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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-29 · Heft 1749 (29.12.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1749 (29.12.1923)
Date
1923-12-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1749 Wien, Samstag Miener Morgenzeitung. 29. Dezember 1923 Seite & Sie amerikanische Kiawmdernngsstage. Die Propaganda für eine weitere Einschränke «g der Einwanderung nach Amerika hat weite und einflußreiche Kreise ergriffen und Berichte von drüben lassen vorausahnen, daß der Kurs des Einwanderungsreserenteu Johnson. — -der bekanntlich eine Aenderung des Ouotensystems in dem Sinne empfiehlt, daß daZ Jahr 18 9 0 zur Grundlage der Berechnung dienen solle — auf keine allzustarken Widerstände stoßen wird. Vor etlichen Tagen fand in New-Vvrk eine Jnrmigrationskonserenz statt, welche von deni National Industrial Conserenc Board einberufen worden war. Die Bedeutuirg dieser Vereinigung wird durch die Tatsache illustriert, daß ihr ungefähr, dreißig der größten industriellen Körperschaften angehören. Sowohl die Referenten als die Mehrzahl der Redner traten für eine« weitere Einschränkung der Einwanderung ein und vielfach wurde einer „Auswahl" der Einwandeter nach verschiedenen Gesichtspunkten z. B. der Assimilationsfähigkett, das Wort geredet. Einige Redner, darunter solche armenischer und jüdischer Herkunft, miesen darauf hin, daß man Lei der Behandlung der verfolgten Armenier und Juden sogar besondere Ausnahmen statuieren müßte und daß das neue Projekt, die Berechnung der dreiprozentigen Quote» ans der Grundlage der Zahlen von 1890 vorzunehmen, eine besondere Benachteiligung von Italienern und Juden bedeute. Die Mehrza,l der Teilnehmer trat jedoch für weitere Jmmigrationsbeschränkungen ein. . Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Stellungnahme dieser Tagung die Position der Eintvanderungsgegner zu stärken geeignet ist und den gegenwärtigen Kurs in den Vereinigten Staaten nötigt, damit zw rechnen, daß die ohnedies schon stark eingeschränkte Zahl der zur Einwanderung Zugelassenen in Hinkunft weitere Verringerungen erfahren dürfte. Schober und Kienblick. Keine Demission des Polizeipräsidenten. Ein gestriges Mo-vgenblatt hatte in sensationeller Aufmachung die Nachricht v-on der Demission des Polizeipräsidenten Schober gebracht, die «ine Folge der zwischen dem Leiter der Polizei und dem Finanzminister Dr. Kienböck bestehenden Differenzen kein sollte. Diese Nachricht hat sich als unrichtig herausgestellt. Polizeipräsident Schober hat weder ein Demisiiowsgesuch ülbevveicht. noch sein Amt in so schroffer Form Verlassen, wie dies dargestellt wurde. Trotzdem bleibt als Tatsache bvsicihen, daß es zwischen dem Leiter der Wiener Polizei und dem Verwalter der österreichischen Finanzen Unstimmigkeiten gibt, die zu einer schweren Verstimmung des Polizeipräsidenten geführt haben. Die Differenzen sind sachlicher Natur und' existieren schon seit langer Zeit. Es handelt sich um die B e t r i e b s k o st e n für den Wiener Polizeiapparat, die Herr Schober für unumgänglich notwendig Mt, während Dr. Kienböck an dem vom Polizeipräsidenten ausgestellten Budget möglichst viele Abstri che zu machen versucht. Es ist wieder einmal die Sparsamkeit am Unrechten Ort. Wahrend eine große Anzahl von Aemtevn in Oesterreich .AUFRUF!'