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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-30 · Heft 1750 (30.12.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1750 (30.12.1923)
Date
1923-12-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Rr. 1780 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung._ 30. Dezember 1923_ Seite L fiäjte Siziliens galten m Hven Netzen den Körper eines französischen Offiziers aus den: Meere gezogen. An dem Er- Lmwungszoichen, das der Tote um den Arm trug, wurde fest- Mtellt, daß die Leiche des Schiffs len t nants, der die ,/Dixrnuide" geführt hatte, gefunden war. Mm vermutet, daß das Luftschiff auf das Wasser herabgedrückt wurde, und das die Mannschaften und Passagiere nacheinander das . Lust-chm ver- Weßen. Ms letzter blieb der Koenmauldiant an Bord, der dann mit dem Luftschiff untevgmg. Eine Todesfahrt infolge Leichtsinns. Der Pariser sozialistische „Populaire" teilt zu dem Verlust der „Dixmude" mit, der erste Monteur des Luftschiffes sei einige Tage vor dem Aufstieg in Lieusaint auf Urlaub gewesen. Er habe seinem Freunde die Mitteilung davon gemacht, daß die befohlene Kreuzfahrt ihm gewisse Befürchtungen verursache. Einige Apparate der „Dixmude" seien nicht ln Ordnung gewesen und die von ihm gemeldeten Schäden seien nicht berücksichtigt worden. Er habe dementsprechend die Fahrt als äußerst gefährlich betrachtet und den ganz bestimmten Eindruck gehabt, daß er diesmal nicht wieder nach Hause kommen werde. Die tschechische Minderheit in Wien. Prag, 29. Dezember. (Del. d. „Wr. Morigenzeitnng".) Im Artikel 21 des zwischen der Tschecho-Slvwakei und Oesterreich geschlossenen Brunner Vertrages ist zur BeseÜignng von Differenzen bei der Auslegung und Durchführung der Bestimmungen des Vertrages, welche sich auf die Staatsbürgerschaft und den Schutz der Minderheiten 'beziehen, eine gemischte Kommission vorgesehen, welche aus einer österreichischen Delegation in Wien und einer tschecho-stowalkischen Delegation mit dem Sitz in Prag bestehen soll. Diese dreigliedrigen Delegationen sind von den beiden Negierungen zu ernennen. Sie verhandeln schriftlich über alle Fälle, welche eine der Leiden vertvagschließendeir Regierungen vorlegt. Kommt eine Einigung auf schriftlichem Wege nicht zustande, so wird in einer gemeinsamen Sitzung beider Delegationen mündlich verhandelt. Diese gemischte Kommission wird nun anfangs Jänner des nächsten Jahres aktiviert werden. Wie das offiziöse Organ des tschecho-slvwakischeu Außenministeriums „Zahrauicna Politika" erfährt, Habelt sich beide Regierungen bereits auf die zu ernennend.'« Kourmissionsmitglieder geeinigt. Die Einsetzung dieser Kommission, die als ein wichtiges internationales Organ anzusehen ist, erfolgte hauptsächlich deshalb. . weil die OesserMchkeit m der Dschrcho-Slowakei auf eine entsprechende Berücksichtigung der Minderheitsrechte der starken Wiener tschechischen Kolonie, Wert legt. Die Kommission wird in einer Reihe von Fragen, welche die Wiener tschechische Minderheit betvesseit und die bisher durch die österreichische Vevtvaltung einer befriedigenden Lösung nicht zugeführt wurden, zu entscheiden haben. Sollte sie diese strittigen Fragen nicht regeln Wnnen, so kommen sie vor ein S ch i e d s g e r i ch t, welches im Brunner und im Lauser Vertrag vorgesehen ist. Schober kontra Kienböck. Line Einigung erzielt. — Keine Neuaufnahmen bei der Gestern wurde Polizeipräsident Schober neuerlich vorn Bundeskanzler empfangen, der ihm miMetlfe, Ärß feine Forderungen für die Polizeibeamten in allen wichtigen Punkten vom Finanzminister Dr. Kienböck anerkannt wurden. Die Verhandlungen zwischen der Regierung und dem Polizeipräsidenten sind nunmehr zum Abschluß gelangt und es wurde ein für beide Teile befriedigendes Ergebnis erzielt. In der Frage der Ne-- bengebühren für die Poliz-eibeamten ist nach eingehenden Erörterungen eine Lösung gesunden worden. Der betreffende Erlaß der Polizeidivektion