Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1748 (28.12.1923)
- Date
- 1923-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ßnzelmrainrorK ’OOO Wien; Zum Abholen in dni Expedition, JLTaboratr. 1 -3, oder in einer Verschleisstell« § [rafftet monatl. K 28.000 traasen verkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I. 6er., Wollzeile 11. Mit Poatveraand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tscheche-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon.Dinar50. Polen:Mon. polnische Mark 2,200.000. Deutsch),- Mon. Goldmark 3.—, Franhr., Bei» gien: Mon. Frcs. 10 WU- Nach tah Innen 3W> bei Prel«erhShanr«n Vorbehalte» tener IUI 91t. 1748 Wie«. Freitag. 28. Dezember 1923 Tscheche »Slowakei t tschech. K 1.~ Italien: Monatl. 12 f .ire, Rumänien Mon. 1301 ei, Bulgarien Mon. 75! ewa, Schwei? und das übrige Ausland monatlich Frc*. 3 Redaktion n. Administration Wien. II., Taborstrasse 1—3 Teienbone: 44-0-38.43-3^9. ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.- Adr.:„MorgenzeitungM Wien Oeaterreichischea Postspar« kassen-Konto Nr. 150.693 3. fiafirßong mml Sie ErfchÜttermg des fraMsifche» Franken. — Englands Budget passiv! Wier, 27. Dezember. An sämtlichen Börsen läßt sich | ein unaufhaltsames Abbröckeln des französischen Franken Miellen. Die Unterbrechung durch die Feiertage konnte diesem fortwährenden Sinken keinen Einhalt tun. Gestern ist die Devise Paris in Zürich von 28,90 auf 28,50 gesunken und auch in Prag fiel sie von 176 auf 169,25. Ebenso stark ist die Senkung in London, New-York und A m st e r d a m. Wenn auch die Kurseinbußen auf den einzelnen Mätzen relativ gering sind, so wirkt doch diese konstante Abbröckelung äußerst beunruhigend. Die französischen Finanzkreise sind sich der ungeheuren wirtschaftlichen Nachteile, die daraus der französischen Wirtschaft drohen, vollkommen bewußt. Sie versuchen auch dagegen anzukämpfen, doch sind die zu diesem Zwecke in Anwendung kommenden Mittel vollkommen unzureichend. An eine Stützungsaktion durch die Bank-de France kann momentan nicht gedacht werden, da der Barschatz schon durch die frühere Inanspruchnahme für solche Zwecke zu stark hergenommen ist. Dabei läßt sich auch nicht der ungünstige Eindruck, welche die französische Staatswirtschast im Ausländ hervorruft, verwischen. Die internationalen Finanzkreift wissen gelten FkNdNzwirtschasi zuruBehten Im, stlange nicht die; Zuflüsse aus den deutschen Reparationsleistungen das Bndgetdefizit Frankreichs zwn Verschwinden dringen. Gleichzeitig wird aber mit jedem Tag. offenkundiger, daß derzeit auf solche Leistungen von seiten Deutschlands nicht gerechnet werden kann. Infolgedessen wird die Situation äußerst ungünstig beurteilt. Dir offiziellen Beschwichtigungsversuche können daran nicht viel ankern. ßrklSrunsen der Finanzmiuisterr. Paris, 26. Dezember. In der Fmantzkommisfion Veto Ute heute Finantzministcr de Lasteyrie, daß seit Kvei bis drei Jahren der französische Wechselkurs die Tendenz einer Entwertung auswoise; heute habe er den niedrigsten Stand erreicht, auf den er je gefallen sei. Eine derartige Entwertung sei weder aus die finanzielle noch aus die wirtschaftliche Lage Frankreichs zurückzufvhren. Die finanzielle Lage, sagte der Minister, ist gut. Wir waren in der Lage, die Kosten für den Wiederaufbau der befreiten Gebiete zu bestreiten und die Zahlung von drei Milliarden Zinsen, für die Deutschland aufkommen sollte, zu sichern. Die Mehrerträge gegenüber dom Budget 1923 beziffern sich auf mehr ails drei Milliarden. Die Einkommenstmer hat im laufenden Jahre 2194 Millionein ergeben gegen bloß 900 Millionen im Jahre 1919. Derartige Ziffern zeigen uns, daß das Problem des Gleichgewichtes im ordentlichen Budget gelöst ist. Die Auswirkung dieser Verhältnisse macht sich auf den Staatsschatz fühlbar.' Wir nehmen für das ordentliche Budget keine. Anleihen mehr auf, sondern nur für die seitens Deutschlands rückzahlbaren Ausgaben. Auch die wirtschaftliche Lage bessert sich. Das Defizit der Handelsbilanz betragt nur 1200 Millionen. Die Kohlenförderung hat di« VorkviegsHiffer erreicht. Der Minister erklärte, die Entwertung des Franken fei auf psychologische Ursach en zunrckzuführen. Die verleumderischen Gerüchte, die Frankreich als zur Inflation getrieben davstellen, hätten den internationalen Markt beeinflußt. Die Tatsache, daß die Vorschüße der Bank von Frankreich an den Staat von- 27 aus 23 Milliarden zurückgegauigen seien, beweise dve Lnti'lyflationistifche Tendenz. Man darf heute anuchmen, schloß der Minister, daß der passive Widerstand aufgehört hat und daß di«,23ereintgten Staaten mit dem Sachvevständigenkomitee wieder, in Fühlung treten werden. Hierauf nahm der Senat mit 257 gegen 8 Stimmen den Entwurf an, womit die Ermächtigung zur Einhebung der Steuern für 1924 erteilt wird und die Beamtenzulagen erhöht werden. LeW im mMchen Staatshaushalt. London, 27. