Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1710 (18.11.1923)
- Date
- 1923-11-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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xöwit, eonrnng ArumenvergWA. Von Dr. Phil. Artur Kolm. Im „Wiener Burgverlag" ist als erste Beröffenittchmg der „Nrgcschichtlichen Volksbücher", die im Aufträge der Wiener p r ä h i ft arische n Gesellschaft hewusgegeben tverden^eine „Rassenkünde" von Dr. Gustav KraitschK erschienen. Auf den ersten Blick ein Werk, das in emladeAer äußerer Form und gemeinverständlicher Darstellung alles Wissenswerte über Rassenforschung zu eMhalten scheint und daher nur zu begrüßen wäre. Es geht auch zunächst alles recht ordentlich zu, bis man gegen Mitte des Buches bei den „Seelischen Rasserrmerkmalen" der „nordischen" Rasse zum ersten Adale stutzig wird. Es wird nämlich au kuriosen Beispielen (z. B. Krupp in Essen) die Ueberlegenheit dieser nordischen gegenüber allen anderen Rassen erläutert. Doch hält hier der Verfasser noch einigermaßen zurück, und in den folgenden, der Urgeschichte gewidmeten Abschnitten herrscht wiederum strengere wissenschaftliche Tarstellungsweise vor, bis endlich in den letzten ztvei Kapiteln „Die soziale Bedeutung der nordischen Rasse" und „Die Juden" die Hülle fällt. Statt jeder Kritik lieber einige Textprobcn: „In dieser Zeit des Niederganges" (des römischen Kaiserreiches) „waren es die nordischen Germanen, die den politischen Zusammenbruch durch zwei Jahrhunderte aushrelten . . . sie (!) entwickelten wieder eine neue Kultur, die in der Zeit -der sogenannten Wiedergeburt (Renaissance) ihre höchste Blüte erreichte . . . zweifellos haben sich ähnliche Vorgänge mich in späteren Zeiten abgespielt und vollziehen sich auch noch heutigen Tages . . . sterben aber diese gehobenen, mlsgelesenen Schichten aus, so ist das kein Verlust, der etwa durch stetes Aufsteigen gleichwertiger Elemente in unbeschränktem Maße, ersetzt werden kann, denn die Zurückbleibenden sind in ihrer Gesamtheit den Aufgestiegenen nicht gleichwertig . . . dann beginnt der Stillstand, der geistige Rückgang, der Verfall, schließlich der Völkertod, der eigentlich nichts anderes ist als eine biologische Erscheinung, das Aussterben der zur Führung und schöpferischen Tattert geeigneten Rasse, der faustischen Rasse... was wir heute in dieser Beziehung betreiben, ist Raubbau an unserem wertvollsten Nationalgut. Auch der Beamtenabbau gehört hierher (!) . . . int selben Sinne wirkt die absichtliche Vernichtung der arischen Intelligenz durch gewisse Parteien, wie dies in Rußland zum Beispiel zur Tatsache geworden, in anderen Landern wenigstens versucht wurde. Es kann dies nach allem Vorhergehenden zu nichts anderem führen, als daß an Stelle der durch Auslese aus der einheimischen Bevölkerung hervorgrhenden Führerschichte eine Herrcnkaste fremder Abstammung tritt, wie wir dies zum Beispiel wieder in Rußland sehen'. . . das deutsche Volk muß es immer und immer wieder hören, daß die besten Seiten seines Wesens und seiner Kultur nordischen Ursprungs sind, daß seine Ideale daher nur die nordischen, das heißt geschichtlich ausgedrückt, die germanischen, die arischen sein können" (!) So lvvrtlich in einem wissenschaftlichen Werke! Und nun aus dem letzten Kapitel „Die Juden": „Einzelne Juden zeigen allerdings auf dem Gebiete der Musik, in gewissen Zweigen der Wissenschaft und Literatur bedeutende Begabung, - man darf aber dabei den no r d i s ch e n E i n s ch l a g nicht außer acht lassen, der ja im Judentum zweifellos vorhanden ist und ihnen zuweilen Werke gelingen läßt, die auch arischem Empfinden gemäß sind. (Zum Beispiel manches Werk Mendelssohns), yjkm