Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1713 (21.11.1923)
- Date
- 1923-11-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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21. November 1923 Nr. 171»! i : Veite 8_■ Wien. Mittwoch Negierung Strescmann unmittelbar oder mittelbar inszeniert werden um ihre luicfrftc l-arlameritauischc Stühungäccktion zu kräftigen. Wie die Londoner .Morning Post" aus Washington nieldet, bezeichnen die offiziellen Kreise dvs amerikanischen Schatzamtes das Projekt einer Gewährung einer Anleihe für Deutschland als phantastisch. Die amerikanische Regierung würde, wenn tatsächlich bei Privatbanken Ldeigung zu einem solchen Geschäfte bestünde, einen gewissen moralischen D ru ck und ihren Einfluß ausüben, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Deutschland kein Anlaß für die Gewährung f.ncr An!-ihe an Deutschland gegeben sei. Durch diese Meldung ist weh! das Anleiheprojekt genügend gekennzeichnet. Dir deutschen Delegierten vor der Revaratiomkommisfiou. Berlin, 20. November. Die deutschen Delegierten, die «m Freitag vor der Reparationskommission in Paris die Finanz- und Wirtschaftslage Deutschlands -darlegen sollen, sind heute abends von Berlin abgereist. Die Delegation steht unter der Führung des Vorsitzenden der Kriegslastenkommission, Staatssekretärs Fischer. Die antisemitische Hetze in DertMand. I. T. A. melden Das kleine kaum 3000 Einwohner qZhlVNde Lcmdstadtchen Fr e y st a d t (jetzt Ostpreußen unterstellt) war kürzlich der Schauplatz Planmäßig organisierter antisemitischer Ansschrei-Lungen. Abends nach Schluß der Betriebe wurde die Feuerglocke' geläutet, woraus in wenigen Mimrten mehr.'re hundert Personen, geführt von Agitatoren, die j-udenheyerische Rufe ausstießen, den Marktplatz cmfirllten und vin-en Sturm gegen die j ü d i s ch e n G e s ch ä f t e u n d W o h n u n g e n begcmnen. Di.- Schaufenster wurden elnAvschlagen und die Geschäfte ausgeraubt. Der Bürgermeister versuchte mit den wenigen Poli-zeibermten persönliche Angriffe gegen die südlichen Bürger zu verhindern. Nachdem der Landrat Dr. Friedensburg, von einer Anzahl Landjägern begleitet, einge'reifen war, konnten weitere Gewaliraren verhindert werden. Von den Inden ist eine Anzahl verletzt, jedoch nicht cm;t. Fehn Plünderer «wurden festgenommen. Freystadt war ber-eirs seit Jahren als ein Nest des dadanlustigvn Antisemit Ismus bekannt. Am 16. d. abends kamen in Neusalz an der Oder Lmfangrerche Plünderungen vor,'wobei antisemitische Agitatoren die Menge zu einem Sturm aus die Wischen G.schäfte evmun-terton. Don auswärts oingetroff-ene Elemente beledigten sich hervorragend an der Mion. Die Schaufenster der Konfekt ionshäu-sir und Schuhwarongeschaste, deren Inhaber Juden sind, wurd -n zertrümmert. Das Kaufhaus Steinberg öffnete selbst seine Türen, -um die Spiegelscheiben zu retten. Es wurde völlig ausgeplündert. Später traf eine Abteilung Schupo aus Grimberg ein und wollte den Marktplatz räumen. Nach einigen blinden Schüssen gäben die Beamten einige Scharfschüsse ab. Von der Menge wurden zwei g e t ö t a-t, zwei s chw r und -?: n A u« r ahl leicht verletzt. Havenstem gestorben. Berlin, 20. November. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Heut« ist -der Präsident der Deutschen Reichsbank Gehci.nrat v. Havenstein iw 66. Lebensjahre plötzlich gestorben. An der Spitze der Reichsbank stand er seit 1908, ihatte also bestimmenden Einfluß ans die Reichsbankpolitik in und nach dern Kriege. Mit Havenstein ist gerade zu der Zeit, da das Ende der einst so glänzenden deutschen Reichsmark offiziell bekanntgegeben wird, ihr Totengräber dahingegangen. Genügte vor dem Kriege die Politik der Anhäufung von Goldbeständen, so wurde doch schon im Kriege das Fehlen jedes den Verhältnissen angepaßten währungsterhnischen Gedankens fiir die Reichsbank und die PöarEwährung verhängnisvoll. Als nach dem Krieg eine neue Ordnung in das Reich einzog, sabotierte Havenstein durch die von ihm befolgte Währungspolitik der Bank jeden Versuch, der Markwährung Rückgrat zu geben. Er war einer der Mitschuldigen an der