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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-16 · Heft 1737 (16.12.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1737 (16.12.1923)
Date
1923-12-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1737 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 16. Dezember 1923 Seite 3 Lschecho-SlDM. Masaryls Memoiren. Prag, 16. Dezember. (Tel. der ,-Wiener Movgenzeitun-g".) ^Deske slovo" erfährt, daß President Ac a s a r h k am 18. d. aus der Schweiz nach Prag zurückkehren werde. Semen Aufenthalt in der Schweiz hatte der Präsident dazu benützt, mir feine Memoiren zu beenden, Las Svrachengeseh. Prag, 16. Dezember. Wie die Regierungspr-essc erfährt, kst die Durchführungsverordnung znnl S P r a ch e n g e s e tz über die Amtssprache in: behördlichen Verkehr festgesetzt und vom M i n i st e r r a i gen e h migt worden, lieber Weisung des Ministerrates wird die Veröffentlichung und Durchführung der Verordnung erst nach Weihnachten erfolgen. Senator Schmidt von den KHMlichsozialen gemaßrenelt. Prag, 15. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die „Bohemia" erfährt, daß der Preßburger deutsche Senator Schmidt, der bei der letzten Wahl auf der christlichsozialen Liste stand, aus der christlich-sozialen Partei ausgeschlossen wurde, weil er im Prager Senat eine g r o ß d e u t f ch e Politik betrieben habe. Durch diesen Beschluß wird Schnridt seines Mandates als Senator verlustig. Jugoslawien. Ire kleine Kntente. Belgrad, 15. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgen- Leitung".) Nach einer Bieldung der „Politika" treffen der tschecho-slowakische Außenminister Dr. B e ne sch und der rumänische Außenminister Dnca am 8. Jänner abends in Belgrad ein. Am 9. Jänner findet die Eröffnung der Konferenz der Staaten der kleinen Entente im Außenministerium statt. Die Beratungen werden drei Tage dauern. Am 12. Jänner erfolgt die Abreise der auswärtigen Minister. Die Prager „Tribmra" meldet, daß bei dieser Konferenz die Frage der E i u b e z i e h u n g Polens' einen breiten Raum einnehmen werde. Die Aussichten für eine Einigung in dieser Frage beurteilt das Blatt günstiger als bei der letzten Konferenz in Sinaia, da Polen von seiner für die kleine Entente unannehmbaren Forderung nach Garantie des Vertrages von Riga Abstand nehnr-e. Ungarn. Der GeneralkommWr kommt. Paris, 15. Dezember. (Haivas.) Der Ausschuß des Völkerbundes für die Wiederanfrichtung Ungarns hat eine politische Erklärung festgestellt, in der ähnlich dem ersten Protokoll der Genfer Verträge vorn Oktober 1922 betreffend den finanziellen Wied e raufban O e st e r r e i ch s im wesentlichen die Achtung und Aufrechterhaltung der politischen Unabhängigkeil, der territorialen Integrität und der Souveränität des Landes sowie die Achtung der Verträge ausgesprochen wird. i Ein Besuch »KTHUall»'"1''' und Sie wissen, was Sie zu Weihnachten schenken sollen * Dort finden Sie alles! ... Das Komitee, Hai sodann die Mittel zur raschen Lösung des Problems des finanziellen Wiedevaußbanes Ungarns einer Prüfung unterzogen. In Kreisen der kleinen Entente wird bemerkt, daß der Wiederaufbauentwurf erst dann endgültig werden und unterzeichnet werden soll, sobald sämtliche gemäß dem politischen Protokoll übernommenen Repa rat ionsverpfli cht ungen erfüllt sein würden. Annahme der Bodenresormnovelle. Budapest, 15. Dezember. In der heutigen Nachmittagssitzung der Nationalversammlung wurde die allgemeine Debatte über die Bodenreform-Novelle beendigt und der Gesetzentwurf im