Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1713 (21.11.1923)
- Date
- 1923-11-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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21. November 1923 Nr. 1718 Wien, Mittwoch ffttjj, weil eS einen Teil der arabischen Länder bilde. Die offizielle Sprache im Lande dürfe nur die arabische sein. Die Balfour-Deklaration und die Verfassung für Palästina wären zu annullieren. Die Partei wird auch die Schaffung einer demokratischen Regierung und Verfassung, die den Interessen und Wünschen der arabischen Bevölkerung entspricht, fordern. _ Sesterreich. Sie Kröffmmgrfitzuns der Ralianaleates. Das neugow-ählte österrelchische Parlament hielt gestern feine konstituierende Sitzung ab. Es ging alles wie am Schnürchen, da die Formalttäten und das ganze Frage- und Antwonjpiel schon tags vorher von der Obmännerkonferenz vereinbart worden war und die Kanzlei des Hauses das ganze Zeremoniell so sicher angeordnet halte, Vas; eine Entgleisung nicht geschehen konnte. Auf den Galerien hatten sich viele Neugierige eingesunken; in der Diplometenloge wohnte der deutsche Gesandte Dr. Pfeiffer und einige Vertreter norü^lcher Staaten der Sitzung bei. Die Abgeordneten waren vollzählig erschienen und trugen in den Knopflöchern die Parteiblumen, die Christlicksozialen Weiße, die Sozialdemokraten rote Netten und die Großden-t-schen Kornblumen. Die Viermännerpartei der deutschen Landbiindler hatte ihr Parteiabzeichen, „Halm un> Achre", aufgesteckt. Die Regierungs-mito-lieder und der zum Präsidenten ausersehene Abgeordnete MikIos ließen ihre Knopflöcher leer, um dadurch ihre Unparteilichkeit zu demonstrieren. Dr. Weiskirchner eröffnete die Sitzung mit Dankesworten an seine beiden Kollegen int Präsidium und an die Beamten des Hauses. Die Rede klang recht wehmütig, scheidet doch Dr. W e i s k i r ch n e r, der von seiner Partei fallen gelassen worden ist, endgültig aus dem politischen Leben aus. Er nahm auch die Angelobung der Abgeordneten vor, die nicht ohne Zwischenfall vor sich ging. Die vier L-andbündler hatten das Glockenzeichen, das den Beginn der Sitzung verkündete, nicht gehört, und für sie sowie für den mit Verspätting eingetroffenen Abgeordneten Dr. E i ß l e r mußte die Angelobungswrmel dom Schriftführer separat verlesen werden. Als der auf der christlichsozialen Liste gewählte Monarchist Wense, der noch am Vortage aus Anlaß des Geburtstages des ältesten Sohnes des Exkaisers Karl die Festrede gehalten und ein Hoch auf Kaiser Otto ausgebracht hatte, das Gelöbnis ablegte, in dom er der Republik unverbrüchliche Treue, stete und volle Beobachtung der Berfas sungs gesetzt und aller anderen Gesetze gelobte, riefen einige Sozialdentokvaten ironisch: „Hört! Hört! Hieraus wurde in noment'licher Abstimmung Abgeordneter Wilhelm M i k l a 8, seines Zeichens Seminardirektar in Horn, mit 96 Stimmen, bei 68 Stimmenthaltungen der Sozialdemokraten, zum Präsidenten des Hauses gewählt. Damit war die Tätigkeit Dr. Weiskirchners beendet, und der neue Präsident Miklas bestieg die Estrade. Bevor er noch den Platz des Präsidenten besetzte, hielt er dem Dr, Weiskirchner einen Nachruf. Er wünschte chm durch die Gnade der Vorsehung noch einen recht langen und glücklichen Lebensabend procul negotiis. Dr. W e i 8 k i r ch n e r, dem die Verabschiedung durch seine eigene Partei offensichtlich sehr nahe ging, erwiderte kein Wort, wandte sich rasch zur Präsidialtür und verließ unter lautloser Stille des Hauses den Saal. Zum zweiten Präsidenten tv-urde der Sozialdemokrat Eldersch mit 68 Stimmen seiner eigenen Parteigenossen gewählt, während die 96 Abgeordneten der Mehrheit leere Stimmzettel abgaben. Er erklärte, die Mahl anzunehmen, und sprach di« Hoffnung aus, daß der Nationalrat ein Musterbeispiel aller