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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-16 · Heft 1737 (16.12.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1737 (16.12.1923)
Date
1923-12-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite t Wiener Morgerrzeitung. Nr. 1737 Wien, Sonntag 16. Dezember 1623 Ae Borgönge m der Türkei. Di« gegrnrevolutionaren Strömungen. Aus Konstantinopel wird uns bericktot: Die bereits Verhaftung von Rcdaktc u r c n ' meibrerer türkischer Blätte.r und der Beschluß des Angora-Parlaments zur Aburteilung dieser Berhasielen ein Sondergericht nach Konftantinopel zu delegieren, lenken abermals die Aufmerksamkeit auf die großen Cchwierdgkeiten. auf die die Kemal-Megi-erung noch immer bei ibrer K-msolidiernngsarbeit stoßt, und liefern einen neuerlichen Beweis dafür» dag dre Regierung jede schärfere oppositionelle Regung mit den rücksichtKlososten Mitteln zu unterdrücken entschlossen ift, Offiziell begründet die Negierung diese außerordentliche Maßnahme bannt, daß in Konstantinopel von bcm entthronten Kalifen nahestehender Seite unausgesetzt g e g e n r e. v o l u i i o n ä r e Propaganda zu dem Zwecke betrieben werde, die Angora-Regierung zu stürzen und die alte Ordnung wieder Herzitstellen. Die Verbindungen dieser angeblichen gegen revolutionären Konstautinopelcr Kreise, seien, so wird versicherte sehr lveitreichende. So teilt« der Ministerpräsident in jener geheimen Parlamentssitzung, in welcher die Entsend! «g des SonVevgerichtes beschlossen wurde, mit, daß ein Brief Aga Khans an die Angora-Regierung in den obenbezeichneten Blätter früher tx'röfsentlicht -Umröz, als er in die Hände der Adressaten gelangt sei. Aga K h a n ist, wie man lvciß, der mächtigste Führer der indischen Mohammedaner, die die Angora-Negierung wegen deren Stellungnahme in der Kalifatfrage bekämpfen. Seine Partei will, gestützt auf die Koranbestinunungen, die Tremmng der politischen und religiösen Führerschaft des Islam nicht anerkennen. In dieser Hinsicht wird Aga Khan von den dem entthronten Sultan Modschid nahestehenden Kreisen unterstützt. In dieser Angelegenheit hat fick übrigens auch in jener geheimen Sitzung eine heftige Opposition gegen die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen gezeigt. Neben dieser Frage bietet auch die. noch immer ungelöste Angelgrn^it des ökumenischen Patriarchats Schrvierigkeiren. Wie wir bereits meldeten, wurde der bisherige Patriarch M e l e t i o s der Werte tvegen seiner Griechenfreundlichkeii des Amtes enthoben und an seiner Stelle der Dletropolit von Kadlköj gewählt, der den Namen Gregorius der Siebente angenommen hat. Nun wurde auch dieser eines schonen Tages mitBrachialgewalt aus seiner Residenz entfernt und wieder nur unter dem Vorwand, daß er ein Konfident des gviechischen Geschäftsträgers Politis fei. Alle diese Erscheinungen entspringen dem Gefühle der Unsicherheit des gegenwärtigen Regimes. Deshalb zeigt sich auf allen Gebieten, den politischen, den wirtschaftlichen ruÄ> Len konfessionellen, in gleichem Maße ein nationalistischer Ueberschwang, der sich gegen alles, was nicht ottomanisch rmd mohammedanisch ist, kehrt. Tie Opfer dieses extremen Nationalismus sind die Ausländer, gleichgültig ob sie Katholiken. Protestanten oder Juden sind. Die nationalistischen Blätter in Konstantinopel sowohl als auch in den größten Prcvinzstädten tragen dieser Stimmung durch einen verschärften Antisemitismus Rechnung. Man kann in diesen Blättern jetzt Artikel und Hetzmeldungen lesen, wie sie selbst in den Frücht igteften antisemitischen Organen in-Europa kaum zu finden sind.! . Men. voran schreitet in dieser Beziehung das Blatt „Ta wchid Aschar". In jeder Nummer bringt dieses Blatt erfundene Telegramme über die angebliche Unrerdrückung der Türken durch die Juden. Besonders aufreizend wirkte eine Meldung dieses Blattes, daß die Juden von Saloniki die dortige türkische Kolonie buchstäblich verfolgen. die Türken den grausamsten Folterungen unterwerfen und sie aus allen Geschäftszweigen verdrängen. Das Blatt fordert die Ottomanen aus, dafür an den Juden in de r Türk«i Rache zu neh men. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß diese ganze Meldnrrg eine bewußte Lüge ist. Die Juden in Saloniki sind froh, ivenn sie selbst nicht verfolgt werden. Sie haben genug damit zu tun, ihre eigene -Haut zu schützen, als daß sie Lust empfänden, ander» Stationen zu verfolgen. Abgesehen davon, daß gerade die Salonrker Juden mit den Türken stets im besten Einvernehmen bebten. Mit solchen Lügen Meldungen, die auch von der nationalistischen Presse in Smyrna, Adrians p r i uftv. aufgegriffen und zu Pogromhetzen gegen die Juden benutzt werden, bezweckt diese Presse, die Juden als Verschwörer und Spione der Griechen zu denunrieren. Zu diesem Zwecke rverden Mitteilungen aus der Zeit der griechischen Okkupation hervorgeholt, aus denen hervoraehen soll, daß dir Juden Freudenfeste aus Anlaß der Befreiung vom türkischen Joch gefeiert und dabei das Otwmanentmn und die mohammedanische Religion Leschimpft hätten. Vergeblich dementiert ein gerecht denkender Ottomane, der zur selben Zeit unter der griechischen Herrschaft lebte, diese ganzen unwahren Behauptungen, umsonst stellt er fest, daß die Juden sich um den kritischen Zeitpunkt sehr zurückhaltend benahmen, die Blätter fahren in ihren Pogromhetzen fort, so daß in den einzelnen jüdischen Zentren. unter den Juden begreifliche Beunruhigung herrscht. Die Türkei und die russischen Flüchtlinge. Infolge der Komplettierung der russischen Eimvan- Nrerquote für die Vereinigten Staaten haben sich in Konstanünrp-'.l etwa zweitausend jüdische Flüchtlinge augesammelt, welche aus politischen Gründen nicht nach Sowjciriitzland zurücktehren können. Den zu dieser Kategorie gehörenden Personen werden rümschc Päs,': ausgch.-.llr; der In-Ha'ber des Passes wird «Mdrückkch als tzolztrjHkL Klücht-, Qmm w in iftmtiicihen Abteilungen vSrar/ciiDcm lM Trattnerhof 1- VI/ Frackbetnden ......... . K 110.000 Ray<$-ßatist*'0mden . . ..K 110/00 Seiden^emden . . ......... K 260 000 Englische Zephiriiemden.R 110 000 Hüte.R 180.000 Pyjamas.Kl 50.000 Wollw’sten ............ .R 170000 Krawatten ............. K 50.000 Taschentücher.per Stück K 15.000 Frack-, Smoking- und ori«. engl. Anzüge nach Maas, Pelze, AutomänteJ. Sonderpreis Org. eng! Raglans.K 1,200000 I i n g" bestätigt. Ms solcher erhält er von den türkischen Behörden eine Bescheinigung, die ihm erlaubt, für einen Zeitraum von fünf Jahren in der Türkei zu bleiben, nach welcher Frist er automatisch türkisch - r Staat §- ungehöriger wird. (I. T. A.) Sie englische Regierungskrise. London, 15. Dezemher. (Tel. d. „Wr. MovAenzeitung".) A s q u i t h hat für Dienstag eilte Versammlung aller Abgeordneten der liberalen Partei einberufen, auf welcher die politische Lage unter den verschiedensten Gesichtspunkten geprüft werden soll. Bald win hat sich nach ChecquerS begeben und wird erst Dienstag nach London zurückkehren. Auch Ramsay Macdonald hat Lond'on verlassen und wird die Weihnachtsfeiertage fern von London verbringen. „Daily Chronicle" veröffentlicht heute eim-en langen Artikel Lloyd Georges, in dem dieser erklärt, daß von irgend einer Zusammenarbeit zwischen den Liberale n u n d Konservativen nicht die Rede sein könne. Es wäre falsch, zu behaupten, daß die Arbeiterpartei unfähig sei, irgend etwas zu tun. Sie könne wichtige Neuerungen auf den Gebieten der Arbeitslosenfrage, der