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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-11 · Heft 1732 (11.12.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1732 (11.12.1923)
Date
1923-12-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Wien, Dien« mg Kof des Hauptpostamtes mit feinem unattfi)ör>ichcn Kommen und Adftüueu drr großoir Postninoö, -em l?in und .Her deS Parteienverkehrs liegt still und verödet dci. Als gestern vormittagdie Mitglieder der Gene r a l d i r e? t i o n in ihre Bureaus gehen wollten, wurde ihnen von Streikposten der Eintritt verwehrt. Auch hier sindie Geschäftsleute — die großen, wie die kleinen — die am meisten Betroffenen. Die Weihnachtszeit bringt eine Unmenge von Aufträgen, die ansgeführt werben müssen. Da die Abteilungen, die die Postaufträge ausführen, still liegen, entgehen den Kausteuten große Dummen. Im Geld Verkehr hat der Streik weniger Wirkung, da die Banken di« Lücken vorläufig ausMen. Trotzdem ist sehr meßbar, daß die Postsparkasse nicht arbeitet. DaS Telephon. 3* *m lokalen, wie im Ueberlandvcrkchr fehlt das Telephon außerordentlich. Denn trotz des schlechten Zustandes, in dem sich das österreichische Telephon befindet — ist es immerhin ein Mittel, sich zu verständigen, und wie notwendig eS ist, fühlt man erst, wenn eS nicht da ist. Man behilft sich, durch Botenverkehr oder geht selbst. Oft ist diese Art der Verständigung rascher als die telephonische. In den Telephonzentvalen sind die langen Sch altrische mit den Hunderten von Lämpchen und Kontakten verlassen, die Säle, die niemals leer werden, sind auSgestorbrn. Die Kontakte sind entfernt — dar Telephon ist auSgeschaltet, es ist stumm geworden . . . Der stille Telegraph. Auch der Telegraphenverkehr ruht vollkommen. Das Haupttelegraphenamt am Börseplatz ist ganz der- : ödet. Weder aus Dien gehen Telegramme ab, noch laufen Depeschen ans den Ländern ein. Kein emsiges Ticken der Morse-ApparÄe ist hörbar. Im Hrmpttelegrophenamt streiken allein 1800 Angestellte, unter ihnen auch die Angestellten der REoverkehrs. Der Rettuirgs- und Sicherheitsdienst nicht gefährdet. Das Aktionskomitee der Streikenden hat für den Sicherheitsdienst in Wien ausreichende Vorkehrungen getroffen. Sowohl die Feuerwehr, wie Polizei und Rettungsgesellschaft sind telephonisch jederzeit von jeder SicherhertSwachstube auö zu erreichen. Man muß sich hiezu nur an den nächsten Wache-- bcamten wenden. Dw Polizei verfügt über 172 Feuermelder, so daß ausreicheiÄe Möglichkeit vorhanden ist, sich mit der Feuerwehr und Rettungsgesellschaft in Verbindung zu setzen. Diese Apparate befinden sich nicht nur in verkehrsreichen Straßen^ sondern auch in allen Theatergebäuden, Varietes, Banken und größeren Aemtern. Auch hiezu ist es notwendig, die Intervention von Wacheovganen anzurufen. Außer diesen Verständigungsmitteln verfügt auch die Straßenbahn über eine eigene Telephonleituny. Krankentransporte während des Telephon ftreiks. Um eine klaglose Abgabe von Kranken an die Spitäler «möglichen, hat das Wohlfahrtsamt der Gemeinde Wien im Einvernehmen mit der Pcklizeidwektion und dem ÄollssefundsheitSamt folgende Anordnungen getroffen: Wer einem Kranken ein Bett in einem Spital und die Ueöerführung dorthin sichern will, muß dies wie bisher bei dem zuständigen Polizeikommissariot melden. Dieses spricht den Transport telegraphisch bri jedem Polizeikommissariat an, in dessen Bereich eine der städtischen Sonitätsstationen liegt und das mit dieser Station durch ein Mikrophon direkt verbunden ist. Die auf diesem Wege augerufene Station besorgt die Ueberführung der Kranken in daS der Wohnung zunächst liegende Spital, dar während der Streiktage zur Aufnahme verpflichtet ist. Auf diese Weise dürfte der so heikle Betrieb ohne besondere Störung ' i'srechk erhalten werden können. Die Ministerautos außer Betrieb. Da der Streik auch auf die staatlichen