Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1753 (2.1.1924)
- Date
- 1924-01-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980836--17292-3004282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SWWLA LLW»MWCAWWW^Ä^ELLviW«E^.'MM'->?:.s«!Mpr,'! Veiie 4 Bien, Mittwoch Tagesbericht. Keatahrrempfang beim BunSesvrästdenten. Gestern fand ein feierlicher Enrp^ang des gesamten diplomatischen KorpS durch den Bundespröstdenten Doktor Hair, > sch im Beisein des BundeSministerS für AeußereS Dr. Grünberger statt. Die Chefs der diplomatischen Mission-n, die dem Dundespräsidenten ihre Neujahrswünschr auSsprachen, waren bei diesem Anlasse vom diplomatischen Personal beglett-t. Empfang Seim deutschen Gesandten. Eine Rede Dr. Pfeiffers. Bei dem NeujahrSempsang der Mitglieder der deutschen Gesandt'cha't gab Gesandter Dr. Pfeiffer in einer kurze» Ansprache der Zuversicht Ausdruck, daß sich nach den überaus traurigen Ereignissen und Zuständen im Jahre 1923, daS die Geschichte wohl als das schwerste Jahr auf dem Leidenswege deS deutschen Volkedereinst bezeichnen dürste, die Lage im Jahre 193-1 günsdigex gestalten werde. Kn Lynchgericht in Avezzmo. Die Menge verbrennt öffentlich einen Dieb. Aus Rom wind gemeldet: Samstag überds wurde in der Kirche von A v e z z a n o ein Einbruch verübt, wobei mehrere GeaenistänL« entlwrrdet wurden. Der Dieb wucke von Karabinier« verhaftet und in der Kasern « i n t e rn i er r. Sonntag abends drang eine VeWinenge mit d-er städtrsL«n Mustköapell« an der Spitze in die Kaserne ein, tötet« den Dieb mit Beilhieben, schleppte den Leichnam durch die Ärratzen und verbrannte v‘m sedann aus dem Haupt platz. Die Regierung ha: Karcbinieri nach Avezzano entsandt und eine strenge Untersuchung eingeleitet. Urberschwemmungsgekahr in Paris. Auz Paris tt*rd unS gemeldet: Die Seine steigt nntmMirlich. Der Wasserstand bat daS sogenann'e K a rast rophenniveau erreicht. Man befiirchtet eine N e d c rschwemmnng wie im Jahre 1913. gugsrnsammerrstoß in Paris. Paris. 1. Jänner. (Tel. der „Wr. Brorgenzeiti-ng".) Gestern nach's gegen 11 Uhr ereignete sich bei der E.nsrhrr im Nordbahnhof ein Aufszusammenstoß. Der Brüsseler Schnellzug fuhr infolge falscher Weichen st ellung in einen in gleicher Richtung fahrenden Vorortezug. Hierbei wurden neun Personen leicht und drei schwer verletzt. Die Mauz der Renjahrrnacht. Vorgestern hat Dien feinen traditionellen Silvester« tummrl gehabt. Während die Sache im hellen Glanz der Lichter, in weinstliger Laune noch immer irgendwie eine« Schein von Fröhlichkeit und Humor batte, steht, der öde Wirbel im grauen, nüchternen Lichte des Alltags anders aus. Der Bericht über den Neujahrsrummel wird am Tage nach dem Feste gewöhnlich durch den von keinerlei Jent'.mentaiität beschwerten Poli zeibericht verstandms« voll ergänzt. Das Neujahrs bullet« n der Polizei erzählt in weniger guter, dafür aber deutlicher und anschaulicher Sprache, wie Wien sich in der Neujahrsnacht amüsiert hat. Beim Cafe Habsburg kam es um halb 8 Uhr früh zu einer Rauferei, bei der ein Mann durch einen Hieb an der Stirne verletzt wurde. Im Prater, vor einem Ringel« spiel, trug ein besonders Vergnügungssüchtiger zum Andenken an das Neujahr 1924 S ch n i t t w u n d e n an bei« den Schläfen und an der linken Wange davon. Mit einer Schnittwunde am rechten Unterarm kam gegen 3 Uhr eine Hilfsarboiterin zur Nettungsgesellschaft. Die Verletzung - war eine Folge der animierten Unterhaltung in einem Praterwirtshaus. In einem Kaffeehaus in der Verggaffe ging es ebenfalls recht lustig zu. Dort erlitt ein Haus« .beforger und sein Bruder Schnitt« und Stichwunden. Im Allgemeinen war wegen der eisigen Kälte und des Schneegestöbers die Beteiligung an der Neujahr« lustbaikeit recht schwach. Diese schwache Beteiligung mag wol-l der Grund dafür