Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1744 (23.12.1923)
- Date
- 1923-12-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gerte '4 Dr-n, Sonntag Kfdeki durch Detektivs der Stadthauptmannschaft ausbesetzt wurde, um von ihr ein Geständnis zu erpressen, > »atz sie an einer kommunistischen Verschwörung teilgewmmen habe. Polen. Sie Stellung der Mischen Klubs zmn Kabinett Grabski. Warschau. 22. Dezember. (Tel. d. „Wr. Möwen- Leitung".) Bei den Verhandlungen, welche Ministerpräsident Gvabski mit den Führen: der S-ejmparteien führte, lcgte rr dem Präsidenten de.s Jüdischen Klubs Dr. Leon Reich fcur, daß die Hauptprogrammpunkk seiner Regierung die Sanierung der Finanzen und die Valutareform bilden. Diese Reformen wolle er sehr vorsichtig durchfuhren, um weder die alte noch die neue Valuta zu gefährden. AuS diesem Grunde fei auch Vorsicht und.Einvernehmen in den politische Fragen notwendig, weshalb er, Grabski, es vorgezogen habe, ein Fachkabinett zu bilden. Deputierter Dr. Reich erklärte, die Besetzung des Unterrichtsministeriums durch den Rektor der Handelsbochschule in Warschau Miklaszewski und des Kriegs- Ministeriums mit General Sosnkowski sei durchaus nicht geeignet. Vertrauen zur neuen Regierung herve-rzurufen. Miklaszewski habe als Rektor der Handelshochschule auf Grund des Glombinsk-ischen Numerus elausus-Zirkulars systematisch jüdische Hörer von dieser Schule ferngehalten und habe sich öffentlich in einem Artikel als A n b ä n g e r des N u m e r u s n u l l u s, das heißt der judenreinen Hochschule, bekannt. General Sosnkowski sei aus seiner früheren Tätigkeit als Krieasminister bei der jüdischen Bevölkerung durch seine Geheim zirkulare gegen die Juden, durch die traurig-berühmte Affäre des Jnternienrngslagers von I a b l o n n a und durch feinen Vorschlag im Heeresausschuß des Sejm, auf Einführung einer speziellen Steuer statt des Militärdienstes genügend gekennzeichnet. Solange diese beiden Personen aus der Ministerliste stünden, sei es dem Jüdischen Klub unmöglich, über seine u n bedingt ablehnende-Stellung zum Nrbinett euch nur eine Diskussion zu führen. Im Sejm stimmte der Jüdische Klub ebenso wie die übrigen nationalen Minderheiten gegen die Regierungserklärung. Die Linke verließ vor der Abstimmung den Saal. Ob dem Kabinett Grabski die finanziellen V o l lma ch te n, die es verlangt, vom Sejm werben bewilligt werden, gilt in parlamentarischen Kreisen als zweifelhaft. -j Plötzliche Erhöhung der MenbaWarife. Um 188 Prozent. Warschau, 22. Dezember. Die Eifenbahntarife sind gestern ohne vorherige Ankündigung um 100 Prozent erhöht worden. Offizielle Anerkennung Eowjelrnßlands. AuS Warschau, 22. d.. wirs uns berichtet: Die polnische Regierung.hat gestern die offizielle Anerkennung der Föderation der Sowjetrepubliken notifiziert. Intervention Professors Aide «ge» de« Rumerns clausus. Ter bekannte französische Professor Charles Gide, der in Polen viele Freunde und einen großen Einfluß in akademischen und politischen Kreisen besitzt, ist kürzlich nach Polen gereist. Professor Gide ist beim Rektor der Universität Warschau sowie bei verschiedenen Dozenten, und Professor".« der Universität vorstellig geworden. um ihnen klarzumachen, welch schlechten Eindruck die Einführung des Numerus clausus in Frankreich Hervorrufen würde. (I. T. A.) sie entstand: „Ganz frisch noch die Schrift und die Tinte noch naß." „Das Weib kn Purpur" hat manche Anklange an Gilberts „Frau im Hermelin", so ähnelt etwa doS hübsche russische Tanzlied von der Marinka hier den kroatischen Reiterliedrrn dort. Das populäre Liedchen „ein Leutenant vom Zar Paul- Regiment", das hier immer wiederkehrt wie dort das Motiv von der Ahnfrau, hat eigentlich Oskar Straussches Gepräge und entbehrt mch: eines parodistischeu Beigeschmacks. Mit seiner weichen Melodik singt sich das graziöse Walzerlied „Mädels gibts auf dieser Welt" ins Ohr