Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1760 (9.1.1924)
- Date
- 1924-01-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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AUS?« V 9tIR o Wim. MÜw«H ' BMene* SWowenneffti«#. Sttr Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung. Arnold Ruse. El» paar Stunden hat die nationalsozialistische Herrschaft in München nach dem Hitler-Putsch*) immerhin bestanden, gerade lanie genug, um zu zeigen, wie sie sich die« Aufbauarbeit Deutschlands dachte. Rekapitulieren wir in Umris'en die bekannten Tatsachen: Ein Trupp von bewaffneten Hakenkreuzlern stürmte da- Rathaus und verlangt^ vom Bürgermeister und den sozialistischen Stadträ:en die Hissung der schwarz-weiß-roten Fahne nebst Beseitigung aller republikanischen Abzeichen. Als sie dreimal abgewiesen wurden, nahmen sie die RachimsfrMMonäre gesangen and überantworteten sie einem Exekutionskommanbo, daS sök ans ein Lastauto packte und in einem nahen Walde an ihnen das Bluturteil vollziehen sollte. Durch Zufall und List sind d e „Verur eilten" gerettet worden. Ein anderer Trupp suchte im RedaktionSgebäube der „Münchner Post" den sozialistischen Führer Auer, der schon wiederholt Attentatsplanen und Attentat^versuchen ausgesetzt war, auf. Sie fanden ihn nicht und schlugen anstatt feirwr den Druckereibetrieü kaputt. Ein paar Ausrufer verkündeten in der Stadt den ersten „obrigkeitlichen Erlaß": die Juden Theodor Wolfs, Georg Bernhard, Max W a x b u r g, Oskar Cohn, Landsberg, außerdem Ebert und Scheidemann, feien tot oder lebendig dem „nationalen Revolution s t r i b u na l" auszul'esern, das über alle „November- Verbrecher" Gerichtstag halben werde. DaS war die erste Kostprobe. Hätte das Regiment Hitler ncch ein längeres Gastspiel bis zur.Wiederkehr gesetzlicher Zustände geben können, so wäre folgendes Programm als einleitende Aktion für die Erneuerung Deutschlands abeelaufen: Bestrafung^ä m tl ich e r opvositio- »«Her Journalisten, Abgeordneten und Agitatoren, die in Rede und Schrift die Revolution von 1918 gefördert haken oder „der nationalsozialistischen Bewegung Schaden zufügten". Hitler hat in einer Zirkusrede seine ^Gemeinde «»gewiesen, i» ein Ertranotigbuch alle Gegner einzutragen, die einen „Nationalsozialisten in seiner politischen Ehre gekränkt" haben. Daraufhin sind in den Münchener Organisationen der Natwnalsozial'sten und und des Korps „Oberland" tatsächlich Listen über.„straffällige" Personen geführt worden. Man hatte sogar für den „Tag der Abrechnung" schon Vorarbeit geleistet. Ein Teil der auf die Liste gekommenen Männer war bereits durch die „Tribunale" innerhalb der Verbände „abgsurteilt" worden. Tod oder Freispruch. Mit den Kleinigkeiten, die dazwischen liegen, gibt sich diese großzügige Justiz nicht ab. Fünf Angehörige einer Organisation, die nichts weiter als 21 Jahre alt zu sein brauchten, hatten die Kompetenz, über Tod und Leben der von irgend einem Mitglied auf die Liste gebrachten Person zu entscheiden. Obenan stand Auer und mit diesem Vietgehaßten haben sie ja während ihrer Stundenherrschast auch beginnen wollen. Wie viele gefolgt wären, weiß man nicht, weil die Nied:trwerfung der Hitler-Verbände doch nur bis zur.militärischen Entwaffnung, aber nicht bis zur Beschlagnahme aller.kompromitt'erenden Schriftstücke ging. Als Programmnummer zwei war eine radikale Ausweisung aller nicht in Bayern gcborgen Juden unter Konfiskation des Vermögens geplant. Sodann wäre die Reinigung der Universitäten, technischen Hochschulen, Gymnas'en von allen „u n a r i s ch e n Elementen" er-, folgt. Ken Numerus clausus, nein, jeder Jude hätte die Lehrtätigkeit einstellen müssen. Man fragt sich, neun man ein solches Programm erfährt, wer oder welche Leute da diesem sprunghaften Wthsel von Wahn und Niedertracht d'e Zügel schien .gelassen haben. Hitler? Ter ist mindestens taktisch in der letzter/ Zeit nicht so ungeschickt gewesen, um damit zu beginnen. Ludenborsf? Ter dachte fürs erste nur an den berühmten Marsch «ach Berlin. Dieses Jrrsinnsprogramm ist dem Hirn des halbnärrischen und jedenfalls in vielfacher Beziehung, gemeingefährlichen Privatdczenten ArNcld Auge entsprungen. 