ist mit Zustimmung des Finanzministeriums bereits herausgegsben. Im Zusammenhang damit ist auch die Frage der Neuaufnah m« erörtert worden; so wie in den anderen Zweigen der öffentlichen Verwaltung werden auch bei der Polizei die Vorschriften über die Ausnahmesperre pt beobachten sein. Polizeipräsident Schober hat sich geistern abends gut kurzem Auifenthallt nach seiner Besitzung in Perg (Obwöftevreich) begeben, trifft Dienstag in Wien ein und wird wieder die Amtsgeschäfte übernehmen. Der zionistische ZmmigrationrinspÄtor in Wien. In Ausführung des Beschlusses des 18. Zionistenkongresses, wonach ein besonderer Beamter (der Alijah-Jnspektor) eingesetzt werden soll, um die Arbeit der Palästiua-Aemter zu unterstützen und gleichzeitig den engeren Kontakt zwischen der Alijah-Zeutrale in Crez Israel und den Palästina-Aemtern herzustellen, hat die Zionistische Exekutive in Palästina vor kurzem Herrn Jehoschua Gordon. mit dieser Aufgabe betraut. Herr Gordon, der seit mehreren Jahren erfolgreich das JmmigrationLbureau der Zionistischen Executive in Jaffa leitet, ist wohl die geeignete Persönlichkeit, diese schwierige Mission zu erfüllen. Neben einer gründlichen Untersuchung der Arbeitsmethoden der einzelnen Palästina-Aemter auf sämtlichen in Betracht kominenden Tätigkeitsgebieten fällt ihm die Aufgabe zu, ausführliche Informationen über die Lage in Lrez Israel und besonders über die Möglichkeiten der Einordnung von neuen Einwanderern zu erteilen. Herr Gordon hat auf seinem- Wege von Evez Israel bereits das Triest er Palästina-Amt besucht und weilt gegenwärtig in W i c u, wo er mit dem Wiener Palästina-Amt 'm WB DchgMimg &5 oinschlägiM Wöestep chigetpek» M,. Die ksongrader Bomben. kill Komplott r Budapest, 29. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Recherchen der Polizei haben bisher zur Verhaftung von 13 Personen geführt, die sämtliche dem Verein der „Erwachenven" augohörten. Dieser Verein hat am Mittwoch den. 26. b. abends krtrz vor dem Attentat, in einem Kaffeehaus gegenüber dem Hotel „König von Ungarn" eine Versammlung abgehalten, an welcher, wie festgestellt wurde, die Verhafteten tellnahnwn. Es sind dies Nikblaus Bölö n y, Johann C s a t h y, Jenv Farkas, Rochus Sagt, Ladislaus Bisko, Franz Fargo, Michael Zubak, Stephan Piroska, Johann Kokai, Alexander Castell, Josts Bardos, Johann Posa und Jenö Szokolai. Die Bombe ist eine deutsche Stilgranate, die imx e'rrmn olektrischen Leitungsmast aus, tvahrscheinlich von Bölöny, in das Fenster des Unterihaltungslokals geworfen wurde. Das Hotel war von den „Erwachendes umstellt worden und das Tor wurde vor der Explosion abgesperrt. Zur gleichen Zeit mit dem Bombenwurf geriet auch der D a ch st u h l des Hotels in B r a n d und die Untersuchung will nun emieren, ob hier ein Zusammenhang besteht. 'Aus Budapest ist ein Sachverständiger im Waffestwesen eingetroffen. Das Attentat hat bisher drei Todesopfer gefordert: das Dienstmädchen Juliane. N a g h j a n o s. den Techniker Ladislaus Wolfs und den Apotheker Madar K r i s z a n. Tödlich verletzt wurden ferner die Frau Magda Groß und das Fräulein Margarete Buck, beide aus Cfongrad. Schwer verletzt sind der Zigeunerprimas Blasius Farkas, dem beide Beine abgerissen wurden, ferner der Budrapester Bankier Ladislaus Groß, Frau Heinrich Bar na, Maria Buck, Josef Buck, Frau Geza B a r n a, Frau Michael Engel, Pivoskr Bar na, Ludwig Kovacs mvd Stephan Prinz. Da in Cfongrad sich kein Krankenhaus befindet, mußte man die Verletzten teilweise in Privatwohnungen unterbringen. Die in Budapest weilenden demokratischen und sozialdemokratischen Abgeordneten hielten gestern abends eine Konferenz ab, in welcher beschlossen wurde, daß Abgeordneter Bela Fab ia n in der Angelegenheit des Bombenattentats in der nächsten Sitzung der Nationalversammlung eine Interpellation eiubringen solle. MgLovduetc.r Fabian erklärte, die Lage sei vollkommen unhaltbar geworden, die Regierung müsse ihr