Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1747 (27.12.1923)
- Date
- 1923-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980829--17225-3004210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Wiener Morgenzeitung._ 97. Dezember 1923 Nr. 1747 R. Weizmann Sber Me Äufgaben sn Amerika. Das offizielle Organ, «der ameMnischen Zionisten „Das jiddische Folk"' veröffentlicht ein Interview mit dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Doktor Weizmann über seine Absichten in Amerika, in lvelchen: dieser erklärt, seine jetzige Reise nach Amerika stehe in Verbind!! ng mit drei Aufgaben, die für den Aufbau der jüdischen Heimstätte von besonderer Wichtigkeit sind: der Jewish Ageneh, der hebräischen Universit ä t und der Gründung eines Palästina -Finanzi» st i t u t s. Die Idee der Jewish Agency habe in Europa, nnd zwar auch in den Westländern, in ten weitesten Kreisen der Juden bereits viel Sympathie gefunden. Die großen nichtzwnistischen Organisationen Englands bringen der Sache ein reges Interesse entgegen, mit den Vertretern der französs ch e n Inden stehe man in Verhandlungen und auch die angesehenen jüdischen Vertreter in Jtalien und Holland verhalten sich sehr symphatisch. Bis jetzt habe niemand eine Absage geschickt und er Hetze die feste Hoffnung, daß die ganze jüdische Welt die große Bedeutung der Jewish. Agency anerkennen und ihre Mitarbeit für Palästina nicht versagen werde. Bon größtem Wert aber fei die Hilfe des anrerikanischen Judentums und die Tatsache, daß Persönlichkeiten wie Louis Mars hall, Oskar Strauß, die .Herren Le>hmaun, Dr. Cyrus Adler ihre Bereitwilligkeit Hur Mitarbeit erklärt habere, berechtige gu den besten Hoffnungen. Unser Wunsch ist, erklärt Tr. Weizmann, daß alle großen Organisationen Amerikas, wie das Joint Distribution Committee, die Logen und die jüdischen G e w e r k s ch a f t e n, sich an der Jewish Agency beteiligen, welche die Aufsicht über dien Keren Hajessod, die Kontrolle über die Verlvendnug der Gelder, die Vertretung alter Juden gegenüber >der Mandatarmacht innohaben und die Direktiven bezüglich des ökonomischen Aufbcuves geben soll. Was die Jerusalemer Universität aulange, so sei deren Gründung eigentlich bereits Tatsache, nur fohle noch die formelle Eröffnung und der Beginn der 'Arbeit. Für die Sympathien, ioelche diesem Plane entgrgcngc bracht werden, zeugen die. großen Spenden für die Universität. Es wurde bereits ‘ocr Auftrag erteilt, an die Errichtung von 50 Vortragssälen und ArLeitsräMiM hevanzutreten. von denen 25 fiir die nredizinische Fakultät bestimmt sind. Der Universitötsplan habe auch in christlichen englischen Kreisen große Befriedigung hevvorgerusen und man hoffe, daß sich die amerikanischen Aerzte und Rechtsanwälte der Sache mit größter Energie annehmen iverden. Ein wichtiger Teil von Weizmanns Mission sei die Gründung des Finanzinstituts mit einem Kapital von fünf Drillionen Dollar. Prommentr Vertreter der amerikanischen Judenheit haben bereits bei Weitzmanns vorigem Besuche diesem Plan lebhaftes Interesse entgegengebvacht. Ein Bankinstitut, das in Amerika Kapital schaffen würde, omt die Shares solcher soliden und gesicherten Unternehmungen, wie zum Beispiel der Hypothekenbank, des Nuthenberg-Werkes oder des geplanten Hafen bau es, zu erwerben, würde auf einmal das ökonomische Leben in Palästina kn und für die Versorgung von Tausenden von Einwanderern mit Arbeit Möglichkeiten schaffen. Ob die Bank eine selbständige Institution sein oder als Finauzapparat der Jewish Agetuy organisiert werden wird, stehe noch nicht ftst. Die Lage irr Palästina müßten Zionisteu weder als Pessimisten noch als vertriebene Optimisten, sondern lediglich als Realisten beurteilen. Trotz aller Schwierigkeiten rnache Palästina ökonomisch Fortschritte, und cs liege nur an den- Inden, dieses T e m p o zu beschleunigen. Tasse-lbe gelte von der arabischen Frage. Was Hetzer tun, könne doch nicht die Grundlage einer Volkspolitik