. schätzet Eure Kinder vor Halskrankhelten Sie können das sicher verbeugen, wenn Sie ihnen LkSciiweizerHostenpastilltn geben. Unentbehrlich für Jedermann, insbesondere für Kinder. Verlangen Sie in allen einschlägigen Geschäften Gratisproben Generalrepräsentanz und Grosser Karnlol & Glück mmam Wien, V., Zentagasse 3, Tel. 57-2-30 «me noch immer unter einer Hypertrophie des Bemntenstandes leidet und die Zahl ihrer überflüssigen Sektions Hess und Hofräte unter keinen Umständen in den Rahmen des durch die Sanierung bedingten Ersparungssystems sich «infügen wollen, sucht man den so notwendigen Apparat der Polizei zu kürzen. Man macht dem Polizeipräsidenten das Leben sauer und vermindert die Schlagkraft der W iener Polizei, die sich bisher noch immer als der einzige Hort der Ordnung nnd Sicherheit erwiesen hat. Das, was Polizeipräsident Schober fordert, beschränkt sich ans das zum Betriebe einer großstädtischen Polizei Notwendige. Auch das will man ihm nicht geben. Der Stand der Wiener Polizei, der eigentlich 7000 Mann betragen sollte, zählt heute nur 5500 Leute. Das BeMidungspauschale für die Polizeimann,fchaft ftir das Jahr 1923 ist jetzt am Jahresende noch nicht ausbezahlt. Ein weiterer Streitpunkt ist das sogenannte Zehrgeld der S i ch e r h e i t s w a ch l e n t e. Diese Gebühr ibetrug im Frieden 1,20 K. Präsident Schober verlangte von Dr. Kienböck die Valorisierung dieser Gebühr auf 16.000 K. Diese gewiß bescheidene Forderung wollte 'der Finanzminister nicht bewilligen. , / Es wäre gewiß kein Wunder, wenn Herr Schober eines Tages, dieser Zustände müde, ans die Ehre, Wiener Polizeipräsident zu fein, verzichten würde. Das Sanierungswerk erfordert gewiß Opfer, Herr Kienböck darf aber mit de<n Sparen nicht gerade an einer Stelle beginnen, die unvernünftige Knausereien am allerwenigsten verträgt und deren ungeschmälerte Erhaltung ein dringendes Gebot der Notwendigkeit, bedeutet. Denn durch die Sparwut Dr. Kienböcks werden am meisten die Beamten der Polizei betroffen, die den schweren, verantwortungsreichen Dienst in den Straßen versehen, und wenn die eines Tages, erbittert von den kleinlichen Schikanen eines einsichtslosen Bureaukraten, der Sache müde werden, dann wäre es auch mit der Ruhe und Sicherheit in Wien vorbei. Die Ordnung in Men ist nun einmal ans Herrn Schober und sein Polizeikorps aufgebaut. Will man es zu Vorgängen kommen lassen, wie sie sich jüngst in Paris ereigneten? 2er Streit um die Wertftreitnovelle. Der Bundesrvt hielt gestern eine Sitzung ab, um dir sichten Beschlüsse des Nationälrates zu genehmigen. Es sind dies die Gesetze betreffend die Ungleichung der Bezüge der Bundesangestellteil in der ersten Ovtszuilagenklasse an die Bezüge der Bundesangestellten in Wien, das Gesetz gegen den unbefugter Versicherungsbetrieb, das S i l b e r m ü n z e n g e s e tz, das Katastralmappengesetz, die Abänderung der Gewerbeordnung bezüglich der äußeren Bezeichnungen und Nam ensführung, das Bauaufwandsbegünstigungsgesetz und die Vereinfachung des Verfahrens außer Streitsachen. Bezüglich der Wert st reit Novelle vom Jahre 1923, die ebenfalls vom Nationalrat beschlossen wurde, haben sich Meinungsverschiedenheiten ergeben. Entgegen den Bestimmungen der Regierungsvorlage, die eine Grenze von 5 Millionen Kronen für die Kompetenz der Bezirksgerichte als angemessen hielt, hat sich der Nationalrat veranlaßt gesehen, tu liebereillstimmung mit einer Reihe von Gutachten industrieller, kaufmännischer und landwirtschaftlicher Kreise^diese Wertgrenze mit 15 Mil l i o n e n anzunehmen. Diese Hinouffetznng aus 15 Millionen hat nun namentlich unter den Advokaten des. flache,r Landes großen Widerstand ausgelöst, und im Kremser Bezirk haben die Rechtsanwälte zum Protest gegen diesen Nationalvatsbeschlutz alle Ex o-ffo- Berteidigungen niedergelegt. Heute fanden sich im Parlament Mitglieder der Richteweroinigung sowie Vertreter der Standesovganrsationen der Rechtsanwälte ein. um die Bnndesräte zu veranlassen, gegen den Natioualratsbeschluß Einspruch zu erheben, damit der Nationalrat die Regierungsvorlage in ihrer ursprünglichen Fassung wiederherstellen könne. Der Bundesrat entschied sich dafür, den Nationalratsbeschluß zunächst liegen zu lassen und über einen eventuellen Einspruch erst später nach Anhörung der Regierung und der anderen an dom Gesetz interessierten Kreist schlüssig zu werden. Zum Bauanfwandgesttz wurden folgende auch von: Nationalrat angenommene