1 Eine Zeltlang war der Herr als Führer des „Blücherbundes" in der nationalsozialistischen Bewegung tonangebend. Hitler hatte viele Leute seiner Partei vor dc» Kops gestoßen. Einige beneideten ihn um seine Popularität, ander t nahmen ihn mangels e'ner aka emischen Bildung und ''mangels eines höherem M.'litürgrades nicht für voll, den Radikalsten war er nicht radikal genug. Als nun gar der analphabetische Schre'hals Esser die führende Stellung in der Partei anstrebte, sagten die „Akademiker" und Militärs: DaS machen wir nicht mit. In ‘.b-icfcr Situation kam Rüge, der Privatdozent und der Hyperradikale,'gerade recht. i , In Deutschland beliebt man jetzt vor Gericht'— wenn es gegen republikanisch: Angeklagte geht — das verfahr f l, die Vergangenheit des Beschuldigten bis zur.Knabenzeit zu enthüllen. Rüge war voriges Jahr Gegenstand eines Verfahrens wegen Aufreizung zum Mord. Das Münchener Bolksgericht hat ihn aus ein Jahr ins GesängniS ge'chickt, Bergangenheitsenihüttungen hat es ihm aber taktvoll erspart. Im Zusammenhang mit der *). .Siehe „Wiener Mergerizsitung", vom 2. Jänner 1324». Mordefsäre Bär-Tairfo» wird er ja wohl bald wieder mit dem Gericht in Berührung kommen. Wenn es dem Forum beliebt, den Film Arnold Rüge von seimer Studentenzeit an abrollen zu lassen, wird dies ein instruktives Charakterbild mit dem Untertitel „Wie der Streber Schifsbruch litt" abgeben. Sicher ist aber nicht, daß d e Gerichte diese Arbeit vornehmen. Ms grcß aufgeschossener, heiler Germanenjüngling kam Rüge 1905 nach Heidelberg» um daS philosophische Studium zu vollenden. Don Haüse auS war'er arm, er suchte Nebeneinkünfte. Er gab Stunden, wurde Kustos der philosophischen Seminarbibliothek, bezog Stipendien, schrieb für Zeitungen. Die Stipendien bezog er hauptsächlich aus jüdisch«: Quelle, seine Artikel schrieb er unter anderem für die „Frankfurter Zeitung". Es leben noch heute Juden genug in Heidelberg, die ein Dankschreiben von Arnold Rüge cuske oah en, und die „Fr n?surerZe'tmg"hatvor weh e en Monaten einen Artikel zitiert, in welchem Rüge den antisemitischen Hochmut an den Universitäten verurteilt. Ein fle'ßiger, vrrurteilslosec, höflicher, bescheidener Marsch war der Studiosus Rüge. Ter junge Doktor wurde wie über Nacht ein anderer Kerl. Er hatte sich an seinen Lehvor Windelband herangeschlichen und war beherrscht von dem Gedanken: mit se'ner Hilfe muß ich Karriere machen. Er umschlich ihn, er umwinselte ihn, man bezeichnet das Verhältnis von Windelband und ihm nicht anders als mit der Anspielung an die bekannte Sentenz aus „Götz von Berlichrngen". Er erreichte aber auch, was er wollte: in kurzem war er Privatdozent der Philosophie. Politisch änderte er sich vorerst noch nicht. Da geschah es, daß ein jüdischer Dozent ihm bei der Beförderung zum Professor vorgezogen wurde. Das hat ihn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Ter Haß gegen den jüdische» Rivalen erweiterte sich zum Kollektivhaß gegen daS Judentum. Er wurde noch vor Kriegsausbruch Antisemit von. einem Fanatismus, der in Westdeutschland zu jener Zeit geradezu lächerlich wirkte. ES passierte ihm dabei mancher ganz lustige Reinfall. Wegen Beleidigung einer Frau wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. In der Zuschrift nn eine- Heidelberger Oeitpttg erklärte er dieses „Schandurteil" damit, daß der Jude von Lilienthal mitgewirkt habe. Es stellte sich heraus, daß der Richter ein naher