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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-27 · Heft 1747 (27.12.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1747 (27.12.1923)
Date
1923-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein offenes Bekenntnis der Senttumrabgeordneten Tr. Fleischer. Berlin, 25. Dezember. Die heutige Radiostuude wurde mit einem Politischen Weihnachtsgruß des Reichskanzlers Dr, Marx eröffnet, in dem er nach einem Dank für die vom Auslande Deutschland gespendete Hilfe an die Abertausende von Deutschen erinnerte, die in Gefängnissen schmachten, weil sie ihre Pflicht als Deutsche taten. Nachdem er noch der Not des deutschen. Mittelstandes gedachte, hebt er hervor, daß eine Gesundung der deutschen Verhältnisse sehr wesentlich von a u ß e n her bedingt sein werde. Das deutsche Volk und die deutsche Regierung sollen den Reparationsverpflichtungen weitestmöglich Nachkommen, können es äber in dem sonst möglichen Maße nicht, wenn nran sie in den wirtschaftlich produktivsten Gebieten am Rhein und Ruhr nicht frei arbeiten lasse. Wo durch Bajonette wirtschaftliche Resultate erzielt werden sollen, werde die Arbeit nie erfolgreich und Verdieustbvingend gestaltet werden können. Der Reichskanzler sei fest überzeugt, daß, wenn man nur Deutschland einen Beweis seines guten Willens erbringen ließe, er ü be rraschende Ergebnisse zeitigen würde. Deutschland habe neuerlich seinen Willen zu ehrlicher, opfervoller Verständigung bekundet. Mt Deutschland richten sich die Augen ganz Europas, der ganzen Welt dorthin, wo sich erweisen müsse, ob auf der Gegenseite der aufrichtige Wille zur Heilung des durch den Krieg und Sie deutsche SeukschM in Paris. Paris, 25. Dezember. (Havas.) Die dem Ministerpräsidenten P o i n c a r e übermittelte deutsche Denkschrift legt den deutschen Standpunkt bezüglich der wirtschaftlichen und der Verwaltungs-Probleme dar, ohnedie Gesamtheitder Rep arnt'ionsfrage zu erörtern. Das Schriftstück wurde von oem Geschäftsträger v. H o e s ch verlesen, wobei Poincare über verschiedene Stellen Aufklärungen verlangte. Wie verlautet, wünscht die deutsche Regierung die Aufhebung der Zollschranken sowie der Gebühren für die Ware ne in fuhr in das besetzte Gebiet. Ferner wird in der Denkschrift dem Wunsche nach M i t w i r k u n g bei der Gründung der Rheinisch-westfälischen Bank Ausdruck gegeben, die Wiedereinsetzung dsr ausgewiesenen' Beamten und die Wiedeveinstellung des deutschen Eisenbahn- und des Flußschiffcchrtspersonals verlangt. Die Kabinette von Paris und Krüssel Iverden die Frage prüfen, ob die deutschen Vorschläge von dem Wunsche emgegeben sind, die Wiederaufnahme des Wirtschaftslebens im Interesse der Zahlung der Reparationen zu erleichtern. London, 26. Dezember. (Renter.) Der deutsche Botschafter hat die britische Regierung von dem neuen deutschen Schritt in Paris und Brüssel unterrichtet. Sine franzSfische Polemil. Paris, 35. Dezember. (Havas.) In Erwidevuing auf die von Poincare am Freitag in der Kammer gelhaltene Rede hat das Wölfische. Bureau eine Erklärung Veröffentlicht, die mehrere sachliche Jrrtümer enthält. So erklärt die Wolss-Mote, Poincave erhebe ungerecht gegen Deutschland den Vorwurf, von seinem Anbot vom 2. Mal den Betrag der bereits erbrachten Leistungen in Abzug bringen zu wollen. Der Wortlaut der deutschen Denkschrift vom 2. Mai setzt aber 30 Milliarden Goldmark als Gesamtbetrag -der flnanziellen und der Sachvevpsiichtungen Deutschlands fest, was vevstaMichevwei.se in sich schließt, .daß die. auf diese. Gesamtsutnme bereits bezahlten Beträge davon abgerechnet sind. Ferner ist es entgegen 'den Behauptungen der deutschen Regierung unri ch.t.ig, daß die Schwierigkeiten für die Wiederherstellung des normalen Verkehrs durch den Wider-, stwnd der französisch-belgischen Regie gegen di e Wiede reimstellung des' deutschen Personals verschuldet seien. Denn am 22. Dezember waren 56.OOO Eisenbahner wiederaufgenommen. Deutschland behauptet, daß es, wenn es nicht zur Ruhrbesetzung