Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1763 (12.1.1924)
- Date
- 1924-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1763 Wien, Saursto-g ‘_ Wissenschaft: wird zn den } it b i schc n K a P i t.a 1 i ft c u in Kost gegeben, die Bilndestheatcr lueröcit aildcrweitig versetzt, und so will man langsam zn den Zeiten deS Kontor' dalS kommen, und wir werden bald dort sein, das; ausgediente Feldwebel als Lehrer bestellt, Geistlichen die Aussicht über die Schule verschafft wird, und das ägyptische und chaldinsche Traumbuch <ur Geltung gebracht wird, das doch nur dazu, dient, die Bevölkerung zu animieren, häufiger in der Lotterie zu spielen. Das kleine Lotto ist eine reaktionäre Einrichtung und paßt so in Ihre Bestrebungen. Die Traumbücher haben für alles eine Deutnitg und geben auch immer entsprechende Nummern für das kleine Lotto an. So hat „Reichstag" oder „Abgeordneter^ die Nummer 10 und bedeutet „getäuschte Hoffnung". (Lebhafte Heiterkeit.) „Prälat" heisst „behäbige Znfünft''. (Heiterkeit.) Abg. Hein l: Und „Fiaker" „trostlose Vergangenheit". «.Heiterkeit.) Abg. Forftncr: „Münster" bedeutet „kurze Dauer eiltes Glücks." (Lebhafte Heiterkeit.) „Ministrant" hat die Nunlmer 19 und fcebeutet: „Du hast sehr wenig gute Freunde." Was für Begriffe man von: Regieren hatte, zeigt, daß „Regieren" dahin gedeutet tvird, daß eine Erbschaft bevorsteht. Das stimmt allerdings mit den Anschauungen der Chvistlichsozialen überein; denn als die Sozialdemokraten in der Regiermng saßen, schrieb die „Reichspost", Präsident Seitz habe den Heinrichshof gekauft. „Reden halten" bedeutet nach dem Traumbuch: „Du wirst in Streit geraten." (Lebhafte Heiterkeit.) „Freiheit" heißt „große Enttäuschung". Das stimmt mit der Tendenz überein. Jährlich werden 50 Milliarden im kleinen Lotto umgesetzt und kaum die Hälfte dieses Betrages tvird als Gewinn ausbezahlt; dem Staare bleibt ein Ertrag von nenn Milliarden Kronen, auf die er wohl verzichten könnte. Die Vorlage wurde schließlich dem Finanzausschüsse zugewiesen. Die nächste Sitzung tvird in schriftlichem Wege emberusen werden. Das englische Unterhaus. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) London, 11. Jänner. Im Unterhause wurden gestern öie Eidesleistungen der Abgeordneten, die einzeln vorgenommen werdett, zu Ende geführt. Dienstag wird der König die Session mit der Verlesung der Thronrede erity'fitcit. Der Ministerrat beschäftigte sich gestern nachmittags mit der endgültigen Fassung der Thronrede. Man.glaubt, daß der Beschluß gefaßt wurde, nicht mehr auf der Schutzs, zoll Politik zu bestehen, sondern dem Unterhause lediglich die dringende Erledigung einiger sozialer Geseke vorzuschlagen. _ Wiener' Moraeiizertunn. Einigung zwischen der Arbeiterpartei und Liberalen zürn Sturze Baldwirrs. Nach den „T i m c s" Ivird di-? T h r o » rede voll der Rot-wendiAdt die s tuanzi-el! e Lage E-u r-o Pa s zu stabilisieren sprechen. Nach „Daily Expreß" Ijafeat sich die Liberale n und Arbeiterführer darüber gee d nigt, das .fta&imdt Bail>dwin zu stü rzen wir auch immer der Inhalt der Thronrede sein uröge. Die Liberalen hätten den Wunsch ansgedrückt, daß -der Iufatzarttvag der 1'lv'beilevpartei als einfaches Mißtrane-ns-votnrn aufgefaßt wer.de, ohne daß ein Zusatz, der auf das Programm der M-lbeiberPartei Bezug hätte, hintzugefügt würde. Dieser Wunsch wirb -mit aller Wahrscheinlichkeit von der Av'beiter-- parloi berücksichtigt werden) Rationalismus und Geldentwertung. lEigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Berlin, 11. Jänner. Der Inhaber der Diskontogcsellschaft, Direktor Franz Urbig, erklärte einem Mitarbeiter des „Lokalanzeigers" über den Sturz des französischen Franken: Die französische Behauptung über eine n it g c b l i che B eratung deutscher Bankiers i n Fr a n kfn r