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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-30 · Heft 1750 (30.12.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1750 (30.12.1923)
Date
1923-12-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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IftnW. Mn, SonM ' ' ' ' Wiener Morgetrzettu«^ ^edschas, ebendaselbst zur Mt des Königs David niedergeLaffen haben. Jüdische Ansiedlungen auf arabischem Boden entstanden auch nach der Zerstörung des ersten und dezweiten Teuchels. Unter Len Arabern entstanden auch, bemerkenswerte jüdische Königstümer, und zwar so^vohl auö Juden als auch aus arabischen Stämmen wie aus einer Vermischung der beiden. Inden haben sich wiederholt vollkommen arabrsiert und stch zu wandernden Wüstenstänrmen entwickelt,' andererseits sind Araber in Palästina cingcdvungen und haben dort, mit den Juden vernüscht, neue Typen geschaffen. Unter den syrischen und palästinensischen Arabern findet man heute noch überraschend jüdische Typen. Die jüdische und syrische Sprache waren einstmals einheitlich, beide Völker sprachen arameisch. Ob auch die Nasse einheitlich gewesen, als sich beide von einander trennten, lvas für historische Umgestaltungen, Völkerwanderungen und Eroberungen das palästinensische Arabertu in zu seiner heirtrgen Gestaltung entwickelt haben und wie wert noch das Blut des altpalästinensischen Judentums darin zu finden, wäre, die Erforschung aller dieser Fragen bildet einen wichtigen Gegenstand der Historiker und Anthropologen. Soviel ist gewiß, wenn auch die Verwandtschaft zwischen den Juden und den palästinensischen Arabern auf Grund der gemeinsamen Abstammung und gemeinsamen Sprache unauslöschlich erscheint, so fühlen sich beide Völker dessen ungeachtet als zwei gesonderte Nationen, und wir sehen sie heute einander fremd gegenüber stehen. Eine krklörmg der zionMche» Aekutwe zum Rücktritt Ir. Tolowejtschikr. Zn den Mitteilungen Dr. Solowejtschiks über seine Resignation als Mitglied der Exekutive der Zionistischen Organisation veröffentlicht die Exekutive folgende Erklärung: Herr Dr. Solowej tschik gebt als Grund für seinen Schritt an, daß seiner Forderung nach sofortiger Entlassung des politischen Sskretärs Herrn 2. I. Stein nicht stattgegeben wurde. Die Exekutive hat diese Forderung Dr. Solowejtschiks in zwei Sitzungen behandelt und sie abgeilehwt, wobei nur Herr Dr. Solowejtschik für deren Annahme stimmte. Der Forderung konnte deshalb nicht stattgegeben werden, weil die vorliegenden Umstände nach Einsicht der Exekutive einen solchen Schritt nicht rechtfertigten. Die Exekutive bedsuert das Vorgehen Dr. Solowchtschiks. Sie muß es ab lehnen, sich in eine öffentliche Diskussion über die in seiner Erklärung berührten verschiedenen Angelegenheiten einznlaffen, da diese Angelegenheiten die Beziehungen zur Regierung und anderen außenstehenden Körperschaften betreffen. Die Exekutive wirv die ganze Angelegenheit .des Rücktrittes des Herrn Dr. Solowejtschik dem Aktionskomitee zur Behandlung vorlegen. (I. T. A.) Zusammenkunft Ar Herbert Samuels mit KSuig Huffetn. Aus Jerusalem meldet I. T. A.: Das Kolonialamt der britischen Regierung hat den Oberkoinmissär Sir Herbert Samuel offiziell benachrichtigt, daß König Hussein von Hedschas im Begriff steht, Amman, die .Hauptstadt van Transjovdanien, zu besuchen. Sir Herbert Samuel wird sich nach Amman begeben, um mit König Hussein zusammeuzutvesfen. Der König ist von den: Minister für auswärtige Angelegenheiteu'der Hedschasregierung, Fuad el KhatiL