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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-16 · Heft 1708 (16.11.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1708 (16.11.1923)
Date
1923-11-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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I Gtkk 2_ Wien, Freitag Ser Pogrom in Neutfchland. (Bon unserem Berlurer Korrespondenten.) Das deutsche Ju-deutun: steht unter dem Eindruck furchtbarster EAebttiffe. Was in Beuthett, iit Müttchen, in Berlin geschah, hat Gewißheiten erschüttert, Ideologien zerstört, die seit Jahrzehntett die politische Einstellung der deutschen Juden, maßgebend bestimmten. Inmitten aller bisherigen, antisemitischen?lufetttdmtgett fand der deutsche .Juden seinen inneren $oIt an dreierlei: out Bewußtsein seiner unantastbaren staatsbürgerlichen Rechtsstellung, an dein Vertrauen ans die Objektivität und die absolute Rechtlichkeit der deutschen Lraatsgelvalt, an der Ueberzeugung von der .Kulturhöhe des dculscl-en Volkes, das sich nie und nimmer zu Jude, .Hetzen nach osteuropäischem Ätnster erniedrigen werde. In einer jeden dieser drei Beziehnngert haben die dcutschen Juden heute die bitterste Enttäuschung zu verzeichlu'tt: In München hat der Diktator v. Kahr durch seine Auswoihntgspolitik das Recht des jüdischen Bürgers gebeugt: in Berlin unb Beuthen hat der öffentliche Sicherheitsdienst in erschreckender Weise versagt, als der Pöbel die Juden attackierte; in Altenhausen bei.Kobürg hat die von .Hakenkrcuzlern an deutschen Dorfjudeu versuchte Lynchjustiz Zeugnis von einer Roheit gegeben, mit der sich kaum die ukrainischen Mordbroniterbanden Petljuras vergleichen können. Die Juden Deutschlands sind von diesen Schicksälsschlägen in diesem Augenblick noch wie betäubt. Es handelt sich nicht um diese oder jene besonders schlimme Einzelheit. Rein, cs geht hier um die Tatsache im allgemeinen, daß solches in Deutschland überhaupt möglich war. Der deutsche Jude und sein deutsches Vaterland! Entpfand er es nicht als Beleidigung,' als unerhörte Zumutung, wenn jetnand ir.tr irgendwie von der Möglichkeit von Pogromen in Deutschland sprach? Was. hier in Deutschland, in diesem Knlurrstaat im Herzen des Kontinents, im Laude Kants und Eoerhes und Schillers, in dem Lande, dessen geistige Entwicklung noch unlängst den großen Deutschen und Juden Hermann Cohen hervorgebracht hat? In dem -Lande, in dessen Kri/gcn von 1913 bis 1918 viele. tausende deutscher Indenihr Leben geopfert hatten? In dem Lande, das von seinen jüdischen Bürgern mit einer fast an Chauvinismus grenzenden Begeisterung geliebt wird? Gewiß, sie alle sahen das gefährliche Wachstum des Antisemitismus in den letzten Jahren, aber sie redeten sich imnicr wieder ein. daß er nur eine Bewegung des Pöbels sei, mit der das eigentliche Bürgertum nichts gemein habe und auch nichts gemein haben werde. Und wurde der seindliche Drück stärker und stärker, so suchte sich der und jener einzureden, daß dies ja alles doch nur gegen die äußerlich „erkennbaren" Juden,- die ,/Ostjuden", gerichtet sei, und daß die Absonderung von diesen genüge, um der Gefahr zu entgehen;' dies war beispielsweise der psychologische Ausgangspunkt.der Raumann- Len tc. So hat ntan gehofft, sich getröstet, philosophiert, politisiert, bis nun wirklich das Unglaubliche eingetreten ist: In Berlin und Beuthen ist jüdisches Blut geflossen. In München hat nran Juden verjagt, nur weil sie Juden sind. Die Situation ist klar, der Schlag galt den Juden schlechthin, einerlei, ob West- oder Ostjuden. Keiner darf von sich sagen, ich war nicht mitgemeint, ntan hat nur „Ostjuden" treffen wollen. Hitler sagte deutlich genug, er wolle in erster Linie die