Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1746 (25.12.1923)
- Date
- 1923-12-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.' Mtz ” Wen, DftnMg. /ein parasitäre Klasse ist, mit deren Beseitigung die Arbeit einfach unverändert weitergehen könne und nur von. ihren Ausbeutern befreit sei, und ferner, daß Marx die Aufrichtung der kommunistischen Wirtschaft als aussichtsreich nur in einer Epoche höchster industrieller und technischer Entwicklung mit enormer Produktivität erklärt hat. Lenins Fehler war es, daß er — obzwar 'er, wie die zitierten Aussprüche zeigen, noch 1.917 dies selbst eingesehen hatte — einseitig die politische Theorie von Marx, bis ans Ende gedacht und danach gehandelt hat. Freilich hat seine und seiner Genossen Tat Rußland vielleicht vor dem vollständigen Chaos und Zusammenbruch gerettet, zweifellos Hut sie das Selbstbewußtsein und die Energie der verelendeten russischen Massen in erstannlich schneller Weise gehoben und ihnen einen unbesiegbaren Freiheitsdrang eingeimpft. In diesem Sinne hat der Bolschewismus trotz seiner anfänglichen Schreckensherrschaft und seiner Unfähigkeit, die Produktion wieder auf eine annehmbare Stufe zu bringen, ein neues Rußland ausgerichtet, von dem die Welt noch Großes zu erwarten hat. Lenin selbst, der nach allen Nachrichten zu schließen, kaum mehr gefunden und zur Aktivität zurückkehren wird, ist der unbestrittene Führer zu dieser Entwirf lung gewesen und seine welthistorische Größe kann heute von keiner Seite mehr bestritten werden. ad. bm. Sr. Paul Weisengrün. 5 Die jüdische Sache, hat wiederum einen schmerzlichen Verlust erlitten. Dr. Paul Weisengrün Hst Samstag nach monatelangem E Siechtum der schweren Krankheit erlegen, die ihn befallen hatte. Der Verblichene hat kein hohes Alter erreicht. Dr. Weisengrün wurde im Jahre 1808 in Jassy in Rumänien geboren. Als Jüngling bezog er die Universität in Leipzig, wo er den Gvu.nd zu einer umfassenden Bildung legte, die sich nr erster Reihe auf die philosophischen und uationalökonomischen Disziplinen erstreckte. In Leipzig «wirkten in erster Reihe Wund t, Roscher, Schm oller und Wagner auf den jungen Studenten, dessen frühe Reise sich schon in einer im Alter von 18 Jahren vermißten Schrift, „Die - Entwicklungsgeschichte der Adens ch- >hert" manifestierte, in welcher, zum ersten Male in Deutschland, ein soziologisches Problem behandelt erscheint. Philosophie und Soziologie blieben auch weiterhin Weifengrüns Arbeitsgebiete und eine Reihe von Schriften auf diesen Gebieten zeugen von Weisengvüns Belesenheit und feiner scharfen, kritischen Einsicht. Zn seinen Hauptwerken gehören die Schriften „Das Ende des Marxismus" und „Erlösung vom Individualismus". Weisengrün war einer der ersten Wissenschaftler, welche die marxistische Lehre kritisch überprüften unihr mit theoretisch fundierten Einwänden entgegentraten. So unterzog er, gestützt auf sein philosophisches und soziologisches Rüstzeug, die marxistische Wertlehre und die materialistische Geschichtsauffassung seiner Kritik und hat auch in zahlreichen Aufsätzen in angesehenen Blättern und Zeitschriften in diesem Sinne gewirkt. Die ,Miener Movganzeitung" hat wiederholt Arbeiten ans seiner Feder veröffentlicht. Die Entwicklung der letzten Zeit hat in der Tat Weisengrüns Voraussagen vielfach bestätigt. Neben dieser seiner literarischen Tätigkeit beschäftigte sich Dr. Weisengrün stets mit jüdischen Problemen und stand-durch lange Jahre im Kampfe für jüdisches Recht in den vordersten Reihen. Schon als junger Mann hatte Weisengrün die Judcnfrage als nationales Problem erfaßt und schloß