Resolutionen beschlossen: Der Bundesrat erblickt in dem Entwurf des Bauauswaindbegünstigungsgesctzes eine moralische Verpflichtung derjenigen juristischen und physischen Personen, deren wirtschaftliche Kraft es zuläßt,. sich der Bautätigkeit, insbesondere der Erbauung von Klein-und Mittelwohnungen, zuMvenden, und erwartet hiervon die Aufnahme einer regen Bautätigkeit. Für den Fall, daß diese Erlvartung nicht in ausreichendem Maße im Laust der zwei kommenden Bauperioden verwirklicht werden sollte, wird die Bundesregierung an»sge fordert, einen Gesttzentwurs vorzulegen, in dem der vben gekennzeichnete kapitalskräftige Personenkreis zwangsmäßig ohne Steuerbegünstigung zur Erbauung von Klein- und Mittelwohnungen verhalten wird. In einer zweiten Resolution wird die - Regierung zur Vorlage eines Gesetzentwurfes anfgesordert, der jene Personen, die infolge ihrer Vermögenslage auf Begünstigungen nicht angewiesen sind, vom M i e t e r f ch u tz e ausnimmt. Am besten u. bi kaufen Sie im I Schiffmann II., TäborstraSe 4 Telephon 47-1-70 En gros En dleta 3ur jüdischen Geschichte. „Aus zwei Jahrhunderten."*) Bon Dr. Josef Meist. Siebzehn Aufsätze zur neueren Geschichte der Inden $at Dr. N. M. Gelber in einem stattlichen Bande vereinigt. Ihrem Inhalte nach gehören sie größtenteils in das Gebiet der polnisch-jüdischen Geschichte, einige liefern Beiträge zur Vorgeschichte des Zionismus, einige zur Geschichte der Juden in Oesterreich, insbesondere in den Vormärztagen. Mehrere Aufsätze sind den Lesern dieses Blattes bereits bekannt. Gewissermaßen als eine Art Einleitung ist an die Spitze des Buches die Erörterung eines grundsätzlich bedeutungsvollen Themas, nämlich „der Voraussetzungen der Jndenfrage in Polen", gestellt. Die Judenfrage tritt — so führt Gelber aus^ — erst eigentlich mit der Aushebung der zentralen Organisation der Juden in Polen (1764) in die Erscheinung und hat in verschiedenen Phasen sich immer» am den einen Kernpunkt gedreht, „daß der Pole den Inden als ebenbürtigen Bruder anerkannte, wenn aus dieser Beziehung irgend ein Vorteil für die polnisch-nationale Sache ßnlspringen konnte. Oder wenn zur Zeit des Aufstandes es sich zumindest um die Neutralität der Inden handelte. Der Gedanke des politisch-nationalen Militarismus war stets der Regulator des jüdisch-polnischen Verhältnisses und der wesentliche Beweggrund der Polnisch-jüdischen Verbrüderung". In gewissem Sinne eine Illustration der polnischjüdischen Beziehungen bildet der Aufsatz über Berek Joselewicz, der von den Polen und ebenso von den politischen Assimilanten als Nationalheros gestiert wird. Gelber stigt, i»aß diese historische Gestalt doch etwas anders zu v^Ärn.lst, als dies von Seiten der Historiographie bisher geschah. Berek hatte, was bisher unbekannt war, der österreichischen Regierung den Plan zur ' Bildung eines j üd i s ch e n F r c i w i t l i g e n,k o r p s gegen die Franzosen unterbreitet, in deren Diensten er wenige Jahre darauf' kämpfte und den Hob fand (1809). Mit Recht schließt *) Verlag R. Löwit, Wien und Leipzig. 192L Gelber aus diesen Tatsachen, daß nur die Legende B. zum jüdisch-polnischen Patrioten stempeln konnte, daß aber in Wahrheit das Grtundmotiv seines Handelns soldatische Abenteuerlust gewesen ist, welche ihn befähigte, in ^kurzen Abständen ganz verschiedenen Herren zu dienen. — Zwei sehr wichtige. Beiträge zur Geschichte der Juden in Galizien enthalten die Aufsätze über d i e I u d e n i n d e r Republik Krakau 1815/46 und über die Zeit von. 1848'bis 1868. In dem ersten Aufsatz wird ausführlich der Kampf um das Wahlrecht im christlichen Kazimierz mit seinen wirtschaftlichen Nöten und Unterdrückungen geschildert. Die im Jahre 1832 von den drei Schutzmächten eingerichtete Kommission zur Reorganisierung der Verfassung des Freistaates wurde von den Juden als günstige Gelegenheit benützt, um durch Bermittluirg S. M. v. Rothschilds