Kraftfahrbetriebe ausgedehnt wurde, sind nicht nur die vielen staatlichen Lastautomobile, sondern auch die M i n i st e rauros, sowie der Wagen deS Herrn Dr. Z i m m e r m a n ö ohne Lenker. Was der Streik die Regierung kostet. Der von fachmännischer Seite berechnete Schade der Postverwaltung beträgt drei Milliarden täglich. Die von den Post- und Telegraphenangestellten geforderte Weihnachtsremuneration, deren Ablehnung die Verhandlungen zum Scheitern brachte, hätte 2,6 Milliarden erfordert. Allerdings mußte die Bundesregierung damit rechnen, daß sie die Weihnachtsremuneration im gleichen Ausmaße nicht bloß den 2-8.000 Post- »nt Telegraphenangestellten, sondern auch den übrigen 85.000 Bundesangestellten gewähren müsse, was etwa zur Vervierfachung dieses Betrages (auf etwa 10,4 Milliarden) geführt hätte, ungefähr die Kosten von dreieinhalb Streik tagen. Aus dieser Aufstellung ist ganz deutlich zu ersehen, daß eS sich der Regierung hier weniger um eine Geld-, als um eim Prestigefrage handelte. Denn die Beträge, um die es geht, sind keineswegs so bedeutend, daß man sie nicht hätte aufbringcn können. IlebrigenK haben wir an dieser Stelle schon oft genug angeregt, zum Beispiel die vollkommen überflüssigen sogenannten Paßstellen, die nichts anders sind als Sinekuren für ein paar Protektionskinder, aufzulassen. Auf diesem Wegr hätte man ganz leicht so viel ersparen können, um die Forderungen der Beamten zu bewilligen, und man hätte der Bevölkerung außerdem die Kalamität eines Berkehrsstreits erspart. Streik und Fernverkehr. Aus dem Ausl an d>e Langten gestevu noch Briefe Nvld sowie sonstige Mrrtseudungen ein. die jwoch _Wiener Morgenzertuntz.__ deu Ad-ressatcu n ich-! mehr au SyesoLg t wurden. Die W.'ttstndnrrzen wevdrn in vewperrten, streng kontrollierte n A -rn i 8 r ä « m eai vrrivavrt. In der Provinz. Im Laufe des gestrigen Nachnvittags liefen aus allen StÄ:e« OssterreichL AbeSdungrn xrin, daß der C t 11 ». I i n *>11 Provinz voNkom-men durchA<esühr! wird. Die Streikleitung. Das Aktionskomitee der Stveikeuden hat seinen S'h m Läkail der Technischen Union. Es -ist «unechm interessant, daß sich di« Streike i,den aller Pavteirichvungen, Clhcistlichsogiale, Gvoßdoutsche und Sozioldemokraten so einbracht ig rm Lokal der Sozialdsnwkraten gusamimenye.sun)en haben. In ollen B^iÄen Wreirs dofiinLen sich S r r«i i) f o ni :* tees wnb m den Aomtern sind Streikposten ausgestellt, die ständige Venbmidun-g mit der Stveiklevtülng halten. Auch in der Provinz wurden Landes-, Bogirks- und Ortsst r-eikk v mit e? 8 gebildet, die in ständigen tÄephiM'isch'n Vorkehr mit der Wiener Hcmlptstveikteikrng stehen, von der fte Ws'ckmgen awVi> AuM-nfw «mchoLten. Die Streittage. Zur heutigen Streiklage erfahren wir: Gestern um drei Uhr nachmittags fand im Berbandsheim in der Königseggasse eine 11 Dezonrber 1923 Nr. 17A Massenversammlung der Technische» Union statt, in der Berbandspräsident Zelenka und die übrige» Gewerkschaftsführer sprachen, die sich in scharfen Worte« gegen die Regierung wandten. Abends fand auch im christlichen A» Heiterheim in der Gölllnergasse eine Versammlung d« christlichen Post- und Delegraphenangestellten statt. Wie wir aus Kreisen der OrgamsationLfühvvr erfahren, dürste bereits morgen di, Krise des Streiks überwunde» fei«. ES ist möglich, das; bereits im Laufe des heutigen Tages eine Fühlungnahme mit der Negierung hergestellt werde» kann. Bo» entscheidender Bedeutung wird die morgige Sitzung des Ra* tionalrate» sein, wo im Hause als erster Bundeskanzler De- Seipel das Wort ergveifen wird. Die Haltung dev Gewerkschaften. Der Streik wurde im Einvernehmen mit der Gewerk» schaftskommission ausgerufen. Auch der Plan für eine spätere gemeinsame Taktik wurde von der Gewerkschaftskommission genehmigt, so baß die Bundesangestellten mit dem Bewußtsein in den Streik treten konnten, daß ihr Kampf um Leben und Tod von