gekommen wäre, an Frankreich S a ch liefe r u n g e n geleistet hätte. Demgegenüber wird darauf devwiojen, daß die deutsche Regierung im November seine Folgeerscheinungen geschlagenen Wunden lebendig sei. Deutschland' erwarte von der' Gegenseite das offene und chrliche Wort der Bereitwilligkeit zur Verständigung, vor allem endlich eine Tat der Verständigung. Es geht nicht nur um Deutschlands Not und Schicksal, sondern auch um den Frieden und die Rühe Europas. Reichstagsabgeovdneter Dr. Fleischer (Zentrum) wies ebenfalls auf den Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit hin und wandte sich gegen den unverbesserlichen deutschen Hang zur Illusion. Er erklärte: Noch immer reden, denken und handeln gewisse Kreise, als hätten wir nicht den gewaltigsten aller .Kriege verloren. Ums blieb keine andere Wahl, als im Willen zur Armut das Heil zu suchen.. Statt dessen wähnten wir, von der Inflation leben zu können, die einige wenige auf Kosten der Gesamtheit reich gemacht bat, während unser Mittelstand, der beste Träger der Kultur, das Experiment mit dem Leben büßt. Während sich Deutschland im Innern selbst zerfleischt, führten wir gegen die w a f f e n st a r r e n d e n Gegner eine Sprache, als ob wir eine Macht wären, oder man hoffte auf.Hilfe, die von außen kommen sollte. Bor allem.aber müssen wirversuchen, eine furchtbare Gegenwart durch grenzenlose Opferb e r e i t sch a's t zu meistern. und.Dezember 1922 schriftlich das Gegenteil erllärt hatte. Deutschland hat Wohl seit unserem Einmarsch in das Ruhrgebiet anderen Ländern Sachlieferungen geleistet, insbesondere England, Italien und Serbien. doch darf man nicht vergessen, daß die britische Regierung sich selbst auf Grund des separaten Abkonvmens des Recovery Act bezahlt macht, daß Italien Dank den Bemühungen Frankreichs und Belgiens Kohle erhalten hat und daß die Liefernngsbestellungen Italiens und Serbiens nur deshalb in so reichlichem Maße effektuiert wurden, Iveil sie besonders dazu geeignet waren, den Einfluß der deutschen Industrie in diesen Ländern zu fördern. Meinungsaustausch Paris-Brüssel. Paris, 26. Dezember. (Del. der ,Miener MorgenzeÄunig".) Die Blätter teilen mit, daß das französische und belgische Kabinett in einen Meinungsaustausch über das. Memorandum der deutschen. Regierung vom 24. d. eingetreten seien. Die deutschen Vorschläge wurden General Deg outt-e und dem Oberkonrmiffär in den Rheinlanden, Tirard, mitgeteilt. Kfttoes Budget in Frankreich. Verminderung -er Kammersitze. Paris, 26. Dezember. (Tel. der „Wiener Movgenzeitung".) Die Kammer -hat heute vormittags mit 359 gegen 160 Stimmen den Antrag des Abgeordneten G a« vina abgelehnt, die gegenwärtige Zahl -der Abgeordneten bei den nächsten Kammevwahlen ausvechtzmrhalten. Die Kammer wird somit über den Vorschlag beraten, der die Herabsetzung der Zahl der Abgeordneten Vorsicht.' Im Senat ist heute der B u d g e t e n t w u r f von 1924 an die Senatoren verteilt worden. Der Entwurf stammt von Senator Henri B e r e n g e r. Es werden darin 23 Milliarden 950 Millionen Frauken Einnahmen und 28 Milliarden 382 Millionen Frauken Ausgaben vorgesehen, somit ein Einnahmeüber s ch u ß von 568 Millionen Frauken. ßin neues Erdbeben in Tokio. Aus New-Nork wird genieldet: Wie die Blätter berichten, ist Tokio von einem, neuen heftigen Erdbeben heimgesucht worden. Die wiederholten heftigen Erdstöße zerstörten. etwa 100 der provisorischen W oh n>ba racken. Die Bewohner übernachten im Freren. Völker und Diplomaten. —y. Wien, 27. Dezember. Die Friedensverträge sind unhaltbar. Die.fünf Jahre Entwicklung Europas seit dem Ende des Weltkrieges haben dies erwiesen. Dennoch werden. diese Marterverträge, die dem siechen Leib des Kontinents täglich neue Wunden schlagen, aufrechterhalten. Es gibt von der großen Entente bis zur kleinen keinen Minister des Aeußeren, der sich nicht bei allen, möglichen und unmöglichen Gelegenheiten arrf die Fri-edensverträge beruft und ihren definitiven, für ewig unabänderlichen Inhalt als die höchste Manifestation der