Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1708 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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M. 1708 Men, Freitag Tagesbericht. Sh Werbearbeit für de« Keren Hajessod. (Die große Aktion in Oesterreich.) Wer in Palästina war, wer von Palästina weiß, und wer um Palästina bangt, kann es nicht erwarten, daß konzentrierte Anstrengungen gemacht werden, das Aufbauwerk zu stützen und zu vergrößern. Daß Palästina-Pioniere, die sich jahrelang in härtester Wüstenavbeit bewährt haben, abwandern müssen (wenn auch nur in ganz geringer Zahl), daß überhaupt die Sorge bestehen kann, ob der jüdische Bauer rechtzeitig sein Saatgut fiir die Frühjahrsarbeit hat, daß auf dem Flecken Erde, der für uns Errettung, Gesundung, Erneuerung des Judentunls bedeutet, das Gespenst „Arbeitslosigkeit" umgeht, daß bereits ausgearbeitete und festgelegte Kolonisationsprojekte nicht durchgeführt werden können, weil es an Geld mangelt — diese nervenaufreibenden Nachrichten haben alle aufgerüttelt. Demgegenüber steht die traurige Tatsache, an der just wir Schuld sind, die wir uns die Arbeit für Palästina zur Lebensaufgabe gemacht haben: Die Juden wissen nichts vom Aufleben..des jüdischen Palästinas, vom Aufblühen des neuen jüdischen Menschentums in den Kolonien. Die Mittel für den Aufbau, ja sogar für die Erhaltung gewonnener Positionen fließen nicht genügend ein, weil wir durch langjährige Arbeit müde und mürbe geworden, die selbstverständlichste und leichteste Arbeit zu tun freventlich unterlassen: Zu den Juden zu kommen und ihnen über Palästina zu berichten. Die österreichische Keren Hajessod- Kommission hat nach ernstlicher Vorbereitung langer Wochen mit dem heutigen Tage begonnen, die Arbeit unter den Wiener Juden nachzutragcn. Sie will mit Hilfe von bewährten Menschen, die bereits in anderen Ländern dieses Werk erfolgreich führten, alle erfassen, welche sich ztveifellos für den Kolonisations- und Jmmigrationsfonds besteuern werden, wenn man sie nur zu finden weiß. In einer Ne:he von öffentlichen Versammlungen wird von -Führern, wie Dr. N a h u m G p l dntamt, über das Ausbau mrk gesprochen werden und unsere besten Menich.m haben sich in den D erst emer Kleinpropaganda t m e n g st e n Kreise gestellt, welche in diesem Falle dieinsia rvirlsaine ist. Niemand entsede sich der dankbaren Angabe, seine Freunde und Bekannten aufzuklären und zur freiwilligen Besteuerung für Erez Israel heranzuziehen. (Das Wiener Bureau des Keren Hajessod befindet sich, 2. Bez., Taborstraßc 20 a.) Ir. Rlchpin Wer Wische Arbeit i« Palästina. Ueber Einladung der Hitachduth sprach Dr. Ru p p in Sonntag den 11. d., abends, in -den Reichshallen über „Jüdische Arbeit in Erez Israel". Unter anderem führte der Vortragende aus: Der jüdische Arbeiter konnte weder in den Mischen Kolonien Unterkommen noch in anderen Unternehmungen. Der Grund war stets: die Billigkeit der arabischen Arbeit. Dieser Umstand mußte notgedrungen dazu führen, Formen zu finden, welche dem jüdischen Arbeiter ermöglichen sollten, sein Recht auf Arbeit befriedigen zu können: Es mußten Siedlungsformett gefunden werden, in denen der jüdische Unternehmer verschwinde, beziehungsweise, in denen der jüdische Arbeiter sein eigener Unternehmer wurde. Diese Form wurde die „Kwuzah", die Genosienschaft. Seit im Jahve 1909 die erste landwirtschaftliche, genossenschaftliche Kolonie D'gania gefdmficn wurde, folgten ihr immer andere nach. Der Jüdische A'..'onalfonds war es, der Boden und Mittel für die Farmetl und Kwuzoth hevgab, in denen der jüdische landwirtschaftliche Arbeiter ansgebildet wurde. Es war auch ein Versuch gemacht worden, nach den Plänen Oppenheimers eine unter Leitung eines Verwalters stehende S i e d l u n g s g e n o s s e n s ch a f t zu schaffen, der nicht von Erfolg gekrönt war. Der genossenschaftliche Gedanke fand auch in der