Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-11-18 · Heft 1710 (18.11.1923) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1710 (18.11.1923)
Date
1923-11-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980792--16809-3003757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

vrr. ino Men, Sonntag Wiener Morgenzeitung. 18. November 1923 Gelte ü. Tagesbericht. Me Hilksattion für die Jude» Deutschlands. Die Wiener KulluSgemein-e übernimmt die Führung. Um eine Zerjplttierng der Hdlifscaktionen für die durch Ae EvvignHe m DenitMand betroffenen Inden möglichst hint» anizüchailten, hat dom Vorsitze des Präsidenten der Jsvae- Müschen Kulltusyememde Wien, Genevail-Obevstaibsayz-t Pro» fchsor Dr. P i ck, eine Tagung der Vertreter der großen jüdischen Bereinigungen stotligvfunden, in toelcher boschllossen wurde, daß dvo Jsraesitische K a'i tusgemeinde Wien die Führung hinsichtlich der gepliwnten Hiffsakdionen übernchme. In Ausführung diesis Beschlußes wurde die Zentralstelle «für jüdische soziale Fürsorge in Wien, 1. Beg., Seiilonstetbengasse 2, rmt der Durch- Dhvunig der sich hieraus ergelbenden Agenden betraut. Demgeilnaß wolle man sich trogen etwaiger Auskünfte an diese ZentvalstMe wenden und es werde:! jene Körperschaften und Personen, weiche bereits mi|? Hilfsaktionen für die genannten Zwecke befaßt sind, eingeladen, ehestens das Ginivevchmen Mit der Zentrafftelle für jüdische soziale Fürsorge -zu pflegen. Spenden für die HUfsaktimren werden von der Haulptkafsa der Jsvaelitilscheu Kulltusgemeinde Wien, -1. Bezirk, Äeitenistettengasfe 4, 1. Stock Wosttsparkeisieirconto Nunnner 132 .W1), Mtgegengonomimen. ' Dr. Kahenellon gestorben., Dieser Tage starb in L i b a u der bekannte Zionist Doktor Nisson Katzenelson, nachdem ihm seine Gattin einige Tage vorher im Tode vorangegangen war. Bei Begründung des modernen Zionisnms stand Doktor N. Katzenelson in der ersten Reihe. Er gehörte zum intimen Freundeskreis Theodor Herzls und David Wolfsohns und war Mitbegründer und langjähriger Direktor des Jewish Coloniel Trust in London. Er war es auch, der in Ausnützung seiner Beziehungen zur dankaligen russischen Regierung die Reise Herzls nach Rußland und die Audienzen des zionistischen Führers bei Plehwe, Witte und anderen vermittelt hat. Er war Abgeordneter der ersten russischen Reichsduma und wurde nach Auflösung derselben als Mitunterzeichner des historischen Wiborger Manifests für drei Monate in Haft genommen. In letzter Zeit hat er an der zionistischen Arbeit weniger aktiv leilgenommen, er stand der sogenannten Haager Gruppe bLr zionistischen Opposition nahe. Die Rolle des Keren Hajeffod beim PaMina-Auibauwerk. Das Referat Ruppins auf dom.13. Zionisten» kongreß hat leider nicht jene Aufmerksamkeit' gesunden, welche es seiner Bedeutung nach verdient hätte. JnHwftchen hat Ruppin aus dem österreichischen Zionistentag und auch, in verschiedenen Besprechunqen seinen Standpunkt bezüglich des Keren Hasessod näher erläutert. Im folgenden seien die wichtigsten Konsequenzen seiner Anschauungen zusammengefaßt. Angesichts der eben im Zuge befindlichen Keren Hasessob-Mtion verdienen diese offiziellen Anschauungen besonderes Interesse. Ruppin hat in seinem Kongreßreferat berechnet, daß zur Produktiv ierung von 30.000 Einwanderern pro Jahr ein Betrag von 1,5 Millionen Psund nötig ist. Hiervon würden entsprechend der von ihm ausgestellten Rechnung zirka 200.000 Pfund auf den Jüdffchen Nationallfonds und 1,300.000 Pfund auf den Keren Hajestod entfallen. Es brauchten also die Einnahmen, die im letzten Jahr für beide Fonds zusammen zirka 500.000 Pfund betrugen, bloß verdreifacht zu werden, u.m dieses Ziel zu erreichen. Hierbei