mag was immer für eine Frage hernehmen, die sich über das Durchschnittliche und Alltägliche erhebt, so wird man aus den Unterschied stoßen, der zwischen nordischer, germanischer Auffassung und jüdischer besteht. Am schärfsten tritt dies wohl in allen Fragen hervor, wo es sich um Helden und Heldenverehrung handelt, um völkisches Ehrgefühl, Wehrhaftigkeit und ähnliche Dinge... und doch ist es heute so, daß Menschen dieser den arischen Völkern so fremden Wesensart einen ungeheuren Einfluß aus allen Gebieten des geistigen Lebens ausüben. Sehen wir von der wirtschaftlichen Macht ab, die die eigentliche Grundlage allen übrigen Einflusses ist, so fällt vor allem die Tatsache in die Augen, daß alle jene geistigen Kräfte, die das Urteil des größten Teiles der arischen Nationen bedingen und formen, schon längst von Leuten beherrsch! iverden, die nicht ran nordischer Sinnesart vollständig fc-rnstehen. sondern sich ihr auch bewußt feindlich entgegenstellen. Alles was geeignet ist, die germanischen Völler, besonde« die Deutschen, zurückzrvführen zu den echten Quellen ihres gesstigen Wesens in Leben, Wissenschaft und Dichtkunst, was ihnen wieder Selbstachtung und SeWstbewutztsein geben könnte, wird sorgfältig von ihnen ferngehalten, verschwiegen, verschleiert, wenn nötig verhöhnt und verspottet, bis das Urteil rettungslos verwirrt und ein geistiger Zustand erhielt ist, der der wahren Anlage der meisten davon Betroffenen geradezu entgegengesetzt ist... die dringendste Forderung ist daher die Befreiung von der geistigen Fremdherrschaft. Jeder Mtchr oder weniger nordisch veranlagte Arier muß sich von dem jetzt alles beherrschenden Einfluß der ihm tvefensfremden Rassenseele fveirnachen, muß wieder er selbst werden; dann, aber nur dann, wird den Völkern nordischer Prägung noch eine große Zukunft beschick» sein." Mit dieser „wissenschaftlichen" Feststellung schließt daß Buch. Seine Gefahr ist nicht zu unterschätzen, denn hier wird mehr versucht als eine Selbstverhimmelung der arisch-germanischen und eine Herabwürdigung der jüdischen Eigenschaften, mt der man, wie an anderen Erschei- VMgen der vrrwonelum .Gegenwart, achtlos vorüber* Mener Morgenzertung._ gehen könnte: Hier wird einer p o l i t i s ch e n L ü g e eine wissenschaftliche Basis unterschoben! Da§ Geleitwort Professors Menghins, der nach km allzu frühen Hinscheiden des genialen H o e r n e S automatisch kr erste Vertreter nrgeschichtlichcr Forschung an der W i e n e r U n i v e r s i t ä t geworden ist, besagt: „D e r gegenwärtige Stand der Forschung ist in diesem Buche in vorzüglicher und objektiver Weise dargelegt." Hieser etwas kühnen Behauptung gegenüber verschlägt cs nichts, wenn Menghin sich hinter dem Satz verschanzt: „es ist selbstverständlich, daß die wissenschaftliche Verantwortlichkeit für die einzelnen Bände dieser Reihe die Verfasser allein tragen". Den Stempel der 8« Berlin. , Berlin, 17. November. (Tel. d. ,^Wr. Morgenzeitung".) Erneute Plünderungen haben sich auch gestern in kn später: A b e n d st u n d e n wiederholt. Mehrere Schlächterläden urch Bäckereien, wurden von k.r Menge zum \fetl ausg plündert. Da die Polizei überall in großer Stärke erschien, trat bald Ruhe ein. 3» Düsseldorf. Düsseldorf, 17. November. Die P l ü n d c r u n g e n im Laufe der letzten Nacht waren trotz kr Verkehrssp rre außerordentlich zahlreich. In den Morgenstunden sind alle Fuhrwerke, die nach Düsseldorf über die Kölner Landstraße gelangen wollten, in Wersten angchalten und a u s g e r a u b t wordem Gegen ztvei Uhr nachts versuchte eine große Menfchemnenge das Straßenbahndepot in Wersten zu stürmen, um dort die Einnahmen des letzten Tages zu r a u b e n. Der