Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1764 (13.1.1924)
- Date
- 1924-01-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekk 4 Wiener MorgenzeitunK. Men, Sonntag noch vor kurzer Zeit. Man wird den leitenden Persönlichkeiten in Frankreich wohl nicht zu nahe treten, wenn man anniimnt, daß die Rücksicht auf die kommenden Wahlen dabei eine große Rolle mitspielt. Schon während der ersten Monate des Kabinetts Stresemann sei versucht worden, mit der französischen Regierung in einen Meinungsaustausch' über die Lösung der Reparationsfrage einzutreten, doch habe dieser Meinungsaustausch leider bisher keine Fortschritte gemacht. Zur Finanzierung des Deutschen Reiches sei eine internationale Anleihe notwendig, die durch die Haftung des deutschen Grund und Bodens in der Landwirtschaft und Industrie, sowie durch die Verpfändung von Monopolen und des deutschen Eigentums an den Reichseisenbahnen garantiert werden müsse. Die Voraussetzung dafür sei, daß sich Frankreich und Deutschland ehrlich verständigen." Berichterstattung der deutschen Geschäftsträger. Berlin, 12. Jänner. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der kn den umfangreichen Antworten Frankreichs und Belgiens behandelten Fragen werden die deutschen Geschäftsträger von Paris und Brüssel voraussichtlich in den nächsten Tagen zur Berichterstattung nach Berlin kommen. Generalstreik km Rnhrgebiet. Berlin, 12. Jänner.' Mirbachs Telegraphenbureau meldet ims Gelse nkirchen: Der Generalstreikbeschluß ist nunmehr auch auf Bochum ausgedehnt worden. Die Metallarbeiter bleiben in großer Zähl der Arbeit fern. Die radikalen Elemente versuchen, die Bewegung auf den Bergbau auszudehnen. Me erschossenen Separatisten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Frankfurt a. M., 12. Jänner, lieber die Perü.llichkeiten der mit Heintz-Orbis erschosienen Separatisten wird der „Frankfurter Zeitung" mitgeteilt: Dr. Sand war schon seit 1919 als Agent der Freien Bauernschaft in Zweibrücken und Umgebung tätig und arbeitete mit General de Metz zusammen. Er soll auch über französische Gelder verfügt haben. Assessor F ü s s e l e r stammt aus Kim und ist einer der Verbindungsleute zwischen den pfälzischen Separatisten uub den Sonderbündlern im Hunsrück. Der Kaufmann Lilienthal aus Speyer, der einen fdftoeten Bauchschuß erhalten hat, ist als eifriger Separatist bekannt, und die beiden Toten Weigl und Sie gl standen mit Heintz auf dem Dufuß, der sich aus Furcht vor Angriffen auf sein Leben stets mit zahlreichen Freunden zu umgeben pflegte. Der „Matin" meN>et aus Ludwigshafen: Der hiesige Delegierte der interalliierten Obenkommisiion hat einen aus Frankfurt datierten, mit der Unterschrift ,$ u n f Oberländer" versehenen Brief erhalten, worin diese anzeigen, daß sie das unbesetzte Gebiet erreicht haben, und ihre Befriedigung darüber ausdvücken, den Separatistenführer Heintz ermordet zu haben. Sie fügen hinzu, daß ihnen kein Verräter entkommen werde. 8iu politischer Mord sn Berk«. Berlin, 12. Jänner. Die Berliner Polizei ist einem politischen Mord aus die Spur gekommen und setzt zur Aufklärung der Tat 600 Goldmark Belohnung aus. Am 7. d. wurde in den Abendstuniden im Osten Berlins in einem Torwege ein Mann schwer verwundet aufgefunden. Dieser Mann war der Friseur Johann Rausch. Er sollte wegen Verrats an der kommunistischen Partei, deren Mitglied er war, getötet werden. MS Täter kommen zwei Personen in Frage, die in kommunistischen Kreisen äls frage: was das Wesen, der Wirklichkeit, das „Tiing an sich" ist, könne man mit wissenschaftlichen Uoberlegungen ebensowenig hervuSbekommen wie die anderen metaphysffchen Kernfragen: das Problem der Weltentstehung und der Weltordnung. Gewiß keine neue Lehre, besonders für Frankreich, das durch den Renaissancephilosophen