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Wiener Morgenzeitung · 1924-01-17 · Heft 1768 (17.1.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1768 (17.1.1924)
Date
1924-01-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gerle § Wien, Donnerstag ausspricht, kein singuläres Ereignis. Immer vollzog s:w im Rahmen der Demokratie die notwendige Anpassung der politischen und öffentlich-rechtlichen Verhältnisse an tue neu erwachten Forderungen. Die innere Geschichte Englands zeigt dies ebenso wohl wie die äußere. Die Emanzipation Irlands wurde nach entsetzlich wilden Kriegen im Frieden vollzogen als logische Konsequenz einer Erkenntnis, und es gelang immer den Vertretern des gesunden Menschenverstandes sich durchzusetzen und die Klassenschranken beiseite zu stellen. Es ist kein Zufall, sondern wohlbegründet in der Geschichte Englands, daß in der Frage der Errichtung des jüdischen nationalen Heims in Palästina, neben dem konservativen Balfour, der liberale Lloyd George und der Sozialist Maodonald auf der gleichen Linie stehen, und diese Tatsache ist auch die Bürgschaft dafür, daß die Erfüllung dieser Pflicht des Rechtes unabhängig von der innerpolitischen Konstellation Englands bleiben wird. Die toten Probleme des Zionismus. Der „Haolam", das offizielle Organ der Zionistischen Exekutive, veröffentlicht in seiner dieswöchigen Nummer einen Artikel, dem wir folgendes entnehmen: Der innere Zustand der Zionistischen Organisation hot in der letzten Zeit in zunehmendem Maße zu schwerer BQLnruhlgung Anlaß gegeben. Die Organisation hat d'e Wunden, die der Krieg und der jahrelange Stillstand zentraler organisatorischer Arbeit veruvsacht hat, noch nicht zu heilen vermocht. Die drängenden Aufgaben des Augenblicks, die sich aus der veränderten Situation ergaben, ließen uns keine Ruhe zur Konsolidierung der Organisation. Fast erdrückt von der Vemntwortung des plötzlich Wirklichkeit werdenden Werkes, mußte die Zionistische Organisation die politische Sicherung und die Beschaffung der Mittel für den realen Aufbau der Heimstätte allen anderen Aufgaben voranstellen und konnte nicht an ihren inneren Ausbau denken. Infolge dessen war auch die Arbeit der letzten vier Jahve eine fast ausschließlich extensive, charakterisiert vor allem durch die Keren Hajcssod-Pvopaganda, die auf die Sammlung vou Geld angelegt war und sich erst in zweiter Reihe um die Gesinnung der Menschen kümmern konnte. Wieder erlag wie in der Herzlichen Zeit die überwältigende Mehrheit der Zionisten der Vorstellung, daß jetzt die Verwirklichung mit unerwarteter Rapidität vor sich gehen wird und daß man keine Zeit und keine Energie an die innere Vorbereitung des Volkes wenden dürfe. Alle Geisetze des organischen Werdens, alle früheren Erkenntnisse des Zusammenhangs zwischen nationalem Geist und nationalem Werk waren vergessen. Es bedurfte erst wieder der bitteren Erfahrung dieser vier Jahre, um uns zu lehren, daß die Verwirklichung des Zionismus mit der völkerrechtlichen Anerkennung unseres Rechtes aus eine nationale Heimstätte zwar begonnen hat, daß sie aber ein langwieriger Prozeß ist, der viel Kraft, große Opfer und vor allem auch außerordentliche Geduld erfordert. Wir fühlen, daß wir manches versäumt haben, wir fühlen die Verfallserscheinungen bereits in dem vernachlässigten Organismus unserer eigenen Bewegung. Die Klagen über die innere Schwäche unserer Organisation sind aus dem letzten Kongreß, insbesondere in Verbindung mit dem Vorschlag der Erweiterung der Jewish Agency laut geworden. Nur ein starker Zionismus kann die führende geistige Macht in dieser Vereinigung sein. Die uns freundlichen nichtzionistischen Inden wissen selbst sehr gut, daß der Zionismus die Seele der Palästina-Arbeit