warteten. Nun, allzulange brauchten sie nicht;n warten: die Erlaubnis wurde eingcholt, der Pvgron: veranstaltet, die Inden füllten die Spitäler und die Menischenfveundc liefen in ganz Petersburg hernrn und suchten vergeblich Papier und Federn — es war nirgends zu habe»; es sei dem: in den Kanzleien der Exzellenzen, die es aber nicht hergaben. „Sehet nur," sagten sie, ,-wir wissen schon, wozu ihr das Papier benötigt' Nein, es wird auch ohne Papier gehen!" Grifcha — er ist bereits 43 Jahre alt — weint: „Ich will plotcsiielen!" 'Und inan fand nichts, worauf rnau hätte schreiben können. Einer von ihnen meinte finster: „Viel!eicht mg den Planken?" Ja, in Petersburg gibt es aber keine Planken, bloß Gitter. Schließlich fanden sie eine» verfaulte:: Zaun, ganz draußen außerhalb der Stadt. Kaum begann der eine Volk ihnen mit Kreide den ersten Buchstaben zu schreiben, evschien, lvie von: Himmel gefallen, ein SÜMtzmann, und er sprach zu ihnen: „4llas soll das heiße::'? Wen:: Schi:ljn::gen so etrvas tun, werden sie übers Knie gelegt — und Sie sind doch schon erwachsen, sozusagen Herren — schäme» Sic sich nicht?" Er hatte ihr TU'i: natürlich nicht begriffen, sie aber fühlten sich doch blamiert und gingen nach Hanse. Und so gab es dies:ual nach einen: Pogrom keinen Protest und die Menschenfreunde blieben ohne Genugtuuna. Aber die Alenschen. die sich auf Rassenpsychologie verstehen, haben verrenfelt recht: die J:lden sind ein schlaues Bott.