WohnunMrage «und der Hygiene Vorschlägen. Ein Großteil der Probleme st: der Arbeiterpartei und den Liberalen gemeinsam. Wenn die Arbeiterpartei bereit sei, die Macht zu übernehmen, so könne ihr nichts in den Weg gelegt werden, wenn sie nicht den Geist der Verfassung verlasse. Wenn die konservative Regierung versuchen wollte, am Ruder zu bleiben, so würde sie damit die Wählerschaft herausfordern und sowohl die Liberalen wie auch die Arbeiterpartei würden. im neuen Parlamentein Miß t rauensv otu m gegen die Regierung e inbringen. Die neugewahlten jüdischen Mitglieder des englischen Unterhauses. Aus London wirb uns gemeldet: Die bisherigen Abgeordneten Sir Philipp Sassoon und Major Brune! Cohen sind ohne Gegenkandidaten wiedergewählt worden. Außerdem wurden gewählt: Mr. Percy A. Harr i s (liberale Partei), Mr. L. B. F r a n k l i n, der Schwager Sir Herbert Samuels (liberal), Sir Walter de Free« (konservative Partei), Dr. 8. Ha den Guest (Labour Party, Schwiegersohn des verstorbenen Colonel Sir Julian Goldsmid), ferner Major L. HoreBelisha (liberal) und Mr. W. Sa^muel (Labonr-Party). Mr. Samuel siegte über Sir Alfred Mond mit einer Mehrheit von 113 Stimmen. Dr. Haben Guest schlug das bisherige liberale Mitglied Mr. E. A. Strauß, der ebenfalls ein Jude ist. Weiters wurden gewählt: der einzige Sohn Sir Alfred Monbs, Leutnant Henry Ludwig Mond (liberale Partei), Dr. G. E. Sperr (liberale Partei), Samuel Samuel (konservative Partei), Artur Michael Samuel (konservative Partei), Emanuel Shi nwe II (Labour-Party) und P. C. Hossmann (Labour-Party). (Von protninenten Freunden der jüdischen Palästina- Sache ist der gewesene Kolonialminister Churchill, ferner der Sekretär der Labour-Party Henderson und schließlich der gewesene Minister Sir Alfred Mond unterlegen, der wenige Tage vor den Wahlen im Zionvstenvereiu seines Wahlbezirkes eine flammende zioniistische Red« hielt, in der er seine Erklärung wiederholte, daß er als Zionist ins Parlament kandidiere. — Unter den Unterlegenen ^befindet sich Captain Foxeroft, der entschiedenste Gegner der zionistischen Politik, der erst kürzlich aus Palästina zurückgekehrt ist, wo er den arabischen Führern der« sickiert hatte, er werde seinen antizionistischen Kampf fortftp er.i M-iuM SchMevtllLiius. Washington, 15. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Auf Grund des Abkommens über die Fundierung der englischen Schulden an Amerika hat England eine neue Haldjahreszähl'ung von 92 Millionen Dollar geleistet. 28 Millionen sind für die Amoriisievu-ng und 69 Millionen für die Bezahlung der Zinsen bqsti.mml. Lesterreich. Verhandlungen mischen Regierung und SvMstion. Die Besprechungen zur Mottmachung des RationalrateS, taffen Tagesordnung durch erste Lesungen blockiert ist, die über Wunsch der Sozialdemokraten abgehalden werden müssen, sind bereits im Gange. Der orientierenden Aussprache, die Bundetkanzler Dr. Seipel am Freitag mit dem Führer der Opposition Dr. Otto Bau e.r abhielt, sind nunmehr auch Konferenzen der Ressortminister mit einzelnen sozialdemokratischen Abgeordneten gefolgt. Die Sozialdemokraten konkretisierten hierbei die Beschwerden ihrer Partei. Gestern fand eine solche Aussprache zwischen dem He-cresminister Vaugoin und den Abgeordneten Dr. Otto Bauer und Dr. Deutsch rj. it. Die Sozialdemokraten leugnen, daß es sich ihnen kl, ■ i^rum handle, die Beseitigung einzelner Minister anzustv oer., um so die Möglichkeit für eine schwarz-rote Koalition zu schassen. Ihre Beschwerden richten sich zunächst gegen die Art der Führung der Geschäfte im Heeresamt. Sie behaupten unter anderem, daß dort ein reaktionärer Wind wehe. Die paar höheren Offiziere der Wehrmacht, die rmter dem Staatssekretariat des Doktor Deutsch