Bei, begleitet. Die palästinensischen Araber, troffen große Vorbereitungen irn Hinblick auf einen möglichen Besuch König Husseins in Jerusalem. Verschiedene Deputationen Palästinensischer Araber sind bereits nach Amman ausgebrochen, um sich dort zu seiner Begrüßung zu vereinigen. Inzwischen .hat König Hussein einen speziellen Bevollmächtigten, den Scheich Omar Shaker, nach Jerusalem entsandt, der versuchen soll, den Frieden unter den arabischen Parteien zustande zu bringen. f~~. —■ =% drosser NeajalirssirieperkaBf in sämtlichen Abteilungen I., Vrattnerhof 1. \LJr I Frackhemden \.,K 110.000 I Raye-Batisthemden.. . . . K 110.000 I Seidenhemden.K 260.000 1 Englische Zephirhemden ....... K 110.000 Ritte.K 180000 Pyjamas.K 150.000 Wollwesten . .«... .K 170.000 Krawatten .. K 50.000 Taschentücher.per Stück K 16.000 Frack-, Smoking- und orig. engl. Anzüge nach Mass, > Pelze, Automäntel. Sonderpreis Or»g. engl. Raglans . ...... K 1,200.000- V= :. : ■ . —J Vier Mische Abgeordnete in Saloniki. Aus Saloniki meldet I. T. A.: Fast alle Inder: Salonikis haben sich als Protest gegen die Einrichtung eines besonderen jüdischen Wahlsektors der Stimme enthalten. Nur 92 Stimmers wurden in dem jüdischen Sektor abgegeben. Nunmehr hat die griechische Regierung gemäß ihrer dem Rat der jüdischen Gememdeorga-- msation gegebenen Zusage den Vertretern der Salomker Judenschaft vier Sitze im Parlament eingeräumt. Die vier jüdischen Abgeordneten sind: Jsaae Alhanati, Jonas Jamnelides, Josua Laias und Levy. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Salonikis ist — wie bereits mitge teilt — zurückgetreten, da er die Stinmrenthaltung der jüdischen Bevölkerung als einen Verstoß gegen seine Autorität ansieht. Schuhet MM mm 30. Dezontzbev 1923 "r Seit« 3 Deutschland zahlt die Befahunss' kosten weiter. Berlin, 29. Dezember. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitnng"? Obgleich die für den Uebergangshaushalt zu erwartenden Steuereingänge trotz der äußersten Beschränkung der Ausgaben eine Deckung für die Besatzungsöosten nicht einschließen und dem Reiche bekanntlich alle ausländischen Kredite verschlossen sind und auch für den Monat Jänner mit außerordentlichen Kasse nschwierigkeit e n gerechnet werden muß, hat das Reichskabinett, wie halbamtlich bekanntgegeben wird, angesichts der gerade jetzt schwebenden außenpolitischen Verhandlungen beschlossen, die Besatzungskosten im engsten Umfange unter der Voraussetzung, daß Zahlungsmittel überhaupt zur Verfügung stehen, auf beschränkte Zeit weiterzuzahlen. Gleichzeitig wurde beschlossen, die hierüber im Gange befindlichen diplomatischen Verhandlungen mit größter Beschleunigung zum Abschlüsse zu bringen. Mneschritt der Reichsregierung. Berlin, 29. Dezember. Ern Vertreter der Reichsregierung hat heute dem Vorsitzenden der Interalliierten Militärkontrollkommission ein Schreiben überreicht, worin die Entschuldigung der Reichsregierung für die am 30. Oktober, 'beziehungsweise am 14. und 15. November durch Angehörige der Reichswehr erfolgte Festhaltnng, Beeidigung und ungebührliche Behandlung dreier Mitglieder der Interalliierten MilitärkontrMomnxisiion ausgesprochen wird. Reichsbankpriisident Schacht. Berlin, 29. Dezember. (Tel. v. ,Mr. Morgertzertung"., Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" melkt, wird der neue Reichs'bankpräisiknt Dr. Schacht sein Amt in den ersten Jännertagen untreten. Wie das Blatt hört, wird er jedoch vorher noch eine Reise nach L o n do n unternehmen, um mit kr Bantvo n E n gl a n d in Fühlung zu treten. Herabsetzung