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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-28 · Heft 1748 (28.12.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1748 (28.12.1923)
Date
1923-12-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Kelle L Wen, Freitag " jährt und nicinand nimmt weiter Kenntnis davon, daß mit diesem Hauptmann ein ganzes Volk verfem: und degradiert wurde. Akten über Sreyfu». Aus -e« Archive« der Berliner Auswärtigen Amtcs. Die in den letzten Tagen herausgegebenen Akten anS der diplomatischen Sammlung, die das B erli ne r A n8» Dörtige A m t allmählich veröfftnücht, werfen ein nerieS Licht aus die Dreyfus-Affäre. Man darf wohl lagen, daß sie unter anderem auch den denkbarsten Beweis für die Unschuld Dre ysus briigen. Hauptmann Tremas war am 1. November 1891 unter > dem Verdacht deS Lan desverrates verhaitet worden, weil man, wie in der Pariser Presse angedeutet wurde, dafür Beweise hatte, daß er geheime Aktenstücke an die Militärrttaches fremder Botschaften (Deutschland und I t al i e n) hatte cmZliesecn wollen. Iw der Pariser P eise waren deswegen außerordentlich heftige Angrjffe gegen die deutsche Botschaft gerichtet worden, die als deutsches „Spionag e inst i tut" beze'chnet wurde. Zn einem Bericht vom 13. Dezember 1894 schreibt der deutsche Botschafter in Paris Fürst Münster: „Ter Presseftieg gegen die Militärattaches und selbst gegen die Botschaft wird mit einer Unverschämtheit geführt, die an die schlechteste Boulanger-Zeit erinnert. Am 19. d wird Hauptmann Treyfus vor das Kriegsgericht gestellt- Findet die Verhandlung bei g e sch l o s s e n e n T ü r e u statt, so wird die Pariser- Presse einen tvahren Jrrsinnstanz aufführen. Die Oefsentlich'eit der Verhandlung wäre für uns seh r erwünscht, es würden dadurch die vielen, ganz tnsirmigen Nachrichten und Erfindungen der Presse am besten widerlegt werden. Die h'e'ige Negierung hätte doch em Interesse, solche Anschuldigungen zu widerrufen, schweigt aber. Vom Hauptmann Dreyfus hat nie m an d au f der Bot" schüft, auch der Milit7rittache Oberstleutnant Schwarzkoppen nicht, etwas gewußt oder gehört. Alles ist rein erfunden. Die Zeitungen haben behauptet, daß ich Geheimhaltung der Verhandlung verlangt habe. Km vertraulichen Gespräch mit dem Meister des Aeußern Hanotoux kam die Rede daran?, worauf ich ihm sagte, ich kö nne dazu nichts sagen, aber wenn ich dabei etwas sagen könnts, so würde ich die Öffentlichkeit verlangen. Der Minister gab mir recht und sagte, er wünsche es selbst auch, er werde aber jedenfalls versuchen, Licht in der Sachs zu schaffen. Kr'egsminister M e r c i e r ist. wie auch bei manchen anderen Gelegenheiten, auch bei dieser Untersuchung so ungefchickr gewesen, daß er unmöglich noch länger im Amt wird ble'ben können. Herr Hanetour ist feit einigen Tagen recht ernstlich erkrankt." Dieser Bericht kann deswegen als Beweis für die Unschuld von Dreyfus gelten, weil doch der deutsche Botschafter in ein em Geheimbericht an den Reichskanzler selbstverständlich nichts zu verschweigen i brauchte.? In den ersten Jännertageil des Jahres 1895 hatte fr« D:e:ifus A: g le-e heit enernstes d i p l om a t i schrs Nach spiel. Dreyfus war vom Kriegsgericht zu Degradierung und lebenslänglicher Verbannung auf die c u selsinsel venw e lt worden. Aber der Pressefckdzug ge.