größten Schiebung der Fmanzgeschichte der Neuzeit, wo das deutsche Nationalvermögen fast zur Gänze in die Hände von einem Dutzend nationalistisch-antisemitischer Freibeuter der Inflation gelangte. Diese Schiebung hat Havenstein durch die Kreditpolitik der Reichsbank, an welcher er festhielt, ermöglicht, indem sein Institut den Industriellen ungeheure Kredite in Papierr.rork gewährte, welche sofort von der Schwerindustrie in Devisen verwandelt wurde und so Tag um Tag der deutschen Mark schwere Stöße versetzten, bis endlich der völlige Zusammenbruch erfolgte. Die Sabotage .Havenstems wunde offenkundig, als nach dem Zlbgang der Regierung Enno der erste Finanzminffter Stresemanns, Hilferding, eine Reihe von Akaßnahmen zur Sanierung und zur Währungsreform einleitete, welche sämtlich von Havenstein durchkreuzt wurden. Damals wollte man .Havenstein vom Präsidium der Reichsöonk entfernen, er blieb jedoch in seiner Stellung unter Berufung auf die Unabhängigkeit der Reichsbankverwaltung. Sein Nachfolger dürfte der gegenwärtige Reichswährungskommissär Dr. Schacht werden. Vertagung der Votschafterkonferenz. Parts, 20. November. Die Botschafterkonserenz Hai sich Deriagt, da Lord E r e w e noch keine Weisungen erhalten bar. __Wiener Morgenzettuirg._ Ein englischer Weißbuch über Palöftina. Die Balfour-Deklaration bleibt Grundlage der Politik. London, 19. November. (Tel. d r „Wiener Morgenzeitung".) Die englische Regierung bat soeben ein Weißbuch veröffentlicht, in dem die gesamte Korrespondenz des Kolon ialminist:rö Duc of Devonshire mit dem High Commissoner Sir Herbert Samuel in Angelegenheit der arabischen Agency zum Abdruck gelarkgt. Das erste Dokument dieses Weißbuches enthält den Brief d s Duc of Dcvonlhirc an Sir Herbert Samuel vom 4. O ktober l. I. In diesem Briefe teilt der Kvlonialminister an Sir Herbert Samuel mit, daß sich die englische Regierung in letzter Feit mit den Prinzipien ihrer Politik, die Sir Herbert Samuel in Palästina zu verwirklichen hat, beschäftigt habe. Auf Grund der Mitteilungen, die er dem Kabinett im Monat Juli gemacht hat, ist das Kabinettskomitee zur Einsicht gelangt, daß der Schlüssel der gesamten britischen Politik in Palästina, wie sie seit der Einführung der zionistischen Administration geführt wird, in der Balfour- Deklaration vom 2. November 1917 liege. Diese Deklaration wurde von der Friedenskonferenz in San Nemo augenommeu und im Juli 1922 durch den Völkerbund ratifiziert. Die. Balfour-Deklaration bilde daher eine internationale Verpflichtung, von der nichtabgewichen werden kann und darf. Der Kolomalml niste r gibt ferner den Inhalt der Diskussion mit den Arabern über die Balfour-Deklaration wieder und teilt mit, daß alle diese Punkte bereits hn Weißbuche vom Juni 1922 erschöpfend behandelt wurden. Die Schlüsse, welche die frühere Regierung gezogen habe, seien die einzige Grundlage für die Palästina-Politik. Die Balfour-Deklaration hat der britiftien Regierung eine doppelte Verpflichtung auferlegt: 1. Dem jüdischen Volke gegenüber, den: die Begründung des nationalen Heims zugesagt wird, 2. der arabischen Bevölkerung gegenüber. Die britische Regierung und der High Commissioner haben sich stets bemüht, die Verwaltung in Palästina so zu führen, daß sowohl den Juden als auch den Arabern gegenüber vollste Gerechtigkeit geübt wird. Wenn auch diese Aufgabe schwer gewesen sei, so ist sie doch mit nicht unbedeutenden Erfolgen durchgeführt worden. Trotzdem könne der heutige Zustand die Araber nicht zufriedenstellen, wenigstens halten die Schreier unter ihnen nach wie vor an ihrer oppositionellen. Stellung fest. Ihre Politik ist nicht die Folge der Erklärungen der britischen Regierung, sondern vielmehr der Angst, daß die Ziele dieser Politik und ihre Resultate mit der Zeit eine politische Oberherrschaft den'Juden schaffen könnten. Obzwar diese Angst unbegründet und falsch ist, ist sie ziemlich stark verbreitet. Die frühere Regierung hat sich bemüht, dies« Frage ins richtige Geleise zu bringen, trotzdem aber ist die Opposition der Araber nicht befriedigt worden. Man hoffte, durch Schaffung eines