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeituug".) Einer Meldung des Schatzamtes zufolge hat der englische Staatshaushalt in der Zeit vom 1. Jänner bis 22. Dezember d I ein Defizit von 48 Millionen Pfund Sterling aufzuweisen. Wie eine Anleihe zustande kommt. Die Vermittlungsgebühren. Krakau, 26. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) . Der hiesige „Kurzer Codzienny" läßt sich , aus Warschau melden: „Im Zusammenhang mit der vor mehreren Tagen im französischen Änat behandelten Frage der Anleihen für Jugoslawien .(300 Millionen Franken) und Polen (400 Millionen Franken) teilen ausländische Blätter mit, daß die französische Regierung die Gewährung der Anleihe an P ö l e n von einer Reihe vo »Bedingungen abhängig macht. Als G e gerill e i st u n g für dies« Anleihe erhält eine Gruppe französischer K a p tt o I i ft e n K o n z e s s i o n e n für die Exploitällvn der Wälder von. Bielowiesz und großer Waldgebiete in der Gegend von Grodn o. Die : - srdnzöstsche Gruppe ist" bereits vvnMtaüendie Durchfuhr- «rlaubnis.für das gewonnene Holz auf dem Njemen durch ) das litauische Territorium zu erwirken^ Solange diese Bedingung nicht erfüllt ist.'ist Vas Anleiheprojekt als nicht realisiert zu betrachten. Bon der Anleihesumme für Polen sollen 360 Millionen Franken zur Bezahlung der durch die ftanzösische K r i e g 8 i n d u st r i e i t s o l gten Lieferungen dienen. Der Rest von 40 Millionen Franken ist als Vermittlungsgebühr an sechs französische Politiker zu zahlen, welche bei der Realisierung der Anleihe und bei ihrer parlamentarischen Durchführung hervorragend mitgewirkt haben, sowie an eine angesehenn und einflußreiche politisch e P e r s ö n l i ch k e i t i n P o l e Wer diese angesehene und einflußreiche politische Persönlichkeit ist, teilt die Meldung des Krakauer Blattes nicht mit. ' Re SachverftstndigenkommWm. Paris, 27. Dez-mHer. (Wolsf.) Nach Miellen MUteilungen der Reparationskommission setzt sich der e r st e S a ch v e r st ä n d ig e n a u S s ch u ß. der die Wahrungs-. und Budgetfragen zu behandeln hat, folgenderinaßen zusammen: Großbritannien — Sir Robert Kindersley, Direktor der Bank von England, und Sir Charles Sta mp, Sekretär der Nobelgesellschaft; Frankreich — Parmentier, Verwaltungsrat des Crckit Foncier, und Professor Alex von der Rechtsfakultät in Paris; Italien — Industrieller Dr. Alberto Pirelli und'Professor Flora von der Universität Bologna; Belgien — Baron Maurice H o u va r t, Mitglied der Kammer, und Bankier Emile F r a n c q u i, Staats- , minister und Vizegouverneur der Societe Generale Belge; Vereinigt« Staaten — D a w e s von der Central Trust Company in Chicago und Owen Ioung, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Electric Company. Der Ausschuß für di« Kapitalsflucht setzt sich wie folgt zusammen: Großbritannien — Reginald Mac Ken na, ehemaliger Schatzkanzler; Frankreich — Laurent Atthalin, Direktor der Banqne de Paris et des Pays-Bas; Italien — A l b e r t i, Vizedirektor des Cvedito Jtaliano; Belgien — Ja nssen, Direktor der Belgischen National- >ba'nk; Vereinigte Staaten — Henry R o b i n s o n, Präsident der Natwnalbank in Los Angeles. Attentat ans den javanischen Prinz- Regenten. Der Anschlag mißlungen. Tokio, 27. Dezember. Ein zwanzigjähriger junger Mensch schoß heute früh aus den P r l n z - R e g e n t e n, als dieser in seinem Automobil nach dem Landtag fuhr. Eine'Scheibe des Automobils wurde zertrümmert. Der Prinz-Regent blieb unverletzt.