sämtlichen übrigen Gewerkschaften unterstützt wird. Diese Solidarität bedeutet vorläufig eine rein ideelle Unterstützung, aber in einem späteren Augenblick, wenn sich die Loge verschärfen oder kritisch gestalten würde, dürsten von der Ge - IverkschastAommission auch bestimmte Schritte zur Unterstützung erfolgen. am vor dem BMerbundrat. Re Sanmtie« für die Bölkerbundauleihe. Paris, 10. Dezember. Heute um 11 Uhr vormittags trat hier der Völkeribrurdrat zusammen» welcher unter anderem dve Entscheidung über die Gewährung einer Anleihe von 250 Mllivnen Goldkronen an Ungarn treffen soll. Der Rat wird voraussichtlich am 12. d. über das entsprechende Projekt verhandeln. In Pariser Kreisen herrscht die Ueberzeugung, daß die Finanzen und die Wirtschaftspolitik Ungarns für dessen gogerrwartige Lage verantwortlich sind. Gegenüber den seit denk Jahre 1919 immer wiederkchvenden Behauptungen, daß Ungarn, tote es durch die Friedensderträge geschaffen wurde, nicht lebensfähig sei, drücken die hiesigen politischen Kreise die UcberHLwgrrng ans, Ungarn könne wirtschaftlich sehr Wohl bestehen. Man ist hier der Ansicht, daß bk wirtschaftliche Rekonstruktion Ungarns davon abhängt, daß es in guten Beziehungen zu feinen Nachbarn stehe. Deshalb herrscht im allgemeinen die Ueberzeugung vor, daß sich Ungarn ebenso wie Oesterreich neuerdings verpflichten muß, die territoriale Integrität feiner Nachbarn zu respektieren und mit ihnen in einem gut-nachbarlichen Verhältnis zu stehen. ES soll ein« unter Kontrolle eines Fremden stchende ungarische Bank gegrürchet werden. Als Garantie sollen von Ungarn die Einnahmen aus den Zollen, dem Tabak- und Salzmonopol und der Zuckersteuer verlangt werden. Da die Anleihe nicht durch den Staat garantiert weiden soll, ist man der Ansicht, daß im Interesse der Zeichner eine ausreichende Kontrolle erforderlich ist. Diese>lbe soll durch den Obevkomnüssär und den Kontrolle kommissar mrsgsubt werden. Alan rechnet damit, daß nach Mlauf der Rekonstruktionsperiode, die zweieinhalb Jahve dauern soll, Ungarn imstande sein wird, Reparaüonen zu bezahlen. Schließlich ist man hier der Ansicht, daß bei der gegenwärtigen Wirtschaft der Sozialpolitik Ungarns sein Wiederaufbau nicht möglich ist und daß infolgedessen die Ungarn werden trachten müssen, diese Politik zu ändern. HirfMaut-Pchmdelle Pllze nß!I. epijfojlet ftsfMtatf II.S(t[S|l8j 7 sZnkiOWm: ÄIkßhM-M> 3fflttt(e: IJ. MiMII. Sdilettt II ton 566"* Bor dem Rücktritt Baldwlnr. Das Bill>, das der Wahltag im Lichte der nunmehr abgeschlossenen Berichte erhalt, vervollftanddgt den Eindmck der totalen Niederlage des englischen Kabinetts. Die Regierungspartei verliert 91 Stimnren, sinkt also noch unter das Niveau, das sie in dem Unterhaus Lloyd Georges besessen hatte. Ihr Verlust ist den L t« berale n mit 41, den Sozialisten mit 46 Mandaten zugute gekormnen. Eine besondeve Merkwürdigkeit ist eS aber, daß auch die Partei Lloyd Georges schwere Einbußen erlitten hat. Sie verliert 21 Sitze teils an die Arbeiterpartei, teils sogar an die Konservativen. Auch in diesem Detail erweist es sich, daß die englischen Wähler jedes Extrem ablehnten. Sie haben die radikale Zolltarifrevision»Baldw i ns und zugleich 'dessen handelspolitischen Antipoden, das unei-ngefchränkt« Fvechandelssystem Lloyd Georges verworfen. Bon einer Stärkung dieser liberalen Gmppe war auch zu befürchten, daß schon di« nächste Zeit ernste Ä vmplikationen mit Frankreich bringen könnte. Denn eine Rückkehr Lloyd Georges in das Amt des Mimsterpräsidcuten würde in Frankreich fast wie eine Kündigurrg des EmenteverhAtnisses wirken. UeberhaM sind die außenpolitischen Ausstrahlungen deS Wahlergebnisses als stärker aufzufasfen, als die inmrpolitischen, da sich ja in den internen Dingen fachlich vorläufig nicht viel andern kann. Der Ministerpräsident Baldwin hat gestern mit dem Lord-Kanzler, dem Privatsekretär des Königs, und