Michael Montaigne an diesen Skeptizismus gewöhnt ist. Bergson hat freilich seine Kritik an der Wissenschaft mit ungleich wuchtigeren Argumenten auf Grund der gereifteren wissenschaftlichen Kultur vollzogen. Tann aber tvent sich Bergson von jenem auch prinzipiell. Ton Schluß, womit einst der geistreiche Montaigne die, Versöhnung zwischen Philosophie und Kirche ange-lMhnt hat: wenn der Intellekt uns keine Einsicht in die wichtigsten WissensallgAegenheiten -bietet, so müssen wir die Offenbarung als berufenes Erlenintnis-organ dafür gelten lassen, diese Konsequenz hat Bergson nicht gezogen. Er -hat bekanntermaßen 'der Iniu it i o n die Aufgabe übertragen, -die Innenwelt zu erfassen und von ihr aus das Wesen der Gesamtwirklichkeit zu bestimmen. Das ist in der Methode eine grundsätzliche Abweichung vom Kirchenstandpunkt, und die da-durch erzielten N-csnltate «deckten sich ebenfalls nicht mit der Theologie. So kamen die Bevgsonschen Schriften, als der Anhängerkreis zu einer Art Massengemeinde wuchs, auf den Index. Nun konnte sich der französische Antisemitismus betätigen. In Frankreich steht es mir dem Haß gegen das Judentum motivisch anders als in Deutschland, Oesterreich, Ungarn. Das Motiv der wirtschaftlichen Macht oder Uebermacht, das Motiv der Rassefremd heit hat sich dort nicht als Agitationsmittel durchgesetzt. Der Antisemitismus in Frankreich ist eine Anfeindung religiöser Natur. Er trifft den A n de r s g l ä u b i g e n oder den U n g l ä b i g e n. In der Dveysuß-Afsäre hat die völlig klerikale (ÄM.ralstabsclique ihn geschürt, und was heute noch an Resten von Antisemitismus in Frankreich vorhanden ist, horcht auf die Paroleausgaben des klerikalen Royalisten Daudet. Als nun seiner Zeit Bergson auf den Index kam, war es laich:, gegen ihn antisemitisch zu operieren, -das heißt, 'Denjenigen Bruchteil der Bevölkerung BOJKO Abendu. Ballkleider Teehieider, Kostüme Wien, I. Kamtnerstrasse 34 Eingang Maysedergasse nur im Stock (Lift) i*s der „lange Peter und Fritz" bekannt waren, die der russischen Organisation Tscheka angehören. Lemonstralionea gegen die interalliierte Kontrolllommisfion in Stuttgart. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Stuttgart, 12. Jänner. Anläßlich eines KontrollbesucheS der interalliierten Militärkontrollkommission beim Wehrkreiskommando 6 kam es zu einer Kundgebung durch ein« Anzahl junger Leute, die johlten, pfiffen und patriotische Lieder sangen. In einem unbesetzten Auto wurde ein« Fensterscheibe emgeschlagen. Ein starkes Polizeiaufgebot zerstreut« die Demonstranten. Spaltung kn der Ledebour-Partek. Berlin, 18. Jänner. (Tel. d. ,Mr. MovgeiHeitimg") Die kleine Gruppe der ehemaligen unabhängigen sozialistischen Partei, die die Nürnberger Wiedervereinigung der sozialistischen Parteien Deutschlands seinerzeit nicht mitgemacht hat und selbständig geblieben war, politisch aber kaum eine Rolle spielte, hat sich trotz ihrer Kleinheit gespalten. Der Vorstand und der Ausschuß der Partei haben -ihre bisherigen Vertreter im Reichstag, die Abgeordneten Ledebour, Weg mann und Rusch, aus der Partei ausgeschloffen. Auch 16 Parteifunktionäre sind von ihren Posten enthoben worden. Sie haben Ledebour bereits aufgefordert, eine neue Arbeiterpartei zu gründen, die die Unzufriedenen innerhalb der sozialistischen und der kommunistischen Partei aufnehmen soll. Nordische Thronreden. Schweden. Stockholm, 12. Jänner. Der Reichstag ist gestern durch den König feierlich eröffnet worden. In der Thronrede drückte der König die Hoffnung aus, daß die uneigennützige und unparteiische Politik S ch we d e n s Früchte tragen und daß die in Gang befind- Zionistische Berirkssektio« Leopoldstadt . ... -.=■= Sektor I -■ «—.