Versuch mißknrg. In zahlreichen Fallen erhielt die Polizei Ge wehvfeuer. Bin blutiger Sturm gegen die Krupp-Werke. Düsseldorf, 17. Noveniiber. Taufende von Demonstranten 'haben gestern die Krupp-Werke in Essen angegriffen. Es wurden Granatengeschleudert und Schüsse auf die Polizei abgegeben. Mehrere Personen wurden getötet und zahlreiche verletzt. Lar teure Fleisch. Neusalz a. d. Ober, 17. November. Gestern abends haben Erwerbslose, uackchem sie von dem ergebnislosen Verlauf der Verhandlungen zwischen den: Magistrat Ulld den Fleischern über eine Herabsetzung der Fleffchpreise erfahren hatten, die Fleischer- sowie einige Konfektionsgeschäfte geplündert. Von Grünberg eingetroffene Schutzpolizei zerstreute die Demonstranten. Biele Personer: wurden verletzt, darunter zwei lebensgefährlich. Heute herrscht Ruhe. Aue Arabenschlacht mit Sonderbündlern. Oberpleis, 17. Noveirrber. In der Gegend von Aegydienberg ist es gestern zu einer förmlichen Schlacht gekommen. Vierzehn Sonderbündler wurden dabei getötet. Die Bevöll-ermrg hatte zwei Schwerverletzte, von denen einer «Mischen gestorben ist. Ae deutsche Sozialdemokratie gegen Fudeu« hetze und Reaktion. Aus Berlin wird gen:elkt: Die Vereinigte sozialdemokratische Partei Deutschlands rüstet sich angesichts der überhandnehmenden antijüdischen Hetze, die zu den bekannten Vorgängen im Berliner Ostjudenviertel geführt hat, zu einer Gegenaktion gegen die u::ter der Maske der Judenhetze segelnden Reaktion. Die erste Versammlung fand in Berlin statt und war massenhaft besucht. Nachdem der Vorsitzende Abgeordneter Künstler auf die Gefahr der völkischen Judenhehe 'für T>':tschland überhaupt hingewiesen hatte, referierte kr ReichstagsabLeordnete Hilüeibrand über ,/Dit 18. November 1V23 NW. rmß wissenschaftlichen Zlpprobierung hat er und hat die Wiener prähistorische Gesellschaft durch ihre Befürwortung dcru Buche einfür allemal aufgedrückt und was noch weiter beabsichtigt wird, lesen wir ja haargemrn auf Seite 128: „Eine ungeheuer wichtige Aufgabe hat dabei die deutsche Schule zu erfüllen. Ihr wird es obliegen, die n e u e n E r g e b n i s s e der Menschen- und Völkerkunde... nutzbar zu machen." Es soll also schon die Schule alle diese wissenschafllich nicht nur unerwiesenen, sondern falsche:: Dinge ins Volk verpflanzen! Das nennt man Brunnen vergiften! Ein solcher Anschlag mußte rechtzeitig von einem Fachkundigen an den Pranger gestellt Wochen! Judenverfolgungen —ein Vorbote der Reaktion". Er führte aus: In Deutschland stand die Gleichberechtigung der Jukn auf km Papier, in Wirklichkeit aber wurden sie von den wichtigste:: Aemtern ausgeschlossen. Die Bevorzugung des Handels durch die Juden erklärt sich daraus, daß man ihnen Jahchunderte hierdurch nichts anderes gestattet hat. Die Ausbeutung ist nicht eine jüdische, sondern eine kapitalistische Eigenschaft. Der Vorwurf, daß besolidcrs Juden sich vom Kriege gedrückt hätten, trifft nicht zu. Der jüdische Reichstagsabgeovdnete und Sozialist Frank war unter den ersten, die 1914 ihre Begeisterung mit km Leben bezahlen muhten. Nach'dem Zusammenbruch suchte man die Aufmerksamkeit von den Schuldigen abznlenken und inszenierte zu btefent Ziele eine neue Judenhetze. Hinter dieser Hetze versteckt sich aber kr Haß g e g e n d i e R e p u b l: k. Der Kanrpf gegen die Juki: sott Unruhen stiften, die der Reaktion die erschnte Gelegenheit gibt, einzugreifen und die Arbeiterschaft niederzuschlagen. Die Deutschvöllischen in Nordkutschland sind eins mit den bayrischen Putschisten und es ist deshalb nicht Zufall, daß gerade in diesen Tagen die Judenverfolgungen in kr Grenadierstraße begannen. Die Polizei oder wenigstens einige ihrer Offiziere