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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-18 · Heft 1710 (18.11.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1710 (18.11.1923)
Date
1923-11-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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I «K. 1710 Men, Sonntag Wiener Morgenzettung. 18. November 1923 Sette« Sesterreich. Sie krösfnung des Ratioualrater. Gestern nachmittags fand ein längerer Mrmsterrat stakt, der neben laufenden Angelegenheiten sich auch mit den Vorarbeiten für die Dienstag beginnende Eröffnung des Nationalstes beschäftigte. Unter anderen Verbandlun-nsaeaeuständen wurde auch das Budget Pro 1924, das dem Parlament nach seiner Eröffnung unterbreitet werden soll, in Beratung gezogen. Im übrigen nähern sich die Vorarbeiten für die beginnende Parlamentsstssion sowohl formal wie materiell ihrem Abschlüsse. Die Obmännerkonserenz wird Montag das Arbeitsprogramm der nächsten Zeit festlegen. Die Verhandlungen der Vundesangeftellte» Das Achterkomitee beschäftigte sich in einer gestern vormittags abgehaltenen Beratung in eingehender Weise mit dem Angebot der Regierung. Der Vorsitzende des Beamtenkomitees wird an die Regierung mit dem Ersuchen herantreten, am Montag die V e r h a n d l u n g e n zu eröffnen. Konstituierung der Sdersten SanMsroter. Gestern fand unter Vorsitz des Bundesministers für soziale Verwaltung die Konstituierung des neu ernannten Obersten Sanitätsrates statt. Zum Präsidenten wurde Hoftat Prof. Dr. Finger gewählt. >, Münchner Putschisten in gnnrkirulk. Innsbruck, 17. November. Wie die Blätter' melden, wurden von der hiesigen Polizei drei am Putsche in München beteiligt gewesene Führer der Hitler-Trupven in Innsbruck ermittelt. Dem Vernehmen nach tverden sie ausgewiesen werden. Hauptmann v. Go eh ring, der Adjutant Hitlers, liegt schwerkrank im Innsbrucker Spital. Die Lohnnerhandlunneu der kindnstrie« anqrstestten und der Metnstardeiter. Die Gewerkschastskommillwn ersucht die Regierung um Intervention. Die Gewerk^chaftskommiffion Oesterreichs hat sich im Verlause des gestrigen Tages durch ihren Sekretär Abgeordneten Hueber an den Präsidenten des Nationalstes Bürgermeister Seitz gewendet, um ihm über den ungünstigen Stand der Verhandlungen Zwischen dem Bund der Industrieangestellten und dem österreichischen Metallarbeiterverband einerseits und dem Wiener Jndustriellenverband andererseits Bericht zu erstatten. Die Gewerkschaftskonrmission ersuchte den Präsidenten Seitz, die Bundesregierung auf d'ese Situation und die für die Allaemeinheit bedenklichen folgen eines Scheiterns der Verhandlungen aufmerksam zu machen. Daraufhin empfinaen Bundeskanzler Dr. Seipel und Bundesminister für soziale Verwaltung Schmitz die Zlboeordneten Domes und Wieden Hof er sowie den Präsidenten Inaenienr Seidel des Bundes der Jndustrieamaestellten, die ausführlich Bericht erstatteten. Der Bundeskanzler sagte zu. Rerrenmodehaus fe&ttmrhcf arnfSÜraien^ Grosser (Rerienverkauf! 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Ministerpräsident Graf Bethlen wird erst dgs Wort ergreifen, wenn die Regierung wegen der Ulain- Affäre angegriffen werden sollte. Die Staatsanwaltschaft hat die Untersuchungen der Angelegenheit Ulain abgeschlossen. Die Entscheidung steht noch aus, ob die Angelegenheit vor einem gewöhnlichen Gericht oder einem Standgericht zur Verhandlung kommen soll. 8in Aombenatkutot aeqett die französische Gesandtschaft. Bndapest. 