und ins Gemüt und geht gleichzeitig in die Beine. Einige russische Tänze, die ebenso gut von der ungarischen Pußta stammen könnten, haben echt Gilbertsche Bewegung, ein fescher Walzer, der den Einzug des österreichischungarischen Gesandten begleitet, bricht leider allzufrüh wieder ab^ Sonst ist die Partitur nicht sonderlich reich bedacht, die Melodien fließen diesmal spärlicher und eine gelegentliche Neigung zum Opernhaften beschwert mitunter das flotte Tempo. Umso mehr ist di« prächtige, überverfeinerte Szene Miksa Pregers und die muntere Regie Artur GuttmannS. der überdies in der Episodenrolle eines russischen Korporals eine köstliche, komische Figur schuf, auf Abwechslung bedacht. Ein Elite-Ensemble von Schauspielern sorgte für einen großen Erfolg: Tie fesche Margit Suchp. die sich als Bauernmädel viel freier fühlt, als in den steifen Prunkgewändern der Kaiserin, war der Rolle der Zarin gewachsen, Herr Marksckka bot als aufrührerischer Leutnant und als verliebter Junge eine gleich bedeutende, künstlerische Leistung, Herr Fritz Werner, als österreichisch-ungarischer Gesandter halb Kasper! halb Charakterkomiker, entschied mit seinem drolligen, ungarisch-deutschen Dialekt und seinen schnurrigen Einfällen den Heiterkeitserfolg des Abends. Reizend Frau Bartos-Trau als tanzendes ungarisches Nippesfigürchen, sehr gut die Herren Payer und Günther und schließlich Marretta Weber als elegante Hofdame. Neben den Autoren und Darstellern wurden Direktor Miksa Preger, der einfallsreiche Schöpfer der Szene, und der tüchtige Kapellmeister Robert K u r m a n n nach allen Akten mit stürmischem Beifall bedacht flb. Mener Morpenzelkung. 23. Dezember 1823 Nr. 1744 Litauen. Sie Lage der Juden ln Manen. Erklärungen des Ministers für jüdische Angelegenheiten. In einem Interview mit dem Londoner I. T. A.^Bertretcr äußerte sich der jetzt in London weileicke Mm-iister für jüdilsch« Angelegenheiten in Litauen, Dr. Rosen da um, über bie Lage der Juden in Litanen: Die wirtschaftliche Lage Litauens ist niemals glänzend gewesen. Früher hat es noch die Rolle eines wirtschaftlichen Mittlers zwischen Den'schalnd und Rußland spiolen fömrcit; nachdem sich aber die wirtschaftliche Lag» dieser beiden Läick-er so von Grund aus geändert Hat, macht sich das auch in dein Handel AtauenS bemerkbar. Durch die in der letzte:: Zeit ergriffenen Maßnahmen macht sich eine zwar langsam«, aber doch sichere Besserung bemerkbar. Die Jacken, als die am meisten an: Handel Beteiligten, haben auch am meisten unter drr wirtschaftlichen Verschlechterung gelitten und werden mm naturgemäß auch am chostcn aus dieser Vevbessenm-g profitieren. Eine wichtige Aufgabe bei dem Aufbau des Wirtschaft-!'ichen Löbens in Litauen hat die Jüdische Zentralbank gchobt. In einer Zeit, als der Zinsfuß 72 bis 100 Prozent jährlich stand, war die Jüdische Zentralbank in der La.ge, den mir ihr verbundenen Krödiian'ta-lten Geld zu 8 Prozent zu leihen, so baß diese wiederum -den jüdischen Kleinhändlern und Handwerkern Kredite zu 9 bis-10 Pvozont geben konnten. Diese Bank ist eine eigen« Schöpfung der ütaa Wen Juden. - Die Politische Lage der Juden in Litauen ist '.ven-iger schlecht alS die Lage der- Juden in anderen Ländern Osteuropas. Obzwar die Juden 50 Prozent der StudiereiÄc« an der Kownoer Universum ausmachen, ist noch keine Stimm« für den Numerus clausus laut geworden. Die Vorlesungen de r j ü d i s ch e n P r o f e s s o r c n >der Universiiä: werden ebenso von Nichtjuden wie von Juden lbe-sucht. Im litauischen Heere gibt es mehr jüdische Off iz-ie re als nach dem -Verhältnis der jüdischen Bevötlerung. Die Schulen mit jüdischer oder hebräischer Unterrichtssprache werden vom Staate ebenso unterstützt wie die litauischen Schufen. Die Jiddische Nanonalversammlung ist bisher vom Staate nicht legalisiert wanden, aber sic hat bei der Regierung einen großen Emfluß. In kurzer Zeit wird jedoch die Regienuna dem Sejm einen Antrag über die Anerkennung der Nationalversammlung als of s i z ie«ll-e n S ta a t so r ga n s und als oberste B-eihürde der. j ü d i s ch e n nationalen A u t o n om i e zugehen lasten. Diese Vereinigung wird den größten Teil der Berwali-ungsarbc-iten ix§ jüdischen Ministeriums übernehmen, doch bleibt der Minister für jüdische Angelegenheiten auch ferner mit allgemeinen poetischen und ' repräsentativen Wichten betraut und als der Vertreter der jüdischen Bevölkerung «in der Rcyieruwg.