sein, daß die Polizei in der Innern Stadt im ganzen zwei Arretierungen vorzunehmen genötigt war. B'S in die Morgenstunden hinein führten Besoffene, ihre für teures Geld erworbenen Neujahrsräusche heim. Gruppen von „feschen Drahrern" zogen, krampfhaft Fröhlichkeit markierend, durch den eisigen Schneesturm nachhause, während von den Dächern im trüben Zwielicht des c. anenden Morgens das Gespenst des Katzenjammers grinste... Pettunkme nnt der Lokomotive. Ein gefährlicher scherz". Der „goldene Humor" ist in Wien noch nicht' ganz auS- .cstorben. es g'bt noch immer Leute, die über eine gewiss« Lei'crleit d^s GemütS verfügen und imstande sind, Scherze zu „verüben", wie den folgenden: Am 31. Dezember abends hört« Stadtschutzwache vom Handelsöcn her ununterbrochen schrille, gellende Notsignale' di-e von einer Lokomotive herrühren mußten. Der Schall drang vom Lagerhaus der Sadt Wien her. Die, Wache eilte hin und sah auf einer Lokomotive den Lokomotivführer Josts V e st a und den He-izar P«ter Ertl in total.b«lMnr«nem Kustande. Ans §>etz gaben st« die Pfifft äb. Cie hätten mit einem Äu'.er« zng gegen den Handelskai fahren sollen. Inzwischen teert auf di« Pfiffe ein Betriebsbcamter herbeigeeilt und fo.derft die beiden, aus, die Lokomotive zn verlasstn. Pesia und Ertl »ei* 4«rr»a Kitz Schließlich mußt« mit ihrer Arretievunvorge- Mener Morgenzeltung. 2. Jänner 1924 Nr. 1753 Zn der Neniahrsuacht. ♦ In der Neujahrsnacht erregte ein auf ungewöhnliche Art verübter Selbstmord eines jungen Mannes bei der Oper riesiges Aufsehen. Ein junger Mann hatte sich durch eine E k r a s i t p a t r o n e in d'e Luft gesprengt. Wie sich nachträglich herausstellte, hatte der Selbstmörder kurz vorher einen Raubüberiall verübt und die Tat wahrscheinlich aus' Für chtvor Strafe begangen. In der Nacht vom Montag auf Dienstag um 11 Uhr 60 Minuten erdröhnte bei der Staatsover eine heftige Detonation. Als man, herbei eilte, fand man unter dem Holz, gerüst der Siaatsover die Leiche eines jungen Mannes in einer riesigen Blutlache. Der Kopf der Leiche war nahezu vollständig zerschmettert. Am Rumvf befanden sich nur noch Neste der Kopfhaut und in dem Umkreis von etwa 17 Schritten Gebirnteile und Knochenreste des Schädels. Unweit der Leiche lag ein Stück Zinrdschnur. Die Leiche war die eines etwa 25^.hrigeri Mannes. E'ne Schnß'vafft wurde bei den: Tcpen nicht gefunden, und das Vorhandensein der Zündschnur deutete darauf hin, daß der Mann sich mit einer Sprengpatrone, die er in den Muyd genommen, getötet batte. Es wurde festgestellt, daß der Selbstmord dadurch verübt wurde, daß der Mann eine Ekrasitpotrone in den M u n d g e n o m me n u nd m 11 e i n e r Z ü n d s ch n u r zur Explos'on gebracht.hatte. Man fand bei dem Toten zwei Legitirimtionskarten, eine auf den Namen Eugen Vfeffermann. Gesamtverband jüdischer Hochschüler Oesterreichs (Judäa-Sektion Mediziner) und eine Destät'gung der „Milli "-Grube in Mickenoerg auf den Namen Hermann Kürbis. Außer einer Schachtel Zünder und einer Hundertkronennote batte der Tote mchts bei sich. Die Karte mit den Namen Hermann Kürbitz gab den Fingerzeig zur Agnoszierung des To*en. Ein Zrrkula"telegramm des Kommissariates Nudolfshe'.m baue die Verfolgung eines Hermann Kürbis angeordnet, der am Abend des 31. Dezember in der Koblenbofaasie emen Raub an fall mit einem Spießgesellen, der unmittelbar nach der Tat verhaftet wurde» verübt hatte. Bei diesem Uebsrsall tvar die GeflügelbaMerin Charlotte Fleischer, die nach Geschäftsschluß ' mit eine» .Handtasche, in der sich 25 Millionen Kronen befanden, in der Kohlenhofgassc überfallen worden. Die beiden Räuber, die plötzlich aus dem Dunkel auftauchten, verletzten die Frau durch Hiebe auf dem Kovf und ergriffen mit der Handtasche die Flucht. Auf die Hilferufe der Frau wurde die Verfolgung der