allgemeinen f a st e i n st i m m i g a n ge no mme n. Szemere und Main. Budapest, 15. Dezember! (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der im Zusammenhang mit der Ulain-Afsäre verhaftete Arzt Dr. Bela S z e nr e r e hat eine hohe Summe als Kaution angeboten, damit er noch vor der Hanptverhändlnng im Ulain-Prozeß aus freien Fuß gesetzt werde. Der Anklagesenat hat das Angebot a b g e l e h n t. Die Anklageschrift gegen Ulain und seine Mitschuldigen ist überaus umfangreich und die Hauptverhandlung konnte aus diesem Grunde noch sticht anberaumt werden. Von einer Amnestierung der Angeklagten kann, im Gegensatz zu gewissen Gerüchten, nicht die Rede sein. Der italienische Botschafter Mtzlich gestorben. Budapest, 15. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) Der italienische Gesandte in Budapest, Fürst Castagneto, ist heute nachmittags an einem Herzschlage Polen. Thugutt mit der Kabinettsbildung beauftragt. Warschau, 15. Dezember. In später Abendstunde betraute der Präsident der Republik den Abgeordneten T h u g u t t, den Führer der oppositionellen Partei Wvzwolenie, mit der Kabinettsbildung. Die Verhandlungen über die Besetzung der einzelnen Portefeuilles werden moMen aufgenonlmen Wehrden. Polnische Frage« vor dem Völkerbund. Paris, 14. Dezemlber. (Tel. der „Wiener Movgenzeitnug.^ Da in der Frage des p o I n is che n W affe n- und Mn n ition sdepot s in Danzig eire -Einigung n-ich-t erz'i-eilt werden konnte, hat der Välkevbnndrat gestern beschlossen, eine Untevsuchungsko-mnrisfion von vier Mitgliedern e-inzuscten. Der BAkevbundrat hat ferner Vas Proe-ramm eer d-Snisch--Po'ln>i>is chen ülut enh andl unge n über die Erwerbung der polnischen StaatSzugehörigkeit g.'nehmig:. Diese Unterhandlnng-en werden in Genf sorigesetzt werden. Die Prüfung der Frage der in Polen niede-vgelasfeneu D e u t s e n wurde einer Kommission überwiesen, die aus Vertretern Brasiliens, Englands und Italiens besieht. General Haller leugnet seine Schuld an d« Judenpogromen. Ans New-Pork berichtet I. T. A.: Aus Anlaß feines Besuches in Detroit evWvt-e der jetzt An-ercka bevei-sirde polnische General Josef Haller: „In den Bereinigten Staaten waren Meldungen verbreitet. ich hätte die Juden in Polen seit der Zeit des Waffenstillstandes verfolgt. Ich bestreite diese Behauptungen kategorisch. Niemals hübe -ich offiziell oder inoffiziell einen Befehl ertrD, die in Polen Lvohnenden Juden anders als die Angchori-gen anderer NationMäten zu behandel-n. Im polnischen Parlament saß ich mit Juden zusammen." Haller hat den Wunsch jüdischer Pressevertreter nach einer Ansfprache ab ge lehnt und durch seine .Vertreter erklären lassen, er hoffe nicht, die jüdischen Presseleute zu überzeugen. Hallers Vertreter gatb -b-oi Gelegenheit dieser Erll äruug zu, daß die Haller-Truppen jüdische Bärte a ib g e s chnitten halten. Das soll aber nur ans hygienischen Grün-, den (!) geschehen sein. Polen und Palästina. In der letzten Sitzung der Senatskommission für äußere Angelegenheiten berührte der iüdische Senator Dr. Ringel die Frage eines Handelsabkommens mit P a l ä st i n a und wies darauf hin, daß in dem Handelsabkommen mit England eine Bestimmung vorhanden ist, wonach das Abkommen auch auf die Mandatsländer ausgedehnt werden kann. Da nun die Emigration polnischer Inden nach Palästina im Wachsen begriffen ist und auch prominente Handelsbeziehungen bestehen, wäre' cs wünschenswert, daß das Handelsabkommen mit England auch für Palästina Geltung erlangt. Es wurde beschlossen, diese. Frage bei Gelegenheit der Ratifizierung