ist und bleiben muß, und sie wünschen selbst, den Zionismus nicht schwach, sondern stark zu sehen. Ohne starken Zionismus gibt es kerne arbeitsfähige Jewish Agency. Leider hat der Kongreß der Aufgabe, für die Stärkung der Organisation zu sorgen, wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die von ihm gewählte Exekutive war nicht so zusammengesetzt, daß man von ihr die Lösung dieser schwierigen und zähe Arbeit erfordernden Frage erwarten konnte. Außer den vorwiegend mit Politik und Aufbringung der Mittel für Palästina beschäftigten Persönlichkeiten wurde nur ein Mann gewählt, von dem man den Wiederaufbau unserer organisatorischen Zentrale und die Belebung der Bewegung erwartete. Infolge innerer Meinungsverschiedenheiten auf anderen Gebieten hat jedoch dieses Mitglied der Exekutive seine Arbeit nicht begonnen und ist nunmehr auch aus der Exekutive ausgeschieden. Die letzte Sitzung des Aktionskomitees, die sich wieder mit dieser Frage beschäftigte, hat der Exekutive gewisse Vollmachten gegeben und auch einer kleinen Erweiterung des Londoner Zentralbureaus zugestimmt, um die rein technischen Voraussetzungen einer intensiveren organisatorischen Arbeit zu schaffen. Gestützt auf diese Möglichkeiten geht die Exekutive jetzt an die Wiederausrichtung des Departements für Organisation und Propaganda. Die zur Verfügung stehenden Kräfte' sind außerordentlich gering, die verfügbarere finanziellen Mittel noch geringer. Der Ausbatt des organisatorischen Apparates, der ständige Kontakt mit allen Teilen der Bewegung, de.r geistige Meinungsaustausch und vor allem die zielbewußte Leitung einer ziorristischen Ideenpropaganda unter Juden und Nichljuden erfordern beides im .hohen Maße. Es ist klar, daß diese Arbeit sich nur allmählich entwickeln kann und daß sie aus den guten Willen der einzelnen Zionisten und der zionistischen Verbände angewiesen fft. Wir wollen eine Atmosphäre der freundschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der Exekutive und den breiten Kreisen der Bewegung schaffen. Messer MorMnzeltunss. liieren heute au alle Zionisten, mitzirwirkeu bei der Wiederaufrichtung unserer Zionistische» Organisation. Eine der wichtigsten Pflichten der zionistischen Allgemeinheit ist allzulauge vernachlässigt worden: die s i u tut zielte 2 i ch c r u n g der politischen iiub organisatorischen Zentrale in London. Da die Gelbsammlungen des Keren Hajesso-d lediglich für Palästina bestimmt sind, bleibt die Londoner Zentrale auf die Schekelgelder angewiesen, die jedoch besonders infolge der Balutaverhältnisse in Europa nicht ansreichen. Die Exekutive hat baS Londoner Bureau auf ein Minimum reduziert, aber wenn sie überhaupt eine Tätigkeit entfalten soll, so muß die Bewegung das Bureau materiell sicherstellen und ihm eine gewisse Bewegungsfreiheit gehen. Es ist ein beschämender Zustand füx eine Weltbewegung von unserer Bedeutung, daß viele äußerst wichtige politische, mrä> Propagandist.sche Unternehmungen aus Mangel an Geld unterbleiben müssen. Versuchen Sie unseren 3dealstrumpf I. TRATTNERHOF 2 (Graben) London, 16. Jänner. Ueber den Verlaus der Unterhaussitzung, die sich an die Verlesung der T h r o nrgde an'schtoß, wird noch berichtet: Zu Beginn der Sitzung ersuchte Baldwin das Unterhaus, einen Vizepräsidenten zu ernennen. Ramsay Macdonald schlug aber vor, diese Ernennung vorläufig zu vertagen, damit keine. Zeit verloren gehe. Nach einer kurzen Diskussion zeigte sich Baldwin bereit, seinen Vorschlag zurückznnehmen. Darauf ergriff Ramsay Macdonald das Wort und erklärte: ,Jch finde die Thronrede sehr sonderbar. Sie stellt eine ulHusammenhängeude. Sammlung dar wie der Laden eines Altwareu-Händlers. Ich will mcht sagen, daß man uns eine große Zahl