republikanischen Ein- Wiener Morgenzeitung. Zionistische Bezirkrsektion Leavoldstadt. Jeden Donnerstag für Mitglieder und eingeführte Gäste rlvansrlofe zusanimenlünste. Donnerstag den 22. d., präzise 8 Uhr abends, im Wiener Bürgercafe, 2. Bez., Praterstraße 11, Borttas: Dr. Josef Löwenherz: Der diesjährige zionistische Parteitag. richtungen, ein Schirm u nd Anw a l l der Rest u b l i k sein werde und daß er es ÄS seine vornehmste Pflicht anse'hen werde, die Republik gegen alle offenen und versteckten Feinde machtvoll zu verteidigen und die demokratischen Einrichtungen fortzuentwickeln und in der Verfassung seit zu verankern. Dann wurde noch Dr. Dinghofer mit den Stimmen der Mehrheit zum d r i t t e n P r ä s i d e n t e n gewählt. Das Haus nahm hieraus die Mahl des Haupta-usschusses vor, der aus acht Cbristlichsazialen, sechs Sozialdemokraten und einem Groß-deutschen besteht. Nach Mitteilung 'der formellen Demission des Gesamtkabine 1 ts wurde über Vorschlag -des Haupt« ausschuises die Regierung Seipel in unveränderter Zusammensetzung wiedergewählt. Für die Regierung stimmten alle 97 Christlichsoziale, Großdeutsche und Landbündler, gegen ihre Wahl die 68 Sozialdemokraten. Heute wird Bundeskanzler Dr. Seipel sein Regierungs- Programm en-t-wickeln, woran sich dann die für zwei Tage berechnete politische Debatte schließen wird. Die Regierung hat gestern außer den 16 im alten Nationalrate nicht erledigten noch folgende neuen Vorlagen eingebracht: Bundeslinanzgesetz für das Jahr 1824; Gesetz betreffend Ausprägung und Ausgabe von Silbermünzen; Kinderzu-lagen ge setz; Pensionsvevsicherunasüberleitungsgosetz; Angestelltenversicherungsg-osetz; Kleinreutnergesetz; Bauauswandbegünstigungsgesetz vom Jahre 1923; Aerzteverordnung; Gesetz beireffend die Regelung des Hebammenwesens; ferner Berichte der internationalen Arbeitskonserenzen. Nächste Sitzung heule um 3 Uh-r nachmittags. Unmittelbar nach Schluß der Sitzung des Nationälrates nahm der Bunde ^Präsident in seinen Amtsräumen die neuerliche Angelobung der Bundesregierung vor. Abschluß der vermögeurkontrolle. Gin« eben erschienene Verordnung des Bundesministermms für Finanzen befreit den Verkehr von einer Reihe lästiger Hemmungen, die noch aus der Zeit der Vorbereitung der Vermögensabgabe herrühren, heute aber jede Praktische Bedeutung verloren haben. Nach der neuen Verordnung sind Wertpapiere von nun an wieder verkehrsfähig, auch wenn sie keine Kontrollbezeichnung tragen; wer ein Wertpapier aus dem Auslande einführt, braucht es nicht mehr zur Kontrollbezeichnung vorzulegen. Auf nachträgliche Anmeldungen von Wertpapieren und sonstigen anmeldungspflichtigen Vermögenschaften wird verzichtet und die damit zusammenhängenden Sperren, insbesondere auch jene über ausländische Wertpapiere, sind aufgehoben. Selbstverständlich berührt die Verordnung weder die zur Sicherimg der Vermögensabgabe als administrative Sicherstellung verhängten Sperren noch die Bestimmungen über die Ablieferung von Wertpapieren an die alliierten und assoziierten Staaten. Auch die sogenannte Jugoslawen- Seiie 3 sperre wird erst dann ihr Ende finden, tvenn der bereits abgeschlossene Staatsvertrag mit den: Königreich S. H. S. genehmigt sein wird. Wer angemeldete tschecho-slolvakische Wertpapiere besitzt, die noch nicht kontrollbezeichnet sind und auf fcfe der Besitzer noch Zahlungen mit Fälligkeit vor dem 11. Mai d. I. zu empfangen hat, behält das Recht, die Kontrollbezeichnung auch jetzt noch zu verlangen, weil er ihrer zum Inkasso seines Guthabens bedarf. Da nunmehr an der Prager Börse auch unbe,zeichnete Wertpapiere verkehrsfähig sind, entfällt auch dieser Grund für -die Aufrechthaltung der österreichischen Kontrollbezeichnuug. In Hinkunft wird für den Verkehr mit der Tschecho-Slowakei die österreichische