Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1750 (30.12.1923)
- Date
- 1923-12-30
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 1750 Wien, Sonntag ägt. Langsam beginn« ich Bücher und Sonniges einzuracken. 4. November. An: Morgci: wurde ich durch einen Brief kenias (die Schwester des Zaren) erfteut. Starker Schneelall. Ich habe Schnee geschaufelt. Bei Tag haben wir Holz iit die Kammern getragen. Seit 'Zwei Tagen kommen keine Berichte von der Telegraphenagenürr. Offenbar ereignen sich in den großen Städten schlimme Dinge. Um d Uhr war Gottesdienst. 1-1. November, Dienstag. Heute ist der Geburtstag meiner teuren Mutter und unser dreiundzwanzigster Hochzeitstag. Um 12 Uhr war feierlicher Gottesdienst. Der Chor sang falsch und kam aus dem Takt, offenbar haben sie nicht geprobt. Das Wetter hxit sonnig, warm, aber stürmisch. Wahrend des Tages las ich beim Tee meine früheren Tagebucheiutragungeil. Eine angenehme Beschäftigung. 18. November. Gin :: nselige Nachr: cht ist einzetroffen: Irgendwelche drei Parlamentäre unserer fünften Armee sind 'bei Dwmsk zu Von Deutschen gekommen und haben W a f f e n st i l I st a n d spräliminaricn unterschrieben. Ei nen solchen Verrat habe ich nie ettvartct. Wie konnten diese Ausrvürjeder Menschheit, die Bolschewiken, die Frechheit «mf&riwgeit, ihren Traum zu verwirklichen nnd rem Feind Friedens-Vorschläge zu machen, dis zu einer Zeit, da der Feind ein großes Stück Landes besetzt hält? 3. Dezember, Sonntag. Alix und Alexej sind nicht mit ans zun: Gottesdienst gegangen wegen des Freistes. Es waren 16 Grafe. Den ganzen Bovmittag haben wir unsere Stücke im Saal geprobt, wo wir aus spanischen Wänden und Möbeln eine Art Bühne zusarcknenstellten. An:?lbend räumten wir dann alles fort. 28. Dezember. Donnerstag. Ein wunderbarer, förmiger, warmer Tag. Zwei Grad unter Null. Wir waren lange -reichen, am Morgen und am Abend. Zu unserem großen Leidwesen haben wir erfahren, daß unser guter Vater lllexej (ein Diakon) in Untersuchung kommt und H a u s- 1111 st hat. Der Grund dafür ist, daß er beim Gottesdienst im 25. Dezember uns mit unseren Titeln benannt hat; in der Kirche waren damals viele Soldaten des zweiten Schützenregiments. Wie stets, ist auch daraus eine ganze Affäre gemacht worden, anscheinend nicht ohne Mitwirkung pankratows und seirrer Genossen. 31. Dezember, Sonntag. Ein milder Tag, doch stürmisch. Am Abend stand Alexej auf, da er imstande war, die Schuhe anzuziehen. Nach dem Tee sind wir bis zum Ein- -reffen des Neuen Jahves spazieren gegangen. Gott schütze Rußland! Sie Wische» Kriegswaisen in Galizien. Aus Lemberg wird uns berichtet: Die Frage der zeitlichen oder dauernde:: Versorgung der zahlreichen jüdischen Kriegs Waisen nimmt im Hinblick auf die desolaten finanziellen Verhältnisse hier zu Lande immer schwerere! Formen an. Während der Hilfsapparat des amerikanischen' Joint in allzu raschem Abbau begriffen ist, läßt die mit dein Sinken der Valuta stetig fortschreitende Teuerung jeds Budgetierung als unmöglich erscheinen und es wird der Anspannung aller Kräfte der jüdische:: Gesellschaft bedürfen, um das mit so schönen Resultaten seit Jahren geführte Hilfswerk vor einem Untergang zu bewahren der dem physische:: und moralischen Ruin tausender junger Existenzen gleichkäme. Am 85. h. fand eine Konferenz der auf dem Gebiete der Waisenfürsorge im ganzen Lande tätige». Organe des bisherigen Zentralwaisenkomi lees unter zahlreicher Beteiligung statt, nachdem endlich die' Bestätigung des Beremsstatutes durchgesetzt werden konnte. Die Tagung. darf vielleicht als erster Schritt zur Sicherung der gesamten Aktion betrachtet werden. Außer der Exekutive nähme:: Vertreter von 36 Orten an de>: Beratungen