ist noch zu veranschlagen, daß neben dem Keren Hajessod auch noch Gelder für Bauten, Kredite nftv. aus privaten Quellen fließen. Würde die Einwanderung von 30.000 Seelen pro Jahr — oder wie es Ruippin faßte, von 7500 Familien zu vier Köpfen, welche bloß aus dem allgemeinen Fonds produktiviert werden — durch zehn Jahre fortgesetzt, dann würde die Entwicklung des Landes so rasch erfolgen, daß auch durch private Unternehmungen u. dgl. weitere Tausende Juden Erwerb finden würden. Nach zehn Jahren wären dann weit über eine halbe Million Juden in Palästina ange s ie d el >1. Mit anderen Worten: Nach all den jahrelangen Dis« kusftonen über das Tempo und die Möglichkeiten der Schaffung einer bedeutenden jüdischen Siedlung in Palästina hat Ruppin auf Grund der Erfahrungen (übrigens hatte er schon vor diesen Erfahrungen von einer Einwanderung von 20.000. bis 80.000 Menschen pro Jahr gesprochen und am 12. Kongreß 1,5 Millionen Pfund für den Keren Hajessod verlangt) ein klares und deutliches Programm ausgestellt: 30.000 Einwanderer pro Jahr, das sind 1,5 M illtonen Pfund für Keren Hajessod und Nationalfonds: Im Ablauf eines Jahrzehnts mindestens eine halbe Million Inden in Palästina! Damit ist die Aufgabe der Zionistischen Organisation in bezug auf die praktischen Ziele aus eine einfache Formel gebracht. Es ist nicht zu zweifeln, daß diese von größtem Wert für die Keren Hajessod-Arbeit sein wird. Kein Jude wird sich ihrer Ueberzeugungskraft verschließen können. Die andere wichtige Konsequenz, die sich aus den Anschauungen Dr. Ruppins ergibt, ist die technische Bewältigung -der Finanzierungssvage durch den Keren Hajessod. Bekanntlich sind diesbezüglich zwei Meinungen vertreten worden: 1. Die Aufbringung von Aktienkapital für eine sogenannte Holding Company, welche die notwendigen Finanzinstitute in Palästina gründet und an ihnen mit 50 Prozent beteiligt ist. (Plan des Ausbaues der Jüdischen Koloniakbank oder Schaffung der Jüdische Kvlunifmiausgesellschast nach Ruppins Außöaubuch.) Einheitliche Zusammenfassung, nationale Kontrolle, Lückenlosigkeit der zu schaffenden Zw e ck i nst' tu t e — das sind die Prinzipien, die aus diesem Wege erreicht werden können. 2. Aufbringung der Mittel für dieselben, Zwecke durch eine Nationalanleihe. Dieser Plan ist neuesteus ins Einzelne ausgearbeitet und wohl begründet worden in dem Buche von Dr. Arlosoroff: „Die Kolonisationsfinanzen der Jewifh Agency". Beide Pläne sind darauf angelegt, neben dem Gemeiuschastsfonds private Kapitalien siir die finanziellen Institute zu beschaffen. Ihre Durchführung erforderte über langwierige Vorbereitungen. Ruppin geht bezüglich der finanztechnischen Frage derzeit vom Bestehenden, dem Keren Hajessod aus.. Dieser hat durch kleine Beteiligungen die Keime der Finanzinstitute zu billden. Einmal gegründet, können sie ein Mehrfaches des von ihm beigesteuerten Kapitals durch Obligationen oder, wie bei der Hypothekenbank, durch Ausgabe von Pfandbriefen erlangen, später auch neue Aktien emittieren, bis die im Zuge befindliche Griindung dafür (Investment Cy. oder Cmi'ssionsbank) durchgesührt sein tvird. Der Keren Hajessod ist bereits beteiligt an der Landkau f s g e s e l l f ch a f t (P. L. D. C.), der Hypothekenbank (General Mor-tgage Bank), deren Gründung er allein durchgeführt hat, ferner sind durch Zeinen I n d u st r i ef o n d s und seine K o l o n i s a t i o n s h i l f e die Grundlagen für eine Jndustriebank und eine LandwirtfchaftSbank gelegt worden, ferner ist die Zionistische Organisation sehr stark an der A r b e i t e r b a n k beteiligt. Auf jeden Fall, auch wenn die Pläne sub 1 und 2 einmal durchgesührt werden könnten, schafft der Keren Hajessod dafür