werden, und die Araber beginnen allmählich einzufchen, daß die Hetzpolitik zu nichts führe und der Zionismus für sie nur eine Wohltat ist. Sch unißten sich von der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen überzeugen, die öffentliche Meinung in England gegen den Zionismus aufzuhetzen. Sie können vielleicht diese oder jene Politische Persönlichkeit gewinnen, aber dch Parteien als solche stehen alle auf kur Boden, der Bal-four-Telbaration. Je früher nnd energischer wir die ökonomische Belebung des Landes verwirklichen werden, desto eher wird dies zu einer aufrichtigen Verständigung kr beiden Völker führen. BeKe 9 Men, Donnerstag Minden läßt und daß es diese Diplomatie nicht will. Aucy für Poinoare imd seine Richtung konunt der Tag, an welchem der Mlle des französischen Volkes sich Geltung erzwingen wird, wenn auch die Regierung und ihre Mehrheit, der nationale Block, schon jetzt alle Künste der Wahlgeometrie spielen lassen, um noch im letzten Augenblick das Glück zu korrigieren. Die Revision des großen Prozesses wird bereits sichtbar und die Volker werden sich doch noch einmal gegen die Ärplomatcn durchsetzen. Mische Kattmllusgaben im Lichte -er Wirtschaft. Bon Dr. Jacques Adler (Leipzig). Budgetdebatten zionistischer Körperschaften bringen, nicht selten einen Disput darüber, ob Ausgaben für iwirtschaft» liche Aufbcmzroecke ein Borrang gegenüber den Etatspositionen. für Kulturarbeit zuzusprechen sei, ob uns nicht die Lebensfristung und planmäßige Entwicklung der Siedlungen und Unternehmungen wichtiger sein müsse als der „Luxus" höherer und . höchster Bildungsiustitute. Die Notwendigkeit der elementarer! Erziehungsaufgaben läßt man allenfalls gelten; loas aber weiter geht, wird auf spätere Zeit oder auf private Quellen verwiesen. Es mag den Betreffen reu gern zu glanben sein, daß nichc Kultursein dschafr, sondern das Bewußtsein unvermeidlichen Zwanges uttb Sparsamkeit ihnen diese Stellungnahme diktiert, und es K mit ihnen in der Praxis der nationalen Finanzierung durchaus eine Einigung möglich, indem Nlan dem fiir solche Zwecke minimal zu beanspruchenden Keren Hajessod spezielle Organisationen von Förderern des Universität, der Bibliothek, des Technikunls ^ur Seite stellt. Die Gefahr liegt jedoch nahe, daß aus jenen Diskussionen hie und da auch in weiteren jüdischen Kreisen eine gemisst, Unterschätzung kr subtileren Kulturaufgaben entsteht, weil, sie verfrüht oder denr scharf angespannten Stande unserer Finanzen njcht angemessen seien. Daher erscheint es angebracht, gerade vorn Standpunkt unserer jüdischen volkswirtschaftlichen Juteresseu aus einige prinzipielle Bemerkungen zur Kullurfrage, zunächst für Palästina, dann aber auch für die Länder der Diaspora zu; machen. Völlig unbestritten ist die Bedeutung unseres Elemeurarschulwesens in Palästina für den Ausbau unserer wirtschaftlichen Position. Die Volksschule schafft die sprachliche Einheit und das Existcnzmiwmttm an Fähigkeiten und Kenntmssen, das der Jwde als Landwirt, Hankrecker, Industriearbeiter in Palästina unbedingt haben muß, um die ökonomische Situation aufrecht zu erhalte!!, die eine Intensivierung der palästinensischen Produktion in umnittelbaren kausalen Zusammenhang, mit dem Werden der jüdischen Heimstätte setzt. Wir wissen, daß eine Zunahme der jüdischen Einwanderung dftekt von der wirtschaftlichen Fassung-» kraft („Kapazität"), Palästinas abihängt. Das jüdische wirtschaftliche Können als Produkt planmäßiger Erziehung zur Initiative, zur Disziplin, zur Ordnung, zur Ausdauer, zum systematischen Denken, zur technischen Fertigkeit ist also in vielen Punkten entscheidend für die Eriveiterung unserer nationalen Kolonisation im Lande. In Abwandlung eines bekannten Wortes: Der jüdische Schulmeister wird uns die Heimstätte in Palästina gewinnen. Sowohl was die Elementarschulen als auch was Fach- und Fortbildungsunterricht und Handelsschulen anbetrisst, namentlich aber im Hinblick auf das Technikum