teil, auch das Warschauer Joint-Direktvrium war durch Delegierte vertreten. Aus dem Rechenschaftsberichte ging hervor, daß im Lande rund 19 Milliarden Mark aufgebracht wurden, während die Zuschüsse des Joint 36 Milliarden Mark betrugen. Die Höchstziffer 'der in An st a l t e n untergebrachten Waisenkinder belief sich im September auf 560 und sank im Dezember auf 507, während die Zahl der in Privatp.lcge befindlichen von 3048 auf 2421 herabsank. Dazu kommt lwch die Aktion der B'nai B'rich-Logen und jene des sogenannten Philadelphia-Komitees. Die staatlichen Zuschüsse sind völlig unbeträchtlich. In Ferienkolonien und Kurorten wurden 573 Kriegswaisen untergebracht. Dem abtretenden Komitee wurde Dank und Anerkennung ausgesprochen, in einer Reihe von Referaten wurde die künftige Arbeit festgelegt. Ein Vertreter des Joint stellte einen möglichst schonenden Abbau der Joini-Subventionen in Aussicht. Zum Vorsitzenden des mueir Zentralkomitees wurde Direktor Dr. Wiesenberg gewählt. ' Sie Hakoah-Relse »ach PalWaa. Triest, 38. Dezember. (Telegramm der ,Wiener Morgenzeitung".) Die Eisenbahnfahrt verlief sehr angenchuu Die Natursch,wärmer hatten Gelegenheit, feie herrlichsten Winterlandschaftsbilder zu genießen, und die prosaischer Veranlagten hatten genügend Platz, um sich gründlich auszuschlafen. 11»: halb 1 Uhr nachts wurden wir plötzlich durch laut Vvvnchmliche ,Hevad-Rufe" aus unserer Ruhe geschreckt. Unsere Grazer Freunde mit der dortigen Hakoah an der Spitze hatten es sich nicht mchmen lassen, uns eirren überaus herzlichen Enlpsang z» bereiten. Der Aufenthalt in der steirischen Hauptstadt erschien uns viel zu kurz, >da wir allen, die am Bahnhof HschierW waven, hertzlW daMn wolltfiu. , - - - \ r ,. Wiener Morgerizeituirg. JVitöpriUmtirkl £ &obes, Uostume^Manteam j&ggenms etfounyggß Telefon* ie neuesten Modelle in grossen Albend- und Stilkleidern | . Allch weiterhin verlief die Fahrt programmgemäß, so daß wir heute Freitag um ein Viertel 10 Uhr vomiittags in Triest eint rasen. Auch hier wurden wir von einer großen Zahl unserer Freunde sehr herzlich begrüßt. Mit besonderer Genugtuung Men wir mit, daß sich auch der österreichische Generalkonsul zu unserem Empfange im Bahnhof emgesnnden hatte. Heute abends trete:: wir die Seereise an,' der wir mit einiger ■ Besorgnis entgegensehen, da das Meer unruhig ist. In Trich hat sich uns der Präsident unseres Budapester Brndervereines V. A. C. angeschlossen und wird die Reise, nach Palästina mitmacheu. Hedad! Hakoah! Die Mub'lertung der Hakoah gibt in: folgenden die Adressen und Termine für Briefe und Telegramme an die Palästina-Fahrer bekannt: Bis 2. Jänner: An Hakoah-Tournre, TelMwi-w, Palästina. Bis 8. Jänner: An D. E. Munari, Cairo, Shaira Kamel. Bis 15. Jänner: An Agentur des Lloyd Triestmo, Brindisi. Bis 16. ,Jänner: An Passage-Abteilung des Lloyd Triestino, Triest. Die Briefe müssen nebst der Adresse auch den Siamru. des Empfängers tragen. Die Telegramme sind zu adressieren: Bis 1. Jänner: Lloydiano Alexandria. Bis 5. Jänner: Domunari Eairo. Bis 10. Jänner: Hakoah-Donvnee Del-Mitoiw. Bis 16. Jänner: Demmvar: Cairo. Bis 16. Jänner: Lloydiano Alexandria. Bis 19. Jänner: Lloydiano Brindisi. Bis 20. Jänner: Lloydiano Triefte. Auch die Tologramm« müssen nabst der Adresse >den tonten des Empfängers tragen. In Alexandrien und Cairo wohnen die Hakocchner in fügenden Hotels: Majcstic, Bonnard, de France und Suez. Winterserien in Moisbmg. Kurze Fahrt durch die Wmterlanfescha,ft. Die Wen Fensterzeilen, grauen Wände, grellen Geschäftslagen bleiben zurück — freundliche Häuser der Vorstadt, man sieht die behäbigen Dächer, also auch endlich den Himmel — dann das weite weiße Feld, Weinberge iw Schnee, >vlam