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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-20 · Heft 1712 (20.11.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1712 (20.11.1923)
Date
1923-11-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1712 Wien, Dienstag Wiener Morgenzettung. Die Univerfität gesperrt.—Sie Hakenkremler.—Sie Polizei marschiert auf. Seit gestern vormittags ist die Wiener Universität Line Bildungsstätte mehr, sondern Kriegsschauplatz. Die Deutschvölkischen haben das Vertrauen, welches Rektor Doller in seiner Kundgebung an die Studierenden ausgedrückt hat, daß nämlich die Studentenschaft die notwendige S e l b st z u ch t üben und alles vernreiden werde, was die akademische Ruhe und Ordnung stören werde, schmählich enttäuscht. Gestern vormittags kam es an der Universität zu Skandalszenen, zu brutalen Terrorakten gegen die jüdische Hörerschaft, die den Rektor zwangen, die Universität zu sperren. Schon in den Vormittagsstunden herrschte sowohl in der Universität wie in ihren Instituten lebhaftes Treiben und man bemerkte insbesondere einen starken Zuzug von Saldierenden anderer Hochschülen. Dies wurde durch die Aufhebung des am Schlüsse der Vorwoche eingeführten Legitimationszwanges begünstigt. Den Anfang nahmen die Krawalle im Anatomischen I n st i t u t, wo Nichthörer der Universität in den Hörsaal Professor Tandlers eindrangen, mit der Absicht, die Abhaltung der Vorlesung zu verhindern. Auf die Aufforderung des Assistenten, sich aus dem Saale zu entfernen, verließen die Studierenden der anderen Hochschulen den Saal, begannen aber gleich darauf die Türe des Hörsaales mit Stöcken und Fäusten zu bearbeiten. Als Professor Tandler erschien und fragte, was die Randalierenden wollten, erhielt er die Antwort, daß die Deutschvölkischen die ihnen vom akademischen Senat angetane „Schmach" rächen und die Vorlesung nicht zulassen wollten. Darauf schloß Professor Tandler die Vorlesung. Natürlich ließen die deutschvölkischen Helden sich die Gelegenheit zu nationalen Großtaten nicht entgehen und fielen über die jüdischen Hörer her. Ts kam zu tätlichen Zusammenstößen. Da jedoch die Deutschen in der U e b e r z a h l waren, mußten die anderen das Institut verlassen. Vor dem Anatomischen Institut fanden die widerlichen Szenen ihre Fortsetzung, so lange, bis Wache Ordnung schuf. Erwähnt sei, daß der deutsche Heldenmut sich diesmal auch g e g e n H ö r e r i n n e n austobte. Terror an der UniversiM. Durch die Erfolge rm Anatomischen Institut kühn gemacht, schritt die Horde in der Lahmlegung des geordneten Universitätsbetriebes fort.' Im Hörsaal Professor Grünbergs kam es gleichfalls zu Skandalszenen, wobei ,die jüdischen Hörer mit Gewalt gezwungen wurden, den Saal zu verlassen. Die Vorlesung konnte, nicht weiter abgehalten werden. Sperrung der UniverfiM. Gegen Mittag erschien eine Kundmachung des Rekkors, in welcher mit Rücksicht auf die Skandale die Sperrung der Universität verfügt wurde. Um diese Zeit war die Aula von der: Deutschvölkischen beherrscht und die „Säuberirngsaktkon" der Universität in deutsch-arischem Geiste in vollem Gange. Die Kundmachung deZ Rektors wurde mit Pfui- 'und S ch m ä h r u f e n gegen den Rektor ausgenommen. Es kamauf dem sonst so geheiligten „akademischen Boden" zu Gewalttätigkeiten gegen jüdische Hörer. Mit Stockschlägen und unter Gejohle und Beschimpfungen wurden einzelne jüdische Studenten aus der Aula gedrängt und von den auf der Rampe angesammelten völkischen