Stadt Eingang, seitdem die jüdische Arbeiterbewegung hiev größer geworden war. So bildete sich der „M i s r a d l'a w o d o t h e iburio th uw in'jau" (Amt für öffentliche und Bauarbeitenp Dieses Amt ist heute der größte Bauunternehmer im Lande. Dqimt jedoch dieses Amt seilte Aufgabe erfüllen könne, mußte eine früher bestandener Mangel behoben werden: Es mußte Betriebskapital vorhanden sein. Dieser Mangel wurde durch die Arbeiterbank behobelt, welche durch die in Ardeiterkreifen aufgebrachten Ein- Psund-Aktien und durch ein Darlehenskapital der Zionistischen Organisation geschaffen wurden. Das von der Zionistischen Organisation zur Verfügung gestellte Geld hat eine zweifache Funktion: ein Teil soll im Maße der von. der Arbeiterschaft selbst aufgebrachten Aktien ebenfalls in Aktien umgewandelt werden, der andere Teil soll ein wirkliches Darlehen, das rückgezahlt werden soll, bleiben. Diclfe Batik hat nun fefljt segensreich gewirkt, indem sie der jüdischen Landwirtschaft und dm städtischen Arlbeitergenossenschaften Kredite gegen inäß'ige Zischen gegeben hat. In ihrer Geschäftsgebarung ist sie nicht formalistisch, sie steht nicht, wie sonst eine Bank, ihren Klieitten als Fremder gegenüber, sondern prüft die Güte des Darlehensnehmers, und Wiener Morgenzeitung. 16. November 1023 Gerte 8, 3a Hitlers Gefangenschaft. Erlebnisse eines jüdischen Journalisten. Unter den Personen, die am 8. November von den bewaffneten Hitler-Banden im Münchener Bürgerbräukeller umzingelt und eingesperrt wurden, befand sich auch der nach München entsandte Sonderberichterstatter des I C. B., Dr. M. H i n d e s, der zwei Tage vorher in Müitchen eingetroffen war, ttm die Frage der Judenausweifungen aus Bayern zu untersuchen. Dr. Hindes gibt die folgeu.de Schilderung seiner Erlebnisse während des Hitler-Pntsches: ,Mm 8. d. abends begab ich ntich.aus Einladung der amtlichen bayrischen Pressestelle nach dem Büvgerlbränkeller, um der feierlichen Kundgebtmg der vaterländischen Verbände zu Ehren des Generalstabskommissärs v. Kahr berzuwohnen. Schon in der Vorhalle fiel mir auf, daß neben der Polizei auch mehrere bewaffnete Hitler-Gardisten, in Stahlhelmen, voller militärischer Ausrüstung, mit riesigen schwarzen Hakenkreuzen ans Weißen Armbändern, die Eingänge in den Saal bewachten. (Die Feststellung ist sehr interefsant: sie zeigt, daß die Usberraschung Kahrs durch das Eindringen Hitlers durchaus nicht so stark sein konnte, wie der Generälstaatskommissär glauben ntachen will. Annt. d. R.) Ich konnte mit ziemlicher Sicherheit stststellen, daß sich unter der tausendköpfigen Menge außer mir nur noch zwei Inden int Saale befanden: ein Journalist und eine Journalistin aus Amerika, die aber beide nichtsüdische Blätter vertraten. Ich war also der einzige jüdische Journalist, der, mit einer jüdischen Prefselegitimation in der. Tasche, in diesem feindlichen Lager 'herumirrte. Schon als der Vorsitzende Zentz seine an Dr. v. Kahr gerichtete feierliche Ansprache mit den; Ruf aus „ein glücklicheres, besseres Deutschland" schloß, brüllte eine mächtige Stimme in den Saal hinein: „aber ohne Inden", was von einem erheblichen Teil der Versammlung mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde. Gegen halb 9 Uhr abends drangen, von großem Getümmel begleitet, bewaffnete Leute, mit Hitler an d:r Spitze, ein. Hitlers Erscheinung ist die eines intelligenten, jungen Akaunes, nichts an ihrn deutet aus starken Willen, Inspiration oder Führertalewt hin. Hingegen machen seine Leute ganz den Eindruck einer Partifauentruppe, die in täuschender Weise etwa an ukrainische Kosaken erinnert. Nachdem Hitler die Erklärung aibgegeben hatte, daß sämtliche Ausgänge von seinen Kamp'fbüMern besetzt sind und alle Versuche, deti Saal zu verlassen, vergebens sein, werden, begannen die Verhaftungen. Einer nach dem anderen wurden die bayrischen Minister und die höheren Beamten von