^en die deutsche Botschaft wollte'nicht aufhören. Der damalige Ministerpräsident Charles Dupn is erklärte dem Botschafter vertraulich, daß die Bestrafung von Dreyfus rmch seiner Kenntnis der geheimen Verhandlung des Kriegsgerichtes zu Recht erfolgt sei, daß jedoch, soweit er (Dupuis) vernehmen könne, „der Verdacht nicht nach der deutschen Seite hin gegangen sei". Kraft dieser Erklärung ersuchte nun der damalige Reichskanzler Fürst Hohenlohe im Aufträge des Kaisers den Botschafter mn 4. Januar ielegravhisch, den Präsidenten der französischen Republik zu einer Bestätigung dieser Aussage zu veranlassen. Die Weisung des deutschen Re'ch°kanzlers an den dent'chen Botschafter in Paris lautete: „Wenn dies r'ch'ig ist. dann erwartet Se. Majestät der Kaller von der Loyalität des Prä sidenten der Republik, MV derselbe freft Tatsache, de:en längere Verdunkelung geeignet ist. dem Bert-e^er der allechochsten Person den Anftnthalt in Paris zu' erschweren, amtlich und ö'settli-h r'chst^st-llen wird." In einem welle-en Telegramm vom 6. Jänner unterzeichnet von Staatssekretär Marsch all, wurde für den Fall, daß d'e erwartete amtliche Klarstellung una-nügeüd eussal'en würde, ein zu v«rö'sentl'che''der Notenwechsel als Ergänzung in Aussicht -bestellt. Ueber d'eftn deutschen Schr-ft elttfrand nun in der Poesie große Bestürzung. Der Prä'i^ent der Republik. Casimir Per ier, gab dem Botitfjareu eine andere Darstellung der Anklage- Punkte Legen Dreyfus als Duvuis und erwähnte zum erstenmal die Existenz jenes Konzevts des berühmten Bo rderaus. das im Papierkorb des deutsche» Militärattaches gefunden worden war und von der Mehrheit der?ugezoaenen Hcnkschri'tm^verständ'gen Dreylus zugeschrieben wurde. Aus ihm mußte allerdings für die Franzosen die Beteiligung der deutschen Botschaft an dieser Sp'ünageangelegenheit klar hervorgehen. Allein sie jonnteu n cht wissen, daß es in Wirklichkeit von einem anderen franzö'ischen Offizier, von Major Esterhazy, stammte, rcc erst mehrere Jahre später entlarvt wurde und nach London flüchete, wo er/rst vor wenigen Wochen gestorben ist. Auch Gras M ü n st e r wußte nichts davon, weil der Militärattache Oberstleutnant v. Schwarzkoppeu ihm zwar wahrheitsgemäß erftärt hatte, er habe mit Dreyfus niemals etwas zu tun .gehabt, aber sogar ihm gegenüber verschwiegen hatte, daß er mit Esterhazy in Veob in du ngstand. Und nun ergab sich daraus d'e Situation, daß Graf Münster den französischen Staatsmännern gegenüber im besten Glauben sein Wort verpfändete, daß.die deutsche Botschaft von dem ' bewußten' Konzept'nicht die Wiener Moraeirzeltuns. M. Dezember 1928 ."" Km mm tschecho-BwaW-franzöfischer Mndnisvertras. Vchktigung des Status yuo. — Berhindervns der Wiederkehr der Hohenzollern- und -absburger-Hmschast. Paris, 27. Dezember. ‘ (Tel.' der „Wiener Morgen- ‘ zeiiung".) Der tschechoslowakische Außen-minister Doktor Bene sch ist heute nach Prag zu ruck ge kehrt. Der „T e m p 8" teilt bei diesem Anlaß mit. daß bei den Unterredungen Benesch' am Quai d'Orsay über den Abschluß eines Vertrages zwischen Frankreich und der Tschccho-Slowakei beraten wurde. Dr. Benefch wird diesen Vertragsentwurf Präsident M a s a r h k unterbreiten und im Jänner wieder nach Paris zurückkehren, um das Abkommen zu unterzeichnen. Dieser Vertragsentwurf würde fvanzösischerseits Polen und Belgien, von der Dschecho-Slolvakei R u m ä n i e n und S ü d s l a w i e n unterbreitet werden. ' Die .Hauptpunkte des Vertrages seien folgende: 1. Anfrechterhaltung des Nachkrtegszustandes in Europa und Durchführung aller Friedensverträge. 2^ Die Durchführung einer Friedenspolitik, d. h. einer Politik, welche ein System von D e f e u s i v - A b k o m m e n in sich schließt. 3. Wahrung aller internationalen Verpflichtungen, die ans dem Bestände des Völkerbundes 'hervorgegangen sind. 4. Zusammenarbeit für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas. Der ,Demps" verzeichnet als weitere Punkte: Verhinderung der Wiederherstellung der Hohen zolle rn-Dynastie; Wahrung der Unabhängigkeit Oesterreichs; Verhinderung der Herstellung der Habsburger-Dynastie in Ungarn. Beide Negierungen verpflichten sich zur Zusammenarbeit bei den großen europäischen Fragen und zur Unterbreit» ng aller Zwistigkeiten Mischer ihnen vor ein Sch'wdsgericht. geringste Kenntnis gehabt, und infolgedessen aus feiner Forderung