Radaubrüdern brutal ^ie Treppe hinabgestoßen. dieser Abordnung, mit allen Mitteln gegen die Störer der akademischen Ordnung einzuschreiten. Es wurde festgestellt, daß aus München und Berlin Agitatoren unter den Studenten anwesend sind, die die Unruhen organisieren. Unter den Liedern, die gestern gesungen wurden, war auch das „Heil dir im Siegeskranz" und „Das Hakenkreuz am Stahlhelm". Es wurden Hochrufe aus L u d e n d o r s f u n d Hitler ausgebracht, und man hörte auch Ruse „Schlagt den Rektor tot!" und „Schlagt den Tandler tot!" Eine sozialistische Studentin wurde von Hakenkreuzlern m i ß h a n d e l t. Ae Irichtzieher. Wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Unruhen an den Hochschulen seit der Wahlniederlage der G r o ß d e u t s ch e n zu erwarten waren. Außerhalb der großdeutfchen Gruppe stehen die Nationalsozialisten, bald nach den Wahlen haben sich die ehemaligen Deutschradikalen unter Führung K. H. Wolfs von den „Regierungsdeutschen" getrennt und auch die S ch ö n e r iaiter haben'sich letzthin zu einer neuen Gruppe, der Deutschen Freiheitspartei, zusammengeschlossen. Die. Anhängerschaft dieser deutsch-antisemitischen Sonderbündler rekrutiert sich größtenteils aus der arischen Studerrtenschaft. Ihre politischen Drahtzieher suchen nun der Reglevungskoalition durch Anzettelung von Unruhen an den Hochschulen Schwierigkeiten zu machen. Die deutschantiscimitischen Studenten haben, wie noch erinnerlich, nach dem Durchfall des „Stndentenvaters" Ursin bei den Nationalratswahlen gefordert, daß dieser bei dem Reststimrneuschacher mit einem Mandat an Stelle des Herrn Zarboch beteilt werde. Das ist nicht geschehen; und da diese Studenten die bekannten Numerus clausus-Fotderungen des letzten Hochschnltages nicht mehr durch den Ursin im Nationalrat vertreten lassen können^ suchen sie mm via facti, das heißt durch Gewaltanwendung, die jüdischen Hörer und Lehre.r zu verdrängen. Wenn man an den Hochschulen wieder Ordnung schaffen will, so muß man sich zunächst an die politischen Arrangeure halten, welche die ihnen nahestehende^ Studentengruppen für ihre höchst persönlichen Bestrebungen Vorspannen. föne Proteftversammlnng int Rathanse. Für heute abends haben die sozialdemokratischeu Studenten eine große Proteftversammlnng wegen der Vorgänge an der Universität in die Bolkshalle des Rathauses einbernsen. Die Protestkundgebung soll dartnn, daß de.r Terror einer Gruppe studentischer Radaumacher von der ganzen lern willigen, ernsten Studentenschaft abgelehnt wird, für die die Hochschulen eine Stätte wissenschaftlicher Arbeit und nicht der Boden zur Austragung parteipolitischer Gegensätze sind. Krawalle an der Grazer Universität. . Aus Graz wird gemeldet: Das Rektorat der Universität gibt folgendes bekannt: Die Vorfälle, die sich auf der Universität im Zusammenhang mit dem Zwischenfall mit dem Privatdozenten Dr. D e e r i n i s ereignet haben (gemeint ist eine in den letzten Tagen erfolgte Auseinandersetzung Dr. Deerinis mit jüdischen Sttvbenten, die zum Beschluß der Studentenkammer geführt hat, ab Montag ^.alle jüdischen Studenten von den Hochschulen bis aus weiteres sernznhalten), sind Gegenstand einer noch nicht abgeschlossenen amtlichen Untersuchung, des medizinischen Ueberfall auf die Bibliothek. Auch in die Universitätsbibliothek versuchten die Burschen wieder einzudringen. Die Büchereikeitung sperrte jedoch die Türe ab und veranlaßte die in der Bibliothek studierenden jüdischen Hörer, sich durch einen