bewaffneten Leuten aus dem Saale geführt. Die Be» - waffneten irrten im Saale herum und suchten neue Opfer fftfc ihre „Justiz". Ein Offizier rief laut: ,Hätten wir doch wenigstens ein Paar Juden hier angeiroffen!" Ein Offizier betrat die Tribüne und erklärte, die Revolution richte sich gegen ,/die Berliner Juden»' regiernng". Die iustnldköpfige Versammlung — teils freiwillig, teils terrorisiert — tobte Beifall. „Hier sind auch welche Juden da", rief laut ein anderer Hitbr-Qfsiizier, und die Be-, waffneten prüften durchdringend jeden einzelnen im Saale/ Die Atmosphäre war ungeheuer gespannt. Ein juirger Mann in Zivil, der mir später als einer der nächsten Vertrauensmänner Hitlers bezeichnet wurde, bestieg einen Tisch und forderte die aniwHende:: Pressevertreter auf/ ihm zu folgen. Mit großer Mühe zwängten wir uns durch die dichte Menge zum Ausgange hin. Die bewaffneten Leute traten uns feindselig entgegen: „Die Presse darf erst recht, nicht heraus!" „Das sind doch meistens Juden!" wurde gerufen. Die Hitler-Wache richtete die Karabiner gegen uns, und einer stieß mich heftig vor die Brust. Plötzlich erschien am Ausgange Hitler. Auf Ersuchen nteiner Kollegett bat ich ihn, die Vertreter der Presse lsreiMlassen. „Wir haben füns Jahre gewartet, die Herren von der Presse können auch warten!", erwiderte er. Die ProWamiernng der neuen Regierung und das Erscheinen ihrer Mitglieder im Saale entspannte etwas die Atmosphäre, sie wurde aber wieder düster, als die neuen Machthalber den Saal verließen. Wir blieben in der Gewalt der bewaffneten Hitler-Bande', die auS ihrer Gesinnung uns gegenüber kein Hchl machte. Die Lage wurde für mich um so bedrohlicher, als die Pressevertreter ansgefordert wurden, ihre Ausweise Voranzeigen, und ich der einzige Journalist mit einem jüdischen Ausweis war. In dent Augenblick begann die Menge herauszuströmeu. DaS bekannte Hitler-Lied: „Schmeißt sie hinaus — die ganze Lande, schmeißt sie hinaus aus unserem B a t e r l a n d e . . ." wurde gebrüllt. Ein Beamter der Hitlerschett Pressestelle sowie die bewaffneten Hitler-Leute stimmten in wilder Begeisterung mit ein. In diesem Augenblick der gehobenen Stimmung gelang es mir, mit einer Gruppe Journalisten durch einen Seitengang unbemerkt ins Freie zu kommen. In den Straßen ntarschierten die Hitler-Kolonnen. Ueberall sammelte sich verdächtiges Straßengüsindol an. Die Stadt war in -den Händen fanatisierter, Banden. Am nächsten Morgen schon war der Putsch zusammenge' brochen. wenn sie die Ueberzeugung von der Zweckmäßigkeit des Unternehmens sowie dem Ernst des Darlehenswerbers gewonnen hat, gewährt sie Kredit. Es gibt eine kleine Gruppe von Arbeitern im Lande, die den Klaffenstandpunkt vertritt. Ich will hier kein Bekenntnis zum Sozialismus oblegen, ich bin vor allen: als Zionist im Lande; ich bin jedoch der Meinung, daß der Klassenkampf kein unbedingtes Erfordernis des sozialen Lebens ist. Durch die Form der Genossenschaft ist dem Arbeiter der volle Lohn seiner Arbeit gewährleistet. Die jüdische Arbeiterschaft hat auch schon im Hamaschbir eine Konfumorganisation. Sie ist im Begriffe, ein Sanatorium in Mozr für kranke Arbeiter zu errichten, das in dem gesündesten Teil des Landes errichtet wird und zu den schöttsten jüdischen Gebäuden des Landes gehören wird. Die Kupat-Cholim fft die zentrale Krankenkasse der jüdischen Arbeiter. Ein Netz von Kursen ist im ganzen Lande errichtet, in denen die Neuangekommenen sich die Kenntnis des Hebräischen aneignen, sowie sonst alles für das Leben im Lande Erforderliche kennen lernen. Die Arbeiterschaft wird eilten Modus vivendi mit dem Mischen Unternehmer finden müssen. Vor allem aber wird es zu einem Zufmunrenllieben mit dem arabischen Arbeiter kämmen müssen. Wenn es auch äbisollnt vevstäMich und historisch begründet ist, daß der Mische Arbeiter die Losung von der Eroberung der jüdischen Avbeit in den Kolonien