zu .Haifa, wird dieser Gedankengang allgemeine Zustimmung finden. Wie verhakt es sich nun mit den Anstalten, die höhere allgemeine .Bildungsziele erstreben, Gymnasien, hebräische; Universität, jüdische Nationalbibliothek? Von der engen merkantilistifchen Begründung, die solche Institute wirtschaftlich gutheißt, weil sie durch ^Anlockung wohlhabender ausländischer Besucher Geld ins Land bringen, von diesem hier deplacierten Fremdenverkehrsstandpunkt sei natürlich abgesehen. Eine tieftrgeheirde Prüfung ergibt zunächst einmal, daß das über dir elementare und technische Bildung Gesagte auch auf die höhere Allgemeinbildung, auf die wissenschaftliche Schulung durchaus zutrifst. Zur jüdischen Unter- und Mittelschicht muß auch eiue zur Prüfung begabte Oberschicht hinzirkommen, in richtiger Proportion, die durch strenge Auswahl der wirklich Befähigten erzielt wird. Nun ist zwar heute in Palästina die jüdische intellektuelle Ueberschicht sehr reichlich betteten, aber sie bezieht ihren Nachwuchs im wesentlichen aus Europa, wo heute aus verschiedensten wirtschaftlichen und psychologischen Ursachen — Verarmung, Numerus clausus — der jüdische Anteil am Hochschulstudium uiid den akademischen Berufen stark zurückgeht, so daß in Zukunft unsere Gliederung ein außergewöhnliches Uebergewicht der kommerziellen Tätigkeit über die geistig schaffende aufweisen dürfte. Demcknksprecheud sollte Palästina künftig immer weniger sich auf den Nachwuchs der Intelligenz aus Europa verlassen. Ferner eutspricht gemäß den Zufällen der Einwanderung die Zu» süinnienseHultg unserer Oberschicht tut Lande durchaus nicht allgemein den wirtschaftliche» Bedürfnissen, es sei denn, daß sie durch Berufswechsel oder Berufsanpassung ausgeglichen werde. All dies beweist uns, wie notwendig cs ist, durch eigene Institutionen in Palästina uns dort die Oberschicht heranzubikden, die die Führuug der künftigen Generationen übernehmen soll. Für die wissenschaftliche Vorbereitung zu den verschio deucn praktischen Berufen ist die Existenzberechtigung unfcrt?c Institutionen selbstverständlich leicht festzustellen. Wir brauchen den im Lande geschulten Arzt, der die klimatischen Eigenheiten kennt, den im Lande herangebildeten Juristen, den nicht nur mit dem europäische», sondern müh mit dem talmudischen und dem mohammedanischen, Recht vertraut Ist, Wir brauchen den Physiker, d«r Botaniker, den Zoologen, deren prmeO mich «inmMlbm: praktischen Nutzen für die Wirtschaft des Landes gewährt. Aber auch insoweit Wissenschaft und Kunst nur seinen Kulturbedürfnisftn dienen, sei cs.die Altertumskunde, die Religwnswisftdtschaft, die Geschichtssorschung, die literarische, musikalische, schaus. ielerische Bekätigung, habeit sie das Licht ökonomischer Wertprüfuug nicht zu scheuen. Kulturbedürfnisse sind materiell nur aus zusätzlicheil Volkseinkommen zii decken, Erträgen der Arbeit, des Kapitals, des Bodens, die über den direkten. Lebensbedars hinausgehen. Die Erweckung von Knltnrbedürsnissen ist also ein Anreiz zu vermehrter, verseincrtcr, besser organisierter Produktion, zur Steigerung des Volkseinkommens, zur Erhöhung des Standards der dirrchschnittlichen Lebenshaltung. * Vor allem aber schafft das eilcheitliche Kulturbewußtsein, das sich um die Faktoren der Universität, der Bibliothek, des Konzert- und Btthnenwesens, der bildenden Künste, des Buchgewerbes konzentriert, das Gefühl des nationale!: Zusammenhanges, das auch die Terrdenzen des Wirtschaftslebens im Sinne des großen AnsbangedankenS bestimmt. Volkswirtschaft als Organisnurs, der weit mehr, der etwas ganz anderes ist, als bloß die Summe einzelner privater Aktionen, ist nur dort inöglich, wo ein „Volk" vorhanden ist, eine Kulturgemeinschaft. Zwischen ökonomischer Entfaltung und kultureller Renaissance besteht eine notwendige Verbindung. Lehr- und Forschungsinstitute sind im jüdischen Palästina noch weniger „Luxus", als in jedem anderen Lande und bei jedem anderen Volke, denn