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Wiener Morgenzeitung · 1924-01-15 · Heft 1766 (15.1.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1766 (15.1.1924)
Date
1924-01-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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9k. vm ffl&te«, NenS^üH ’n^Jlwii"^ Menev MoLstenzeltunü. Nötigen Opfer aufbringen, wird der Keren Hajessod den erforderlichen Umfang annehmen, seinen Zweck erfüllen. Die zweite wichtige Aufgabe sei die politische Erziehung der Juden des Bezirkes, welche gedankenlos dem TageSerfolg nachlaufen. ES sprachen ferner Gemeinderat Dr. Plaschkes, der Obmann deS Lokalkomitees, Herr Ing. Freundlich, namens des hebräischen Schulwerkes Herr Prof. Rath sowie bU Herren Nimhauscr und Brenner. Namens deS Misrachi begrüßte und beglückwünschte Herr PinkaS. Mit einem stimmungsvollen Gesangsvortrag des Oberkantor Margulies schloß die schöne Feier. Aktuar oder Accoucheur? Sine Börne-Anekdote. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Die Mitteilung in Ihrem Blatte, wonach Ludwig Borne sich um eine Anstellung als jüdischer Gemeindebeamter beworben hat, erinnert an eine andere Episode aus dem Leben deS großen Publizisten, die wohl auch ziemlich unbekannt ist. Börne erzählt sie selbst in folgender Weise: „Ein einziges Mal in meinem Leben sprach ich mit einem Fürsten, der die viel gelobte, aber meiner Meinung nach gar nicht löbliche Sitte hatte, jede Woche für seine Untertanen öffentliche Audienz zu erteilen. Ich überreichte ihm eine Bittschrift um Anstellung als Aktuar bei einem Amte, und trug mein Gesuch auch mündlich vor. Nachdem ich fünf Minuten lang von der Sache gesprochen, sagte der Fürst, er sehe gar kein Hindernis ein, warum ich nicht Accoucheur werden könnte. Ich war ungewöhnlich fein, dankte für die gnädigste Bewilligung, ließ meine Bittschrift zurück und ward bald darauf Aktuar." ES ist zwar bekannt, daß Börne als Jüngling eine ganz kurze Zeit medizinischen Studien mit wenig Eifer und noch geringerem Erfolg sich widmete, aber er hatte sicherlich mehr Befähigung zum Amte eines Aktuars als zu dem eines Accoucheurs. Die Börnesche Anekdote hat übrigens ein überaus lustiges Pendant in der Geschichte, wie ein anderer deutscher Duodezfürst den Direktor des Katasteramtes fragt, „ob das wirklich eine so außerordentliche Wirkung auf die Gesangsstimme übe". Der Gute hatte nämlich einmal von dem herrlichen Gesänge der Kastraten etwas gelesen. mn. dem AvtiVel, „mußte -der Judeeirrsehen, daß er nicht als vollberechtigter Staatsbürger angesehen wird. Die auf der Hand liegende Antwort darauf kann nur die Begründung eines eigenen Glaubenswesens sein. Es muß hinzugefügt werden, daß, obgleich Vas Judentum merkwürdigerweise keine religiöse Renaissance erlebt hat, die Juden ein mächtiger nationaler Enthusiasmus ergriffen hat. Bei den Inden Rußlands, Polens und Amerikas sind die Zeichen der Entwicklung einer nationalen Erneuerung zu spüren. Diese Bewegung hat. obwohl ich durchaaus ein Kosmopolit bin, meine volle Sympathie. Sie ist berechtigt, da sie tief eingewurzelt und natürlich ist. Nachdem Palästina das Ziel der jüdischen Kolonisation geworden ist und mehrere Regierungen diese Idee anerkannt haben, scheint die. Zuku n st de s Z i o n is mus ge si ch e r t zu sein." Ae Wische