ansgegeiben hat, so ist es mit Freude zu begrüßet:, daß sich eine andere Anschauung awbcchnt, die von einem Zusammenarbeiten beider VMstvile spricht. Was die unserer Sache schädlichen Gerüchte über die verstärkte jüdische Auswanderung b.trifft, so ist es eine allgemein Ersche'imtilg in allen EinwaNdvrungs» ländern, daß nicht alle Eingetva^Nderten dort bleiben. Jedenfalls a!ber erfordert diese Erscheinung eine genaue Sichtung des Eittwanderevlnaterials. Auch die ArbcitÄosiigEeit ist eure italürliche Crlscheistung denn es können nicht sofort alle EmgÄvanderten Beschäftigung finden. Jeldoch ist die Zahl von 2000 Arbeitslosen zu groß. Es mitß daher für Einiströmcn Mischen Kapitals ins Land gesorgt Werden, damit für unsere Ehäluzi»!: .pvo^nktivie Avbeitsmölgivichkeit geschaffen werde. Redner halbe Kalliforniien besucht, ein Land, das mit Fug das Schwesterland Palästims genannt tverden muß. Wäre nicht der Spille Ozean dazwischen, so könnte man beide Länder aneinander legen, so identisch sind sie an Boden, Klima und Leiben slbcdisvgungen. PalästiM kann das j üdis che Kalifornien werden, wem: das jüdische 'Volk nur halb so viel Energie und Atittel an Menschen .und Kapitol in das Land brächte.. Unter Hellas' Fittichen. In Budapest hat ein charakteristischer Prozeß stattsgefunden. Der Oberste Honvedgerichtshof faß," wie wir gestern berichteten, über die Berufung, einiger Lumpen zu Gericht, welche in den Schreckenstagen des November 1919 drei Juden von Jzsak — der Stadt traurigen Gedenkens — ermordet itit'b beraubt hatten. Dieses Revisionsverfahren hat an dem früheren Urteil nicht viel geändert, bloß einem der Angeklagten wurde ein Jahr feiner Strafzeit erlassen. Das Urteil galt und gilt weiter auf Raub, von der Anklage des Mordes bleiben die Gesellen frei, denn sie haben unter unwiderstehlichem Zwange gehandelt: Ihr Vorgesetzter hieß Ivan Hejjas. Gegen 'das Urteil ist vom juristischen Standpunkte aus kaum etwas emzuwenden; :nan kann der Meinung sein, daß die Strafirist von einem bis sieben Jahren etivas «je* ring sei, aber das Wesentliche bleibt, daß die moralische Schuld an diesem Morde Hejjas trägt. Hejjas aber ist und bleibt in Utrgarn sakrosankt, das Haupt des Nationakhelden, 'der die Geistigkeit des „christlichen" Terrorkurses am prügnmrtesten vertritt, ist ein 'Heiligtum der Nation wie. das seines obersten Schützers Horthy selbst. Die bestialischen Judenmorde — in Ungarn nennt man das Atrozitäten — hat man wohlweislich längst unter die „Politischen Verbrechen" eingereiht, und die politischen Verbrechen des weißen Kurses stehen bekanntlich rmter der Amnestie Horthhs. So hat der Oberste Honvedigerichtshof durch sein Urteil vor aller Welt kundgemacht, daß es in Ungar:: für Jttdenmorde keine Sühne gibt und daß notorische Mörder tu Ungarn als nationale Helden mnhevstolzieren dürfen. Herr Bethlen mag Anstrengungen machen, um mit Rücksicht auf das Msland Ungarn zu säubern, höher als gegen subalterne El-etnente reicht sein Arm nicht, wenn es sich nicht gerade um Leute handelt, die sich nicht Horthys besonderen Schutzes erfreuen. Den Beamten verbietet man die Teilnahme an den Erwachende:: und ähnlichen Organisationen; sie auszulösen, wagt man keinen Versuch. Daß man aber gegen „gefährliche Umstürzler" in Ungarn M:t hat, geht aus der folgenden Geschichte hervor: Nach dem Muster der au sänttlichen mtgarischen Schnletr bestehenden Pfadfinder-Organisationen haben im vergangenen Jahre auch die Schüler der jüdischen Mittelschule in Budapest eine Pfadfinder-Vereint!- gung gegründet.' Der von der Regierimg ernannte Oberkommandant aller ungarische:: Pfadfinder, der gotvesene Ministerpräsident Graf Paul Teleki, richtete nun an den Präsidenten der Pester Israelitischen Gemeinde, Dr. Alexander Lederer, die Abschrift eines Befehles -zur Auflösung der jüdischen Pfadfinder-OMnisationen mit den: Ersuchen, die Namen der jüdischen Pfadfinder