Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1710 (18.11.1923)
- Date
- 1923-11-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980792--16805-3003753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
flnzeftramnierKIOOl Wien? Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien dörch die Kolporteure der Firma GoIdschmiedt,I. Bez„ Wollzeile 11. Mit Poatversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tscbecho-Slowak ei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutsch!.: Mon. ost.K 28000. F r a n k r„ Belgien: Monatl. Frcs. 8 HW" Nachzahlungen "MP bei Preiierhöhunsren Vorbehalten Nk. 171# Wiener Wie». Sonntag. 18. November 1923 Tach«cHo»Siowikftl i tsch«ch. K 1a— Italien: Monatl. 10 Lire» Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, H„ Taborstrasse 1—H Telephone: 44-0-38,43«3-19y ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.- Adr. :„Morgenseitunf“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen- Konto Nr. 150.693 5. Mirgona zwischen London und Paris in der Frage der öder Seutfchland. — Keren Hajeffod. —y. Wien, 18. November. Wo immer es Juden gibt, trogen sie das Gefühl des Vertriebmfeins in sich, bewußt oder unbewußt, gleichsam als ob in der jahrtausendelangen Zerstreuung dieses Bewußtsein der jüdischen Seele von Keim auf Keim fortgeerbt hätte. Von dieser Empfindung tonnte sich bisher noch niemand befreien, auch nicht jene Juden, welche das Eintrittsbillett in die europäische Kultur gelöst hatten. . Auch sie haben das Empfinden überall mit sich getragen, und das fremde Milieu, in das sie Aichmhme zu finden glaubten, hat es in ihnen noch verstärkt. Man konnte dies in der vergangenen Epoche, die ungefähr bis ans Ende des 19. Jahrhunderts reicht, noch als UebergangserscheinuNg betrachten; die heutigen Verhältnisse in Europa zeigen aber, daß das, was als Emanzipation gegolten hat, etwas rein äußerliches ist, für die Völker unserer Umgebung sowohl wie für uns selbst. Der Zionismus hat, ausgehend von der Geschichte, die neuen Aufgaben des Judentums erkannt und formuliert: Als Teil der Gesamtmenschheit auf feinem ihm zugehörigen Beden die ihm zukonnnende Eigenarbeit an der Gesamtkultur zu leisten. Das Ziel ist erkannt, die Aufgabe ist gestellt, aber wie weit sind wir noch von der wirksamen Verfolgung dieses Zieles, wie weit sind wir noch von den Mitteln entfernt, die zur Erfüllung der Aufgabe dienen! Das will nicht sagen, daß der Zionismus versagt hätte. Von dem ersten Zionistenkongreß an bis zum dreizehnten ist große Arbeit geleistet worden. Die Idee ist so stark verdichtet, die Energien so gekrastigj, daß.alle maßgebenden Fat-» toren ' der Weltpolitik' mit dem Zionismus als deill Führer und Repräsentanten dieses neuen Judentums zu rechnen höben und bereits rechnen. Der Ausdruck dieser Tatsache ist verbrieft und besiegelt in der Balfour- Deklaration und in den Beschlüssen des, Völkerbundrates. Aber sie sind nur eine Form. Sie auszufüllen muß die Sackje des ganzen jüdischen Volkes iein. Npr ein Volk mit einer so bedeutsamen Geschichte, die sich nicht beschränkt, eine große Vergangenheit zu bilden, sondern die durch die Gegenwart hindurch bis in alle Zukunft ihre Wirkungen ausstrahlt, nur ein solches Volk kann es wagen, nach einer so langen Verbannung den Gedanken des Wiederaufbaues seines Volkstums, der Wiederverknüpfnng seiner politischen Kraft mit dem Mutterboden zu fassen und dies nicht bloß in der Idee, sondern durch praktische, wirkliche Tat, durch emsige kolonisatorische Arbeit in dem Land seiner Väter. Die Geschichte dieser unserer Kolonisten in Erez Israel, des stillen Heldentums unserer Palästinischen Jugend, deren brennender Idealismus nur einen Inhalt hat: Zion, ist noch nicht geschrieben, aber sie lebt und webt vor unseren Augen und mit tiefer Beschämung müssen wir uns eingestehen, daß alles, was wir hier tun, weit in den Schatten tritt vor dem Heroismus der Pioniere. Jeder Bericht aus Erez Israel schildert die Intensität ihres Wirkens. Straßen Iverden gebaut, Sümpfe trocken gelegt, Brachboden ausgeschlossen. In diesen wenigen Worten liegen Taten, vollbracht in selbstlosester Aufopferung, die erfüllt ist vom