Wandemm. Aus der Beratung der Vertreter des Landeskomitees und der Filialen d:s Vereinigten Kömitees für jüdische Auswanderung, welche unter dem Vorsitz der Herren Held und Löwin-Epstein in Warschau stattgefuNven hat, wurde beschlossen, vom Zentralbureau des Vereinigten Komitees für jüdische Auswanderung die Einberufung einer Konferenz sämtlicher Vertreter des Landeskomitees in Italien, der Tschecho-Slotvakei, Rumänien, Polen. Litauen., Lettland, Danzig usw. wie. auch der Vertreter ve.r Institutionen, welche sich mit der Cmigrationsfmge in Amerika, Kanada, Argentinien und Südafrika befassen, zu verlangen. Wie die I. T. A. erfährt, wird die Tagung dieser Konferenz Ende Juni oder Anfang Juli stattfinden. Als Tagungsort wird Berlin in Aussicht genommen, lnsoferne etwa die besonderen Verhältniffe in Deutschland nicht einen anderen Tagungsort empfehlen werden. Das Zentralbureau des Bereinigten Komitees für Mische Auswanderung (Emigratlonsdirektorium) befaßt sich jetzt mit der Ausarbeitung des Programmes der Konferenz, wie auch mit der Zusanimenstellung der Organisationen, welche sich an ihr beteiligen sollen. 15. Jänner 1924 Gelte 5 Die kagots. Menschen ohne Ohrläppchen. Mitten in Frankreich lebt noch jetzt eine Menschen- Altung, deren Abstammung trotz jahrhundertelanger Forschung vollständig im Dunkeln liegt. Es handelt sich um die in der Gaseogne, in Guyenne und in Bear» sowie in einigen Provinzen Südfrankreichs ansässigen CagotS, ein Volk, vas heute noch wie vor taufend Jahren der Schleier des Geheimnisvollen umgibt. Lange Jahrhunderte hindurch waren frie Cagots die ve-vachtetsten Bewohner Frankreichs, die durch strenge Gesetze an dem Zusammenleben mit ihren Mitmenschen gehindert wurden. Wohnten sie auf dem Lande, so mußten ihre Wohnstätten durch einen Wasswlaus oder ein Gchölz vom Dorfe getrennt sein. Dem Gottesdienst durften sie nur in einem chgegrenzien Raum in der Kirche beilwohnen. Es war ihnen ferwr verboten, Nutzvieh zu halten und Feldarbeit zu verrichten: nur der Berus des Totengräbers oder des Zimmermannes, der den Galgen ausstellen mußte, war ihnen erlaubt. Weil ihre Berührung verunreinigte, durften sie kein Brückengeländer berühren; ja, um die Erde nicht zu beschmutzen, durften sie nicht einmal barfuß gehen. Um sich den ihnen nähernden Menschen schon von wertem bemerkbar zu machen, mußten sie dauernd ein Stück raten Tuches oder ein« Eierschale auf ihren Kleidern befestigen. Das Tragen von Waffen, wie überhaupt jede Teilnahme au Kanrpf und Krieg war ihnen ebenfalls auss strengste untersagt. Aeutzerlich hoben sich die Cagots von jeher nur dadurch von ihren Mitmenschen unterschieden, daß sie fast stets runde Ohren, das heißt Ohren, denen die Ohrläppchen fehlen, besitzen. Im übrigen sind sie, obwohl sie lange Zeit/ Kr Kretins gchal-ten wurden, völlig normale Menschen und die Frauen oft von seltsamer Schönheit. Mit der Zeit wurden denn auch die strengen mittelalterlichen MbsperrungSgesetze milder, so daß sie sich schon im 16. Jahrhundert wenigstens ordentlich gebaute Häuser erwerben durften. Die französische Revolution sicherte ihnen schließlich auch volle Gleichberechtigung. Napoleon ernannte, um die sozial« Stellung der Cagots zu befestigen, einen Angehörigen dieses Pariastammes sogar zum Direktor der Schatzkammer. Das hinderte aber