t am Main zum Sturz des Franken sei eine große Torheit. Durch eine Kontrolle der Devisengeschäfte an der Pariser Börse werde der französische Finanzminister ganz gewiß nichts erreichen. Amerika werde sich eines Tages wehren, noch inerteres Gold von Europa zn empfangen. In Deutschland habe der Rentner die Enüvertung der Staatsschuld mit seiner Existenz bezahlt. In Frankreich werde es wahrscheinlich nicht viel anders kommen. Bis dahin werde der französische Finanzminister wohl noch die Erfahrung machell, daß ihm trotz aller Mittel, die er anwerchen könnte, die Bewegung der Devisen aus den Händen gleite. An dem Tage aber, >vo man sich au einem Tisch setzen würde, um über eine Ermäßigung der Reparationen, eine Regelung der alliierten Schulden uitb eine Wiederherstellung der wirtschaftlichen Integrität Deutschlands ernsthaft zn sprechen, würden die Wechselkurse aller valutaschwacherr Länder steigen. Der deutsche Finanzminister habe das besetzte Ruhrgebiet, den sogenannten passiveil Widerstand, nicht mehr finanzieren können, uitb mancher sage sich, daß der Tag kommen iverde, wo der ftanzösische Finanzminister die nationalistisch-militärische Politik Frankreichs nickst mehr finanzieren könne. Warum solle mail also für den französischen Franken optimistisch sein? HMer uud Gemffen. (EigeMenst der „Wiener Morgenzeitnirg".) München, 11. Jänner. Nach der gestern dem Gerichte tzugestMen Anklageschrift des Staatsanwaltes sind im ganzen nenn Personen, die Leim Hitler-Putsch eine 1-. Jänner 1924 Seite- 8 sich re iide Rolle spielten, ocs Hochverrates angeklagt, .tUiA zwar H i t l e r, Lndendorff sowie dessen Stiesisohn, serne-r der chemaligü Polizeipräsident Poe h Ne r, der .stickkber« tretell-de Polizeipräsident Frist der militärische Führer des Kanlpsbnndes, die drei ehomal-i-gen -Qssizftre Bäh'm, Weiß und Weber sowie Lentnant Brückner. DemMon des Danziger GeueralkummMrr. Warschau, 11. Jänner. Wie die Blätter melden, hat der polnische Gcneralkörnmissär in Danzig, Plnr-zinZki, seine Demission überreicht. Als sein Nachfolger wird der ehemalige Unterstaatssekretär im Allswärtigen Amt Dr. Straßburger genannt. Dar llrmiichtigungsgesetz vom Sejm genehmigt. Warschau, 11. Jänner. Der Senat hat das vom Sejm angenommene Gesetz, betreffend die Sanierung der Finanzen und die Valutareform unverändert genehvligt. Berhandluugen Jugoslawiens zur Erlaugung einer Schweizer Anleihe. «Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Belgrad, 11. Jänner. Die staatliche Htst-othetarlbanl ha) abermals Berl/andlungen Mit einer SHWizer Grupve zur Aufnähnte einer Anleihe eingcleitet. Der Mftftstcr für Ackcvban, Milet rc, hat der Schweizer tzegüml-ber ein Expose über die Ausnützung großer imm slawischer tt'ndernechmnngen. entwickelt, für die er o? n Vernehmen nach eine Anl eihe von 10 Mi-lli o nn. S ch iw e i z e r F r a n k e n verlangt. Ungarns Kreditverhandlungen. Graf Bethlen nach London abgereist. Budapest, 11. Jänner. (U. T. K. B.) Min-Perpräsi» l'c.nt Graf Beth l en und Fmanzmimster Kallay haben heute abenids in Begleitung der LeMtionsräte G r a s e n Khuen Hede rvary und Nelky sowie des Pressechefs Angy a n die Reise nach London angetreten, rmr an den am 16. Immer beginnest-den Beratungen des Unterausschusses des VöMübunides teilz'unehnten. Es verlautet, daß Bethlen f-ür die Zeit seiner Londoner Beratungen in der Jnnenpo-litik Ungarns e.inerl gewissetk Waffe u -st i l {* stand hrrbeigeführt haben soll. Der Berkall der llagarkrone. Allgemeine Teuerung Md Jndustriekrise. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 11. Jätlner. Parallel mit der zunehlneaden iltvleninslatioll und dem Verfall der ungarischen Krone in Zürich greift eine allgemeine Teuerungswelle in Ungarn itm sich. Innerhalb fünf Tagen ist der Preis für xinen Zentner Weiten um 17.000 Kronen gesticge'l- Die Krise der ungarischen Industrie nimmt immer schärfere Formen an. Die Zahl der Arbeitslosen in der Seiden-, Futter-, Damenttoffe »NLUL", EüSglT.lasg.H tin Freund der Juden. Von S. Meisels. Es gilt zn unterscheiden: Es gibt eüten 'Phil-osemiten, and es gibt einen Freund der Juden.. Der Unterschied liegt nicht in der Bezeichnung Und in ihrer Deutung, pt liegt im Wesen und Charakter dieser beiden. Gesellschaftstypen. .Dem Wortsinn nach ist auch der Philosemit ein Judieinfteund, aber er ist;es aus Gesinmmgsfexersi, aus einer kalten, leidenschaftslosen Ideologie heraus, wobei die M-eäunng des Kopses die Abneigung int Herzen gewaltsam unterdrückt. Das Vürhältnis des Philosemiten zu den Juden ist lediglich durch seine Stellungnahme zu den Antisemiten gekennzeichnet. Der Philosemit setzt den. Antisemiten voraus; du Juden freund hingegen ist der, der es auch dann sein könnte, wemr es keine Antisemiteir gäbe. Irr Kürze zusamnrengefaßt: Philosemitismus ist letzten Endes nur Auti-Anliscinitismus. Der Philose-mit liebt nicht so sehr den Mordechai, wie er den Hainan haßt. 'Der Judeilfrennd dagegen haßt den Hamair, >veil er tatsächlich dein Mordechai geivagen ist. Der Unterschied ist wesentlich. Im Leberr wie in der Literatur kann -man dein Philosemiten häufig genug begegnerr. Auch in der Gegernvart trifft man ihn überall dort, wo heute noch die sogenannte liberale Weltanschauung auf nahezu schou verschimmelten Prinzipieir reitet. Sehr selten jedoch findet man einen wahren Freund der Juden, einen gradliuigen, aufrichtigen Menscher:, der varanssetzungslos imd nicht unter Beidingungen den Inden gut gesinnt'ist. Heute vielleicht mehr dem:'je ist ein solcher Fudensrennd eine äußerst seltene Erscheinung, unb es geziemt sich wohl, Lei einern solchen Manne,'wenn man-ihm einmal (sei es int Leberr oder in der Liteminr) begegnet, eine Sparme. Zeit zu verweilen, um seine Weserlsart näher zn betrachten. Eine knrze Betrachtrrng möchte ich lhier einem Manne widmen, der im rvahrsten Simre kein Philose,nit, sondern eirr Freurrd der Juderr ioar intb: -desssen Neigurrg zn deir Juden aus seirrer Kerrntttls de8 /Judentums floß. Ich meine den (vor einem Jahrzehnt verstorbenen) kA n ai o t c Lerv h-B eanleu, den großen Gelehrten, den reine Menschlichkeit zierte.' Anatole Leroh-Beaulieu rvar ein freier?Amrn, der die Wahrheit liebte pnd für die Gerechtigkeit gern in die Schrarrken trat. .Er >var kein starrbfressender Stubengelehrler, dem der Ainu für die WssenWft tzen> Sinn jürS Leben trübt, sondern ein Forscher mit frei in die Welt blickenden Augen, einer, der den Pnlsschlag seiner Zeit.zu fühle,r verstarb. Nicht xirr Buch hat ihn auf das Volk des Bnchp's gewiesen, nicht gelegerrtlich eirres Ausflugs auf irgerld.eilt wissenschaftliches Gebiet hat er die Inden und das Jude^rtum entdeckt; mWu int flutenden L^ben fand'er die Juden und mitten irr der lebsrdigen Olersteskultur unserer 'Zeit fand er das Judeutnru. Levoy-Beanlien hat einen üncht unbeträchtlichen Teil seirrer Werke dem Judenprobleni. der Stellung der Juden unter den europäischerr Völkern, wem Judentum nftb seinem Einfluß ans die Entrvicklnng Übet* Menschheitsknltrrr gewidmet. Dieser Geilehrte stellte nicht, ,uie es andere.;zu tnn belieben, über Inden und Jndentnnr eine These (ans rmd legte darrn sorvohl in die Jmdercheit wie'.in das Judentunr alles Crdeirkbare hinein, unr nachträglich aus ihnen'die notwendigen Beweise für seine These heransholeu zrr können. Er hat llirs vielrirehr, in rlatürlicher Reihenfolge, Hrlerft keenueir und dnurr schätzen itnb schließlich' lieben gelernt. Er hatte nicht von vornherdu ein Urteil über '»das Judenttrm, sozusagen eirr Urteil ans Derrrurrstgrüirden — das 'häufig keine Erfahrung bestätigt —, wodurch, er zur Erforschung dieses Objekts veranlaßt nunben wäre. Er hatte wiclrnebr als ein am Leben interessierter Mann, der >an einem ivichtigei, Faktor der LrrltnrrnMschheit nicht achtlos vorübergeherr konrrte, frei vor, jedem Vorurteil das Judentum ^studiert, um sich darüber eiir möglichst objektives Urteil >zrr bilderr. Mark tvird die Stellungrrahme Auatole Leroh-Bearlliens zn den Inden und zum Antisemitismus (nur rnangel-- hafb verstehen, tueun mau. nicht auch die Religiöse Weltarrschauurrg dieses Mannes uub sein riatiorrales Empfinden berücksichtigt. Ana tote.