- Neues zur Dreyfus-Afföre. - y. 2Bi e it, 28. Dezember. Der Hauptmann Dreyfus, der unter dem Beifallsgetrampel der gesamten antisemitischen Verbrecherwelt diffamiert und gefoltert worden war, hat inzwischen durch Richterspruch seine Ehre wieder erlangt. Männer wie Clemenceau, Zola, Picquart, Scheurer-Kestner hatten es nicht dulden wollen, daß die Sck-ande eines Justizmordes den Schild der französischen Republik beflecke, und sie hatten ihre ganze moralische und politisckje Autorität aufgeboten, um dem Sträfling von Cayenne wieder den Rückweg in das bürgerliche Dasein zu öffnen. Ein Rattennest der frechsten Fälschungen ward aufgedeckt. Abenteurer schlimmster Sorte waren entlarvt worden, die sich im Dienste des Antisemitismus zusammengefunden hatten, um den jüdischen Spion, der Frankreich an den Berliner Generalslab hatte verkaufen wollen, an das Messer zu liefern. Der Inhalt der Papierkörbe in der Pariser deutschen Botschaft wurde von gedungenem Gesindel durchschnüffelt und gefälscht, bis das seither so berühmt gewordene „Bordereau" den Beweis für die Schuld des jungen Artillerieoffiziers erbringen konnte. Die Stelle, die die volle Wahrheit kannte, eben diese deutsche Botschaft, schwieg. Das diplomatische Geheimnis band sie und zeigte sich stärker als alle Ritterlichkeit, und Menschlichkeit, die es geboten hätte, dem Opfer des Pöbels, der nach jüdischem Blut raste, beizuspringen. Jetzt, nach vierzig Jahren, beginnen die Dokumente zu reden. Das deutsche Auswärtige Amt verössentlicht seit einiger Zeit Akten aus seinen Archiven, «und in öen letzthin publizierten Berichten ftndsn sich die Beweisstücke für die volle Unschuld Alfred Dreyfus', darunter die Feststellung des deutschen Botschafters Fürsten Münster, daß' niemand auf der Botschaft den des Hochverrates zugunsten Deutschlands bezichtigten Offizier kannte. Diese Note stammte aus den ersten Tagen des Kesseltreibens gegen Dreyfus, und ihr Inhalt hätte der ganzen Sache augenblicklich eine, andere Wendung geben müssen. Aber die politische Raison verbot ein Hervortreten der deutschen Delegation. Es sieht sich heute, nach 40 Jahren, sonderbar an, daß die amtlichen Stetten in Paris und Berlin, die einander vertraulich über den wahren Stand der Dinge informierten, nicht den Mut aufbringen konnten und wollten, der großen Lüge entgegenzutreten, die sich bis zur International^ auswuchs. In dem Schatten des von beiden Staaten vorbereiteten Weltkrieges wog die Rücksicht auf die Furie des Chauvinismus stärker als das Ansehen der Justiz. Aber doch entsteht die Frage, ob sich das Deutsche Reich nicht stärker engagiert hatte, wenn sich der wahnwitzig gewordene Pöbel, den Rochesort und Drumond führten, etwa einen Nichtjuden ausgesucht hätte, um an ihm seinen Patriotismus auszutoben. Die Frage stellen heißt sie beantworten. „Cette canaille de D..." war ein Jude. „Tod den Juden!" heulten die von den Royalisten und Chauvinisten bezahlten Apachen, und in Berlin, wo man doch besser Bescheid wußte, schrieben die gutpreußischen Blätter lange Artikel darüber, wie wohlgetan es sei, die Juden vom Offtziersstande auszuschließen. Cs hat fast ein Menschenalter lang gewährt, ehe die Papiere der politischen Archive ihre stumme Sprache laut werden lassen konnten. Der Weltkrieg, der so viele Götzen entlarvt und gestürzt hat, mußte durch Europa brausen, ehe mit anderen Wahrheiten auch die eine ans Licht dringen konnte, die einem zerschlagenen, gemarterten Menschenkind wieder die Ehre bringt. Aber die Diplomatie konnte selbst das wuchtige Ereignis des Massenmordes nicht entwurzeln. Sie hat alles überdauert, Staaten, Völker und Menschen, und sie geht auch ' heute noch um, webt im Dunkel ihres verfluchten Handwerks an neuem Unglück. Es gibt wieder, trotz aller Erfahrungen, Geheimverträge, es gibt drohende und bedrohte Staaten. Die Völker, um deren Leben und Glück es geht, sind nur Sammelbegriffe für irgend einen gewandten Streber, der aus seinem Zimmer heraus Fäden und Netze knüpft, zur größeren Ehre seines Fetisches, des Machtwahnsinns. Federleicht ist die Arbeit und der Fleiß der Menschen gegenüber der Aussicht, einen Fetzen Landes zu gewinnen oder einigen Kanonenfabriken Verdienst zu schaffen'. Selten gelingt es, so tief in das Gewerbe der internationalen Vergifter hineinznleuchten, und wenn es trotzdem einmal gelingt, wie jetzt im Falle Dreyfus, dann sind die Akten der-