Kontrollbezeichnung nur vereinzelt, und ztvar für solche Wertpapiere Bedeutung haben, aus Grund deren noch Zahlungen, die bereits vor dem 11. Mai 1923 fällig waren, einzuziehen sind. Sie Httler-Putschiften in Tirol. Aus Innsbruck ivivd gemeDet: Die drei Hitler-« Putschisten, die hier fefdgastellt und landesvevwi eisen wurden, sind außer dem Fliegechanpimann v. Goehring, der wegen einer Schußverletzung am Oberschenkel vm Krankenhaus liegt, der Führer des Dwndes ,-Oberland" Hauptmam: Oasterreicher und der Major Habe. Die drei werden nicht an das Deutsche Reich ausgeliüsert, sondern nach Erhalt ihrer Ausweisdokumente an jene Grenze des Landes iü&erftettt, die sie selbst angeben. f Sie Verhandlungen mit den VnnderangesteAen Die angekündigten Besprechungen der Regierung mit dem Achterkomttee der Bundesange st eilten fanden gestern unter Teilnahme des Bundeskanzlers, des Vizekanzlers und des Finanzministers statt. Die Fortsetzung der Besprechungen wurde für Donnerstag nachmittags in Aussicht genommen. _ Mecho-Aostmkei. Neunstündige SaneMnngen der Parlaments. Prag» 20. November. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Das Plenum hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, von morgen an täglich neun Stunden zu tagen, um die wichtigsten Arbeiten, die schon seit Wochen vorliegen, zu erledigen. Ser Mörder Sarkalowr neuerlich unter Anklage Prag, 20. November. Das Abendblatt des „Ceske Slovo" meldet, daß der Attentäter Nikolow beim gestrigen Verhör eingestanden haben soll, nicht Nikolow, sondern mit dem richtigen Namen Jordan Eiconkow zu heißen, und daß er in Stip in Jugoslawien geboren wurde. Weiters gab Nikolow-Ciconkow an, er sei bloß ein externes Mitglied der mazedonischen Geheimorganisation gewesen. Die Blätter melden weiters, daß dem Antrag ans Erneuerung des Prozesses gegen Nikolow votn Senat des Prager Schwurgerichtes stattgegeben wurde, worauf die Staatsanlvaltschast ihre Nichtigkeitsbeschwerde zurückgezogen habe. Die Anklage lautet auf Meuchelmord und Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens. Ungarn. Sie FnmmnM Mains. Lutaptzst, 20. November. Der Jnnnunitatsausschuß der Nationalversammlung verhandelte heute die Angelegenheit des Abg. U l a i n, der von einem Beamten der Staatsanwaltschaft ^WMUW>WWWUWW>WßW>>WWWMeWWMMWWW>>W>WW>WW>WWWWWW>WWWWWMW>W>WWW>WW>WW> Am besten u. billiastenJÄ «IlifSchiffmann warn II., Taborstraße 48 Telmnhon 47-1-79 b|«o« En detail Bassermann alsLtrindberg-Iarfteller „Wetterleuchten" in der Neuen Wiener Bühne. Vorweg sei sestgestellt: Die Ausführung von Strind- -ergs Kammerfpiel in der Neuen Wiener Bühne übertraf in ihrem Gesamtton die Erwartungen des Referenten; dom Regisseur Ernst Stahl-Nachbanr ist es gelungen, trotz der Sprödigkeit des Materials, das ihn: für die Aufführung zur Verfügung stand, die einfachen und doch so beziehungsreichen Ereignisse, des Strindbergschen Gewitteraben-ds eindringlich, ihren feinsten Verzweigungen nachspürend, lebendig zu machen. Dies muß um so dankbarer betont werden, als hier keine Kunststückchen gemacht wurden, sondern aus dem Grunde eines gesunden Realismus, aber — tvas so selten gelingt — bis in den Grund des Realismus gebaut, vorgedrungen wurde, zu den wesentlichsten Bestandteilen einer realistischen Wiedergabe, zu einem real spürbaren Schwingen der Nerven, welches auch die Nerven der Zuschauer Mitschwingen läßt. Allen Darstellern hatte sich ettvas von diesem Nervensluidum mitgeteilt. Ueberraschend fein der Konditor des Herrn Farkas, in wenigen Worten ein Schicksal seine Tochter Agnes in der Darstellung von Hilde Wagner und ohne Worte ein Lebensausschnitt in einer einzigen Szene Herr Lovric als Frau Gerdas zweiter Mann. Selbst die sonst so staubige Art des Herrn T e u b l e r hatte diesmal etwas Schwingendes erhalten. Frau