Glauben. Und wir? Tun wir alles, um unserer Jugend ihre Arbeit zu erleichtern, um den Ertrag ihrer Opfer sicherzustellen? Die Antwort gibt der Bericht, den Dr. Ruppin, der jüdische Aufbauminister, letzthin vor den Delegierten der österreichischen Zionisten erstattet hat. Jedes seiner Worte mußte als eine schwere Anklage von jedem Juden empfunden werden. Jeder Jude, der nicht blind sein will gegen das, was um uns vorgeht, was geschehen ist und was sich vorbereitet, erhält jeden Tag neue Beweise dafür, wie berechtigt das Gestihl der Landesvertriebenheit ist. Ein ungeheuerlicher politischer Betrug will uns die Schuld an allem Uebel der Welt auflasten. Wir sind uns bewußt, unseren vollen Anteil an der Entwicklung der Kultur geleistet zu haben. Wir haben dies so intensiv getan, daß wir au uns vergessen haben. Unsere Feinde erinnern uns aber täglich, daß wir sind, und es ist unsere Pflicht, dieses Sein zu bekunden,... so wie ein selbstbewußtes Volk: durch die Tat. Wir müssen an der Erlösung unseres Volkes arbeiten, wir müssen die Berge abtragen, die zwischen der Galuth und der Freiheit stehen/ Wir müssen den Gedanken des Keren Hajessod, die freudige Mitarbeit jedes einzelnen an der Befreiung des Volkes, die Opfevbereitschast für den Wiederaufbau Palästinas in jedes jüdische Herz lesen. London, 17. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Nun scheint es tatsächlich mit der Entente zu Ende zu sein, denn das gegenwärtige Verhältnis zwischen England und Frankreich kann alles andere als ein freundschaftlich-verbündetes genannt werden. Die Frage der gegen Deutschland durchznführenden Militärkontrolle hat die letzten, ohnedies schon ganz brüchig gewordenen Bänder zwischen beiden Staaten vollkommen gelockert und — der Ton der Blätter läßt es nur zu deutlich erkennen — man b^eichnet den bisherigen Partner als „Gegner", den man offen angreift. So gibt im „Daily Telegraph" ein hoher Beamter des Auswärtigen Amtes der Anschauung Ausdruck, daß die französische Politik nicht geeignet sei, in England freundschaftliche Gefühle der Gegenseitigkeit zu erzeugen. Frankreich verlange andauernd politische Konzessionen, ohne jedoch jemals England wirtschaftliche Konzessionen zu machen, die England so notwendig brauche. Der diplomatische Berichterstatter des „Evening Standard" fetzt auf Grund offiziöser Informationen auseinander, daß in der g e st r i g e n S i tz n n g d e r B o t schäfte r k o n f e r e n z der französisch-englische Degens atz öffenbar in fern*, k r. i^äMZ H ot d i um eittWreten 'ist. Von fvänzösffMr AM wü'W gestern erklärt, daß das Pariser Kabinett nur dann bereit sei, wegen der Rückkehr des Kronprinzen an Deutschland ein Ultimatum zu richten, wenn die anderen.Alliierten sich von vornherein verpflichten, diesem Ultimatum, wenn es nicht angenommen werden sollte, gemeinsame Sanktionen folgen zu lassen. , Bon englischer Seite wurde demgegenüber erklärt, daß es unzweckmäßig sein würde, gegen den Kronprinzen derartige Maßnahmen zu ergreifen. Bezüglich der Militärk o n t r o l l e Habe Frankreich erklärt, daß es die Dur chf ü H r u n g der letzten Note mit Sanktionen erzwingen wolle. Es sei bereit, die Sanktionen allein a n z n o r d n e n, wenn die anderen Alliierten sich nicht a n s ch l i e ß e n sollten. Während Belgien sich dem französischen Standpunkt a n g e s ch l o s s e n hat, versucht Italien noch eine vermittelnde Formel für eine Einheitsaktion zu finden. England hat in dieser Frage den Standpunkt vertreten, daß es möglich sei, in einer modifizierten Form eine teilweise Kontrolle ohne Sanktionen in Deutschland anfrechtzuerhalten. Dasselbe Blatt kündigt an, daß England d e mn ä ch st i n P a r i s einen Schritt unternehmen werde, um die französische Regierung dnran zu erinnern, daß sie ihm immer noch 612 Millionen Pfund schulde, auf deren Rückzahlung England angesichts der .Haltung Frankreichs nicht verzichten könne. Auch Amerika gegen die Rückkehr Wilhelms. Washington, 17. November. Im Weißen Hause wird daran erinnert, daß ein Grund des Eintrittes der Vereinigten Staaten in den Krieg der war, den Sturz des Kaisers Wilhelm herbeizuführen und eine Wiederholung a l l e s