Versprechen, den Affären des Vereines der Erwachenden Ungarn emrgisch zu begegnen, einlöseir. Ssmgrad. Cfongrad mit seinen halben Dutzend stockhohen Häusern mrd den unzähligen langgestreckten Bauernhöfen mit ihren uralten Rohrdächern ist in die Weltgeschichte eingezogen. In der Geschichte Ungarns selbst haben die Csongvader stets eine exzeptionelle Rolle gespielt. Diese Stadt an der Thsißlinie war zu allen Zetten dadurch berühmt, daß ihre Groß- und Kleinbauern, ihre Juden und Arbeiter immer am äußerstliegenden Flügel der politischen Gruppen zu finden waren. Von Natur aus fromm, halten die Esongrader Katholiken ebenso überzengungstreu zu ihrer Kirche wie die in beträchtlicher Zahl vorhandenen protestantischen Bauern zu der ihrigen; die Juden, die neben beiden leben, waren Wohl magyarisch assimiliert, wurden niemals veranlaßt, sich in religiöser Beziehung einen Zwang anzutun oder die Taufe zu nehmen, um zur Geltung zu gelangen. Melleicht war dies der Existenz zweier christlicher Kirchen zuzuschretben, wahrscheinlicher fft, daß in den Esongrader Bauern, die am längsten unter der Knechtschaft des Robots zu leiden hatten, der gesunde Instinkt des Befteiten stark genug war, um allen reaktivnären Strömungen standhalten zu können. In Csongvad ist die schönste und größte Straße tvach Ludwig K o ss u t h benannt, und es gibt kaum ein Haus, in dem neben dem Heiligenbild oder neben dem Porträt eines Ahnen nicht auch das Bild Ludwig Koffuths in Goldvahmen hinge; mögen auch die Esongrader Bauernkinder wenig von der Weltgeschichte wissen, aber jedes von ihnen kennt genau die großen Froiheitskampfe Koffuths und weiß es, daß sie es ihm zu danken haben, wenn die Bauernsöhne heule nicht mehr sklavische Knechte des feudalen Grundherren sind. - So kam es, daß Csongvad, seitdem es das Recht besitzt, Vertreter in das ungarische Parlament zu entsenden, immer durch einen radikalen liberalen Abgeordneten vertreten tvar. Als einst ihr Abgeordneter Siegmund Tatari den Versuch unternahm, unter-dem Mißbrauch des 48er Programmes Antisemitismus unter den Csongradern zu verbreiten, wurde er einfach davongejagt. Auch als sie später von der Kossuth-Richtung abließen, wählten sie nur die bewährtesten liberalen Politiker, und -ihr beliebtester und populärster Deputierter war der berühmte Kauzelredner Pfarrer Johann Hock, der tvegen seines kommunistischen Programms, und weil er während der Räteregierung auch eine Mmisterstelle bekleidet hatte, seil den: Sturze der Kommune verfolgt und gebrochen unstet in der Welt herumirren mußte. Diese Politik der Esongrader Bauern haben die JudK vMMnjMd jW «rftgeWM. Auch, im Kampfe der :r krwachendm. Bauern gegen die Allmacht der feudalen Komitatsherv schaft kämpfte neben dem römisch-katholischen Pfarrer Anton Hegyi und dein reformierten Franz SiHinter auch der jüdische Politiker Juda Haas. Am bezeichnendsten für den natürlichen ungekünstelten Liberalismus dieses gesunden Esongrader Banernelementes ist wohl die interessante Tatsache, daß, als in Csongrad noch lange vor der christlichen Aera als Konkurrenz gegen die Danrpfmühle des Grundherrn eine christliche „Danrpfmühlenaktlengesellschaft" gegründet wurde, der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde Dr. Hermann Bak als Rechtskonsulent der Gesellschaft in die Direktion berufen wurde. Wämend der Kommune, und ganz besonders als Bela Kun gegen die Rumänen Krieg führte, hatten die Esongrader an der Grenzlinie zwischen den bolfchewikischen und den rumänischen Truppen besonders viel zu leiden. Juden und Christen wurden gleichermaßen von beiden Soiteir drangsaliert. Als dann der Weiße Terror mit seinen.Pogromfeldzug kam, waren die Esongrader unter den wenigen, die cs trotz allen Terrors ablehnten, sich in den Dienst der Pogronlpolitik zu stellen. Wohl mußten sie dem Wahlterror unterliegen. Ihr Abgeordneter in der ungarischen Nationalversammlung ist Mitglied der Regierungspartei, aber dieser Abgeordnete, Staatssekretär