^Lerop-Beaulien rvar ein guter Christ urrd ein noch besserer Franzose. Sein bekarrirles Werk: „Israel unter .den,Nativneu" beqkuirt mit den bezeichnenden Worten: „Dieses Buch hat ein Christ und'Franzose geschrieben".?lls Christ >oar er überzeugt, daß '„ber Geist der Unduldsamkeit beui Christentum widerstrebt" und „daß ilichts weniger ist nach bdit Sinne des '-Evangeliums als Rassenhaß". Als ' Franzose hielt er Frankreichs Ueberlieferung von Gerechtigkeit und Freihell heilig und,er hätte sich selbst berlengnen müssen, toenn er diesen heilkräftigen- Zündsätzen rintreu getvorden tväre. Anatole Leroh-Beanlien war aber nicht allein ein. guter Christ nud Franzose, er lvar rveit mehr: er lvar ein auf- -rWlley DMA. starker,; sie verdient in rrnserer charakterschwachen Zeit mit besonderer Anerkerrnuilg .hervorgehoben zu werden. Lewn Beanlieu rvar durchbrrmgerr von der Erhabenheit des Evangeliums, aber sein christliches Bewrlßtsein hat ihn n-ichi blind gemacht ,sür die Tatsache, daß das .Evangelium, das er- „bas Lieblichste unter der Sonne" rrermt, von semitischen Stämmer, arrsgegangen ist. „Dem steinige>t Boderi Swrens entsproß die Feldlilie, deren Wohlgeruch rmch rreunzehn Jahrhrmderteik noch die Welt durchduftet. Das herrlichftt-. Wort rnenschlicher Sprache, das Wort Mchftenliebe, ist aridem Münde der Kinder Sems gekommen." Und als Frau- Zofe hat er es nie vergessen, daß ^Frankreichs Überlieferung vorr Gerechtigkeit junb Freiheit, jener Ueberlieseruug, die er Frankreichs einzige Größe nennt, eine gleichlarrtendc viel ältere Ueberliefernng grr Grrrnde lag. „Wohl ist per Jude berechtigt" — so schreibt Lerov- Beaulien in.seinem Werke: „Israel chez les Natrons" —, „uns daran zn erirrnern, wemr wir im Begnsfe scheinen, es zn vergesse,!: Mauersteine aus Palästina sind in dern Unterbau rrnserer neuen Gesellschaft eingefiigt. . . Der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit ist ein israelitischer (Gedanke ... Das Reich der Gerechtigkeit auf Erden iwar Indus Traunr . . . Man muß, um dem Urquell von 178v) nachzuspüren, unter der Reformation, unter der fKenaiifaitCc’ fortgraben; man pruß über das klassische Mterturn und das Evangelium hinaus bis auf die Bibel, die Thora und die Propheterr znrückgehen. In diesen, Sinne, dies ist richtig, stamrnt das neue Zehngebot der Menschenrechte voir den von! Sinai hergebrachten. Eiesetzestaseln ab und ist die Nacht des 1. August eirr fernes, nnwillkurliches Echo vom Horeb gekveseu." Ein ivahrheitslicbender Manu, der er war, hat Anatole. LerowBeaulien nie — wie viele andere christliche Gelehrte — in bezug aus das Judentum aus allzu Deutlich erlennbare» Gründen manche geschichtliche Tatsache geleugnet oder gar das Gegenteil davon als historische Wahrheit ausgegeben. Den Edelmut feines Charakters bezeigt auch der Wahlsprnch, der -ihm zeilleberkS als Leitstern vorartgeleikchtet 'hat. Dieser Wahlspruch heißt: Caritas et Par! Anatole. Eerow 'Beanlieu, der Christ und Franzose, nennt diesen '.Wahlsvrnch christlich und französisch: aber wenn Priorität Eigentumsrecht verleiht, wird ruait ihn mit gutem 'Fug als jüdisch bezeichnen dürfen. Und so ist auch hierirr eine Art geistiger Bindungzwischen diesem Jndenfrerurd uu'd dem indischen Meiste in her edelsten Form hergeslellt.