legislativen Rates, in dem die Araber durch ihre gewählten Delegierten vertreten sein sollten, ihre Forderungen zu "befriedigen. Unglücklicherweise konnte jedoch dieser legislative Rat nicht geschaffen werden, weil die Araber die Pehlen boykottierten. Es ist daher notwendig, nach anderen Mitteln zu suchen, um die arabischen Forderungen zu befriedigen. Bei der Betrachtung der ambischen Klagen sieht man. daß sie hauptsächlich gegen den Artikel 4 des Palästina-Mandates, de.r die Jewish Agency behandelt, austreten. Jie Jewish Agency ist der Zionistischen Organisation übergeben -worden. Man hat bereits im früheren- Weißbuche klargestellt. daß die Jewish Agency keinen Anteil an der Bertoaltüng des Landes hat, lvclcher Standpunkt auch von der Zionistischen Organisation gebilligt wurde. Der Kolomalminister hat gar keine Ursache, daran zu zweifeln, daß es die Z i on i st e n mit ihrem Standpunkt c t n st nehmen. Es müsse jedoch anerkannt werden, daß, obwohl die Jewish Llgemy keinen Anteil an der Verwaltung des Landes hat, di« jüdische Bevölkerung durch die.Tatsache, daß sie eine offiziell anerkannte Vertretung hat, über eine vorzüglichere Position im Vergleich zu den anderen Einwohnern des Landes verfüge, und es sei möglich, daß keine vollständige Gleichheit aller Gemeinschaften in Palästina bestehe. Diese B e v v r z u g u n g d e r jüdischen Bevölkerung könnte eine Gegnerschaft der übrigen Einwohnerschaft verursachen. Um dies so wett als möglich zu beseitigen, erachtet die britische. Regierung es als ihre Pflicht, eine arabische Agency zu schaffen mit denselben Privilegien, wie sie die jüdische Agency besitzt. Die Regierung glaubt, daß es ihr auf diese Weise gelingen wird, ihre absolute Unparteilichkeit im Verhältnis zur Gesamtbovölkerung Palästinas zum Ausdruck zu bringen. Die britische Regierung ist daher geneigt, eine arabische Agency zu schaffen, die dieselben Rechte, wie sie die Jewish Agency im Sinne des Artikels 4 des Mandats besitzt, haben solle und als öffentliche Körperschaft anerkannt tverden soll. Bezüglich der Immigration wird die arabische Agency das Recht haben, mitberatend zu wirken, um Sicher- 'heilen zu schaffen, daß di« Rechte und Positionen der übrigen Teile der Bevölkerung durch diese Immigration nicht geschädigt werden. Die Frage der Immigration ist wichtig, da einerseits den Juden die Schaffung der nationalen Heimstätte ermöglicht werden soll, weshalb man ihnen die Möglichkeit geben müsse, nach Palästina zu kommen und sich dort anzusiedeln. Andererseits sei es notwendig, die Immigration derart zu regulieren, daß die A u f N a h m s k a p a z itat des Landes mit her Immigration fri Einklang gebracht werde. Die frühere Regierung hat daher borge-! schlagen daß die arabische Bevölkerung im Wege einer. PermancnzausschusseS mit dem High Commis» sioner über alle Fragen berate. Dieser Ausschuß sollte den legislativen Rat aus seiner Mitte, wählen und eine arabische Majorität zählen. In st r i t t i g e n F ä l l e n sollte de'. Kolonial rn i n i st e r entscheiden. Da aber der legislative Rat und mit ihm der Perm«nenzauSschuß nicht zustandegekommen lst, solle die geplante arabische Agen:y zusammen mtt der jüdischen Agency dies« Aufgaben erfüllen. Die Zusammensetzung der arabischen Agency wird dem High Commissioner überlassen, der im Einvernehmen mit den Führern der Ortsbevölkerung entsprechende Persönlichkeiten nominieren scll. Die britische Regierung betrachtet es als eine H a u p tb e d i n g u n g, daß di: Schaffung der arabischen Agency mit I u st i in in n n g beider Seiten, sowohl der Inden als auch der Araber, erfolgen soll. Es «ft dringend n o t w e n d g daß der arabischen Agitation in Palästina und außerhalb Palästinas endlich einmal ein End? gemacht wird. Die englische Reg'crung erachtet diese Vorschläge als eine besondere Konzession zugunsten der arabischen Bevölkerung. Der High Commissioner wird bevollmächtigt, di Schritte zu unternehmen, die er für notwendig erachtet, um diese Vorschläge den Arabern in Palästina zu unterbreiten. Was di« Z i o n i st e n betrifft, deren Z ust i m m n ug