scheinen im Zweifel gewesen zu sein, ob sie ohne besondere Anordrrung gegen Plünderungen Vorgehen sollen. In Gegenwart v on Polizei wurden Wehrlose mißhandelt. Gegen die Elemente, die unter km Deckmantel der Judenhetze auf kn Sturz kr Republik hinavbeiten, soll die gesamte Arbeiterschaft zusanrmenstchen. Ander Diskussion beteiligten sich Abgeordneter Adolf Hosfnmnn, der Demokrat Dr. Erdmannsdörffer, kr ein Zusamnlsnstehen aller Volkskreise gegen den Antifenütismus forderte, sowie seitens des Zentralvereins der kutschen J:tden Dr. Schweriner, der es den Juden zur Pflicht machte, sich durch soziales Empfinden die Sympathien der Arbeiterklasse zu verdienen. Verhaftung des früheren bäurischen Fnftirminister« Dr. Roth. München, 17. November. Der ehemalige bayrische Justizminister Dr. Roth fft, vermutlich int Zusammenhang mit den Vorgängen der letzten Woche, verhaftet worden. General Jegoutte gegen die Absichten de« Fuduftrlelleu. Paris, 17. November.. Wie die Agence Havas au:S Düsseldorf meldet, werde General Degoutte nicht zulassen, daß seitens der Industriellen die am 11. Jänmr in Kraft gestandenen gesetzlichen Verfügungen betressend die Entlassung von A r beiter it und die Arbeitszeit durchbrochen werden, und er würde- Berordn-ungen kr Roichsvaglemug, die auf eine Aenderung dieser Verfügungen avzrelen, als nichtig ansclhen. Rebe« Trillionen Reichrschuwen! Berlin, 17. Novenßber. In den: letzten zehn Tagen ^des Oktober ist die schwebende Schuld des Reiches aus beinahe sieben Trillionen angewachsen. In derselben Zeit ist der durchschnM-ichc Dollarkurs um das Neunfache gegenüber kr letzten Dekade gestiegen, rvähreivd die schwebende Schuld um rnnb das Zwa-rziAjache zu ge norm men or einem neuen Umsturz in München? bin Mamarttkel -er MM« „Münchener Zeitung". — W« beabsichtigt Kahr? München, 17. Novenrber. Die „Münchener Zeitung" schreibt unter anderem: „Nicht lange mehr und wir sind von neuem am Ende der kaum wiederhergest eilten Ordnung. Jetzt muß geholfen werden. Es ist nicht die Schuld des Generasskaatskoimnissars, wenn große organisatorische Refomstpläne nicht durchgof-ührt werdet: konnten. Er hat gehofft und geharrt arss das Vorgehen des Reiches, um Hand in Hand mit chm der Not entgegenzuarbeiten. Ms seiner tiefen deutschen Gesinnung erwachsen ihm mit begug ans ein selbständiges bayrisches Vorgehen Hindernisse. Er will die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge mit dem Reiche bis zmn Aciißer-- sten bewahren, will kn Bestand des Reiches nickt gefährden und will auch den Verdacht vermeiden, als sei auch mrr eine Lockerung kr Bande zwischen km Reiche mW Bayern beabsichtigt. Denn es ist klar: Wenn Bayern seOstärtdig vorgeht und sich die Hilfsquellen seines eigenen Landes wieder zu nutzen macht, um sich zu retten, wenn es eigenes Geld, in der Hoffnung auf dessen WerÜbestandigfcit, herausgibt, so wäre das praktisch die Wiederausrichtung des alten bismarckifchen föderativen Verhältnisses zun: Reiche. Kein Deutscher brauchte deshalb an kr bayrischen ReichStreue zu Kveifeln. Dennoch wäre es eine EigenmächtiiA« keit. Hier Verfassung, hier darbende- Volk: Es gilt zn wählen. Wenn die Reichsregiernng sich nicht zun: .Hankln arsszurasseu verinag, so ist da§ kein Grund, Bayern unterge-hen zu lassen. Es blickt in seiner Not aus kn Mann, der die höchste Macht in: Staate imie hat u:ü> erwartet von ihm Hilfe. Wer Herrn v. Kahr kennt, weiß, daß seine Vaterlandsliebe glcichzustellen ist mit der Liebe zum Volk, und feine Mitarbeiter, die :n i I i t ä r i s ch e n voran, knken und fühlen wie er. Möge Herr v. Kahr auch aus dieson: schweiften Kampfe mit der Not als Sieger hcrvorgcht." Plünderungen im ganzen Reiche.