ins .Heeresmimsterinm kamen, wurden von dort hinausgeekelt. Sie verlangen darum die Belossung dieser Offiziere in der aktiven Dienstleistung und in ihrer jetzigen Dienstzuterlung und fordern weiters, daß bei den Neuwevbungrn für das Bundesheer reaktionäre Einflüsse ferne gehalten werden sollen. Schärfer ist ihre Einstellung gegen die Person des Vizekanzlers Dr. Frank, dem sie nicht ohne den Anschein einer gewissen Berechtigung vorwerstn, daß er den haken kreuz lerischen Geist bei den Gerichten grcßziehe. Sie werden auch an ihn bestnnmte Forderungen stellen, die sich aus der Spruchpraxis einzelner Richter mit großer Selbstverständlichkeit ergeben. Mit Vem Finanzminister Tr. K i e bock wird vor allem die Frage der Reform des Aboabenteilungsgefetzes gründlich durchbesprochen werden, da die Gemeinde Wien nicht auf den ihr nach den geltenden Gesetzen zukommenden Mlliardenanteil an der Einkommen» und Bankenumsatzstener ohne entsprechenides Entgelt verzichten will. Weitere Beschwerden betreffen die Führung deS Min'isteriums für soziale Verwaltung. Bundcsminister Schmitz hat wohl durch feine Verordnung über die Bevlängerung der Arbeitslosenunterstützmrg -beveiis ein gewisses Entgegenkommen gezeigt, doch befindet er sich' i n der Frage der Angestelltenversicherung in einem scharfen Gegensatz zu den Sozialdemokraten, die den von chm im. Nationalrat eingebrachten Entwurf in seiner jetzigen^ Form als unannehmbar ablehnen. Am Montag tritt der Budgetansschuß wieder yusammerr. Bis dahin sollen die Verhandlungen mit &ei* Opposition bereits so 'weit gediehen sein, daß die Sozialdemo kraten den Weg für die Erledigung des Silber münzengesetze.s und -des Budtzetprov iso riums nach vor Jahresschluß freigoben. Keine außerordentlichen zuwendungeu M die Arbeitslosen. In Vertretung des Bundeskanglers Dr. Seipel empfing gestern nachmittags Bundesminister Schmitz die Abordnung, die dem Bundeskanzler am Donnerstag die Wünsche^ einer . Arbeitslosenversammlung überbvacht hatte. In der mehr als einistündigen Aussprache faßte Bundesminister Schuritz den Standpunkt -d c r Regierung >dahirt zusammen, daß dirrch die zehnte Novelle zum Arbeitslosen-Persichentngsgtsetz eine Erhöhung der Avbe.rtslosemnitevstütznng erfolgt sei, daß die Negierung durch eine Verordnung die ablänfenden Bestimmungen, des Arbeitslosen-BersicherungSgesttzes bis Ende März 1921 verlängert habe und auch entschlossen sei, die Maßnahmen der produktiven Arbeitslosenfürsorge planmäßig und mog-- lichst intensiv fortzufetzen, waS schon der Umstand beweise, daß bisher 22.000 Arbeitslose im Rahmen der produktiven Arbeits-losenfüvsorge Beschäftigung gestruden haben. Ueber diese Maßnahme hinaus könne die Regierung nicht gehen. Der Minister erklärte sich jedoch bereit, Fälle unbilliger .Härten bei Durchführung des Gesetzes untersuchen zu lassen und Abhilfe zu schaffen, wem sich solche Beschwevden als berechtigt erweisen. Srieichttruns im Warenaustmschverkehr mit Ungarn. Bei der Durchführung des W a r e n a u s t a u s Uebe reinkomme ns zwischen Oe sterre ich und Ungarn vom Jahre 1922 haben sich bekanntlich zahlreiche Schwierigkeiten ergeben. Ein Teil der Bestimmungen dieses Abkommens ist durch Kündigung außer Kraft getreten. In den letzten Tagen haben im Bundeskanzleramt Verhandlungen zwischen den Delegierten der beidetr Regierungen stattgefunden, die gestern zum Abschluß gebracht wurden. In den getroffenen Vereinbarungen, die nunmehr den Regierungen zur Genehmigung vorgelegt werden, ist eine Reihe gegenseitiger Beschwerden so geregelt, daß der Warenaustausch zwischen den beiden Staate,! dadurch erleichtert wird. f WerbetAbonnentenfiir-ie I 1 „Wiener MorgenzMny" I

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