des Handelsabkommens mit England zu behandeln. Die amerikanische Einwanderungsquote für Polen er. schöpft. Aus Warschau wird gemeldet: Das offizielle Emigrationsamt gibt bekannt, daß die amerikanische Onote für volnische Einwanderer für dieses Jahr erschöpft ist. Die inzwischen eintreffenden Affidavits der amerikanischen Verwandten werden als unerledigt zurück geschickt werden. plötzlich verschieden. Am besten m. billigsten Waren- Prii Irans Schiff mann II., Taborstraße 48 Tetenhon 47*1-79 En gros En detail sttarmemaa BerHezewski als' Mrche«??NZx. Voik S. Meisits. Von allen Dichtungsgattungen ist, glaube ich, das Märchen am leichtesten zu erkennen und am schwersten zu definieren. Das Stoffliche nicht allem, vielmehr auch die Art, wie der Stofs behandelt wird, macht cs zu einem' solchen. Beim Märchen ist wesentlich, wer es überliefert und ivie es vorgetragen wird. Das Märchen ist ganz an den Erzähler gebunden. Man braucht ein Märchen nur anders zu erzählen und cs lvird ein anderes. Erzählen das Märchen die Brüder Grinun, so ist cs ein Märchen, erzählt es Musäus, so wird eine moralische Parabel daraus. Das Märchen ist Kunst, und nicht einmal primitive; zudem eine männliiche Kunst. Ter erste, der ein Märchen erzählte, muß irgend ein Großvater gewesen sein --- vbschon wir beim Märchen gleich an ein redseliges Altmütterchen deuten. Scheherezade kann Märchen erzählen, Märchen erfinden kann sie nicht. Sic spricht die Wahrheit, wenn sie Nacht für Nacht wiederholt: „Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König!" Sic hat die Märchen von anderen gehört; ihre Kunst erschöpft sich im Nacherzählen. Und hierin, im' Nacherzählen ist sie Meisterin. Vielleicht auch verdankt das Märchen seinen Liebreiz und seine Anmut gerade den: Umstand, daß es so oft durch den Fmuennumd gegangen ist. Das Märchen ging von Mund zu Mund, es wunderte von Volk zu Volk und Ivechselte häufig sein inneres Weser» und seine äußere Gestalt, indem es den Erzähler wechselte- «Das Märchen hat in verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern eine andere Gestalt, mitunter eine vollständige Umbildung erfahren. Nirgends aber ist die Umwandlung und Umbildung der Märchenstoffe so deutlich erkennbar wie in der hebräischen Sagenwelt. Selbstverständlich kann bei der Mannigfaltigkeit- und bei dein hohen Alter der hebräischen Märchenstoffe von einer Umwandlung und Umbildung fremder Märchenmotive nur relativ gesprochen werden. Denn auch der Märchenforschung ist es nicht immer leicht, beit Wanderweg des Märchens von Kolk zu iVolk genauestens zu verfolgen. Die vergleichende Märchenkunde wird wohl bei den alten Sagen und Märchen, Erzählungen und Novellen, trotz ihrer Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit, einen Zusammenhang mit den Urgebilden feststellen können, wird sich jedoch weislich hüten müssen, diesem oder jenem Volke ohne weiteres das Erfinderrecht zuzuerkennen. „Dev Charakter der Märchen," schreibt Gaster in seinen, Beiträgen zur vergleichenden Sagen- und Märchenkundc, „schließt den Beweis der absoluten Priorität aus." Tenn die Märchen wunderten mündlich von Volk zu Volk, und jedes Volk behandelte sie subjektiv und machte sie sich angemessen. Die althebräische Literatur besitzt einen ungemein reichen Schatz an Sagen, Legenden, Märchen und. Erzählungen. Fast sämtliche Märchengattungen, Märchentypen, Märchenmotive und Motivreihen sind in dem althebräischen Märchenschatz anzutreffeik. Viel Eigenes ist darin, aber auch viel Fremdes, das durch eine geschickte Einstellung in den jüdischen