bestand, wähtend anderseits der Präsident der französischen Republik Höflichkeit shalber so tat, als scheuste er dieser Versicherung uneingeschränkten Glauben, aber d'e geivünsch'e öffentliche Erklärung nur dann herausgeben woll e, wenn sie sich auf alle Botschaften in Paris beziehen würde. Ein lelepraph'scher Bericht des Gra'en Münster an dos Auswärtige Amt vom 6. Januar besagt: „Umfasse das Dementi alle Botschaften in Paris, so sei doch die deutsche unbedingt mitgemeint; würde sie allein genannt, so würde der Verdacht' auf die anderen gelenkt, und außerdem würde der Vorwurf, die französische Republik werde durch Deutschland regiert, wiederholt werden. Der Ministerpräsident Duvuis, mit dem Münster unmittelbar danach Rücksprache hielt, wollte zunächst überhauptkeine Erklärung veröffentlichen lassen, gab jedoch nach, als der deutsche B t'chafter die Verossentl'chung eines Notenwechstls in Aussicht stellte, und schlug ein Dementi vor, das das Berliner Auswärtige Amt zunächst für ungenügend erklärte und durch einen Zusatz präzisiert haben wollte. ES t .fc» wickelten sich nun längere Verhandlungen über diesen Zusatz. wobei man in der Wilhelmstraße sogar mit dem Gedanken einer Beurlaubung des deutschen Botschafters auf längere Zeit, als» einer milderen Form deS Abbruches der diplomatischen Beziehungen sv'elte. Schließlich einigte man sich am 9. Jänner über eine K o m p r o m i ß f o r me l. und damit war der diplomati'che -Zwischensalt eAedigt. Der unschuldig Verurteilte aber wurde kurz darauf nach der Teufelsinsel verschickt. Mit Recht bemerkt der „Vorwärts" zu dieser Aktenne-össentl'chuna: Hatte die deutsche Regierung damals oen Mut aufgebracht, wenn auch entgegen den diplomatischen Sitten, öftentlich^ zu erklären, was der Botschafter Graf Munster vertraulich berichtet hatte, nämlich, daß niemand auf der deutschen Botschaft den Hanvftuann Dre-fuS kenne, dann, hätte wahrscheinlich die ganze Afiare von AnfUlg an einen anderen Verlauf genommen. < Sie mmt MiMI. Bei den völkischen Reibern^ des Deu-tschtmus herrscht in einem Punkte velle Einigkeit: In der Schürung des Judenhasses für ihre mehr oder minder schmutzigen Absichten. Sonst geht es im Lager der Wahrer und Mehrer der deutschen Ehre recht kunterbarnt zu. Bald beschuldigt ein Grüppchen die anderen^ daß sie im. geheimen Dienste jüd'sch-'srcimaurerischer oder, römisch-jesuitischer Interessen stehen, -bald fällt ein ähnlicher Anwurf von der Gegenseite zurück, und. so beschuldigt nian einander unter Wahrung aller sonstigen Belange deutscher Treue frisch, fromm» fröhlich und frei des Verrates an der völkischen Sache, des Pakiicreus mit dem Erbfeind, und, was am lustigsten ist, der Verbindung mit dem Judentum. Gerade jetzt gibt es wieder einen solchen netten, kleinen Krieg zwischen' den Führern d^r deutschvölkischen Freiheits- Partei Grafe und Wulle einerseits und dem alldeutschen Verband andererseits. I« nach Bedarf würde in verschiedenen Artikeln, welche nach dem alldeutschen Grundsatz des Kampfes mit offenem Visier Pseudonym mit „T e u t o b e r t" gezeichnet erschienen sind, gegen drn Vorsitzenden des alldeutschen Verbandes, C la.ß,.die Beschuldigung erhr-ben. er diene den internationalen Mächten i>es Judentums oder der Freimaurerei o-der des römischen Jesuitismus. Teutobert hat sich später, als der alldeutsche Verband zum Kadi lief, als m-eckleuburgiischer Landesvorsitzender der Deutsch: ölkischen entpuppt und seine Anwürfe zurückgencmmen. Graft und Wulle konnten nicht belangt werden, da sie der Reichstag nicht auslieserte, und andere wegen der Angriffe geklagte Mitglieder der Teutschvölkischen wurden vr-m Gerichte nicht unter Anklage gestellt, da eäf: der. Ansicht war, diese Angriffe überschritten nicht das Äaß des im politischen 'Kamhft Zulässigen. Das Gericht scheint seine Leute zu kennen. Heiter ist nur/ was die . putsche Zeitung", das Organ des alldeutschen DcrbaMs, zu diesem Gerichtsbeschluß sägt: „Den weltfreindin Richtern fehlt das Verständnis dafür, daß es für einen völkischen Vevband nichts Ehrerkränkeridcres gibt, als die Behauptung, daß er oder ftme Führer unter der völkischen Maske volksfeindliche Politik betrieben!" An diesem Satze ist Wohl, wie immer, das Deutsch betrüblich, aber seine Logik erheiternd. Ms ob die völkischen Verbände jemals etwas anderes als voMfe'mdliche Politik betrieben hätten! Daß die Herren in den völkischen Berbäntzen einander genau kennen, dafür ist der beste Beweis, daß sie einander immer wieder Verrat vorwerfen. Fürst Mrede verhaftet. München, 27. Dezember. Der Gvunde-r des frirten nativ nabs oz'.a listff chen R-eiterkorps Rittmeister Fürst W r e d e ist in Schutzhaft genommen worbon. Ferner wurde der Vorsitzende des deuWen Hychschulringes und Schviftlerier der „Madennifchen Stimmen", 'der aus Gger stanlmende Student P l e y e r aus Bayern a u s g ewiesen. Dietrich Eckart gestorben. München, 27. Dezember. (Wolfs.) In BerchteLgadüN ist gestern.aben-s der^SchviftswN^r, unid HevgrM.-iber -rs „DSlLiifchen Beobachters"' Dietrich Eckart ge.storbm^ Eckart war am Freitag aus der Schlltzhast entlass-.'^ .worden, * Eckart, der ursprünglich aus der Müncheu-'Sck-wabi'.'.- ger Bckhemicnkolon'ie stammte, hatte sich vor zwei Jahren dem Tapezierer Hitler augefchlossvn, indesftu Älchrag er die blutrünstgisten Pogromartikel im „Völkischen Beobachter" schviob. Nach der Verhasiuug Ehrhardts -war Eckart kompromittiert, und der Leipziger Neichsanwali der. laugte seine Verhaftung, di>e jede-ch von der bayrischen Regierimg verweigert wurde. Nach der C'uftellung des „Be ob-achters" setzte Eckart stiu-e Täügke-it beim „Mi-esba-cher- ArrgÄger" fort, wurde jedoch bald wagen feiner Verbindung mit Hitler verhaftet. Rückkehr Radk' müi FvqMawim? Vorbereitungen zu seiner Verhaftung. Belgrad, *27. Dezember. Mit Rücksicht auf bvt ange» Künd'gte Rückkehr Nadic' sind die GvenzM-örden angewiesen worden, ihn beim Betreten des Staatsgebietes zu verhaften. Die Skupschtina hat bekanntlich be-reits im Sommer dem AnA-ieferungsbegehren des Justi-zmiN'isters gegen den Abg. Nadir wogen verschiedeuer Preßdelckt« stattgegeben. Radic hat sich ftdoch durch die AuStvanderuing einer gerichtlichen Verantwortung entzogen. Er soll nun auch wegen seiner in London entfalteten defaitistischeu Aktion gerichtlich belangt werden. Wer wird polnischer Außenminister? Warschau, 26. Dezember. (Tel. der ^Wiener Morgeld zeitung".) Im Kabinett G r a b s k i ist das Außenministerium vorläufig nur mit einem Leiter,, dem /Sekiionsches Verton, besetzt, da eine vcfinitids Besetzung des Außen- Portefeuilles bisher noch nicht vorgen-ommen werden kannte.' GrabSki hat den Polnischen Botschafter in, Paris, Grafen Zamoyski, zum Außenminister ausersehen, doch hat Zamcyski auf das Anerbieten bisher nicht bindend geantwortet. sondern sich Vorbehalten, bei seiner in Kürze erfolgenden Anwesenheit in Warscljau seinen Eutsch'uß dekanntzugeben. In Sejmkrelsen wird bezweifelt, ob Zamoyski das Portefeuille des Aeußeren übernehmen wird. Sollte dies nicht per Fall sein, so wird von den verschiedenen Parteien eine große Zahl von Kandidaten präsentiert. Die Rechte kandidiert den gegenwärtigenpolnischen Generawelegierten in Tangig, Dr. P l u e i n s k i, oder den ehemaligen Obmann der Skeevakuierungskommission in Moskau, O l S z o w s k i. Bon der Piast-Gruppe wird die Kandidatur deS früheren Außenministers S k r z y n s k i in den Vordergrund gerückt. Die Entscheidung über die Lndgültige Besetzung des Außenporteftuilles ist um so wichtiger, als die bevorstehende. Konferenz der kleinen Entente eine definitive. Fühvung. der Polnischen Außenpolitik erforderlich machv

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