17. November. Vor dem Palais der Witwe des Grasen Stephan Karolyi, in dessen rechtem Flügel die französische Gesandtschast nntergebracht ist, bemerkten gestern abends Passanten. einen rauchenden Gegenstand, der von der herbeigevufenen Hausbesorgerin mit Wasser übergossen wurde. Der von der Polizei avisierte ExPlosionSsachverständigc stellite fest, daß es sich «m eine Schrapnellhülse' handelt, die mit einer bisher «och nicht analysierten Masse gefüllt war. Die Zündschnur war bereits angebrannt. Die polizeiliche Untersuchung wirb weitevgesühvt. Mecho-Slowalei. Das Badaet 1924. Prag, 17. November. Der Budgetausschuß des Ab»> geordrretenhauses nahm heute den Staatsvoranschlag für das Jahr 1924 an. Bei der Beratung des Kapitels Nationale Verteidigung, erklärte Minister für nationale Verteidigung U d r z a l unter anderem, daß es der Militärverwaltung gelungen sei, sich bei der Erzeugung der Flugzeuge und Motoren fast ganz vom Auslande zu emanzipieren. Bezüglich des Offizierskorps erklärte der Minister, der Stand der aktiven Offiziere betrage gegenwärtig 16.462, also um 177 weniger als systenüsiert seien. 34 Prozent gehörten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee' an, 78 Prozent der Offiziere gehören der tschechischen Nationalität an Polen. Setzda und Dmowrü über aurwörtige Frage». Warschau, 17. November. (Poln. Tel.-Ag.) In der Sejmkommission für auswärtige Angelegenheiten erstattete Vizeminister S e y d a einen eingehenden Bericht über die mit dem russischen Sowjetvertreter K o p p geführten Verhandlungen, "wobei er u. a. aussührte, die zwischen Polen und Sowjelregierung geführten Verhandlungen zeigten die durchaus friedlichen Absichten beider Parteien. Kopp habe folgende nicht dnrckigeführte Fragen des Rigaer Vertrages aufgezählt: 1. Die allgemeinen Grundlagen der Handelskonvention; 2. die Prämierung der Transitfragen: 3. den Ratenplan für die Bezahlung der Polen geschuldeten 30 Millionen Goldrubel; 4. Austausch der polnischen Priester. Kopp habe den Wunsch ausgesprochen, ans allen Verkehrslinien, die durch Polen führen, f ü r alle deutschen und österreichischen Waren freien Transit zu erhalten ohne Rücksicht auf die politische Ordnung in Deutschland. Der Vertreter Polens habe sich mit der von Kopp vorgeschlagenen Formel nicht einverstanden erklären können, da dessen Formulierung die Frage der Transitangelegenheit vom politischen Gesichtspunkte behandle, und habe vorgeschlagen, die übrig^ schwebenden Fragen zu verhandeln. Kopp darausi)in.erklärt,' daß diese Fragen für die Sowjetregierung ihre Aktualität verloren hätten, nachdem in der Harrptfrage betreffend den Transit kein Einverständnis erzielt worden sei. Andererseits sei in der strittigen Frage bezüglich des polnischen Konsulats in Tiflis und des sowjetischen Konsulats in Danzig ein Einvernehmen erzielt wovden. Dü Frage der Anerkennung des Sowjetbundcs sei diskutiert worden und werde in künftigen Moskauer Verhandlungen entschieden werden. Alle Verhandlungen feien von eineni positiven und friedlichen Cha-mkter getragen gewesen. r- - - iMMHUiim-ULIWWU.IMJJIIII '' --w— .. Am besten ».billigsten $?eulfmllSMfeSchiffmann vzm&' 1 'm* ,y i.uu—mw mm II., Taborstraße 48 Tetanhon 47-1-79 En gros En detal V Fesirr—Banabas. Die Epoche der jüdischen Kulturverweltlichung, welche wie alle Uebergangsepochen ein . reiches Maß von kulturellem