ebenfalls n o t w endig sei, ist es am passendsten, daß der Briefschreiber (Kolonialministcr) sich mit der Exekutive der Zionistischen Organisation in London ins Einvernehmen setz«. Im letzten Passus des Briefes wird der High (Stuft* missioner auf die Notwendigkeit der Verringerung der Ausgaben für die palästinensische Garnison aufmerksam gemacht. Außer diesem Briefe enthält das Weißbuch Telegramme. des High Commissioners Sir Herbert SontueL In dem Telegramm vom 11. Oktober teilt der High Commissioner mit, daß er den arabischen Notabeln di« Mitteilungen lvegeir der arabischen Agency gemacht habe. Er habe bei dieser Gelegenheit die Richtlinien des Briefes vom 4. Oktober eingehalten. Die arabischen Notabeln hätten erklärt, daß sie n i ch t imstande seien, den Vorschlag zu akzeptieren, weil er die Forderungen der arabischen Bevölkerung nicht befriedige. Ferner wird ein Brief Sir .Herbert Samuels an den Kolonialminister veröffentlicht, in dem er den Jichalt des erivähnten Telegrammes ausführlich wiederholt. Dem Briese ist auch eine Kopie der - Erklärung, di« er den Arabern gemacht hat, 'wie auch ein kurzer Bericht M u sa h K a z i m Paschas beigeschlossen. Dieser Brief enthält auch eine geivaue Liste jener arabischen Führer, mit denen Samuel die Verhandlungen geführt hat, der auch kurze Personaldaten beigeschlossen sind. Das Weihbuch schließt ein Brief des Kolonialminifters Duc of Devonshire vom 9. November 1923. In diesem Briefe wird mitgeteilt, daß die britische Negierung mtt großem Bedauern den Beschluß der arabischen Führer entgegengenommen 'hat. Die Regierung habe bisher drei Vorschläge unterbreitet, um eine engere Verbindung zwischen der arabischen Bevölkerung und der Palästina- Vevwaltung herzustellen. Der erste Vorschlag betraf einen legislativen Rat, in dem die Araber durch 19 getvählt« Mitglie'der vertreten wären. Gleich diesem wurde auch der Vorschlag bezüglich der Schaffung eines A d v i s o r h Council wie auch bezüglich der Einführung einer arabischen Agency abgelehnt. Aus diese Weise wurde die britische Regierung gegen ihren Willen zum Beschluß gezwungen, daß es unnütz ist, weitere. Verhandlungen in dieser Hinsicht zu führen. Sie wird da-her von nun an keine Versuche mehr unternehnien. In derselben Zeit ist das Mandat für Palästina in volle Kraft getreten. Die britische Regierung ist im Sinne desselben verpflichtet, ihren Mandats- Verpflichtungen nachtzEommen. Sie lvird daher die Verlvalwng im Lande in Einklang mit ihren Verpflichtungen bringen, wenn auch ohne di« Hilfe, auf die sie von seiten der Araber gerechnet hat. Demzufolge ist der High Ccmmissioner bevollmächtigt, die Verwaltung des Landes mit Hilfe des Advisorh Councils zu -führen. Er habe daher in diesem Sinne zu handeln. Da8 Advisorh Council bestand aus ernannitzn Vertreten: der palästinensischen Bevölkerung und war im Verhältnis der Konfessionen zusammenaesitzt. Durch ixm Austritt der arabischen Vertreter ist es eine Rumpfkörperschaft geworden. Dieser Council ist bisher nie zusammengetreten und es wird somit eine der nächsten Aufgaben des Oberkommissärs sein müssen, flir eine Ergänzung des Bei wies zu sorgen. (Zu bemerken ist, daß dieser Brief an Sir .Herber» Samuel in einem Zeitpunkt abqeschickt wurde, als der Kolonialminister bereits im Besitze der Resolutionen der letzten Tagung des Zionistischen Aktionskomitees war.) Sa» Programm der arabischen NattonMen. Jerusalem, 19. November. (Tel. der „Wr. Morgen« zettung".) Die arabische nationalistische Partei hat ihr Programm veröffentlicht. Aus diesem Progmrum ist zu ersehen, daß die arabische Partei einer Kooperation mit der palästi nensische n Rcgierung zw ft i m m t, falls die Negierung sich streng neutral verhalten und die Juden n i cht unter st.ü tz e n wird. In einer Proklamation wivd die arabische Bevölkerung aufgefordert, passende Führer zu wählen und eine neue Partei mit einem bestimmten Programm zu bilden, die. sich als palästinensisch-arabische bezeichnen soll. Als wichtigste Forderung hätte sie aufzustellen, daß Palästina avabiich hsiiben Misse, frei pon jedem zjonsstijchett .ßm*