alfis nicht» daß, namentlich auf dem flachen Lande, das Vorurteil gegen die Rundohrigen werter bestehen blieb und bis zum heutigen Tage nicht auszurotten war. Woher die Cagots stammen, hat man in der Tat noch immer nicht mit Sicherheit feststellen können. Sie sollen ursprünglich die Einwohner von an verschiedenen Orten ansässigen Kolonien von Aussätzigen gewesen sein, die, wie es im Mittelalter allgemein Mich war, durch strenge Abfpervungsmaßnahmen von den Gesunden getrennt waren. MS allmählich der Aussatz in Frankreich werschwand, scheint an den Cagots, die sich natürlich im Saufe der Zeit ziemlich vevmchvt hatten, der Makel des Unreinen immer noch haften geblieben zu sein, denn sie mußten sich nach wie vor von der übrigen Menschheit streng getrennt halten. Mit dieser Theorie wären nun allenfalls di« strengen AibfpevwwgSgesetze der Cagots ertlävt. Das eigenartige Phänomen deS FchlenS der Ohrläppchen erklärt sie jedoch nicht. Georg Brander für den Zionismus. Bekanntlich stand Georg Brandes seit jeher dem Zionismus ablehnend gegenüber. In einer der letzten Nummern Ver ,>FelwiH Tribüne" veröffentlicht Brandes nunmehr unter dem Titel „Meine Stellung zum jüdischen . Nationalismus" einen Artikel, worin er bekennt, daß er» dem das Judentum bisher nur eine Religion bedeutet hat, rmnme-hr bekehrt sei, ,^Jn jedem Lande," heißt es u, a. in * Zionistisches Landeskomitee. Heute um halb 7 Uhr abends, 2. Bez., Taborstraße 20 A, Sitzung der politischen Kommission. 8 Uhr abends Sitzung des Landeskomitees. * Professor Schwcninger gestorben. Auf feinem Landgute bei München ist Professor Dr. Ernst Schweninger, der Leibarzt Bismarcks, im Älter von 74 Jahren gestorben. * Gemeinderat Dr. Grün gestorben. Das Mitglied des Wiener Gemeinderates Dr. Heinrich Grün ist im 52. Lebensiahve gestorben. Er erfreute sich als Arzt, besonders in seinem Wahlbezirk Leopoldstadt, großen Ansehens. Bon der sozialdemokratischen Partei war er im Oktober 1918 in den provisorischen Gemeinderat gewählt worden, wo er'bis zum Jahve 1920 das Mandat eines StadtrateS bekleidete. Im Jahre 1923 wurde Dr. Grün wieder von der Leopoldstadt in den Gemeinderat entsendet. Gemeinderat Grün ist einem Schlaganfall erlegen. * Ein neues Organ der ungarischen Emigranten in Wien. Seit der Einstellung des „Bersi Magyar Ujsag" bemühten sich die Mitglieder der Geschäftsleitung, dem Blatte in irgendeiner Form zum Wiedererscheinen zu verhelfen, um den Kampf gegen das derzeitige politische Regime in Ungarn fortzusetzen. Als ErebniS dieser Bemühungen wird vorläufig in Wien ein Wochenatt unter dem Namen „B e c s i Kurrr" erscheinen, der die Politik des „Becsi Magyar Ujsag" fortführen wird. Als Chefredakteur des neuen BlatteS wird Josef Mayor fungieren. Unter den Mitarbeitern des Blattes befinden sich die langjährigen Mitarbeiter deS „Becsi Magyar Ujsag" Dr. Georg Bdlöny, Dr. Eugen Lazar, Dr. Ladislaus Zilahi, Bela Baros, Dr. Ernst Kastor, Ludwig Barta, Karl Benedek u. a. Die erste Nummer des neuen Blattes erscheint kommenden Donnerstag. * Militärische Meldungspslicht rumänischer Staatsangehöriger. Die rumänische Gesandtschaft in Wien teilt mit: Alle rumänischen Staatsangehörigen werden hiermit in Kenntnis gesetzt. daß in der Zeit bis 31. Jänner 1924 im Amtslokal des königlich rumänischen Militärattaches in Wien, 