den Führern seiner Partei korvseriert. Der Premier wird zu« rücktreten und dem König einen Entschluß empfehlen, der auch trotz der großen Wahluiodevlage geradezu revolutionär wirten muß. Er schlägt die Berufung Ramsay M a c- L o na ld s, des Führers der LabourParty, vor, dsm dir Bildung des Kabinetts augeboten iverden soll. Sollte dieser ablehnen, so würde Lord Haldane, der Lovd-äbanzler, berufen werden, eine Persönlichkeit von hoher Autorität. Haldane hat in den Jahren vor dem Kriege die Verhandlungen mit Kaiser Wilhelm geführt, bei denen England den Stillstand der maritimen Rötungen anbot. Die Verhandlungen verliefen infolge der Jndiskretiorren deö Kaisers und des Eingreifens des Admirals Tirpitz re« fultatlos. 'Hadane, der der liberalen Partei angchört, würde eine liberal-sozialistisch« Koalitionsregierung zu bilden versuchen und den Laibour-Mann Philipp S n o w d e n «Ä0; Schatzkcrnzler und den Liberalen Lord Ponsonby, seinerzeit Dskretär des Königs Edrmrd, als Außenminister berufen. Lloyd George komntt rmch der Niederlage feiner Partei für das Kabinett nicht mehr ia Frage, Die entscheidenden Beschlüsse wird eine Besprechung der konservativen Führer fassen. In diesen .Kreisen ist mau geneigt, eim Koalition zwischen Konservativen und Asquilh-L-iberalen ins Auge zu fassen. Dem König soll geraten werden, erst alle Parieifl'chrer zu sich zu laden, ehe er Macdonald beruft. Die Kousevvativen arbeiten aus allen Kräften gegen eine sozialistische Regierung und wollen eS sich sogar auf sich nehmen, für den Fall eines liberalen Kabinetts nicht in die Opposition zu gehen. In vielen Kreisen rechnet man sogar mit Neuwahlen in vechaÜnismäßi>g kurzer Frist. Dieser Ansicht ist u. a. Sir Alfred Mond, der nicht, wie es zuerst hieß, gewählt Wörden ist. Er ist gegen einen Anbeiterparteiler unterlegen. Die Arbeiterpartei wird ihre Beschlüsse erst zu Beginn der nächsten Woche fassen. In dieser Partei herrschen noch große Unklarheiten über die Möglichkeiten einer KoaLtion, da die Niederlage der Konservativen alle vor den Wahlen gefaßten Vorsätze inhaltslos ge-macht Hai. Wichtig ist, daß die Arbeiterpartei außenpolitisch auf dem gleichen Standpunkt steht wie die Liberalen. Ramsay Macdonald erklärt in einem Interview im „Matiu", in England herrsche eim wenig günstige Stinmmng für Fvankwich, dem mau Vorhalte, daß es feine Schulden an England nicht bezahle und daß es kein offenes Spiel treibe. Das Richrunternchnren fei für die englische Arbeiterschaft unannehmbar. Obgleich man awnchmen kann, daß selbst eim rein sozialistische Regierung ' es nicht zum offenen Bruch mit Frankreich kommen lassen wi^Ä, müssen doch solche Erklärungen in Frankreich tief ivirken. Tatsächlich ist denn auch in der Sprache der Poinoare-Pveffe eine arge Betroffenheit zu verspüren und die nun sich aittftrtbiflcufo? aktive Politik Englands wirft ihre Schatten voraus. * London, 10. Dezember. (Pvivattel.) Der Ministerpräsident läßt durch seinen Vertrauensmann Pounger Mitteilen, daß er versuchen wird, mit den Liberalen ein lieber* einkommen zu treffen, damit die jetzige Regierung tveiter ihre Politik verfolgen kann. Er will hierbei auf die Libevailen Rücksicht nehmen. Auf jeden Fall ist es ausgeschlossen, daß er derzeit die Flucht ergreife und die Reglerung mederlege. Die Konservativen tveöden weiter die Verantwortung fiir die Regierung tragen. Nur falls eine Koalition Mischen Liberalen und Arbeiterpartei zustande kommen sollte, an die Daldwin aber nicht glaube, müßten die Konservativen in die Opposition gehen. Nounger bestätigte auch, daß die Antipachie gegen die Franzosen in den breiten englischen Volksschichten sehr groß sei. Sollte Poincare jetzt nicht uiehr Entgegenkonrmen gegenüber bett englischen Wünschen zeigen, wäre es für die englische Regievuug schwer, die Entente weiter «ust^cht zu echalten.

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