Verwandter des Königs von Schweden war. Einmal verband er sich mit dem Journalistenprosessor Koch zu einer Kampagne gegen die beiden berühmtem.Professoren Max unh Alfred Weber, deren „Judentum die ganze Heidelberger Universitäten verpest»". Die Weber waren keine Juden, wohl aber der Professor Koch. Auf alles, was Jude war und Erfolg hatte, fiel der Rugesche Fluch. Ludwig Franks Popularität verdroß ihn dermaßen, daß er in der Kundgabe seines Aerzers kindisch wurde. Er stürmte in den Saal, wo Frank sprach und schrie wie ein Tobsüchtiger: „Wenn soein Saujud redet, ist kein Platz im Saale leer, zu meinen Versammlungen kommen ein paar Dutzend". Ter Krieg brach aus. Frank meldete sich als Freiwilliger und siel im Felde. Arnold Rüge blieb zu Hause und begeisterte andere für solches Schicksal. Das giyg drei Jahre so, dann erreichte ihn die Cinberusungsrrder und alle Re'lamationen halsen nichts. Da setzte der edle Barde seiner Feigheit die Krone auf. Er Le trlie die Zeitungen in Karlsruhe nnd Heidelberg an, auf seine Dienste aufmerksam zu machen, die er in der Heimat dem Vaterland erwiesen hat. Die ganz konservativen Blätter taten's auch und Held Rüge blieb in Heimatdieusten dem Vaterland erhalten. Nach dem Krieg gingen die Stänkereien, als die Reaktion e stark:, von neuem los, zuerst hauptsächlich gegen die Heidelberger Universität. Gern hätte man drm lästiger: Schreier mit dem Professorentitel den Mund gestopft, aber Rüge hat wissenschaftlich gar nichts geleistet, was ein Anrecht darauf gibt: kein Werk von Belang, keine Vorlesungen, keine Seminarübung außerhalb des ausgetretenen Lehrpensums. Das ging also nicht. Man gab ihm zu re.stehen, bring' etwas Ordentlichrs zustande, dann kannst du weiter Karriere machen. Rüge tat das «aber nicht, er schimpfte weiter. Da wurde es der Universität zu dumm; sie setzte ihn mitten im Winter-Semester 1921 an die Luft. Nun sank er vom moralisch Widerwärtigen in da- Ekelhafte mit kriminellem Einschlag. Unter dem Name» und Titel Grhclmrat Berger , leitete er im Freikorps „Oberland" zur Zeit der.Polenkämpfe ein Femgericht. Einmal war der Steckbrief wegen Anstiftung zum Mord bereits gegen ihn erlassen. Rüge flüchtete nach München und war in Sicherheit. .Der Steckbrief wurie seltsamer Weise aufgehoben. J:jtzt aber kommt doch an den Tag, waS er in Schlesien seinerzeit ge.an hat. Er ist es, den der Mörder Bür bezichtigt, als obe.ster „Femrichter" den Mordbesehl gegeben zu haben. Rüge hat überhaupt eine Vorliebe für diese Form der Justiz. Als er seinen Wohnsitz vor eineinhalb Jahren nach München verlegte, gründete er zuerst den „Blücherbund" und abermals das erste darin war'.die .Gründung eines Zemgerichts. unter, seiner Leitung» - 9. tzanmr 1984 '_ Nr. 1760 Im FnchS-Mechhaus-Prozch hat baS ein Zeuge ihm ins Gesicht gesagt «nd alle, dk. der Szene berwchnten, diejenigen erst recht, welche seinen Lebcnsfilm etwas besser kannten, wußten, daß der Zeuge« die Wahrheit sprach. Rüge leugnete und er leugnet ja auch heute, mit dem Mord an Sams on in Schles'en etwas zu tun gehabt zu haben. Er ist bisher gut weggekommen. Nur eine Strafe wegen Aufreizung zum Mord, nicht wegen Anstiftung, hat ihn getroffen und mit einem-Jahr Gefängnis ist das nach dem Spruch deS Münchener Dclksgerichies gesühnt. Es ist gut, wenn man einflußreiche.Freunde hat, und einen solchen hat er an dem stellvertretenden Polizeipräsident» Frick besessen. Jetzt aber ist Frick beim Hitler-Putschselbst unter die Räder gekommen. Rüge wird also zusehen müssen, wie er dieses Mal entschlüpft. Das ist der Held der nationalsozialistischen Bewegung. Wenigstenist er es gewesen, als die politische Konjunktur den unbesonnensten Radikalismus entband. Auf seinen Lebensweg zurückblickend wird ja jeder Beschauer sofort im klaren sein, der Mensch ist nicht