dessen zu verhindern, wa s sein e Regie r u n g d u r ch z u f ü h r e n s u ch t e. Wenn nun die Signatarmächte der Versailler Vertrages erklären, daß sie die Autorität besitzen, den Bestimmungen des Friedens- Vertrages Geltung zu verschaffen, so köimten die Vereinigten Staaten dies nur billigen. Die Intervention der dvlnischen Regierung gegen die Judenansweisungen an« München. Eine Erklärung des Vizeministers Sehda. Warschau» 17. November. Auf eine Anfrage des Abgeovdnelcn Reich namens des Jüdischen Klubs im Se.jm betreffend die Stellungnahme der polnischen Regierung zu den M a ß r e g e l u n g e n von Juden polnischer Statsbürgerichaft durch deutsche Behörden erklärte Bizeminister S e y d a, die polnische Regierung habe m B e rl i n und München energische Vorstellungen erhoben und werde im Falle ungenügender A n tw o r t zur A n w e n d u n g identischer G e g e n- Maßnahmen gegen die auf polnischem Gebiet lebenden Deutschen schreitem London, 17. November. Unterstaatsstkvetär für auswärtige Angelegenheiten Mac Neill sagte gestern einer in Cambridge gehaltenen Rede, es sei die a l l e s ü b e r r a g e n d e S o r g e der Regierung, wie die Allianz mit den Alliierten aufrechterhalten werden soll. Die Regierung sei bestrebt, zu verhüten, daß ojne Kluft zwischen England und seinem französischen Alliierten entstehe. Die Lage sei gegenwärtig besonders schwierig. Deshalb wolle er nur sagen, daß er, obgleich Ursachen für ernste Befürchtungen bestünden, es ablchne,' die Hoffnung aufzugeben, daß die französischen Freunde auch jetzt noch England in den Stand setzen werden, mit ihnen zusammenzuwirken, während es seine eigenen Interessen wahre und den Weg weiter verfolge, den es für richtig halte. England wird gegen die Rückkehr des Kronprinzen protestiere«. Ist jedoch gegen eine Militärkontrolle. London, 17. November. In unterrichteten Kreisen wird erklärt, die Regierung sei bereit, bei der deutschen Regierung in Angelegenheit der Rückkehr . des ehentzvligen KronPrinze n nach''Dvürschlmch" tlst zu erheben/ Eine Wiederaufnahme derMilitärk o n t r o l l e, die ohne neue Sanktionen stufenweise erfolgen müßte, könnte in Geigenden, wo die deutsche Reichsreg ierung die Ordnung nicht-aufrecht erhalten kann, unheilvoll werden. Es sei vorzuziehen, eine Besserung der Lage abzuwarten. Man bemühe sich aufrichtig, die englisch-italienischen Anschauungen den französisch-belgischen anzunähern. Churchill über die Ursachen der wirtschaftlichen Rot Englands. London, 17. November., Church ill erklärte in eiltet Rede in Manchester, in der er nachdrücklich für den Freihandel eintrat und die Regierung heftig an griff, die Arbeitslosigkeit könne nicht durch Verminderung der Einfuhr verhindert werden. Es sei klar, daß der Niedergang des englischen Ausfuhrhandels auf die Verarmung der Kunden Englands im Ausland und auf die Anarchie im wirtschaftlichen Leben zurückzuführen sei, von denen große Länder betroffen wurden, insbesondere jene Mitteleuropas und des nahen Ostens. Ursache der Not sei nicht der auswärtige Wettbewerb, sondern der Mangel an auswärtigen Kunden. , Einberufung der neuen Unterhauses sük 8. Jänner. " London, 16. November. Das)neue Parlament wird für den 8. Männer 19 2 4' einbernfen werden. Blutige antisemitische Ausschreitungen an der Fassher Universität. Bukarest, 17. November. Auf der medizinischen Fakultät der Universität von Jassy kam es seitens der antisemitischen Studenten zu schweren Ausschreitungen. Die im anatomischen Saale befindlichen jüdischen Studenten, die mit der Sezierung einer jüdischen Leiche beschäftigt waren, wurden von den rumänischen Hakenkreuzlern Überfällen und mit Knüppeln blutig geschlagen. Z a hlreiche jüdische Studenten erlitten ernste Verletzungen. Zur Wiederherstellung der Ruhe kmrde Polizei und Militär aufgeboten. Ein Student wurde verhaftet, da er einem Polizeikommissar einen Stockhieb versetzte. Faszismns auch in Portugal. Lissabon, 17. November. Das neue nationalistische Ministerinm wird sich am kommenden Montag dem Parlament vorstellen. Die demokratische Mehrheit hat beschlossen, vorläufig gegenüber der neuen Negierung eine wohlwkllende Haltung zu beobachten. ■