sich in Wien der sogenannten „Jüdischen Volkspartei" an, welche, für nationale Selbstöeftimung aller Völker des Staates und für nationalpolitische, jüdische Betätigung in diesem Rahmen eintrat. Mit viel Temperament beteiligte sich Weisengrün an dein Kamps gegen die Notabe.lnwirtscha-ft in der Wiener Kultusgememde und in anderen jüdischen Institutionen. Diese Bestätigung brachte ihn in immer nähere Berührung mit den Zionisten, bis er schließlich völlig der Z i o n i st i s ch e n Organisation bei trat, innerhalb deren er schon vor geraunren Jahren den Grundsatz deL „synthetischen Zionismus" verfocht, der für ein Zusammenwirken von praktischer Palästina-Arbeit und politischer. Tätigkeit eintrat. In den letzten Jahren trat Dr. Weisengrün aktiv wenig hervor, aber stets verfolgte er die Entwicklimg in Palästina und die Vorgänge im Judentum mit regem Eifer. Durch se.inen frühen Heimgang verliert das jüdische Volk einen Vorkämpfer von besonderer Begabung, der Zionismus einen treuen und aufrichtigen Weggenossen.! i- Die Bestattung Dr. Weifengrüns findet heute um st. Uhr vormittags auf dem Zentvalfriedhofe (1. Tor) statt. Mene» Morgenzektung. Ein N e u j a h r s g e s c h e n k von bleibendem Werte sind die INeuenOsterreichischenl Bau-Lose HAUPTTREFFER K 700,000.000 JEDES LOS GEWINNT PREIS EINES LOSES K 7S.OOO Sämtliche Gewinste vollkommen abzugs- und EINKOMMENSTEUERFREI Tagesbericht. Der ßhriftbaum bei Halbem». Als guter Jude unterlasse ich es kein Jahr, auf meine Weise die Christbaumfeier zu „begehen", und auch die Meinen nehmen — auf meine Veranlassung — mit da-ran teil. In dem meiner Wohnung gegenüberliegenden Haufe wohnt nämlich ein« Familie solider Bürgersleute und di« herrschende Wohnungsnot, die zur Seßhaftigkeit im Wohnen zwingt, überhebt mich der Sorge, daß mir in absehbarer Zeit töe Teilnahme an der erhebenden Feier entfallen könnte. „Drüben," bei Halperns nämlich — der Name spricht nicht gerade für reines Ariertum —, ist alles festlich hergerichtet, ein riesiger Baum wird angcsteckt, der sich, entsprechend geschmückt, bis zur- Zimmerdecke erhebt, und wenn die festlichen Lichtlein aufflammen, versammeln wir uns, ich und die Meinen, am Fenster. Unsere Feier beginnt damit, daß ich meinen Kindern den alten Witz erzähle, in dem der kleine Moritz die Mama stagt, ob die Christen auch Cyristbäume haben. Dann betrachten wir die jüdische Weihnachtsfreude -bei unseren Halperns. Ob 'Vater Halperns Wiege in Jungbunzlau oder Kolomea gestanden ist, weiß ich nicht, doch scheint er sich duirch längere Seßhaftigkeit ein gewisses Maß von Bodenständigkeit erworben zu haben. Er steht unter dem Baum, den Arm um die wohlgenährte Gattin geschlungen, sein Angesicht strahlt mit dem Baum um die Mette und die Gruppe, vervollständigt durch die beglückte Kinderschar nnd die dicke alte Großmama, deren Gesicht die Freude mit Ganssettglanz überzieht, bietet ein Bild holdester Familienidylle. Es verläuft alles Programmgemäß, nach der Bescherung setzt sich Mamachen eins Klavier, leider aber können wir durch zwei geschlossene Fenstevpacvre nicht hören, ob wirklich „Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen wird. Es sei nicht verschwiegen, daß ich jeden Akt der frommen Handlung mit munteren Reden begleite, und der Sarkasmus meines Humors sorgt dafür, daß meine Kinder das richtige Urteil gewinnen. Drüse meine „Christbaumfeier" dient auch der Erziehung meiner Kinder, die in diesem Falle sozusagen durch negative Montente vervollständigt wird. Ich zeige ihnen das abschreckende Beispiel: Aeffische jüdische Geschmack« und Würdelosigkeit, Juden, in ahnungsloser