die Basis. Er arbeitet alltso nicht nur für die Zwecke, die nur aus Geureinischaßtsm itteln geschaffen werden, sondern leistet auch, die Pionierarbeit für die L ö s u n g d e r finanziechnischen Probleme. Die oben angeführten Postulat e der nationalen Kontrolle ufw. sind in ihm gewährleistet. Daß überdies der Keren Hajessod trotz seiner relativ geringen Mittel auch der Schrittmacher für große Unternehmungen ist, hat sich bei der Ruthenberg-Gesellschaft gezeigt. Der Keren Hajessod hat die Vorarbeiten finanziert und danrit das Zustandekom'men der Konzession und der Gesellschaft ermöglicht, an der er sich üb.'rdies auch finanziell beteiligt. So sehen wir, daß die Rolle des Keren Hajessod im Ausbauweuk eine grnndl.'gende nach jeder Richtung hin ist. Es bedarf nur einer Erhöhung der Intensität der Propagainda-Arbeit, um die großen, nunmehr fest umrissenen Alufgaiben zur Durchführung zu bringen. Schuhe! INSULIN zu tief reduzierten Preisen «risch elnsrelanttt Apotheke zum UhlfM P«**»**^ Wien. I. WoUzpUb 13 römischen Kaiser Telephon 76507 Heute Sonntag den ganzen Tag geSffnet Die Bändiger Deutschlands. Die Generale. Im „Prager Tagblatt" wird die folgende Charakteristik der Männer entworfen, die heute Deutschlands Geschick bestimmen, der Generale. Immer unaufhaltsamer fällt Deutschlands Schicksal in die Hand von Generalen. Wohin werden sie es führen? In den Blutsumpf barbarischer Diktatur oder zu neuer, innerlicher Festigkeit? Was weiß man eigentlich von diesen Männern, die den goldgestickten Genevalsrock der deutschen Republik tragen? . Der höhere Offizier im heutigen Deutschland fft zwangsläufig ein besonderer Menfchentyp: denn da er ja der kaiserlichen Armee entstammen muß, heute aber der Republik dient, muß er irgendwo in seiner Entwicklung einen bis an die Seelenwurzeln reichenden Bruch erfahren haben. Daraus ergibt sich eine Dissonanz in allen diesen Männern, die sie ausnahmslos zu problematischen Erscheinungen macht. Bei einem jeden erhebt sich die Frage, ob er diesen Bruch freiwillig oher unfreiwillig, mit ehrlicher Selbstüberwindung erlitten oder in unehrlicher Verstellung vollzogen hat ... General v. S e e ck t, auf den sich als den Inhaber der höchsten vollziehenden Gewalt in Deutschland die Aufmerksamkeit heute am schärfsten konzentriert, stammt aus einer Gegend, die für finster reaktionär gilt; aus der pommerschen Insel Rügen geboren, wurde er, den Traditionen seiner Familie folgend, Soldat, kam früh in den Generalstab und galt hier bald als eine der größten Begabungen in dieser Elite der Armee. Beim Ausbruch des Weltkrieges wurde er, verhältnismäßig noch sehr jung, Stabschef des Generals v. Mackensen, und seinem Hirn entstammen zweifellos jene zwei nahezu genialen strategischen Pläne, die die offiziöse Legende der schlichten Durchschnittsintelligenz des allerdings am Krisevhose sehr beliebten Husaren Mackensen zuschreibt: der Durchbruch von Darnow-Gorlice im Früjahr 1915 und die vernichtende Umfassung des rumänischen Heeres im Herbst 1916; eben deshalb aber auch richtete sich damals schon Haß und Eifersucht der alten Generalität und insbesondere des Halbgottes Ludendovff derart gegen Seeckt, daß er im letzten Kriegsjahr an die vollkommen stagnierende ruffische Front versetzt wurde. Zur wahren Weißglut steigerte sich dann dieser Haß, als nach dem Kapp-Putsch Seeckt zum Nachfolger des eidbrüchigen Generals v. Lüttwitz ernannt und ihm damit der Aufbau der Reichswehr anvertraut wurde. Die Art, in der Seeckt sich nun dieser Ausgabe in mühseliger, lautloser Arbeit unterzogen hat, hat bekanntlich scharfe Kritik sowohl von^rechts wie von links gefunden. Immerhin wird sich sagen'lasten, daß die Reichswehr, mag