unserer Ideen gestohlen hat, abe.r man hat uns gewisse Ideen abgeborgt. Der Redner bedauert sodann, daß die Regierung den Premierministern der Dominions feste Versprechungen über die Vorzugszölle gemacht habe. Dadurch sei gewissermaßen in England eine Lebensmitelsteuer geschaffen worden. Schließlich ivarf Macdonald der Regierung vor, das Problem der Arbeitslosigkeit nicht gelöst zu haben. Asquith wohnte der Unterhaussitzung nicht bei, da der Arzt es ihm verboten hatte. An seiner Stelle sprach Lloyd Georg e. Lloyd George bezeichnete die Thronrede als ein bemerkenswertes Dokument. Wenn die Wahlen nicht schon stattgefunden hätten, so würde er glauben, daß es sich um ein Wahl manifest handle. Nach seiner Ansicht sei gegenwärtig die wichtigste Frage de.r Schutz der Landwirtschaft. Es sei ferner zu hoffen, daß die Regierung Maßnahmen ergreifen werde, um die englischen Schiffe zu verhindern, auch weiterhin in den amerikanischen Gewässern Alkoholschmuggel zu treiben. Welches auch die nächste Negierung ffeiz so wünsche er, daß die. Autorität des englischen Reiches erhöht werde. Lloyd George sprach sodann über die besetzten deutschen Gebiete. Seine Anfrage an die Negierung betreffend das Vorgehen der Franzosen m diesen Gebieten wird Mac Ne.ill voraussichtlich morgen beantworten. Nach einer Erörterung der katastrophalen M ög- ■l ichke i t e n, die sich aus der Besetzung des Ruhrgebietes ergehen könnten, kam Lloyd George auf die separatistische Bewegung ^zu sprechen und sagte, wenn einer der Alliierten sie ermutige, wäre das ein schändlicher Bruch des Versailler Vertrages. Was die Aussichten einer Arbeiterregierung anlange, werde, es wohl Macdonald nicht leicht gelingen, seine Ideale in die Tat umzusetzen. Baldwin bezeichnete das vergangene Jähr als nicht erfolgreich für die Förderung der Sache des Friedens und der Wohlfahrt in Europa, begrüßte aber gleichzeitig die neuerliche. Einsetzung ron Sachverständigervausschüssen zur Prüfung der deutschen Finanzlage durch die Reparationskommission als einen ersten Schritt nach vorwärts. Es könnte sein, daß die französische Regierung in dem gege nlv ä r t i ge. n S t a n fr d e r Pariser Devise einen Anlaß finden werde, ohne weiteres Zögern jenes Problem, dessen Lösung sie mit so großem Erfolg während des ganzen vergangenere Jahres verzögert habe, in Angriff zu nehmen. Nach der Bemerkung, daß die separatistische Bewegung in den besetzten deutschen Gebieten der britischen Regierung die größte Sorge verursache, schloß Baldwin seine Rede mit der Erklärung: Wenn uns im Unterhaus 17. JnüNer 1624 Nr. 1768 i'u'iw Zustand deprimiert allmählich auch die avbsitl srendigstell Elemente. Die Organisation muß davon absehen, spezielk Sammlungen für organisatorische Zwecke zu veranstalten, tun die andererl Aktionen für Palästina nicht zn stören Aber sie fordert von allen denjenigen Zionisten, denen fr« Erhaltung unb Stärkung unserer Organisation lind di, Nenbelebung -frer propagandistischen und erzieherischen Aktivität anl Herzen liegt, daß sie aus freien, Stücken bei zionistischen Zentrale einen entsprechenden Beitrag zu, Verfügung stellt. Die letzte A. C.-Sitzung hat beschlossen, allen Zionisten die Pflicht auszuerlegen, daß sie dem OMnisationssonds der Zentrale einen Beitrag in der Höhe von 10 Prozent desjenigen Betrages, den sic für Keren Hajessod gezeichnet haben, zuführen. Wir erwarten, daß alle Zionisten ehestens zumindest dieser Verpflichtung Nachkommen werden. Solange nicht die finanzielle Grundlage geschaffen ist, werden alle Versuche der Neubelobung der Zionistischen Organisation zum Scheitern verurteilt sein. Der Aufbau der nationalen Heimstätte in Palästina erfordert unsere ganze Kraft; aber er kann nur gelingen, toemt