------ Lienstag den IS. d„ prllrise 8 Uhr abends --d« Tischgesellschaft «arschal Hotel-Restaurant Barschak, H. Große Schiffgasse 3 Bortrag Bros. Mm Freud: „Das nationale Problem im Andentum" Gäste willkommen! Eintritt frei! Jeden Dienstag zwanglose Zusammenkünfte mit Vorträgen zu verhetzen^ der sich in Frankreich aus diese Art verhetzen läßt. Geschadet hat das dem Philosophen nichts. Selbst um die höchsten äußeren Ehve.n ist er darum nicht gekommen. Er wurde Mitglied der „Akademie" vor dem Kriege und nach dem Kriege Präsident der „Internationalen Wissenschaftsvereirrigu-ngen" in Genf. Vor kurzem hat er seinen Lehrstuhl im College de France aufgege-bsn. Dort hat er länger als zwei Jahrzente «das größte Auditorium, das vielleicht jemals ein Professor zu seinen Füßen sah, faszinievt. Gegen Deutschland ist er ungerecht gewesen. Er hat vor allem Schopenhauer viel zu verdanken, denn schließlich war es doch der Verfasser der „Welt als Wille und Vorstellung", der ihm zeigte, daß die Erkennln ismöglichkeit noch nicht am Ende ist, wenn die wissenschaftliche Auskunft über Woltanschauu-ngsfrage.n versagt, der ihm zeigte, -daß man bei genialer Selbstergrübelung auf ein Vermögen stößt, das man kosmisch zum Weltagens erweitern und aus ihm alle einzelnen Oberflächenevscheinungen Merten kann. Bergson hat natürlich auch viel von Kant und der idealistischen Philosophie seiner Nachfolger gelernt. Andererseits haben sich für die Verbreitung seiner eigenen Werke rui-t vorbildlicher Energie der berühmte Historiker der Pilosophie. Wilhelm Windelband, sodann Georg Simmel, Heinrich Rickert und Ernst Tröltsch eingesetzt. Es war wirkl-ich nur aus -der Psychose der ersten Kriegszeit zu vevstehen, daß Bergson die Deutschen als „Barbaren" bezeichnet^ Md den Krieg feierte, der sie für ihre Barbarei bestrafen würde. Als Präsident der Internationalen WiffenschaftSveveinigungcn" kann er viel gut machen. Er, der gewiß am besten weiß, -wie notwendig das Zusammenwirken der Völker für den Erfolg wissenschaftlicher Arbeit ist, wie verhängnisvoll selbst eine verhältnismäßig kürzere Unterbrechung sein kann, kann nun für den Anschluß deutscher und österreichischer Forscher an die Kollegen der Ent'enteseite sorgen. Das ist seine Pflicht und nwhr brauchte er nicht zu tun, um zu beweisen, wie man eine Beileidigung auf vornehmste Weife korrigiert. _i3. JÄnner 1924 liehen Verhandlungen mit Rußland zu einem de. Juteressen beider Länder gerecht werdenden Sandelsabi komme:: führen werden. In innerpolitischer Hinsicht wurd, oiu-e evböhte Sparsamkeit im Staatshaushalt und du Unterstützung der notleidenden Landwirtschaft durch Beb beffevung der Kreditverhältniffe als notioendig erwähnt. Unter «den angekündigten Gesetzesvorschläyen betrifft der wichtigste die Regelung der Wehrs rage nach dem Grundsätze möglichster Effektivität in einem der finanziellen Leistungsfähigkeit des Landes angemessenen Rahmen. Norwegen. Chriftiania. 12. Jänner. (Wofff.) Das Storthrng wurde heute mittags eröffnet. Die Thronrede hebt hervor, daß^oa» Staatsbudget mit strenger Sparfamk e i t festgesetzt worden sei. Man habe sich bemüht, die militärischen Ausgaben möglichst zu beschränken. Die Tbronrede kündigt einen Gesetzentwurf betreffend die Aufhebung deSBranntweinverboteSan. Die A r b e i t » l o f i g k e i t habe fich im Laufe des Jahres vermindert und halte sich durchschnittlich 4V Prozent unter derjenigen des Vorjahres. Neuwahlen ln Frankreich im Mllr,. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Paris. 12. Jänner. (HavaS.) Tardieu teAt im „Echt National" mit, daß eine Anzahl Abgeordneter im Einvernehmen mit der Regierung einen Gesetzentwurf vorbereite, der den Termin, an dem die Vollmachten der gegenwärtigen Kammer erlöschen, auf einen anderen Zeitpunkt verlegt und als Wahltag nicht, wie zuerst vorgesehen, den 24. April oder den 2. Mai, sondern den 9. März festsetzt. Zn der Fincmzkommiffion der Kammer führe mm für diesen Antrag technische Gründe an. Die Frage der neuen Steuern müffe der neuen Kammer überlasten werden. Herriot gegen die RahrpoiMk. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitung") Paris» 12. Jänner. Im Laufe der Kammerdebatte übe» die auswärtige Politik kam es zu einer Aussprache zwischm Poincare und dem Führer der radikalen Sozialisten Herriot, der, wie bekannt, seit langem gegen das Uebergewicht der militärischen Kreise ankämpft. Herriot kritisierte die Ruhrpolitik und betonte unter starkem Beifall, daß die Sicherheit Frankreichs nur durch den Völkerbund garantiert wettren könne. Die Reparationsfrage kann durch die Ruhrbesetzung nicht gelöst werden. Poincare: Da8 ist richtig! Ich habe eL selbst gesagt. (Bewegung links.) Herriot: Diese Frage muß von einem höhere:: Standpunkt auS angepackt werden. Frankreich muß sich mit Englandversöhnen und, ebenso wie England, die Beziehungen zu Rußland wiederherstellen. Frankreich wird sich mit den englischen Arbeitern ebenso gut verständigen können wie mit den Konservativen. (Beifall links, Widerspruch rechts.) Poincare: Ich bin der gleichen Meinung! Herriot: Auch zu einer Annäherung Frankreichs an die Vereinigten Staaten ist die Zeit jetzt günstig. Redner bespricht dam: die deutsche Frage und nimmt gegen die Rechbergscheu Pläne Stellung. (Diese Pläne gehen darauf hinaus, in der deutschen Industrie zwangsweise eine allgemeine Erhöhung des Aktienkapitals zu Zwecken der Reparationsleistung durchzuführen, demnach das Reich zu entlasten. Red.) Poincare: Diese Pläne kommen nicht in Betracht. Briand: Ueber solche Dinge kann man mit einem Privatmann nicht verhandeln. Herriot beklagt die Schwäche der d e u t s ch e n Demokratie,^ er daraus erklärt, daß dem deutschen Volk die politische Erziehung fehlt. Es muß mit denen verhandelt werden, die die Souveränität der Nation vertreten, nicht aber mit den deutschen Kapitalisten, die jetzt mit Frankreich arbeiten wollen, vorher aber ihr eigenes Land verdorben haben und die Neutralität vergiften. Sie haben die Kapitalsflucht organisiert. Die weitere Debatte wurde auf Freitag vertagt. Herriot veröffentlicht im „Quotidien" einen Artikel, der den in seiner Kammerrede vertretenen Standpunkt noch verstärkt, daß nämlich die britische Demokratie Vertrauen verdiene und geeignet sei, dauernd ein gutes Einvernehmen zwischen Frankreich und England herzustellen. Die Ursachen der Arbeitslosigkeit in England seien weder in der Ruhrbesetzung noch in der Politik Frankreichs zu suchen. Der Stillstand der schottischen Schiffswerften sei einerseits durch die Ueberproduktionder Werften am Clydo während des Krieges und andererseits durch das Anwachsen der amerikanischen Tonnage erklärlich. Ferner seien die Tarife für den Transport im Jrmern zu hoch. Englands Spinnereiindustrie begegne einer mächtigen Konkurrenz. Die wirtschaftliche Entwicklung der Dominions fei weit vorgeschritten. Während England im Jahre 1885 noch ebenso viel Eisen erzeugte wie die Vereinigten Staaten und Deutschland zusammen, sei es 1913 bereits an die dritte Stelle, weit hinter die Vereinigten Staaten, getreten. Dies alles seien Ursachen der Arbeitslosigkeit. Gegen die Arbeitslosenkrise gebe eS zwei Mittel: Die Erhöhung der Kaufkraft der frnHeren Abnehmer und die Schaffung neuer Absatzgebiete. Herriot begrüßt es, daß die Regierung in England von einem Manne übernommen werden soll, der diese Wahrheiten erfaßt habe. Die Labour Party sei Frankreich nicht feindlich gesinnt, sie sei die erste Partei Englands, die für die Verbindung der Neparationsfrage mit jener der interalliier t e n S ch ul d e n eintrete. Herriot ist überzeugt, daß Macdonald bereit ist, eine Politik wirtschaftlicher Solidarität an- . zubahnen.