Nebenausgang zu entfernen. Die Deutschvölkischen bearbeiteten die Türe mit Stöcken, Knütteln und Füßen und versuchten nrit Gewalt in die Bibliothek einzudringen, was ihnen jedoch nicht gelang. Gegen Mittag, als die Haltung der Deutschradikalen bedrohlich zu werden begann, zog die Polizei vor den beiden Zugängen der Rauche und der großen Mitteltreppe einen Kordon, um Ausschreitungen auf der Straße zu verhindern. Gegenüber der Universität und in den benachbarten Straßen Patrouillierten Doppelposten, die jede Ansammlung verhinderten. Irr den ersten Nachmiltagsstunden wurde den Deutschvölkischen das Warten zu lange und sie zogen in einzelnen Gruppen langsam ab. Viele von ihnen begaben sich in die von jüdischem Geld noch immer erhaltene Mensa, um sich dort zu neuen Heldentaten gegen die Inden zu stärken. Eine Abordnung von sozialdemokratischen Studenten erschien noch am Vormittag beim Rektor, nur gegen die unerhörten Vorfälle, gegen die brutalen Terrorakte, energisch zu protestieren. Der Rektor versprach He rreirnvo dehaus Grosser $erienverkauf! Frack oder Smoking aus feinstem engl. Material aus reiner Seide K 2,500.000 Orig. engl. Herrenanzug nach Mass K 1,800.000 Orig.engl.Raglan,fettigu.nachMass K 1,200.000 Seidenhemden. K 250.000 Abendhemden mit franz.Piquebrust K 120.000 Ia. zueisse Rayehemden.K 110.000 Engl. Wollwesten.K 170.000 Herrenhüte, beste Qualität . . . K 130.000 Ia. Florsocken ..K 18.000 Seidenkrawatten . >.K 40.000 j etc. etc. NUR EINIGE 7 A G E > 20. November 1088 Sekte 8 D.tanats über die Anzeige des genannten Dozenten. Hiernach wurde der Dozent Donnerstag von einer Menge junget Leute beschimpft. Dr. Deerinis teilt mit, daß er weder au! dem Hauptplatz Reden gehalten habe, noch an einer Kund! gebung beteiligt gewesen sei, sondern zufällig des Wegej kam. Das Rektorat hat den Beschluß der Studentenkammer aus Nichtzulassung der jüdischen Hörer erst aus den Tagest blättern erfahren und war daher erst gestern in der Lage^ dazu Stellung zu nehmen. Im Lause des gestrigen Vor! mittags kam an das Rektorat eine Beschwerde de 1 jüdischen Studenten, die am Besuche de, Vorlesungen verhindert worden seien. Das Rektorat hat sowohl über den erwähnten Beschluß der Studentenkammer wie über die Beschwerde die Amts« Handlung eingeleitet. Als die Landesregierung die bei ihr vorgebvachte Beschwerde dem Rektorat übermittelte, waren die Verfügungen des Rekotrats bereits getroffen und wurden der Landesregierung mitgeteilt. Bemerkt sei, daß die Aufklärung des Vorfalles mit dem Privatdozenten Dr. Decrinis insoferne Fortschritte gemacht hat, als gestern die jüdischen Studenten selbst die Namen der bei dem Vorfälle anwesenden jüdischen Studenten genannt haben. Das Rektorat hofft, daß,- abgesehen von den getroffenen Verfügungen, die Beilegung und Aufklärung dieses Vorfalles die Beseitigung der unerquicklichen Vorkommnisse hevbeisühren werden. Abends kam es aus dem Bis marck - Pla tz zu einer größeren Studentenansammlüng und zu einem Z u s a m m e n st o ß zwischen d e u t schvölkischen und jüdischen Studenten. Die Polizei schritt ein- und säuberte den Platz. Es wurden einige Verhaftungen wegen Widersetzlichkeit vorgenommen. Wie lange noch? Aus akademischen Kreisen wird uns geschrieben: Di« Tore der Wiener Universität sind wieder einmal gesperrt. Wer die Vorgänge der letzten Tage an dieser Hochschule verfolgt 'hat, dem kommt diese Tatsache nicht befremdlich. Wie man sich erinnert, hatte der Rektor des letzten Studienjahres, Professor