Hügel, goldgeränderte Wolken und .feer Blick weithin, wo das Firmament die Erde berührt. „O weh, wie halst di: die Tage verbracht . . Der Vers Platens tritt unwillkürlich auf die Lippen. Welches Leben der unsinnigen Geschäftigkeit, der Betriebsamkeit, der ewige:: Umast! Hast du Zeit zun: Schauen? Bleibt dir Zeit zur Erinnerung an Geschautes, an Stunden des Behagens, der Freude? Im Somnrer warst du ein paar Tage an einem dunklen Gebirgssee. Fandest du feit der Rückkehr ms Arbeitsjoch auch nur eine Bvertelstunde, bei diesen Sommertagen zu verweilen, ihren Glanz, ihre Frische im größeren Behagen des Gedenkens nochmals zu genießen? «Jetzt, im Ai: er ick der Gegend an der Peripherie der Großstadt, entsinn: ich nnch der Wintertage ^meiner Kindheit,' feer TlmÄsichl, die ich vom Holzgang des Grotzvaterhauses in Rikolsburg ins Land hatte. Nämlich: Alljährlich i>m Dezember Auren aus allen Windrichtungen die Farnilienmitgslieder in Nikolsbnvg zusammen. Man ivartote, bis die Schuljugend anläßlich des We'chnachtsfestes Ferien hatte, die Jünger der .Hochschulen, die Duveaumeiffchen und GeschäMerrte >fteie Tage, und so ziemlich alle Zweige des Stammhauses sendeten Vertreter aller Jahvgmrge. Man hatte die Auswahl, bei drei Tanten oder bei Großvater selbst zu wohnen, die Onkels aus Tvoppau, Mistelbach, Göfeing und anderswo brachten Süßigkeiten für feie Meinen und rühmliche Likövslaschen für die Großen, für alle aber hatte man die angenehmsten Nikolsbu-vger Mischen Hans'bäckereien in respektabler: Mengen 'beve-itgsstellt. Und' da saß :nau in: großväterlichen Hause um den nichtigen kreisrunden Eichentisch, dicht geschart, ja in Doppeilreihen, dem: der Andrang ivar groß, von der' Tän:- dermrg bis Mitternacht, und die bescheidene Lampe brannte hell genug, denn man lebte der Erinnerung, durchaus, bedrängte Zeitgenossen, feer Evmnernrvg. Bon der Dämmerung, sagte ich. Aus dieser Zeitbestinrung darf nicht geschlossen werden, daß etwa bis dahin die Tagesstunden in Geschäften „angelegt" wurden. Sie verö'tosp ggnz MW, nur anderswo. Be i Laute Wpi, die 30. Dezember 1'SÄ _' Seite'7 Gansleber in unvergleichlicher Qualität auf den Tisch des Hanfes stellte, >bei Tante Lenk, die jedornmnn, auch die Jüngsten, nach den: besten Mittel fragte, „Luft zu bekftmmen", aber nebst ihrem ewigen Schnupfen und ihren dicken Filzschuhen über einen göttlichen „Fladen" vLvfnZle, bei Gislers, allwo zum Verdruß feer gefräßigen nasiasten die musikalischen Genüsse feen Vorrang hatter^ wik bei einem Dutzend Nikolsburger Familien, die uns so gut wie Verwandte waren (manche von ihnen noch besser). Man absolvierte beileibe keine ,>Anstaudsbesuche". ES war ein stundenlanges Beisammensein mit Menschen und — mit feer Vergangenheit. - Ohne SeMmentälität und nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus dem so ziemlich entgegengesetzten Gefühl der Liebe, ging man zwischen zwei Besuchen in alten, wohligen Stuben zu den Grabsteinen auf dem Friedhof, hm hügeligen ,^iiteu Ort" von Nitolsburg, «dessen wundervolle, romantische Schönheit ich allerdings erst viel, viel später erkannte. Ueberall lvaren die Kinder mit und ihre Tant' Sali, die ihnen nicht nur Leckerbissen zuschob, sondern jedem Spaß, jeder Ausgelassenheit mit lebensvollster Heite^eit die Wand machte, sobald sich irgenfelvo auf einer nervösen Stirne Falten >des Unwillens zeigten — die geliebte Tanke Sali war überall dabei und sie war unser Hort. Es.waren jüdische Familientage, in ihrer >havmlvstn Freudigkeit, in ihrer Unbeküinnrerthert echt jüdische Familienfeste. Nienrals hörte ich bei feiesen Zukammenikünisten von Warenpreisen sprechen oder von Geschäftssorgen. Ausgeschaltet war, was mit dem „Verdienet zufcvmmenhängt und mit dem