Else Bassermann hatte als Louise schon ein beträchtliches Manko an Nerven. Unerschütterlich gegenüber dem Einfluß der Regie und Bassernianns blieb einzig Maria E i s als Gerda, deren Spiel und Sprache irgendwie immer Assoziationen an Kratzen im Kalle «erweckt. Die künstlerische Vollendung dieses Realismus der Nervenschwingung ist Albert Bassermanns „Herr". Die Figur ist dem Wiener Publikum wohl vertrant durch Jarnos Darstellung, die erst vor kurzem gewürdigt werden konnte. Jarnos „Herr" ist ein mittlerer Beamter aus jenem Heer namenloser Beamtenexistenzen, welcher die Ruhe des Alters gefunden hat und mit kleinen Erinnerungen den Frieden seiner späten Jahre ausfüllt, das kurze Gewitter, welches über ihn herein-bricht, nicht völlig begreift und glücklich ist, da es vorübergezogen. Aus Betvegung und Gesicht spricht bei ihm jene unbestimmte Weichheit, welche in den Gesichtszügen eine Stunde alter Leichen zu konstatieren ist, oder in Zügen und Gesten solcher Menschen, die nie ettvas anderes gewesen sind als unpersönliche Vollstrecker, Exokutionsorgane, Menschen, die stets etwas sind und nie zu etwas kommen. Die Heirat mit Gerda war fiir diesen „Herrn" eine ganz unpersönliche Angelegenheit, die für ihn eines Tages da tvar. ohne daß er sie begriff, und es erscheint glaubhaft, daß er fünf Jahre tot tvar, ohne es zu wissen. Es mag sein, daß diese. Jarnosche Auffassung in vieler Beziehung dem Strindbergschen Sinn dieser Figur entspricht. Bassermann demoliert mit einem Ruck diesen ganzen Sinn. Dieser ,Herr" tvar me ein Namenloser, nie ein unpersönlicher Vollstrecker. Als er noch im Amt -ivar, tvar er verhaßt, wegen seiner Persönlichkeit unbeliebt, und das ganze Amt atmete auf, als dieser „Herr" in den Ruhestand ging. Die Ruhe des Alters ist für ihn etwas Erzwungenes, ein Ztvang unter das Schicksal, welches uns abnützt, und als er Gerda heiratete, da wollte er den Kamps gegen ein Schicksal aufnehmen. Ihn konnte Gerda nicht morden, weil er unverwundbar ist. Und wenn Bassermann die Worte sagt: „Da tvar ich also fünf Jahr« laug tot. ohne es zu wissen", da llin-gt ein trotziger Hohn gegen das Schicksal des Msterbens himin, der mit einen: Schlage enthüllt, daß de.r „Herr" EriuRrungen aus Zwang heiligt und daß er eigentlich nur in Gewittern die Ruhe findet, die er im friedsamen Haus der Erinnerung nie haben kam:. Ein kurzes Beispiel: Die Einladung in Fischers Boston-Klub, welche die Post bringt, zerreißt Jarno; Bassermann legt sie mit einer gewissen langsam-behutsamen Sorgfalt weg. Etwas hemmt seine Bewegung, etwas Lockendes, ettvas, worin er Unruhe spürt, Unruhe, welche die Sehnsucht seines absterbenden Lebens bildet, das aus Ztvang zur Ruhe neigen muß. Wenn Gerda endlich mit ihrem Kinde bei der Mutter auf dem Lan-de ist, dann spricht Bassermann die Worte der Befreiung mit einem nrevkwürdig gelassenen Ton und die gebrochene Stimme sanrmelt sich erst bei den Worten „und im Herbst ziehen wir aus". So bleibt der Ausblick auf den Herbst eines Menschenlebens, dessen innere Stürme qualvoll mit der erzwungenen Ruhe ringen und ringen werden, bis zum letzten Atemzug. Bassermanns Gestaltung hat mit einem gotvaltsa-men Ruck die Hülle des Ärindberg-Maünes gesprengt und dabei doch den innersten dichterischen Zug des Ztvanges zum Alter grandios herausgearbeitet. Herausgearbeitet mit allen Mitteln seiner manchnral abstchtlich-gewaltsa-men Detailkunst, die aber immer auf der Grundlage eines gelvaltigen Eindringens in die Tiefe baut. Wieder war jenes atcmraubende, die Pcrvcu mitreißende Wesen seiner Kunst zn spüren, das solches Theatererlebnis zu den bleibenden macht. Jarno ist der Apostel Strindöergs, ihm treu ergeben, doch Bassermann erneuert ihn durch da§ Revolwlionäre seiner Kunst, die Strindberg dient — indem sie ihn verrät» Si cgjri§tz