alteingesessenen Juden, die „anständiges Juden, treffen. Das ist ihm auch gelungert. Der Antisemitismus hat das deutsche Judentum ins Her; getroffen. Ein tiefer Schmerz erfüllt alle Inden hierzulande, ein Schmerz um das zerstörte Vertrauen zu den Mitbürgern, die Trauer, daß zu allem Elend über Deutschland dank verbrecherischen Hetzern und Volksversührern nun auch noch der Schimpf der Pogrome gekommen ist. Die Seele des deutschen Juden hat eine Wunde empfftu-gcit, die nie und nimmer vernarben wird. Deutschland rvar ihm Heimat und Vaterland; auch der Zionist sprach Deutschland nicht als „Golus" an, ihm 'waren Deutschland -und Palästina gleichermaßen herzensnahe, sein Vorbild war, bewußt und unbewußt, der Deutschamerikaner. Von Gastro! k, von Wirtsoo'lk zu sprechen, erschien ihm als Blasphemie. - Das iit nun vorbei, das läßt sich nicht wiederherstellen. Wir deutschen Juden sichen heute vor zertrümnterten Hoffuungen, und kaum eine Stimme, die sich zu unserem Recht bekennt. Ein paar Ausweisungen mögen zurückgezogen, Pogrome.mögen polizeilich unterdrückt werden. Was nützt uns dies? Ist verhaltene Feindschaft weniger trennend unik abstoßend als die offene Verfolgung? Das deutsche Judentum ist zur Wirklichkeit erwacht, zu einer Situation, die zwar rauh ist, aber zu Talen z io i il g l. Die erste Tai habet: die Juden Deutschlands bereits vollbracht. Sie haben sich allenthalben, ohne viel Worte und Beschlüsse, aber in der Praxis des Notstandes, zur E i n h e t t § f t o tt t z us a m ine n ges ch l oss e n, -um gegcil'se.ltigeit Schutzs von Leib und Leben, Recht, Freiheit und Ehre, alt und jung, W e stj ude n u nd Ostjuden. Fer»rer aber hört matt -hettlc hier bei allen Inden, in Gesprächen, in Briefen, in jedwedem Gedankenaustausch, i.unter wieder die Ueberlegung: „Was soll nun geschehen? Sollen wir uns beschimpfen, mißhandeln, vertreiben lassen? Sollet! wir um Gnade betteln, wo wir ein Recht zutn Leben haben, in dem Lande, für das wir gleich allen änderet: Birrgern gelitten haben?" In den stolzesten, tüchtigstett und werivollsten Juden Deutschlands, mögen sie bisher Parteimänner welcher Richttmg auch immer gewesen sein, lebt heute und steigert sich vorv Tag zu Tag me nvW-iw MchstiM-StWW ttg. Mi _Wiener Morgenzeitrrng._ Juden wollet: ein Vaterland, und wenn uns Deutschland, turnt wir in innigster Treue zugetan, von seinem Herzen stößt, nun, so nehme uns Palästina. auf. Es ist der Zionismus Theodor Herzls, der heute im deutschen Judenintn uttairfhaltsattt zu neuem Leben erwacht. Mau 'wird twch davon hören! » DK Schiebung mit dem Ruhrgrbiet. Berlin, 15. November. (Tel. d. „Wr. MorgeMituug".) Die gestert: begonnenen Verhandlungen der Reichsregierung und der Ländervertreter mit den Vertretern der besetzten Gebiete brachtet: die Erklärung der Reichsregierung, d'aß das Reich a u ß e r sta n de sei, im Ruhrgebiet die Arbeit slos e u u n t e rstü tzu ug weiterzuzahlen. Das bedetltet, daß es dem Ruhrgebiet überlassen wird, sein Verhältnis zu Frankreich selbst zu regelt! und in dieser Linie liegt auch der Plan der Stresemaun-Regierung auf Schaffung einer selbständigen R h e i n r e p u b l i k im Rahmen des Reichsverbandes. Diese gefährlichen Experimente finden jetzt ihre Erklärung durch die Meldung aus B o ch u nt, daß die Bergwerksunternehmer s ä nt 11 i dj e Arbeiter und Augestellte a m 15. Novemb e.r entlasse u. beziehungsweise kündigen. Hält man sich dabei vor Augen, daß nach den letzten Meldungen die Verhandlungen der Alliierten mit den Vertretern der Bergwerk s v e r e i n i g u n g e r g e b n i s l o s beendet Nntrdeu, so wirdxklar, worum es geht. Die Schwerindustrie im Ruhr- und Nheiugebiet, welche der: Reichsgedanken längst verratet: hat und die