und Leopold v. Werth e im er s eine Denkschrift zu überreichen. Die Intervention hatte Erfolg, und an pie Bevollmächtigten außerordentlichen Kommissäre erging die Weisung, den Klagen der Juden besonderes Augenmerk zu schenken. Ms die Neorganisatiouskommissiou im April 1833 nach Krakau kam, befaßte sie sich auch mit cher Judenfrage. Allerdings kam dabei nicht viel heraus, was wohl zum> Teil auf die mangelhafte Vertretung der jüdischen Interessen zurückzuführen ist. Auch die Erledigung einer zweiten Bittschrift führte, so eingehend sich auch die Kommissäre mit ihren Einzelheiten befaßten, nicht zu besseren Resultaten. Schließlich kam es noch infolge der Auflösung der jüdischen Schulen gemäß § 13 des Statuts der Organisaliouskommission zu einer Erörterung der Schulfrage, welche durch das vom 12. Dezember 1834 erlassenen Schulstatut einer Regelung entgegengeführt wurde. Der zweite Aussatz erörtert das Verhältnis Goluchowskis zu den Juden bei seinem Amtsantritt als Statthalter aus Anlaß der Publikation eines Aufrufs der ungarischen Juden an die galizischen zur Unterstützung der ungarischen Freiheitsstrebungen. Ueberftüssig zu betonen, daß der Aufruf unterdrückt wurde. Wichtig ist die Stellungnahme des Statthalters, der eine Einigung der verschiedenen Richtungen der Judenheit zum Zwecke der sittlichen Hebung, volkswirtschaftlichen Nutzbarmachung und Zerstörung des nationalen Äparatismus erstrebte. Der Aufsatz behandelt weiter ein Projekt der R ü ck- .füürung der Judentum Ackerbau und den sich daran knüpfenden mißlungenen Versuch der Gründung eines jüdischen Ackerbauvereins sowie schließlich die Bemühungen der Lemberger Gemeinde, beziehungsweise Werth mmers in Wien, zur Beseitigung des Patents vom 2. Oktober 1853, das die Besitzfäh igkeit der Juden einschneidenden Beschräükmigcu unterwarf. — In baSNC-lchct der Geschichte der Juden in Galizien gehören auch bk. :0iii teilungen Gelbers über den ersten, auf Grund Maria Theresia am 16. Juli 1776 erlassenen Judennrvnung gewählten Oberlande'rabbiner Arg eh Leib Bern il? i der freilich mehr auf feinen privaten Vorteil bedacht war, als er sich für sein wichtiges und verantwortungsvollem Amt eignete. — Eine Widerlegung der von den polnischen Historikern vertretenen Diese, daß die Juden den polnischen Aufstand, vom Jahre 1816 verraten hätten, enthält die Schlußabhandlung des Buches, in der.gezeigt wird, daß zwar einige wenige Juden damals in den Diensten der' österreichischen Negierung standen, mehr noch von ihnen sich an dem Aufstand aktiv beteiligten. In die HaskalahPeriode führt die Ebaraktettstik des Mendel Satanower (Mendel Lewin), der in Berrn. mit Mendelssohn verkehrte und die Ansklärnngsideen in. %olen und Galizien verbreitete. Seine wahrscheinlich) au;? Veranlassung des Fürsten Adam Czartortzski verfaßte Schrift „Essai d'un plan de reforme, ayaut Ponr objet decsiurn:- la Nation juive eu Pologne et la redresser-par ses •■aoiwt*'1 behandelte die Judenfrage als Kulturftage und ß ■, u Lösung in d«r Aneiglnmg allgemeiner Bild.::.».- Vn'e.- strenge Rationalist ivar zwar kein schöpferischer ■.’ i eine interessante Persönlichkeit. Er machte sich auch a! - vp larisator verdient. — Als Ergänzung zu Veröffewl'chn e ähnlichen Inhalts von W i s ch n i tz e r, P o r g e s u. a. find die Mitteilungen über die Propaganda der 'F r a n k i st e n im Jahre 1800 und das mißtrauische Verhalten der Behörden zu dieser staatsgefährlich erscheinenden.Bewegung von Wert. — Ein Beitrag bereichert die Geschichte des Chassidismus, indem er neue Tatsachen-über die Sadagorer Dynastie ans Licht bringt. — Ein ansprechendes literargeschichtliches Bild entwirft der Aussatz über den Volkssänger Verl Broder und seine Schöpfungen/ ■ Die Geschichte der Juden in Oesterreich wird durch einige neue Ei-NLelbeiten eraämt. Wir erlabrw von einer

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