HiMUstommen. Denn wer es vergaß, oder vergessen will, daß auch! noch der fleißigste jüdische Kaufmann der unmittöl- 'baren, feer jüngsten Bergangenheit täglich seine Stunden der Bosinnuug, dar Sammlung im Geistigen einschaltete, daß dem jüdischen Menschen nichts fremder ist als .die seelenlose Betriebsamkeit, die hastende Pliusmachere: — der hatte eben nicht feas Glück, als Kind Mnterferien in Nrkolsbuvg zu verbringen. Otto Abe-les. Ne Resolutioueu der Mirrachttonferenz. Wir tvqgen heute die Wicht'kolstLn orgMiisadrrijfchsn Ro» solülidionen der vom 25. bis N. d. stattychlndenen DÄsgiwtenkonsevenz der MiSvachisten >der mitteLeuropUschen .und BÄka»- länder nach, welche zur Zeit, da unser Bericht über die Konferenz in Druck ging, noch nicht Vorlagen. Neben den hier angöfichrben RchÄutione» wNrden oime Tlnzahl PvlNWpisller Be- Müffe gefaßt, welche die gMndsätzlichen Forderungen der lthoraitrenen Zionisten bei den Arbeiitsanekhoden das PälLstina- Aufbaues .und im Verhältnis des Misrach'r ga dm Aionistüschsn Institutionen dMegen. Die Misrachizenlrale. Die Deleigiertenkonfeventz lder Msrachiston -vevschisbeLer Länder beschließt die Gründung der Misrachigentra-le für die Donau- und BalLanlländer mit dem Sitz!in Wien, welche die M>israch>fften!veM.nde in: a) Bulgarisn, b) Tschecho-MowaLvi, e) GÄrcheniland, d) GroßMvmäuisn, e) JügostÄvis», f) Oesterreich, g) UngUM umfaßt, und spricht deren Konftiwierung aus. Die Leitung der Zentrale liegt in den Händen eines Ms 23 Personen brstchsüden Zentralrat es, deflon Wahl durch die Konsereng vorzumehmen ist. llelberdies hat der jaweÄige Präsident einer /jeden LandÄmann- - schcht Sitz und Stimme im Zentvakvat. Fünf MWieder dieses ZentttSrates müssen ihren Wohnsitz in Wisn, dem Sitz der Zentrale, haben und bAden feie Exekultive, die die jeweils lausenden AugÄegenhÄten zu eriledigen hat. Die Kan-, s-erentz bewiMgt der ZentMe ein Budget von 300 Dollar monatlich für Zentralbureaiu nnd Presse. Hiervon hat 'die österreichische tLanidsma^Mschast die HAfte aüsßubriingen. Vertretung des Misrachi in den zionistische» Institutionen. Die Konferenz. wiederholt mit allem Nachdruck die Fävderiuntzel: früherer Msrachlkons-evenzen, dchingchsud, daß der Misrächi in alle« ziomstilsche-n Justitutionen msd Aamtevu, auch in bezug aus Beamte, pariitätisch vevtraten sam soll. Misrachibank. . Dü Kottsereutz begrüßt nach Anhörunig des Rchera>ts über die Müsrachilbank die 'bewrts evsobgte Gründung dieses FinanzinstiiuLs, das der Fördemug des Ansbaues des Mischen Landes in rmsvachistischvm Geiste in her- Vovwigender Weise dienen soll. Die Konferenz macht allen OvtÄgrmpPerr zur Pflicht, für die Zeichnung der MswchibcmkM'ien zu werben und erwartet von allen Misrachisten, daß sie ü: Erkenntnis der emiueut wirtschaMchen Bedeutung, die der Baulk zukvmM, derselben im Höchstmaß ihrer LmstuwzSsahigkeit Mittel in Fornr von -Wtien oder Gmlagen zur Dersüguwz stellm wird. Die MisrachiortsgUvppen' der Dowaunnd BalkMäwder werden verpflichtet, Hre KapitaKen, feie für Investitionen in Graz Israel bestimmt sind, in die Misrachibank einMegsn. Keren HamiSrachi. Die Versch.ie.bvutn wichtiigen und dringe.^ notwendigen e-igemn JiPitutimre» Mid E'mrich'vunge.n des Misrachi >'m Eretz Israeli, die von den: 'chnen von vom allgsmetinen ziomstischen Foüds bewilligter: Brvfeget irich: vchalten werden Emmen, machen es lEveudig, zu ihrer Erhaltung weitere MÄtÄ iheranzuzichen. Daher beschließt die Konferenz, allen: Misvachiste.n in den Donau-' und BManländern es zur Pflicht zp machen, unbeschadet ihrer Leistung«« für den Keren Hosessod und Keren Kajemeth dop Keren Hamüsrachi krästW zu unterstütze.». Dies i« der Weise, daß all« Msvachiste-n emen monaMchen BMqg i» feer