der deutschen Kohlentzreisr. Berlin, 29. Dezember. (Tel. d. ,M. Movgerr zeitung".) Nach einer amtlichen Mitteilung werden die deutschen Kohlenpreise am 2. Jänner uw etwa 10 Prozent ermäßigt werden. Ausgenommen von der Preisherabfttzung sind die Syndikate des besetzten Gebietes. In dem Beschluß des ReichÄohlenrates und des Reichskohlenvevbandes wird die Erwartung ausgesprochen, daß der Preisabbau auch von kn übrigen Wirtschaftszweigen, besonders aber bei den Tarifen der Reichseisenbahnverwoltung, ntitgemacht wird. / . Fortdauer der Regierungskrise in Sachsen. Dresden, 39. Dezember. Der sächsische Landtag hat die Wahl des Mnnftwvpräsidenten abermals von der Tagesordnung abgosetzt und sie auf den 4. Jänner verschoben. Ein konmMnistisch-r Antrag auf Auflösung des Landtages wurde «mrm Ausschuß überwiesen, der auch Wer einen Antrag aus Herabsetzung der Zahl der L-andt-agsa-bgeordneien zu traten hat. Beide Anträge sollen ebenfalls am 4. Jänner im Plenum verhandelt werden. Lmdsrtenu.dilIisrtsnL?-"'L!^M5ckiskmsnn II.. Taborstraße 48 Telanhon 47*1-79 En gros En detail Kn Mensch ist verloren gegangen. Von Schalom Asch. In einem der Kaffeehäuser von New-Aork, in ivelchem radikale Kreise verkehren, konnte man jeden Abend am gleichen Platze an einem verlassenen Tischchen in einem Winkel einen einsamen Gast sitzen sehen, der seine Zigarette rauchte. Man hätte ihn eigentlich bemerken müssen, doch niemand bemerkte ihn. Alle wußten, daß in diesem Winkel Finkelstein faß. Er wäre eher bemerkt worden, wäre er nicht dort gesessen, denn Finkeistein paßte ausgezeichnet in diesen Winkel. Di-e dunkle unbestimmbare Farbe seines Anzuges glich den Tapeten an den Kaffcchanswänden, die undeutlich und veraucht wann. Das Licht, welches von den Wänden strahlte, löschte Finkelsteius. Farbe und es wäre gar nicht zu merken gewesen, daß jemand in dem Winkel saß, hätte >es nicht die hohe blinkende Stirn verraten, welche aus dem Anzug hervorlugte —, und Finkelsteins Pelz. Finkelstein befaß etwas, was ihn über die Alltäglichkeit hinaushob und chm besonderen Nimbus verlieh. Das war sein Pelz. Der Pelz war in der alten Heimat airgefertigt, offenbar von dort mich Amerika gebracht. Er hatte einen breiten, stichelhaarigen Kragen, desgleichen in Dnerika nicht zu sehen ist, und über den im Kaffeehaus eine ständige Diskussion geführt twrrdc: einige sagten, -ein solcher Pelz sei in Amerika überhaupt nicht zn bekommen und der Kragen sei heute ein Vermögen wert; andere behaupteten, in Amerika trügen Farmer solche Pelze mit dem Futter nach außen. Doch was das für eine Pelzsorte war, darüber konnten sich sogar Sachverständige uicf)t einigen; einige behaupteten, c2 sei russischer Biber, andere rieten auf persisches Lammfell. Und fo oft der Winter kam und Fmlelster.: im Pelz erschien, rief sein Eintritt im Ka'ftchcms ctit-c gewisse Bewegung hervor. Leute blickten nach dun T'schchen an dein Fiuke-stein sgß, und fragten einander: Wer sitzt dort? Das ist doch Finkelstein. Ach — dann war Furkelsteiu wieder vergesset!. Manchmal ging das Interesse so weit, daß ein Neugieriger auf Finkelstein zutrat, seinen Pelz mit dem merkwürdigen Kragen musterte und die Qualität befühlte. Dann sagte Finkelstein lächelnd, inden: er mit zwei -Fingern sein kleines schwarzes Schnurbärtchen in Ordnung brachte: Das ist heünatliche Ware. Finkelstein stanunte ans Galizien und in sein Jüdisch waren stets ein paar deutsche Worte untermischt. Und als tvollte Fiukelstem durch seinen Pelz mehr Ansmevßsamkeit auf sich lenken, trug er ihn, so lange es nur ging. Wenn der