- Jch bin well - -davon enkfernt, die' Lage der' Juden in Litauen als Mnzerck zu bezeichnen. Es gibt -sehr viel« Schattenseiten. Die jüdischen Abgeordneten bilden unter den Parteien des Parlament eine zahlenmäßig fchr schwache Gruppe. Sie holten oft die Balance zwischen den anderen Parteien, und so werden sie denn oft entweder von der einen oder anderen Partei angegriffen. Ferner gibt es kaum einen Juden im Zivil dien st. W's der litauische Staat gebildet wurde, waren die Jecken für den Zivtldirnft nicht vorbereitet, und jetzt sind die Aussichten kaum besser geworden. Zweifellos herrscht auch in Alanen ein gewisser Antisemitismus. Liegt -es dach 'zwischen De-u tschla nd, dem Mutterland des „wisseuschastlickieii Antisemitismus", u n d Rußland, einst der Brutstätte der antisamilifchen Praxis. Im Norden und Süden liegen Lettland und Polen, in denen der Antisemitismus in hoher Bliit« steht. Eine große Anzahl der Beamten war früher im russischen Zivilidierst und ist mit dem Geist des marxistischen Beamtentums, gemopst. Doch ist vieles, was -im A-uslande berichtet wird, übertrieben. da» tzünntassruhesesetz in zweiter Lesung angenommen. Kowno, 22. Dezember. (I. T. A.) Ungeachtet der Erbitterung. die die Annahme der strengen Sonntagsruhegesetzes in erster Lesung unter der jüdischen Bevölkerung erregt hat. nahm die Sejmmehchert das Gesetz nunmehr auch in zweiter Lesung an. Gui«r Deputation von Rabbinern erklärt« der litauische Bischof Karvwitschius, laut dem katholischen Kanon sei der Handel an den Sonntagen nicht verboten. Er sei bereit, dies s ch r i f t l i ch z u b e st ä t i ge n. Die jüdischen kaufmännischen Vereine in ganz Litauen organisieren eine Protestbewegung gegen das Sonntagsruhegefetz, welches sie zwingen soll, zwei Tage in der Woche zu feiern. Zar Hakenkreuz in Meme'. Kotvno, 31. Dezember. (Tal. .der „Wr. Morgenzeiti'ng".) Wie die offizielle litauische Tvlegraph..nagentnr meldet, haben in dom gegmwärlig zu Litauen gchövepden Memel aniisemit-isch- Ex^sse st»tlgesundcn. Es Wiarden - jüdische Bürger in den Straßen überfallen, jüdische Firmenschilder beschmutzt. Die Agvntwr -nimmt <m, di« Exzesse seien von ans Deutschland ei-ngetroff:neu Hakenk-reuzl-ern -verübt worden. Abbau jüdischer Beamter. Aus Kowno meldet. I. T. A.: Im Zusammenhang mit dem Abbau der Beamtenschaft werden feit einiger Zeit jüdische Beamte vor allen anderen verabschiedet, obwohl in der litauische Beamtenschaft die Jn-drn nur sehr schwach vertreten sind. Im Justiz-, Finanz- und Innenministerium wurden kürzlich die letzten jüdischen Beamten verabschiedet Rundschau. Londoner Beratungen. Berlin, 22. Dezember. (Tel. d. „Dr. Movgenzeifluig".) Die „Vossische Zeitung" berichtet aus London: Die Frag« der vollen Anerkennung der Sowjetregierung durch A m e r i k a, England und Frankreich steh« heute im Vordergrund deS öffentlichen Interesses in London und Washington. In 2onb?