im Ackevbauministerium Karl S ch a n d l, wird von den Rassenschützlern nicht weniger verfolgt als die liberalen Esongrader Bauern und die Juden. Csongrad war daher immer den führenden Raffenschützlern ein Dorn im Auge. Unausgesetzt versuchten sie, diese Burg des gesunden, sozialistisch Lurchtränkten Bauerntums zu stürmen. Die gefährlichsten unter ihnen, Ulain, Lendvai-Lehner und ihre Komplicen, suchten die Stadt heim und brachten ihre Terrorjungen mit, .aber die Esongrader blieben stark. Selbst als in den letzten Wochen beschäftigungslose Burschen aus Budapest auftauchten und einen Verein der Erwachenden Ungarn in Csongrad bildeten, blieben ihm die Esongrader Bauern und ihre Söhne fern und wollten di« Pläne der Budapester Pogromfühver nicht mit ihren Nanren decken. Das Be k leid u n gs fe st de s jüdischen Frauenvereins von Esongrad wurde von der gesamten Bevölkerung der Stadt gewissermaßen als eine demonstrative Zurückweisung aller Unternehmungen, den konfessionellen und sozialen Frieden in der Stadt zu stören, angesehen, und tatsächlich hatte sich die gute christliche Gesellschaft von Csongrad ein'gefunden, um an der Feier ihrer jüdischen Mitbürger teilzunehmen. Daher kommt es, daß die Bombe, die nur den Jitden zugedacht war, auch eine verhältnismäßig große Zahl christlicher Opfer gefordert hat. Nun rollt die rasienschutzlerische Bombe durch das ganze ungarische Landchen. Das Bauernvolk von Ungarn wird es jetzt auch erfahren, daß Ungarn nicht von der legalen Regierung, sondern von Bombenwerfern beherrscht wird, deren Macht größer ist als die Macht der Regierung und der Landesgesetze. Die Esongrader werden nun wiffen, daß der Gendarm, der sie bei den Wahlen so gut zu schikanieren verstand, wenn sie gegen den. christlichnationalen Kandidaten aufzutreten wagten, plötzlich versagt, wenn es gilt, die christlichnationalen Bolschewiken unschädlich zu machen. Die Esongrader Bauern sind nicht ■ aus jenem Holze geschnitzt, aus dem man einfach Kegelfiguren siir christliche oder kommunistische Bomben fabriziert. Die Juden Budapests mochten sich ducken vor den - „unter dem Schutze der Regierung arbeitenden - Unverantwortlichen", die Esongrader werden es nicht tun, und von diesem Gesichtspunkte aus ist es nicht ausgeschlossen, daß wohl nicht von der Regierung aus, sondern vom Bauern- Volk aus, dem Bombenterror ein Ende bereitet wird. Jakob Krausz. Wocka» aus dem Lchubhaus verschwände». Budapest, 29. Dezember. (Del. der „Wiener Mingenzeitnng".) In der Untersuchung gegen die wegen Beteiligung an den gegen den Abgeordneten R a s s a y und den Herausgeber deS „Az Est" Andor M i k l o S geplanten Bombenottentaten in Haft genommenen Personen fft plötzlich eine sensationelle Wendung eingetretem Die Verhafteten machten schwervelastende' Aussagen gegen Geza Adorjan, der auch in die Bomöeuaffäre gegen die französische Gesandtschaft verwickelt war Angeblich konnte Morjan dmnals der Schuld nicht überführt werden, wurde jedoch als gemeingefährliches Subjekt zur Internierung bestimmt und zu diesem Zwecke dem Schubhaus des Sammelgesängnijsses überstellt. Später wollte die Stadchauptmannschast ihn neuerlich vernchmen und ihn zu diesem Zwecke aus dem Schubhaus vorführen lassen. Dort: erfuhren die Polizisten, daß die SchubhausdirMon Adorjan vor einigen Tagen angeblich über höheren Befehl in Freiheit gesetzt hat. Die Stelle, von welcher dieser Beschl. ausgegangen sein soll, wird in dem Polizeibericht verschwiegen. Die Detektivs, die ihn'in der Stadt suchten, kamen ergebnislos zurück. Noch verworrener wird die Gci'chichte dadurch, daß am Men Tage, an dem die Polizei nach Adorjan forscht^ dieser angeblich in den Redaktionen der rassenschützlerischen Pvejff« erschien mrd dort, wie diese Blätter melden, erklärt habe, daß er die Hauptstadt nicht verlasse und seiner Pflicht, sich wöchentlich bei der Polizei zu melden, pünktlich uachkomnreu wolle.

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