Oktober kam, mochte es nun kalt sein oder nicht, so trug Finkelstein bereits den Pelz und trug ihn bis weit in das Frühjahr hinein. Gerade deshalb aber war man gewöhnt an Finftlftems Pelz, daß das graue Haar des Kragens und die unbestimmte dunkle Farbe des Ueberzuges sich mit der Farbe der Kasiechauswände vermengten und — nienl-and mehr bemerkte, daß in diesem Winkel des Kaffechaüfts Finkelstein saß. Er wäre aber bemerkt worden, wäre er nicht dort gesessen, denn dann wäre eine Lücke zwischen der Wand und dem Tisch- 6)en im Winkel gewesen .... Niemand wußte eigentlich, womit sich Finkelstein beschäftigte, ob er verheiratet war, wo er wohnte — nicht deshalb, weil ihn niemand gekannt hätte; alle kannten Finkelstein. Finkelstein war ein guter Bekannter. Alle kannten ihn, er war ihr „Bekannter"; doch es fiel niemandem ein, sich für ihn zn interessieren. Finkelstem war eben Finkelstein. Er kam abends ins Kaffechans, ging langsam in seinen Winkel, setzte sich hin und zündete seine Zigarette an. Manchmal erinnerte sich der Kellner Mr. Hartmann seiner, trat an seinen Tisch und reichte ihm gewohnheitsmäßig die Karte, obwohl «r tvußte, daß Finkelstein niemals die Karte, benützte. Gewohnheitsmäßig nahm Finkelstein die Karte, warf einen Blick hinein und schob sie wieder weg. Noch ehe er den Blick in die Karte geworfen imb sie weggeschoben, hatte, sprach schon Mr. Hwrtmann, der Kellner, wie zu sich selbst: Einen Schwarzen und ein Saiwwich. Einen Schwarzen und ein Sandwich — sagte ihm Finkel. stein nach. Manchmal sagte der Kellner gar nichts, sondern nickte Finkelste'ur mit dem Kopf zu; dann antwortete Fmkelstein mit einem Kopfnicken und der Kellner brachte ihm eine Tasse schwarzen Kaffee mrd ein Sandwich. Doch das geschah nur, wenn der Kellner ihn bemerkte. Oft aber vergingen Stunden, ohne daß ihn der Kellner bemerkt hätte und auf ihn zngegangssn wäre; denn Finkelstein gehörte zu den Manischen, die uran nicht benwrkte.- So jjkifl er stundenlang, die Zigarette im Mund und dachte nach. Gewöhnlich saß er die ersten Stunden im Nachdenken versunken allenr bei seinem Tisch, später am Abend aber, wenn das Kafsvöhaus voll wurde,' setzte der Kellner verschiedene Gäste, Bekannte und Fremde an Finkelsteins Tisch. Rings um ihn plauderten Menschen, lachten, diskutierten. Finkelstein saß dabei und hörte kaum zu, als säße er nicht im Kaffechans, sondern weit, weit entfernt. Seine Häirde lagen übereinander. Seine Augerr, die immer kleiner tvnvden und sich hinter den Lidern versteckten, blickten in weite Ferne. Seine Stim rnnzelte und glättete sich, runzelte sich wieder und glättete sich. Manchmal trat auf seine Lippen ein Lächeln, ein Lächeln, das sozusagcrr rrach innen ging. Dann leuchteten seine kleinen schwarzen Angen auf, blitzten lebhaft und er fuhr mit einer raschen Handbewcgung nach seinem Schnurbart. Indem so seine Hand nach dem Schnurbart fuhr,. glaubte er, er hadr einen Nachbarn nnvevsthens berührt und sagte lächelnd: Verzeihung! Dann sah ihn der Rachbar erstaunt an. , Hie ulw da lag aber auch bittere Traurigkeit auf Finkel» stems ^Gesicht. Dann hing sein kleiner schwarzer Schnnrbart melancholisch herab nnd.fiel geradezu über die Lippen; seine Augen wurden noch kleiner als sonst, versteckten sich noch tiefer hinter den Lidern mW blickten schwach und trüb. Sein Gesicht, hatte dann einen Ausdruck so liefen Mitleids mit sich selbst und drückte so viel Resignation aus, daß man, wenn man ihn ansah, meinen konnte, die Welt ginge unter und alle) sei zn

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