Parvenutums, Halb- und Viertelbildung als Begleiterscheinungen hat, neben denen umso schöner die echten Blüten des neuen wach'enden indischen Kulturlebens aufsprießen, hat in der letzten Zeit wieder eine für derartige Epochen charakteristische Mode hervorgebracht: die Jesus-Mode. Aus einer Mischung von Konstantin Brunnerschem Ueberschwang, modernem Religionskritizismns und Tagesjournalismus entstehen gerade in der jüdischen Publizistik immer wieder jene Jesus-Verherrlichungen, welche zugleich als Verherrlichungen des Judentums mit dem Nazarener als dessen reinster Inkarnation gelten sollen. Es ist eine Art Reklamationsverfahren in Szene gesetzt worden, um den Religionsstister von Nazareth nachträglich sozusagen in den jüdischen Kulturkataster aufzunehmen. Dieses Verfahren hat schon dadurch viel Unzulängliches an sich, daß die Herausscbälimg der soaenannwn Lehre Ieku aus dem Komplex all dessen, was Christentum genannt wird, heute sehr schwer ist und immer zu gezwungenen Hypothesen führt. Außerdem hat es durch die kritische Erforschung der Evangelien den Anschein, daß der große Religionsstister Jesus eigentlich immer mehr zusammenschrumpft und daß sehr wenig übrig bleibt, was als religionsschöpferische Tat auf sein Konto gebucht werden könnte. Die bisherigen Ergebnisse der Kritik schaffen für Jesus weit weniger das Bild eines Religionsschöpfers als vielmehr das eines Resormators mit antirömischen politischen Ideen. Dabei nulß in Betracht gezogen werden, daß es in der Zeit, in welche die Wirksamkeit Jesu verlegt wird, eine Unzahl religiöser Reformatoren und Sektierer in allen damals herrschenden Glaubensbekenntnissen gab und daß Synkretismus und religiöser Mystizismus für die Geschichtsepoche, in die das Auftreten des Propheten aus Nazareth füllt, geradezu charakteristisch sind. Die Gottesglorie, die sich um das Haupt des Zimmermannssohnes gelegt.hat, ist eine religiöse Angelegenheit, die nichts mit der wissenschaftlichen Erörterung zu tun hat. Aber die Glorie religiöser Schöpferkraft, die in der nenjüdischen Publizistik sb guwi m da» AM«elest wiktz. ift wahrlich sehr bläßlich, denn schon bisher hat fich bei genauer Untersuchung dessen, was als schöpferische Tat des hxrliläers herauskristallisiert werden kann, nicht um ein Quentchen mehr ergeben als in dem Religionsinhalt liegt, wie er schon von den Propheten geformt worden war. Gänzlich aber verblaßt diese Glorie — und das mag den jüdischen Jesusverklärern vielleicht doch etwas zu denken geben — in einem vor kurzem erschienenen sehr aeistreichen Buche des. französischen Denkers Daniel Massel, das er „Studien zur Christus- Legende" nennt und welches in scharfsinniger und wissenschaftlich gut fundierter Weise das geistige Bild des GaliläerZ zu umreißen versucht. Masset stellt vor allem erweislich fest, daß die Stadt Nazareth, der angebliche Geburtsort des christlichen Heilands, im Altertum überhaupt nicht existiert hat. Der Name Nazarener (Nozrim) ist vielmehr ein erst später angenommener und mißverständlich durch eine Ortsbeziehung gedeuteter für die Anhänger des Christentum. Masset verweist aus die Stelle der Evangelien, wo e^ählt wird, daß zusammen mit Jesus ein Straßenränder, Mörder' und Rebell, mit Namen Barrabas (Bar Aba) gekreuzigt wurde. Die Evangelien erzählen, zur Erniedrigung Jesus sei der Verbrecher Barrabas zusammen mit dem Nazarener gekreuzigt worden. Nach Masset aber gehörte Jesus zu