Hand in Hand mit dem Aufbau des Landes der Aufbau des Volkes geht, wenn ein lebendiger und positiver Zusammenhang zwischen den Keimzellen des treuen Gemeinwesens und jenen Teilen des Volkes besteht, die noch auf Jahre hinaus der Muttevboden des erwachenden Volkes sein werden. Und die Avantgarde des sein Leben neu gestaltenden Volkes müssen die Zionisten sein. Dies ist ihr Privileg, aber auch ihre schwere Verantwortung. de.r Fehdehandschuh zugeworfen wird, sind wir bereit, ihn a u fz n n e h m e n. Er fügte noch hinzu, daß die Konservativen keine von Parteiintcressen diktierte Opposition gegen eine, nichtkonservakive Regierung beabsichtigen, vielmehr bei der Lösung der schweren Probleme, wie zum Beispiel der Frage der Arbeitslosigkeit, Mitarbeiten wollen. Im Oberhaus erklärte Lord Cmzon, es sei wahr, daß die internationale Lage ernst: ch getrübt sei. Die Regierung fühle das. Der einzige Schluß zur Regelung sei die Aufrechterhaltung der Entent' nnd die Regierungen hätten in ifen letzten Jahren in dieser Richtung gearbeitet. Das Oberhaus nahm schließlich d i e A n t w o r t a u s die Thronrede an. Der Mißtramnsautrag der Librrale». London, 16. Jänner. Der von de,, Libcral-eu aus' gearbeitete Zusatzantrag für die Dankadresse ans die Thronrede hat folgenden Wortlaut: „Da die gegenwärtigen Berater Ihrer Majestät unfähig gewesen sind, das Arbeitslosenproblem ohne Schutzzollpolitik zu behandeln, die von den Wählern endgültig verurteilt worden ist und da sie auch in der Führung der Verwaltungsaitgelegenheiteit und in der internationalen Politik erfolglos geblieben sind, so kann ihnen die Führung der Politik nicht länge r an vertraut bleiben. Der Zusatzantrag ist von dein Abgeordneten Pringlcp verfaßt worden. Die Bahnen in der Kölner Zone. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 16. Jänner. Die seit längerer Zeit fortgesetzten Versuche, bezüglich des E i s e >n b a h n b e i t i e ö e § in: K ö i« ncr Gebiet mit Frankreich zu einer Verständigung zn gelangen, sind bisher ohne Ergebnis gMieben. Die von Frankreich gemachten Vorschläge waren bisher für England nicht annehmbar. Eine von Frankreich voreeschte.gene Beratung über diesen Punkt, die noch Mitte Dezember in Köln hätte statlfmden sollen, kam nicht zustande. Englanids Gegenvorschläge gehen dahin, daß die Eisenbahnen vollständig unter der britischen Obhut und frei von französischer Ueberwachung und Kontrolle zu bchcllten seien. Alan ist der Ansicht, daß die Züge, die in dne britische Zone einlanfen, weiterhin aus der Hand der französischen Regie durch die britische Leitung übernoimnen lverden und dieser unterstellt bleiben müssen, bis sie die bri« titsche Zone verlassen, worauf sie dann Widder durch die französische Regierung M übeme-hmen sind. Frankreich hat, ohne die englischen Vorschläge zu berücksichtigen, der Londoner Regierung ein nenes Projekt vor gelegt. Molche Schritte von englischer Seite hieraus unternommen Werden sollen, steht noch nicht fest. In informierten Kreisen wird angenommen, daß weitere VevhaMuirgein statt« finden werden. Mve in der Pfalz. Der Separatismus eine Folge des Kahr-Sysicms. iEigendienst der „Wiener Mvfgenzeitiing" > Paris, 16. Jänner. Nach einer MÄlduug des „Malin'' aus Speyer setzte sich der enMche GenevMonsul Elivc gestern mit dem Bürgerlneisler von Speyer in BerbiiQnug' und ersuchte ihn, nachmittags niu 3 Uhr int Nathans dreißig Personen zu versammeln, die ihm in Heidelberg bezeichnet worden waren und die als Gegner des pfälzischen Separatismus geilten. Die dreißig Personen, hervor- Ae Jebalte über die englische Thronrede. Der Kampf gegen Baldwin. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".)

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