Blödheit ihrer selbst spottend, drängen sich mit christelnden Allüren in die christliche Weihnachtsstimmung. Angeblich geschieht das alles der Kinder wegen, um ihre Anlsprüche an Freude und Geschenke zu befriedigen, nnd unter solchen Borwänden wird di« Kindesscele mit schädlichen Jugendeindrücken genährt und für späteren Abfall präpariert, während natürlich unser gutes, altes Chanukkah für jene Zwecke dem jüdischen Snob nicht genügt. DaS alles setzte ich meinen Kindern auseinander, währensie neidlös und heiter beobachten, wie Thusneldchen Halpern ihre Puppen und ihr Bruder Theodorich seinen Baukasten unter dem glitzernden Baum in Empfang nehmen. So verläuft unsere Weihnachtsfeier. Am schönsten aber gerät sie, wenn der Weihnachtsabend in die Chamrkkahtage fällt. Dann „feiern" wir mit Halperns und nachher zünde ich die Lichtlein an 'der Menorah an und aus vollem Kehlen erklingt unser hofsnungs frohes „Maos zur". —d. Bei den Ientschenkkndern. Es ist Vielleicht im Leben eines Volkes der furchtbarste Augenblick, in dem der Entschluß gefaßt werden muß, die Kinder in die Fremde zu schicken, damit sie zu Hause nicht hungern. So lange der Vater noch ein Fünkchen Hoffnung in der Seele hat auf eine Rettung, die noch nicht zu spät kommen wird, so lange die Mutter noch Rat weiß, das trockene Brot zu schaffen, so lange wird der Gedanke, ein .Krttfc in die Fremde rieben ju lassen, abaewielen. wird 25. Dezember 1923 Seite Ü t'-'ggescheucht und weggeschoben. Aber dann kommt <ä Tag, an dem die Verzweiflung über den Kämpfenden 5V sammenschlägt, und sie angstvoll nach der dargebotenen Hand greifen, nach der Hilft, die süß und bitter zugleich, nach der Hilft des Bruders in der Fremde. Es ist noch nicht lange her, da Wien seine Kinder vor dem Hunger schützen mußte. Nun sind sie in Deutschland so weit, nun hat der fluchwürdige Krieg es so weit gebracht, daß Deutschland, das stolze, das reiche, das mächtige Deutschland, feine Kinder nicht zu ernähren vermag. Auf den ersten Blick möchte man nicht glauben, daß. diese Bürschchen, die da im Heim der „Sozialen Hilfsgememschaft Anitta Müller" um ein paar Tische sitzen und friedlich an ihren Rechenaufgaben kauen, aus einem Elendland kommen. Sie sind alle gut gepflegt, sauber gekleidet und haben die Manieren der viel gerühmten „guten Kinderstube", die den Elendseindruck nicht auskommen lassen. Sie sind eben alle „Mittelstandskinder", und da die Juden zu dem vom Elend so hart getroffenen Mittelstand der deutschen Großstadt einen ansehnlichen Prozentsatz stellen, und dieser Mittelstand ergibt sich dem Jammer nicht so leicht. Aber wenn man ein wenig schärfer blickt, dann sieht man wohl die schmalen Wangen, die grau-blgsse Gesichtsfarbe, die müde blickenden Augen und den leisen Leidenszug auf den jungen Gesichtern. Und wenn man sie befragt, dann erzählt eigentlich jebet dieser echt berlinerisch-strammen Jungen eine Geschichte jammervollen Elends. Sie schlagen die Haken zusammen, verbeugen sich stramm und antworten, kurz, knapp, sachlich. Der Vater, ein Angestellter, ist arbeitslos — so heißt es immer wieder —es sind noch drei, vier oder fünf Geschwister, alle unter vierzehn Jahren, zu Häuft. Oder der Vater ist gestorben und die Mutter muß allein die Kiuderschar in der Not' der Zeit erbalten. Die Kinder von geistigen Arbeitern, Rechtsanwälten, Aerzten, Architekten, mußten vor ' dem Hunger flüchten, dieft Zehnjährigen, sonst vor jedem raschen Lüftchen sorglich bewahrt, baben der Not ins Auge gesehen, sie wissen, was es heißt, zu Bett gehen, ohne satt zu sein. Der jähe Einbruch der Not hat ihre Wirkung verschärft. Die