erfahrungsgemäß ist das jüdische Leben nirgends so stark und fest wie dort, wo . sein Alltag von dem nach Erkenntnis strebenden. Denken durchwirkt ist. ' ' Die Kulturarbeit in Palästina ist auch für das Judentum in den Ländern der Zerstreuung ein Gewinn an wirtschaftlicher Energie, eine Stärkung seiner gefährdeten Positionen. Di« j u den feindliche Bewegung insbesondere, an den osteuropäischen Hochschill«: bedeutet praktisch eine Verdrängung der Juden nicht nur aus den wissensckiaftlichen Bernsen, sondern auch aus der Industrie, dem Großhandel, dem Bmrkgewerbe, die heute sämtlich eine Hochschulbildung verlangen, sei es auf dem Gebiete der Nationalökonomie und der Jurisprudenz, sei e§ auf den: der Naturwissenschaften und der Technik. Eine Analogie zu dieser Verdrünguärg bietet im hohen Mittelalter, die Deklassierung der Jubelt auS dem zwischenstaatlichen Großhandel zunr Trödel- und Pfandlechgeschäft. Den Niedergang zu verhindern, der erst ein geistiger, dann aber mid aller Wucht ein lvirtschaftlichec sein ivürde, ist eine wescrttliche Funktroil der eigerien jüdischen zentraler: Lehruftd Forschnngsstätte in Palästina, die der: BernichtungSplall der Numerus clausns-Bewegung zu Schanden machen wird. Ae ftottfmm der kleine« Entente. Belgrad, 26. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Konferenz der kleinen Entente wird am 9. Jänner in Belgrad eröffnet werben. Die Konfeventz wich sich mit der Aufnahme Polens in die kleine Enteilte, mit der ungarischen Anleihe^ der Lage in Griechenland ::nd mit dem Eiilflltsse der spanisch-italienischeit Allianz auf die Benesch bei Poinrare. Paris, 25. Dezember. (Havas.) Attuisterprästdent Po im care hat heute vormittags Barth on und Dr. Benesch empfangen. 6in Kommunisteukomplott in Spanien: Madrid, 25. Dezember. (Havas.) Die Bchördeu haben ein tveitverzweigtes Komplott aufgcdeckt, mit dem Ziele, an: -8. d. in Spanien und Portugal eine kominunistischrevolutionäre Bewegung in Szene zu setzen. In Madrid, Sevilla, Palma de Mallorca, San Sebastian, Bilbao mW in den asturijchen Bergwerrszentren sind in kommunistischeu Kreisel: zahlreiche V e r h a f 1 n n g e n vorgenommcn worden. Die beschlagnahmter: Dokumente zeigen, daß unter de-n Deckumnel: von Sporwereinen eine größere Anzahl von koinmunistischen Organisationen besteht. Senifelos Millehr nach Griechenland. Athen. 25. Dezember. (Agence d'Athenes.) BeuiseloS Hai telegraphisch untgeteilt, daß er sich nach langer Ucberlegung entschlossen habe, dem an ihn ovgangenen Ruft Folge zu leisten. Er werde zeitweilig nach Griechenlarrd kommen, um zur Ordnung der Dinge Leizutragen, doch bcharve er auf seinem früher gefaßten Entschluß, nicht in das politische Leben zurückzukehren. Er toerde sich am 29. d. in Marseille cm» schiffen. Gleichzeitig bittet Venftelos, von einem feierlichen Empfange Abstand zu nehmen. Sie Kabinettskrise in Holland. Haag, 25. Dezember. (Wolfs.) Die Königin hat dir Rechte der Zweiten Kamincr effucht, die Kabinettsbildung zu übernehmen. Raisnli lebt. Tanger, 25. Dezember. (Havas.) Nach einer ans amtliche r Quelle stammenden Mitteilung ist N a i s n l i n o ch am Leben. Sein Zustmid hat sich gebesseyt. Sie Anden nnd die Rote Armee. Aus Kiew meldet I. T/A. In Uebereiustimniunü mit dem Beschluß des letzten Kongresses tzer kommunistischeu Partei werden jetzt, aus allen Rußland bewohnenden Nationalitäwn nationale miliiärische Foriiw« Holten organisiert. Jeder Bundesstaat der söde.raÄcu rnssifchen Republik wird seine eigene uatiouaw Rote Arnree haben. Dagegen werden jüdische militärische Formationen ni ch t gef chaf fc n. Mhandlung eines ttalkeaische« Abgeordneten Rom, 26. Dezember. (Stefanie.) Unbekannte haben heute vormittags den Abgeordneten Amendvla über» fallen und mißhandelt und ' bvachten ihm Verletzuntzeii schwereren und leichteren Grades Heft so haß er ins Kran» kenhaus^ gebvqcht tverdßn. mußta. Die ^Polizei forscht di fr ft nacki den Täßwu. denen es zu flüchteil geülngen ist.