derselben Gruppe von Aus- .wieglern, welche mit allen Mitteln versuchten, Roms Herrschaft über Palästina zu brechen und das Land selbstständig zu erhalten. Er sprach dabei im Namen seines Gottes, seines „Vaters im Himmel", wie sein Ausdruck lautete. Selbst nach den Berichten der Evangelien wurde er auch aus Befehl Pilatus' als Rebell verurteilt. Durch Vergleich der Evangelien mit verschiedenen zeitgenössischen Schriften kommt nun Masset zu dem Schluß, daß es nicht einen Jesus, sondern ihrer zwei gegeben haben müßte, welche politisch-agitatorisch gegen Rom tätig waren und eine Revolution Hervorrufen wollten. Nun ist es interessant, daß der Name Bar Aba „Sohn des Vaters" bedeutet, denselben Namen, den sich Jesus selbst gab. So kommt Masset M dem Schluß, daß die beiden ans Kreuz geschlagenen ,Herbrecher" eigentlich ein- und dieselbe Person waren. Einen Beweis hierfür findet er ans einer derselben Zeit entstammenden Erzählung: Zwei Jahre nach den; mißlungenen AMaude. den Jesus Hervorrufen wollte,' besuchte Agrippa, damals Ethnarch von Basan, Alexandria; die dort ansässigen Juden nahmen ihn mit königlichen Ehren auf und veranstalteten eine Huldigungs- Vorstellung im Theater, welche ihre Ergebenheit -zu Rom deklarieren sollte. Da stellten sie szenisch einen Narren dar, welcher Gottes Herrschaft über die Welt predigte, und der Name dieses Narren war Bar Aba. Dies ist kein Zufall, sagt Masset. Die Juden von Alexandria barmten zlvei Jahre nach den Vorgängen, die . in den Evangelien über den Tod Jesus erzählt werden, die Geschichte ihrer Zeit genauer als wir sie heute kennen, und als sie die lange nach diesen Vorgängen verfaßten Evangelien kannten; ihre Stellung zürn Jesus-Problem, zum Problem des Gottessohnes und Heilands war realpolitischer als die der späteren Zeit bis in unsere Gegenwart. Die historische Wahrheit stellt sich demnach so dar, daß zu der Zeit, als in Galiläa aufständische Banden hausten, ein schwärmerischer Führer solcher Banden mit Berufung aus das schon im alten Testament erwähnte alleinige königliche Herrscheramt Gottes über das Land Israels, also aus das Gotteskönigtum, die Massen gegen Rom aufzuwiegeln versuchte, indem er sich als Vertreter oder in der symbolischen Sprache' des Orients als „Sohn Gottes" ausgab. Sein Versuch, der auch auf Jerusalem Übergriff, wurde dort durch seine Gefangennahme und Verurteilung vereitelt. Die „Karriere" dieses rebellischen Galiläers beruht, wie Masset darlegt, daraus, daß in der synkretistischen Zeit die ersten christlichen Schriftsteller Jesus in ^en Mittelpunkt des Kreises aller Prophezeiungen über das Erscheinen eines Sektierers zu stellen versuchten. Die durch die Unbildung und wissenschaftliche Unkenntnis erklärlichen Verwechslungen von Namen und Begriffen sind ein Charakteristikum dieser Zeit. So ist es auch mit dein Beinamen „Der Nazarener". Daß die Beziehung aus einen Ort Nazareth, der damals nicht existierte, unhaltbar ist, wurde schon dargelegt. Auch die Ableitung vom Orte Nazir sei unannehmbar, vielmehr steckt darin das bekannte hebräische Wort N o z a r, welches die gleiche Bedeutung wie das hebräische Wort Zemach hat, das auch als Name gebraucht wird und „Sproß" oder übertragen „Zweig von Davids Hans" bedeutet. Nozar oder Zemach hießen die Ablönunlinge deS David-Geschlechtes (siehe Jererniiabu 23. 6, 37, 16). Der Beiname öiozar wurde also

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