auch ihre politische Einstellung noch so ungellävt sein, doch im tech n ff ch -Militär isch en Sinne zuverlässig funktioniert. Das ist fraglos Seeckts Verdienst; er hat verstanden, ein Maximum von persönlicher Autorität auf sich zu vereinigen, und zwar durch seine nüchterne, sachliche, jedem populären Phrasenschwall abholde Arbeitsweise. Me Mevanchekriegsspielereien, insbesondere die „schwaitzö Reichswehr" der Aera Euno, hat er so weit wie möglich von sich abgewiesen — nicht ettva aus Pazifismus, sondern nur aus realpolitffcher Einsicht. Denn man würde sich sehr täuschen, wollte man Seeckt etwa für einen überzerlgten Republikaner und Demokraten halten. Zwar hat er begriffen, daß, wer in der Welt wirken will, sie zunächst kenneit lernen muß, weshalb er sich von denr traditionellen bornierten Hochmut des altpreußischen Offiziers emanzipiert hat: Unbefangen verkehrt er mit sozialistischen Ministern und Abgeordneten und sogar mit Vertretern der Sowjetregierung, obwohl er nie verhehlt, daß er Sympathie weder für die Demokratie noch für den Sozialismus empfindet. Immer läßt er gern andere reden, hört aufmerksam zu, zahllose Zigaretten rauchend, das wafferhelle Auge unbeweglich vom Monokel eingekapselt, halb vom Lid bedeckt. Sein Verstand nmß das neue Deutschland bejahen, sein Herz hängt dennoch am alten, insbesondere am kaiserlichen Heere. Selten aber nur verrät er sich. So etwa, als er 1920 zur Fünfzigjahrftier der Schlacht bei Sedan einen Befehl an die Armee richtete, worin er sagte: „Wir begehen den heutigen Tag in dem besten Willen, den Geist, der einst nach Sedan uns über hundert Schlachtfelder des Westens und Ostens führte, in der Reichswehr und im Volk lebendig zu erhalten." Und in seiner Anweisung an die „Heeres- und Marinekammer", eine Art Parlament der Reichswehr und letztes Ueberbleibsel der revolutionären Soldatenräte, heißt es: „Es ist mit Strenge darauf zu halten, daß alle parbrmentarischen Formen vermieden werden. Die Versammlung fft Dienst. .Eine andere Art militärischer Tätigkeit gibt es nicht. Damit entfällt auch die Anrede „Mine Herren". Abstimmungen sind ganz überflüssig . . Dennoch täte man sicher unrecht, Seeckt für unzuver» lästig zu halten. Ein Offizier, der ihn monatelang im Generalkommando Mackensen beobachtet hatte, sagte mir: „Seeckt überlegt lange und spricht kaum; aber was er spricht, steht felsenfest." Seeckt hat auf die republikanische Verfassung den Treueid geschworen, nicht aus Liebe zu ihr, aber weil er weitblickend genug ist, um in ihr die heute allein mögliche Daseinsform Deutschlands zu erkennen; er dient ihr unbeirrbar — aus Pflichtgefühl, aber auch weil er die moralische Mindevwevtig^it der Gegenseite aus nächster Nähe nur allzu gut kennen lernte ... In jeder Beziehung im Gegensatz zu Seeckt steht der Münchener Wehrkreiskommandant v. L o s s o w —schon rein äußerlich: statt der frischen, eisgrauen Blondheit Seeckts, feiner ungezwungenen, gelösten, fast unsoldatischen Geste, nmcht Lossow einen steifen, gymnasiallehrerhaften Eindruck; kalte braune Augen blicken streng durch Kneifergläscr; ein ganz kurz gestutzter schwarzer Bart liegt über breiter, unsvirsch mach außen gekehrter Oberlippe. Trotz JO lenJ, JViktpreimarkt 2. ff) Kl .51 % *JTlocteles . Jtts&vJHaw£emä Jiobes. Uestumes.Jflanteaux\ Jeacf&rvns et jotirruree JTelefon 03373. ft ZMitvebrachte Stoffe werden zur Verarbeitung angenommen m Zur Saison! Reiche Auswahl neuester belsmockelle in sämtl. Pelzarten — Pariser u.Wiener Geschmack vereint - erzeugt nur In eigenen Werkstätten, unter pers. Leitung des hastrenommierten Inhabers der Firma |j Pra * ll.Sr. PraterstraBe 9-11 .2-6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.