4. Bez.. Belvederegasse 84, die jährliche Vidimierung der Militärpässe vorgenommen-wird. Zu diesem Behufe sind zum persönlichen Erscheinen verpflichtet: a) all« Männer der Jahrgänge 1900 bis 1920. welche im Laufe des Jahres 1923 keine Waffenübung mitgemacht haben; b) alle Männer, die -ihr Militärverhältnis noch nicht geordnet haben oder noch nicht im königlich rumänischen Heere in Evidenz sind. Di« vom Dienst mit der Waffe befreiten und die von der Mobilisierung enthobenen Männer haben die diesbezüglichen Zertifikate mitzubrigen und vorzuweisen. Wer sich innerhalb der obigen Frist nicht meldet, wird in Gemäßheit der Vorschriften des Militärstrafgesetzes verfolgt werden. * Wenn Schachspieler politisieren. Die italienischen Blätter machen sich über einen argen Schnitzer lustig, der dem Schachreferenten der „Stanrpa" in Turin unterlaufen ist. Der ungarische Schachmeister Abonyi absolvierte eine Tournee in Italien, wo er von 30 Simultanpartien 23 gewann, 2 verlor und 3 remis halten konnte. Die „Stampa" tvürdigte diesen hervorragenden Sieger in spaltenlangen Berichten, verwechselte ihn jedoch mit dem Grafen Avponyi und dichtete dem Schachmeister auch die großen Politischen Erfolge des Führers der klerikalen Monarchisten in Ungarn cm. Am unangenehmsten berührt von diesem nnverdienten Lob als Politiker war Schachmeister Abonyi selbst, der allerdings den Sachverhalt erst ans» klärte, als er Turin bereits verlassen hatte. Zum Schaden hat nun der politisierende Schachreferent der „Stampa" auch noch den Spott der Kollegen von der Konkurrenz. * Eine palästinensische Handelszeitschrift. Die Handel und Industrie gewidmete Zweiwochenschrift „Mischrar Betaa s s i a", von der im vorigen Jahr bereits einige Nummern herausgekommen waren, hat unter Redaktion von Josüa G o rdon im Jänner 1924 ihr Erscheinen wieder ausgenommen. Die Adresse lautet: Tel-Awuv, P. O. B. 21. * Die Verfehlungen eines Waisenhausdieners. Am 12. d. zeigte der Direftor Alfred Zohner des Waisenhauses in der Josesstädierstraße 97 beim Kommissariat Josefstadt an, daß der Diener des Waisenhauses, der 31jährige Ignaz Embacher sich an mehreren Zöglingen der Anstalt sittliche Verfehlungen zuschulden kommerl ließ. Embacher wurde verhaftet. Fünf Zöglinge des Waisenhauses, die durchwegs im Alter von unter 14 Jahren stehen, zeigten an, daß sich der Mann im Laufe des Jahres 1923 wiederholt an ihnen vergangen hat. Embacher gab alle ihm zur Last gelegten Fälle zu und wurde dem Landesgerichte eingeliefert. « > »-HOmeint Mm». . * Die Stadt der Scheidungskandidaten. In Amerika gib, es *m Staate Nevada ein kleines Städtchen namens Reno, das .^000 Einwohner und zirka 60.000 — in der Scheidung befindliche Kurgäste zählt. . Diese immerhin erstaunliche Tatv?* M dadurch, daß in den meisten amerikanischen Staaten die Scheidungen unverhältnismäßig erschwert werden, wahrend hingegen der Staat Nevada um einen halbiahrigen Aufenthalt in seinen Grenzen und eine vierstündig'.' Anwesenheit der Ehe'scheidungskandidaten >beim Richter Vorsicht, und schon ist die Scheidung vollzogen. Es ist natürlich, daß in diesem Scheidnngsparadies ein sabc'lhafier „Betrieb" herrscht; denn die „Scheidungskandadaten" wollen während der halbiährlgen Wartezeit zumindest Borpvobrn der zu erwartenden Freiheit genießen, w/nn sie dabei auch manchmal