Räuber, die in der Richtung zum Wcstbahnhof davonliefen, ausgenommen, und einer von ihnen, der Monteur Artur Kühne, konnte verbastet werden. Durch die Erhebungen wurde festgestellt, daß der Monteur Hermann Kürbis der zweite Räuber war. Die beiden Burschen waren ans Deutschland nach Oesterreich gekommen, hatten in Turn I tz als Monteure gearbeitet. Ende November kamen sie nach Wien, doch fanden sie hier ksine Arbeit. Kübne und Kürbis wohnten zu diestr Zelt hu Hmel Holzwarth in der Mariahilferstraße. Nach und nach aber wucbs ihre Schuld dort zu einer für sie unerschwinglichen Höbe an. Sie versetzen aller, was sie hatten, doch waren auch diese Summen bald verbraucht. Als ihre Lage immer trostloser wurde, kamen sie auf den^Plan, sich durch ein Verbrechen Geld zu verschaffen und beschlossen, einen Raubanfall ansznführen. Die Idee, die Geflügelbändlerin Fleischer zu überfallen, sei. wie Kühne angab. von Kürbis ausgegangen. Tatsächlich wurde am Abend des 31. Dezember der Naubplan ausgsfübrt. Dabei sollte Kürbis d'e Frau mit einem Gummiknüttel an einer einsamen Stelle Niederschlagen, während Kühne mit dem geraubten Gelds flüchten sollte. In einem Haustor lauerten sie nach 7 Uhr der Frau Fleischer auf und führten den Ueberfall in der geplanten Weile aus. Das Ge*d wurde bei Kühne gefunden und sichergestellt. Im Kötel Holzwartb wurde gestern auch das von beiden zur-ückgelassene Gepäck beschlagnahmt, wobei man in dem Rucksack des einen noch drei Ekrasit- Patronen fand. Kühne gab an, die Patronen bei den Arbeiten in den Steinbrüchen von Türnitz gestohlen zu siab-'n. gangen werden. Es stellt sich heraus, daß die Lokomotive furchtbar überheizt war. Man w-r ceno'hg', nm allen Möglichkeiten vorzubeugen, einen Maschinist-n heebeiz"tusen. Der Maschinist mußt« mit elg'wer Lebensgefahr den Damvf auSlasisn, da der Kesiel vor der Explosion stand. — ES gibt noch Leute mit „Haimar", wie man steht. Ser 9MiR der Redakteur». Hat ein Redakteur das Recht, an den ihm vorgekegten oder eingesandten Manuskripten Aenderungen vorzu. nehmen? Ueber diese prinzipielle Frage halte dieser Tage ein Londoner Gericht in oinem literarischen Prozeß zu entscheiden. Im Sommer vorigen Jahres lud der Redakteur der Zeilschrist „Referee", Mr. Donald, den Romanschriftsteller Sterben Mc. K e n n a ein. für sein Blatt einen längeren Roman zu schreiben. Der Schriftsteller nahm den Auftrag an und nach kurzer Zeit liefert« er seinen Roman „Glor'a". Die Erzählung war hundertviertausend Worte „stark", wofür der Verfasser 500 Pfund Sterling Autorenhonorar erhielt. Die erste Fortsetzung war anstandslos im „Referee" erschienen, an der zweiten Fo^ge jedoch batte der Blaustift des neuen Redakteurs Mr. C u r n o ck (Donald war inzwischen aus der Redaktion des Blattes geschieden) gründliche Arbeit geleistet. Gegen dieses Vorgehen wandte sich Mc. Kenna an den Kadi von London. Der Redakteur der Zeitschrift gab zunächst zu. daß er die „Gloria" tatsächlich mit dem Blaustift bearbeitet habe, fügte jedoch hinzu: .^Jch sah mich hierzu gezwungen, weil der Roman Stellen enthielt, die den Geschmack der Leser meines Blattes aufs Tiefste verletzt hätten. ES war unter anderem darin die Rede von einer jungen, verheirateten Frau, dis verführt wurde. Diese Stelle mußte ich streichen. Außerdem strich ich auch jenen Teil des Romans, der von einem ledigen Mädchen handelt, das ein drei Monate altes Kilrd hat. Solrbe Din^e geboren nicht vor die Oeffentlichke-it. Genau so hätte es den Geschmack der Leser verletzen müffen, wenn ich die Stelle in der Erzählung gelassen hatte, in welcher ein Geistlicher der anglikanischen Kirche in gerade nicht sehr günstigem Lichte dargestellt wird." Der Richter: „Ich find^ es natürlich, wenn dev Redakteur auf den Geschmack des PublikuchS Rücksicht nimmt.und deshalb in fernem Blatt nur solche Dinge ab« drnckt, die den Geschmack des Publikums nichk verletzen. Andererseits kann auch vom Schriftsteller nicht verlangt werden, daß er das Leben unwahr sch'ldere. Ich begreife den Schriststeller ganz gut, der mir sein Buch mit den Worten üüerroicht: ,So ist das Leben, also habe ich es auch so geschildert.'" Der Redakteur: „Auch ich akzeptiere, die Ansicht des Schriftstellers. Auch ich finde, haß es am Platze ist, daß .zn B nch.