Gedankenkreis völlig zum Eigenen wurde. Die jüdische Märchenwelt ist lange ziemlich unbekannt geblieben, so daß man hie» und da sogar der Meinung begegnen konnte, cs gebe überhaupt kein jüdisches Märchen. Das ist durchaus fälsch. Jüdische Märchen gibt es die Fülle, es fehlte bloß' der große jüdische Märchenerzähler. Das heißt: cs hat immer welche gegeben, die jüdische Märchen erzählten, aber sie erzählten sie schlecht, sie inachteu immer eine moralische Parabel daraus. Der indische oder der arabische Märchenerzähler tat nichts anderes als erzählen, in holder Unbekümmertheit und mit einer gewissen Artigkeit; er reihte Bild an Bild, Wunder an. Wunder, Geschehnis an Geschehnis, streute wohl im munteren Flusse der Rede hin und wieder eine weise Sentenz, einen klugen Vers und ein sinnreiches Sprüchlein ein, tippte sogar mitunter an die Stelle, wo die Geschichte eine Moral hat, aber all das war ihm! nebensächlich, die Hauptsache war das Erzählen, die Erzählung. Ter jüdische Märchenerzähler dagegen hat immer die Erzählung der moralischen Tendenz untergeordnet. Die Moral war der Punkt, um den die Geschichte wie ein Kreis gezogen wurde. Die Erzählung begann in der Regel mit einem Sinnspruch Salomos und das Märchen war lediglich der erbauliche Kommentar dazu. Der indische oder der arabische Märchenerzähler ist gleich bei dem Kern der Sache,. Er beginnt mit „Es war einmal" und schon keimen wiv alle handelnden Personen, den Kalifen und den Großwesir, den Prinzen und sein Lieb, den Großkaufmamr und seine Sklavin, zudem noch die Riesen und die Geister, die Rakshasas und die Dschinen und all die Wunderdinge, die dazu gehören. Der jüdische Märchenerzähler dagegen beginnt mit einer langen moralischen Predigt, und die Geschichte wird als eine Art von Zierleisteum. den moralischen Kern gelegt. oder auch nur als mnemotechnisches Mittel angewendet, um die Mora/ leichter dem Gedächtnis einzuprägen. Tic Art, wie bisher jüdische Märchen erzählt wurden» mögen folgende wenige Beispiele veranschaulichen. Vor mir liegt ein altes hebräisches Sagen- und Märchenbuch, nicht nur für Kinder, sondern zur Lektüre für „groß und klein^ bestimmt. Unter anderem wird Ja auch die Geschichte voir den Kranichen des Jbikus erzählt. Der Erzähler beginnt folgendermaßen: „Es heißt in der heiligen Schrift: Ki of haschamajim jolich eth hakol. Ter Vogel unter dem .Himmel kann das freigelassene Wort an die Ohren bringen. Das' freigelassene Wort kann wie ein kleiner unbeachteter Feuerftiilke von furchtbarer Wirkung sein. Das Wort, daS denck Munde entfährt, kann vom Vogel unter dem Himmel zu Ohren gebracht werden. Das beweist die folgende Geschichte: Einst reiste ein berühmter Dichter namens Jbikus durch» den Wald . . ." Und nun folgt die Geschichte von den Kranichen, diesen Vögeln, unter dem Himmel, die das freigelassene Wort an die Ohren brachten. Es gibt eine altjüdische Erzählung vom Brunnen und vom Wieset. Sowohl im Talmud als im Volksnmnd ist sie als „Geschichte vom Brunncn und vom Wiesel" bekannt. Ein Professor irr Frankfurt am Main, der schon mehrere jüdische Märchenbücher heransgcgeben hat, gibt dieser Geschichte die geradezu unmögliche Ueberschrift: „Du sollst dein Wort halten!" Dadurch ivird die Moral der Geschichte vorweggenommen und die Geschichte selbst entkernt und wesenlos gemacht. Mit Micha Joses Berdyczewski, dem deutschlesenden Publikum unter dem Namen M. I. bin Gorion bekannt, erstand uns zum erstenmal ein jüdischer Märchenerzähler IdUblälUiSültlttiÄt’i .. '"Sk"—"

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