nur ins moralisch Minderwertige und ins Kriminelle, sondern auch ins Pathologische gesunken. Wer ihn bei seinem letzten gesehen, in dem er sich verantworten mußte,'.den Studentin Wengauer zum Mord an dem Studenten Bauer gufgereizt zu haben — die einjährige Gefängnisstrafe (.dafür sitzt er jetzt ab —diesen Menschen \jnit dem Kopf des kranken Nietzsche, der wird nach allem doch'starke Zweifel an der Richtigkeit der psychiatrischen Gutachten haben, die 'ihm klare Besinnung bei pathologischem Einschlag zugestehen. Wie lange wird es dauern, bis (der Kulturhistori-ker über die ganze nationalsozialistische Bewegung, die eine Zeitlang von einem solchen Mann gesteuert werden -IkonntH genau so urteilen wird? Die Untersuchung über den Hitler-Putsch. München. 8. Jänner. Wie die Blätter melden,'nimmt die Untersuchung üder den Hitler-Ludendorf f- Putsch einen ungeheuren Umfang an. Bis jetzt ist die Anklage gegen 100 Personen erhoben'wor'»:n. An verantwortlicher Stelle trägt man sich mit der 'Absicht, den Prozeß nicht in München stattfinden zu lassen, .sondern in einer P r o v i n z st a d t, wo die Prozeßabwicklung sich glatter gestalten dürste. 1 Esser nnd Wring gehen ins „Ausland". Wie die „JnSbrucker Nachrichten" melden, Hat der Führer der bayrischen Nationalsozialisten Hermann Esser gestern Tirol verl assen und werde der Fliegerhauptmann Gör in g, der Öberkommandant der bayrischen nationalsorialistische» Truppen, in der nächsten Zeit ins Ausland g e h e tt. Sie Finanzlage Polens. (Cigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 8. Jänner. Im Finanzausschuß des Senats begann die Debatte über das finanzielle Ermächtigungsgesetz. Ministerpräsident G r a b S k i versicherte, daß schon in der nächsten Zeit die Notenpresse zum Stillstand gebracht werde und daß auf Grund der Steuereinnahmen die Bersch u ldung deS Staates an die polnische Darlehenskasse aufhören werde. PMdalir Bedingungen adgeiehut. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) , Warschau, 8. Jänner. „Kuryer Poranny" bestätigt die gestrige Nachricht, wonach Präsident Wojciechowski die Bedingungen Pilsuhskis wegen Uebernahme der Stelle des Chefs des Generalslabes abgelehnt habe. Mehrere Blätter bemerken, daß die zu erwartende Demission der KriegSministcrs SoSnkowSki und die Ablehnung der Ernennung PUsudSkiS eine neuerliche parlamentarische Krise mit sich bringen könnten. ES ist auch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kriegs-- minister und dem Ministerpräsidenten gekommen, so daß dieser angeblich mit der Demission des GesamtkabinettB gedroht habe. Kanikli — Minister Kr Landwirtschaft. Warschau, 8. Jänner. (P. T.-A.) Der früher« 5<cmV kvirtschastsminister Stanislaus Kanicki ist zum Minister für Landwirtschaft ernannt worden. Pemissto» de» Manischen Minister» Kr Wische Angelegenheiten. Kowno, 6. Immer. (I. T. A) Da das litauisch:. Pavlamrnt beschlossen hat, das Budget für jüdische Ang-okegerchriiten in Litauen fast zur Ganze zu streichen, hat dar Ministe für jüdische A-ngül-eGeniheitm, Tr. Rosenbäum, nach Devsin'barnng mit dem dortigan Zionistisch:« un>d den übrigen im jüdischen Navwnal« rat vertretenen Gruppen, seine Demission groben. DaS DemisiionSschvsiben lautet: „In Anbetracht dessen, daß das Pvog-raimm, um d:ss:n!>willen ich die Leitung drs Mim« steBliums für jüidiis-che AnGclegenh'aiten übernommen habe, nun nicht verwirklicht werden bann, hatte ich mein werteres Bevbleiiben auf di'chcm Posten für nutzlos. Ich bitte also Ew. Exzellsnz, dem Herrn StzaatHPrä'Mmen Vv-rzuischlagen, daß er mich von mo-nem Posten befreie." Eine Gnt'schcidung über 'das T>emlsslcuLvesuch ist noch nicht ge.t>vcffen. Ministerpräsident Gal'vaäainski ersuchte Tr. RofenLaum, bis zur Dntschc'idung über sein TemisswttSHSs-uch die Geschäft« wei-terzuft'chren, »-