« r.n das. Lehen sich in seinen wahren Farben vor-uns entfalte, aber ich. bitte nicht zu übersehen, daß c t n Buch e.twas anderes ist, als eine Zeitung. Ern Buch kaufe ich. lese. es.durch und sperre es in meinen Schrank. Die Zeitung jedoch brich» sich überall hin Bahn. Da» utKnteufeiif Stär^r« h, » tzi» tzantz. «» das 5dind und der Erwachsene, deren Urteilsfäh'gkeit nicht übermäßig stark entwickelt ist. Die Zeitung kann daher nicht albrS niederschreiben. Sie muß mit dem Geschmack, dem Vorurteil und der Empfindsamkeit des Publikums rechnen, und deshalb war ich nicht geneigt, die Fortsetzung der .Glor'a' so. zum Druck zu geben, wie sie von Me. Kenna geschrieben wurde." Der Autor: „Meine Klage ist eigentlich nicht deshalb entstanden, weil der Redakteur sich meine Aüffaffung nicht zu eigen gemacht habe. Ich habe nichts dagegen einzuwen« den. wenn er anders, als ick darüber denkt, was in di« Oeffentlichkeit gehöre und was nicht. Ist er der Llnsicht, daß das Publikum, welches draußen im Leben auf Schritt und Tritt verführten verheirateten Frauen begegnet, sich verletzt fühle, wenn es so etwas schwarz auf weiß siebt, so möge er diese seine Ansicht auch weiterhin aufrecht halten, und.... da hatte er eben die Fortsetzung deS Romans überhaupt nicht veröffentlichen sollen. Meine Beschwerde richtet sich dagegen, daß er meine s^riststellerische Arbeit verunstaltet und gefälscht hat. Seine Pflicht wäre es gewesen, d>e Romanfortsetzung entweder so zu bringen, wie ich sie geschrieben habe oder ihre Veröffentlichung ganz zu unterlassen." Der Redakteur: „Wer da weiß, daß Hundert und Hunderttausend auf die Fortsetzung des Romans warten, kann wirklich nicht ernstlich da^on sprechen, daß wir die weitere Veröffentlichung des Romans einfach einstellen. Daraus würde dem Blatt ungeheuerer materieller Schade erwachsen." Der Richter: „Hier handelt eS sich offenbar nm die prinzipielle Entfcheiduncf darüber, ob der Redakteur daS Recht habe, an Manuskripten Aenderungen vorzunehmen? Ja oder nein? Entscheide ich mm hier urteilsmäßig, daß ibm dieses Recht nicht zustehe, so dürft« in Zukunft kein einziger Redakteur mehr an den Manuskripten der Schriftsteller, Iournallsten oder Volkswirtschaftlern rütteln." Der Redakteur de? „Referee" verlas dann d'e Gutachten der Redakteure der „Time s" und des „Daily Telegraph", wonach d-m Redakteur da? absolute Recht zustehe, an den Manuskripten Aenderungen vorzunehmen. In der Erktärnng des Redakteurs des „Da'lh Telegraph" beißt es unter anderem: „Ich fab« manches gestrichen und manches am Stil geändert, ohne natürlich das Wesen des Gesagten zu ^zerstören. Llovd 0wo"ge hak deswegen niemals Klage geführt. Auch die Malmskripte G. K. Chestertons habe ich korrigiert." Schließlich schien bei dem Redakteur des „Referee" doch die Furcht vor eventuellem materiellen Schaden die Oberhand gewonnen zu haben, denn er gab die Erk'ärung ab, daß er an den weiteren Fortsetzungen der „Gloria" keine Aenderungen vornehmen werde, worauf Mc. Kenna di« Klage z u r ü ck z o g .Die Versöhnung der beiden Publizisten wuxde noch durch den Spruch des Richters gekrönt, der sich zu der Erklärung verpflicht«» sah. daß durch den Prozeß de« schriftstcllerische Name Mc. Kcnnas nicht tangiert werde, und daß der Redakteur des „Referee" von den besten Absichten geleitet war. als er von feinem Blaustift Gebrauch »nachte.