Bölkerrechtsordnung lobpreist. Bei den Staaten der kleinen Entente ist dies wohl begreiflich. Sie bestehen zumeist aus den Ebben der gewesenen Monarchie, die -in Paris ihre Souveränität erlangt haben. Freilich ist seither ihr Blick, nach dem -Westen gerichtet, nach Paris, wo Poincare und Foch .das militärische Gerüste des Folterarsenals bewachen. Den preußischen Militarismus hat der französische abgelöst und übertroffen. Er hat seine Filialen in Prag, in Warschau, in Belgrad und in Bukarest errichtet und läßt sie von Zeit zu Zeit durch seine Generalrepräsentanten inspizieren. Immerhin ist die kleine Entente ein Positives Produkt der Friedensverträge. Die große Entente, aus deren Willen diese Akte hervorgegangen sind, steht, heute ihrem Werk mit geteilten Gefühlen gegenüber. Amerika hat die Unterschrift überhaupt verweigert, zum Zeichen des Protestes gegen die Verletzung aller Verheißungen, mit denen man im Kriege um die Seelen der neutralen und der unterdrückten Völker geworben hatte. England war der erste Staat der Entente, welchem die Solidarität der Völker zum Bewußtsein gekommen ist. Alle Störungen, die. sich aus der Absperrung Rußlands, aus der Balkanisierung Mitteleuropas, aus der Verelendung Deutschlands für das europäische Wirtschaftsleben ergeben haben, trafen mit voller Wucht den englischen Haushalt. Das Inslationselend, das in den besiegten Staaten die Entwertung der Valuta hervorgerufen hatte, farü> in England ein schmerzlich empfundenes Echo in der Arbeitslosigkeit. Alles, was in Mitteleuropa zwangsläufig zur Verbilligung der Produktion unter den Weltmarktpreis führte und als Anreiz für den Export wirkte, das sprach dem englischen Arbeiter sein wirtschaftliches Urteil. Asqutth, K-eynes, Macdonald, Normann Angel -und alle die Gegner der Versailler Diplomatie mühten sich fünf Jahre lang um die Aufllärung dieser merkwürdigen Folge des Sieges. Was sie in tausend Reden und Büchern vertraten, das ist heute für das englische Volk ein Programm. Macdonald, der Führer der stärksten Oppositionspartei des. Unterhauses, der präsumtive Chef der Regierung, hat bereits von der Revision der Friedensverträge gesprochen. Seitte Erklärung ist eine Tat. Sie gibt sich bereits mit großem inneren Recht als die Plattform des künftigen Kabinetts. Es ist freilich ein weiter Weg nach Tiperary. Das Hindernis ist Frankreich. Aber auch dort sind die Zeiten nicht spurlos geblieben. Die hypnotisierende Formel, daß Deutschland olles zahlen werde, ist verblaßt und ihre Verfechter Millerand und Poincare erkennen, einstweilen noch mit starkem Vorbehalt, daß eine leere Tasche eigentlich unüberwindlich ist. Und darum ist auch in Frankreich das Leben des Volkes stärker als die demagogische Floskel der Diplomatie, auch wenn sie sich mit Kanonen umgibt. Herr Poincare leistet noch Widerstand. Er ist der Ministerpräsident der Republik, aber nicht umsonst auch der Schöpfer des Bündnisses mit dem Zarismus. War in'Rußland die Ochrana das Bindeglied zwischen der äußeren und der inneren Politik — sie hat auch dem Bolschewismus in der gleichen Funktion als Tscheka gedient — so verstehen es auch Poincare und der nationale Block, unbequeme Mahner des Gewissens beiseite zu schieben. Es zieht sich eine klare Linie von der Ermordung Jaures bis zur Verurteilung Caillaux und Malvys, bis zur Einschüchterung Anatole Frances. Mit solchen Mitteln vermag es .Poincare noch, nach außenhin seine Fassade zu schiitzeu. Er hat daheim die Camelots du roi und in Deutschland wirken seipe Hakenkreuzler als provokattve Jnjettion. So vermag es die französische Diplomatie, in jenem Geist zu wirken, der den Versailler Vertrag geschaffen hat. So vermag sie es,, dieses Dokument mit allen Mitteln .und um jeden Preis, selbst um den des Verzichtes auf die Tradition der Menschenrechte, bis in die äußersten Konsequenzen durchzuführen und darüber hinaus Eroberungen m versuchen. Aber auch in Fraukxeicb «tat es sich, daß das Volk sich die Kritik nicht unter-

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