wieder in neue Netze fallen und als glückliche Verheiratete, nur mit einem anderen Ehageifponst, wieder nach Haus zumckfahren. Selbst die Oberkellner in diesem sel-tsamen Stäbchen setzen sich aus Leuten zusammen, die dort ihre halbjähvige Wartezeit ,/iiösitzen". * Entdeckung eines alte« jüdischen Friedhofes in Paris. Aus Paris meldet I. T. A.: In der letzten Sitzung der „Kommission für Alt-Paris" wurde eine Mitteilung des Herrn G r imault über den Text einiger bei Ausgrabungen auf dem Boulevard Saint-Michel im Hose des Cluny-Museums aufgefundener jüdischer Grabdenkmäler arrs Holz verlesen. Die Inschrift ist hebräisch und enthält die traditionellen Gedächtnisworte. Grimault erklärte, in der Nachbarschaft d jetzigen Boulevard Saint-Michel habe ein jüdischer Friedhof noch vor Vertreibung der Juden aus Frankreich im Jahre 130-". durch Philipp den Schönen bestanden. * Jüdische Legionen in Aegypten vor 2400 Jahren. Im Klub ausgedienter jüdischer Soldaten in Jerusalem hielt vor kurzem das Klubmitglied Sukenik einen Vortrag über die jüdischen Legionen, die vor 2400 Jahren in Aegypten bestanden. Der Referent gründete seine Ausführungen auf Dokumente, die er im Berliner Museum für Altertümer gefunden hatte, durch welche die Existenz einer jüdischen militärischen Kolonie in Aegypten um die angegebene Zeit bestätigt wird. Die Annahme der Archäologen geht dahin, daß die persische Regierung diese jüoischen Legionen geschaffen hat und sie nach Aegypten versetzte, um die Bewachung der persisch-ägyptischen Grenze zn übernehmen. Die Papyri, die unter alten ägyptischen Ritinen gefunden wurden, enthalten auch sonst noch bisher unbekannt gewesene Einzelheiten. Ein Papyrus zum Beispiel enthält eine Meldung an den Kommandanten der jüdischen Legionen wegen des Veffachfestes und den Hinweis darans, daß an diesem Feste der Genuß von Chamez und Bier verboten sei. Ein anderer Papyrus stellt eine Liste von Spendenzugunsten Erez Israels dar. * Fingerabdrücke als Siegel. Um Urkunden eine besondere Bedeutung zu verleihen, Pflegte man in früherer Zeit die neben der Hauptunterschrift aufgesetzten Siegel in verschiedener Weise Persönlich zu kennzeichnen. Im 17. Jahrhundert war es beispielsweise vielfach Brauch, auf wichtigen Schriftstücken, und zwar besonders auf solchen, die Verträge oder Versprechen beurkundeten, Barthaare mit in das Siegel einzudrücken. Maiiche Herrscher liebten es auch, bedeutsame Urkunden mit dem Abdruck ihrer Zähne zu siegeln, wie noch erhaltene Siegel eines indischen Königs des 7.* Jahrhunderts, sowie die Siegel des im 10. Jahrhundert regierenden angelsächsischen Königs Ethelstan beweisen. In China und Tibet war es schon vor mehr als 2000 Jahren fast allgemeiner Brauch, den Tonsiegeln der Urkunden die Fingerabdrücke der Hauptbeteiligten anfzupressen. Bei Verträgen setzte man an die Stelle des Siegels übrigens sehr oft auch nur Fingerabdrücke. Und ebenfalls in geswichtlich sehr früher Zeit, schon bei den alten Babyloniern und Assyrern, herrschte die Sitte, daß, wenn jemand bei der Ansfertigung von Dokumenten nicht schreiben konnte oder kein Siegel besaß, mau seinen Daumennagel in den weichen Siegelion eindräckte. worauf dann der Schreiber den Namen des .Betreffenden dancbenschrieb und der Ton gebrannt wurde. Solche Dokum-nue babylonisch-assyrischen Ursprungs