Diener, es für gut befunden, in seinem Rechenschaftsbericht über seine glorreiche Amtsführung den deutschvölkischen Studenten Lob und Anerkennung für ihr maßvolles Verhalten im abgelaufenen Studienjahre zu zvllen. Das konnte natürlich nicht verfehlen, im neuen Studienjahre seine Wirkung zu äußern. Noch ist kein voller Monat seit Hessen Eröffnung verflossen, und schon haben die deutschvöMschen Radaubrüder die Zeit gekommen geglaubt, sich des ihnen vom 'höchsten Funktionär der Hochschule gezollten Lobes für würdig zu erweisen, indem sie einfach es gerade so machten wie im vorigen Jahre. Nun sind sie allerdings beim neuen Rektor aus den Unrichtigen gestoßen. Rektor Dr. Doller, ein katholischer Priester, der zum Unterschiede von seinem Vorgänger Sinn für Recht und Korrektheit hat, ist den Radaubrüdern sofort mit Strenge entgegengetreten. Aber, tvas macht es den deutschvölkischen Studenten aus, wenn die Hochschule zeitweise oder gar dauernd gesperrt wird. Sie pflegen ja die Vorlesungen nicht zu besuchen. Die, verfügte Maßnahme trifft also gerade diejenigen Studenten, die lernbeflissen sind und die jeden Ausfall von Belehrung als einen Verlust empfinden. Was soll also geschehen? Eine richtige Beantwortung aus diese Frage kann man nur finden, wenn man - aus die U rf a cf) e dieser beständigen Krawalle zurückgeht. Man stößt da ans die Erwägung, daß es keinerlei Oertlichkeit in der Welt sonst gibt, wo man so ohne jede V e. r a n t w o r tl i ch k e i t Uebertretungeu, Vergehen und sogar Verbrechen, zum Beispiel jenes des Hausfriedensbrüche s, begehen kann, wie an den österreichischen! Universitäten. Und das alles nur darum, weil in die angeblich heiligen .Hallen dieser Hochschulen die Polizei angeblich nicht eindringen darf. Ztvar weiß kein M e n s ch und k e i u c Behörde, woraus sich dieses vermeintliche Privilegium der Universitäten gründet, aber Tatsache ist es, daß, wenn hier Missetaten begangen werden, kein öffentlicher Funktionär zugegen ist, der die Missetäter hoppnimmt oder aber lvenigftens unter Strafsanktion ihnen das Nationale abnimmt. Die U n i v e r s i t ä t s p e d e l l e sind dieser Ausgabe selbstverständlich nicht gewacbsen und dafür auch nicht kompetent. Die einzige Abhilfe,, die es gibt, ist die, daß man sich endlich entschließt, mit diesem sagenhaften Privilegium zn brechen und an Tagen, wo Anzeichen für beabsichtigte Ruhestörungen vorhanden find, hinreichend zahlreiche Polizeilente. auf die Universität zn schicken. Dann wird mau sehen, wie zahm die Krawallmacher zu sein pflegen. Bor etwa vierzig Jahren hat einmal eine Kohorte von deutschnationalen! Studenten unter Führung des abgetakelten Nationalrates Ursin anläßlich der Aufführung einer tschechischen Oper im Wiener Opernhause skandaliert. Sie, wurde sofort festgenommen und vor Gericht gestellt. Und wie haben sich diese wackeren deutschen Helden nrit dem Idealismus der Wahrheitsliebe uud dem Akute in der Männerbrust damals verteidigt? Sie haben einfach alles abgeleugnet. Polizei in die Universität zu schicken und dadurch die Verantwortlichkeiten festzustellen und die Schuldigen der Bestrafung zuzuführen, das dürfte das einzige Mittel sein, den gegenwärtigeir anarchischen Zuständerr an den Hochschulen ein Ende zn bereiten. Um besten u. billigsten MvMWWWVMMWWW kaufen Klaren- Sie im vir MSchiffmann MM»M»DMMMW»--^77ftMW>WWWWW>W>>W>>>WWWW II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail 04560^2032

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