-n werde augenblicklich zwischen Liberalen und Konservativen ein heftiger Kampf geführt, ob es zweckmäßig tväre, wenn eine A r beiter re,gie» rung die Sowjet regio rung bedingungslos in vollem Umfange anerkennen würde. Offenbar unter dem Eindruck deS französische,: Angebotes im „Temps", direkte Verhandlungen mit Rußland einzuleiten, verbreiten jetzt auch die konservativen eitglischm Kreise die Auffassung, daß die volle diplomatische Anerkennung der Sowjetregierung nicht länger verzögert werden kann, sondern daß es darauf ankomme, die erfische Anerkennung und die dann folgende unvermeidliche Kreditgewährung zu ermöglichen. Der „Temps" für eine politische Annäherung. Paris, 21. Dezember. In einem Leitartikel deS „Temps" wird angesichts der Schwierigkeiten Afghanistans mit England die Gleichheit derJnte reffen Rußlands und Frankreichs nicht nur in dieser Frage, sondern in den meisten weltpolitischen Fragen betont. Das Blatt en'wicke-lt einen vollständigen Plan für die Voraussetzungen e.iner neuen französisch-russischen Annäherung. Danach soll erstens in der Frage der rustischen Vorkriegsschulden die Sowjetregiemug ein Einvernchmen wit den französischen Besitzern russischer Titres suchen. Falls eine Einigung nicht möglich sein s.llte, müßte ein Schiedsgericht zur Lösung' dieser Frage eingesetzt werden. Zweitens wird der Ersatz des Schadens verlangt, den die Franzosen in Rußland erlitten haben. Der „Temps" glaubt, daß die Rückstellung der Güter ln den meisten Fällen das gerechteste und wohlfeilste Verfahren wäre, jedoch solle Snwjetruß^and kekneswe^Zs verhalten werden, seine Gesetzgebung zu ändern oder Prinzipien zu verleugnen. Auch hier müßte ein S ch i e d s g e r i ch t die letzte Instanz sein. Drittens würden nach dem vom „Temps" entworfenen Plan die Kriegsschulden nachgej^n werden unter der Voraussetzung, daß Rußland ive französische Negierung bei allen Bemühungen um Nachlaß oder Stundung der m* teralliierten Schulden unterstütze und daß, falls Rußland sich gleichwohl später zu Zahlungen an andere Mächte entschließe, die ftanzösischen Rechte in gleichem Maße berücksichtigt werden. Viertens wird die Zusicherung verlangt, daß Rußland jeden Angriff gegen Polen, Rumänien unddieTürkei unterlasse. Ter fünfte Punkt des vom „Temps" entworfenen Planes sieht den g e g e nseitigen Verzicht auf kommunistische Propaganda in Frankreich und auf eine gegenrevolwtrouäre Propaganda rn Rußland vor. Das Blatt schließt mit folgeren Sätzen: Weim Sowjetrußland die Initiative eines Gedankenaustausches auf einer solchen Basis ergrcife. .stünde der Weg zu Verhandlungen und zu einer Wiederaufnahme der normalen Beziehungen offen. Frankreich wünsche weder die politische und wirtsck>aftliche Ilnabhängigkeit Rußlands noch seine Freiheitsbestrebungen zu beeinträchtigen. Italien. Rom. 22. Dezember. Der neue ruffische Vertreter in Nom, I a n n s o n. erklärt in der Preffe.'daß er gekommen sei, um die h a n d e l s p o l i t i sch e n Verhandlungen mit Italien zu beendigen und die regulären Beziehungen zwischen den beiden Staaten herzust e l l e n. Auch der Vatikan. Rom, 22. Dezember. Die Agentur „Urbs" meldet, der .Vatikan habe eine Umfrage bei den Kardinalen über, die de jure-Anerkennung der Sowjetregierung emgefeitet. Die italienischen Kardinale hätten sich fü r die Anerkennung ausgesprochen, die de u ts ch e n dagegen. Hache« Brlek an MMeri«. Berlin, 22. Dezember. (Tel. d. „Wr. Movgenzeitung".^ Ueber die Stellung Amerikas zu Sowjetnißkand berichtet die „Deut-sche Allgemeine Zeitung" aus New-Pork: Im Kongreß erklärte Senator N o r r i S von Nebraska. eS fei ohne diplomatisches Vorbild, einen so gröblich u n höflich e n B r: e f zu schreiben, wie es Staatssekretär Hughes getan habe, der auch den leisesten Ansatz von Anstand vermissen lasse. Senator B o r a h erklärte die Besorgniffe Hughes' vor der russisckien Propaganda für kindisch. Nach längerer hitziger Erörterung ßorderten beide Redner eine ausführliche Darlegung der Beziehu-ngen Amerikas zu Rußland (Hughes hatte in seiner Antwort auf die Note Tschitsck-erinS erklärt, für Verhandlungen mit Rußland sei kein Grund vorhanden. Amerika lasse mit seinen Grundsätzen nich^ handeln.) Sa« Schlußresultat der enMchm Wahlen. London, 22. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgen» zeitung".) In dem Wahlbezirk We-st-Derbyshire, deffe« vi ♦*» ff