mit D iumenn.agelabdrmken fand man z. B. m großecer Zahl bei den amerikanische^ Ausgrabungen in Nippus, die zahlreiches wertvolles Material aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. ans Tageslicht förderten. * Der Talmud und Hans Sachs. Im Talmud (Babc Kama 60) wird erzählt: Rabbi Ammr und Rabbi Jssi saßeo vor Rabbi Jizchak, dem Schmied (denn es gab zur Zeit de; Talmuds Handwerker, die sehr gelehrte Männer waren). Tc sprach der eine zu ihm: „Möge der Herr uns etwas ans der Hagadcrh vortvagen, von den schönen Erzählungen und Legender der Mten." Und der andere sprach: „Möge der Herr uns liebe, etwas von der Halachah sagen, von den Gesehen und Vorschriften des Judentums." Wenn nun Rabbi Jizchak dem einer zu willen sein wollte und mit der Halacha begann, so ließ cs der andere nicht zu. Und wollte er wieder diesem zuliebe Hagadah vortragen, erlaubte es jener nicht. Da sprach er zr ibnen: „Ich will euch ein Gleichnis erzählen. Ein Mann hatü zwei Frauen, die eim war jung, die andere alt. Die jung« Frau riß ihm die weißen Haare aus, damit er nicht so ab aussehe, und die andere riß ihm die schwarzen Haare aus damit er nicht so jung erscheine, so wurde,er kahl auf der einer und auf der anderen Seite." — Diese Erzählung findet sich auck bei dem deutschen Dichter des Mittelalters Hans Sachs ir einem Gedicht, das den Titel hat: Schwank: Woher die Männe, mit der Glatze ihren Ursprung haben (13. April 1669). Et wird dort erzählt: Ein Witwer, 60 Jahre alt. mit schwarzer und grauen Haaren, heiratete am gleichen Tage zwei Frauen eine alte und eine junge, die viel miteinander zankten uni beide sich bei ihm ein schmeicheln wollten. Die Alte brachte d nicht weit in seiner Gunst, daher zupfte sie ihm jedes schwarz« Härlvm aus. „auf daß auch er würde an Gestalt — Ihr gleich geschaffen, grau und alt — Um seine Gunst dann zn erschleichen, — Da gleich sich fteut mit seinesgleichen." Dre Junge merkte das und tat nun das Umgekehrte. „Und wo sie grau« Haare fand. — zupft sie sie aus mit flinker Hand — Und ließ die schwarzen steh'n alleine. —,Aufidaß der Mann recht jung erscheine." So ging das nun eine Weile fort: „Dre Me ihm die schwarzen rnpfte, — Die Junge ihm dre grauen zupfte» — So er von beiden Weibern war — Geraume Zeit bezupfet gar, — Bis kahl und glatzig er gemacht." Schließlich bekam er van der jungen Frau einen Sohn, und der hatte nun auch kein einziges Haar aus dem Kopf. Daher dre Kahlkopfe in der Welt. — Hans Sachs gibt als Quelle eine Fabel an. die Rimicius Mfgeschrieben habe. * Das Radiotelephon Int Parlamentssaal. Man schreibt 'aus Paris: Der Deputierte Lafayette hat in der Kammer einen Antrag eingebracht, wonach rm Saale radiotelephonische Aufnahmsapparate ausgestellt werden sollten, damit das ganze Land die Verhandlungen verfolgen könne. So konnten dre Wähler ganz genarl die Tätigkeit ihrer Abgeordneten beobachten und ihre Haltung beurteilen. Lafavette erklärt in der Begründung seines Antrages, daß diese Kontrolle durch das ganze Land der parlamentarischen Institution nur zum Nutzen gereichen könne. Möglicherweise könnte die Radiotelephonie auch bewirken, daß die Reden viel kürzer gehalten sein werde«. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Kammer den Antrag antttatmfc

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