geistigen Arbeiter sind eigentlich über Nacht proletarisiert worden. Gestern noch genossen sie bescheidenes Behagen, hatten Anteil an den Kulturgütern, schickten ihre Kinder in die Mittelschulen. Sie wissen heute nicht, woher sie das Brot für ihre Familien nehmen sollen. So hart der Krieg den Mittelstand gefaßt hat, der Griff der „Friedenszeit" ist härter. Sie sind alle Stimres-Opftr, diese blassen Knaben, und wenn man sie so schwach und' dürftig da sitzen sieht, denkt man mit Bitterkeit daran, wie Viele das Märchen gläubig hören und verbreiten, das Märchen, daß auch das neue Elend Deutschland den Juden, allen Juden, zum Heil und Nutzen gedient. Dieft Bürschchen wissen mit ihren zehn oder elf Jahren schon fthr genau, viel zu genau, was Sorgen sind. Sie haben d'e Streiks, oh Unruben. di" ganze tv'de Zrr der". Angs' nnd Not m tvrlebt. Fragt man sie danach so sprechen sie davon, aber ruh:g, ohne Wehleidigkeit. S«e wollen nicht' bedauert werden, denn sie sind „Jungs". Ganz ohne Pathos erzählen sie, wie „immerzu" die „ollen, eckligen" Streiks gewesen ft'en, wie Mutter mit den Milliarden und Billionen „los-gezogen" sei, und „denn reichte es doch nicht". Heute stellen sie sich, als wäre die Sache nur „ulkig" gewesen. Aber man muß sie nur anfthen, um zn wissen, daß bitterer Ernst hinter diesem Scherz stand, ein Ernst, der die Kinder auf lange hinaus gezeichnet hat. Man tut das Möglichste, um die Jungen vergessen zu machen, was ihnen das Leben schon Böses getan. Sie haben vorläufig nur eine Aufgabe: zu essen und sich's wohl sein zu lassen. Vom Schulbesuch will der Ar^t zunächst nichts wissen. Angeblich sind die jungen Gäste darüber sehr betrübt. Da man es ihnen verboten hat, möchten sie natürlich alle fthr gerne in die Schule gehen. Nur ein blonder, helläugiger Bub (aber Träger e'-nes bekannten indischen Namens und anscheinend ostjüdischer Abstammung) drückt seine Geringschätzung für die hiesigen Schulen deutlich genug aus, indem er erklärt: „Ach nee, hier kauderwelschen sie ja bloß in der Schule . . ." Der kritische Geist scheint bei den jungen Berlinern überhaupt recht kräftig entwickelt zu sein. Wien „imponiert" ihnen nicht ein bißchen. Daß die Ringstraße schön ist, bestreiten sie gerade nicht, aber in der Mitte finden sie den „Betrieb" doch ziemlich dürftig. Nur die Urania, die sie dank der liebenswürdigen Fürsorge der Heimleitung besuchen durften, die hat großen Eindruck gemacht. „Wir haben die Besteigung des Mount Everest gesehen," erzählt ein hübscher, dunkler Krauskopf, und ist so gütig, mich auch noch zu belehren, was besagter Mount Everest ist. Ms ich mich scherzend bei ihm erkundigte, ob man sich in Wien in deutscher Sprache verständigen könne, nickt er gnädig: „Na ja, es geht . . Aber wenn auch die Hochachtung vor uns nicht allzu groß ist, so viel steht fest: Die Bürschchen fühlen sich sehr wohl bei uns. Und das ist gut. Denn großes Unrecht ist an diesen Kindern zu sühnen, und haben wir es auch nicht begangen, ist es doch an uns. es auszugleichen, so weit es geht. Das Unrecht, das Zehnjährige schon die Not begreifen lehrt, das Unrecht, das Kinder in die Fremde jagt, damit sie satt werden können, das Unglück, in einer WÄt zu leben, die auch dm Kleinen nicht erspart, den Judenhaß auf ihren schwachen Schultern zu fühlen. Klara Mauiner. Weitere krdMe in Kolumbien. Bogota, 84. Dezember. hHavas.) Ein neuerliches starkes Erdbeben, von dem insbesondere die östlichen Kordilleren betroffen wurden, hat zw ei Ortschaften teikvüft z e r st 51 i und mehrere Todesopfer gefordert. In Bogota selbst wurde einiaer Materialschaden anaerichteb