Wiederaufnahme der Arbeit, au welcher Frankreich selbstverständlich großes Interesse hat, möglichst billig erzielen will, will einerseits die Arbeiter zu Konzessionen in der Frage des Lohnes uttd der Arbeitszeit bringen, andererseits sich votl Frankreich für die Inbetriebsetzung des Wirtschaftslebens entsprechende Lei-stungett erzwingen. An dieser Forderung der Industriellen nach französischen Zuschüsietr sind auch dem Vernehmen nach die Verhandlungen gescheitert. Nut: nützen die Schwerindtlftriellen die ihnen Ivillsährige Stresentann-Regierung dazu aus, um den geschilderten Zielen Vorschub zu leisten und das Kabinett Stresemann hat sofort Maßnahmen in Aussicht gestellt, welche die Arbeiter in eine Zwangslage und Frankreich in Sorge um feine Einkünfte aus dem Ruhr- und Rheingebiet versetzen sollen. Das Kabinett Stresemann macht also dett wirtschaftlichen Hochverrat mit und bettützt dazu ein Mittet, tvelches bisher stets als Hochverrat gegolten hat: die Aufgabe eines Reiö^teiles. Reue Reichszuschsisie Wr die besetzte« Gebiete. Berlin, 15. November. Das Reichslabinett hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, von dem gesamten Kredit, der denr Reiche in der Höhe von 990 Millionen Mark von der Rentenbank zur Verfügung gestellt worden ist, den Betrag von 100 Millionen Renten mark für die Fortzahlung der Reichszuschüsse au die besetzten Gebiete, insbesondere für die E r w erb s losen u nte rst ü tz un g, bereitzustellen. Französische Beratungen über die Schaffung einer rbeinländischen Währung. Paris, 16. November. Wie „Petit Parisien" erfährt, fand gestern zwischen den: Ministerpräsidenten Poincare, dem Finanzminister de Lasteyric, dem Kriegsminister Magi not und dem Direktor des Credit National Schweisguth eine Besprechung statt, deren Gegenstand die finanziellen Maßnahmen im Ruhrgebiet, insbesondere die Schaffung einer rheinländisch en Währung bildeten. England gegen die separatistische Bewegung. Ein neuer Notenwechsel mit Frankreich. Paris, 14. November. Der englische Botschafter Lord Crcwe 'hatte heute nachmittags eine Unterredung mit Po in ca re, in deren Verlauf er eine Note seiner Regierung betreffetch die separatistische Bewegung in den besetzten Gebieten überreichte. Das Foreign Office hat bekanntlich längst die Aufmerksamkeit der französischen Regierung auf die Folgen juristischer Art gelenkt, die die Separatistenbewegnng für die Gültigkeit des Friedensvertrages haben könnte, wetm Staaten sich von: Deutschen Reich loslösen würöeik. Die französische Regierung 'hatte geantwortet, baß in den Artikeln 27 und 29 die Alliierten keine Garantien für die Grenzen des Reiches übernommen hätten. In der heutigen Antwortnote beharrtdie englisch e R e g i e r u n g auf ihrer These. Poincare seinerseits überreichte Lord Crewe eine Note, in der er über die Haltung der ftattzösischen Besetznngsbehörde im Rheinland und besonders in der Pfalz Auskunft erteilt, deren Verhalten er als unparteiisch gegenüber der separatistischen Bewegung bezeichnet. England und Rußland. London, 15. November. <Wolff.) Im Untechause erklärte der Äuterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten Mac N e i l l, es scheine die allgemeine Mcimurg zu Herrchen, daß der H a tt d e l m i t R u ß l a n d nur dann wieder hergestellt werden könne, wenn Rußland eine volle diplomatische Anerkennung erhalte. Dies sei nicht die A n s i ch t d e r R e g i e r u tt g. Die russische Regierung verkenne vollkommen die Bedingungen, die für chre Anerkennung vorgesehen worden seien. Sie seien nie er- . füllst worden und e8 sei auch nicht der Versuch gemacht; worden, sie zu erfüllen. Daher verharre die britische Negierung bei ihrer bisherigen Verweigerung der Atier1?!';u>!ia. ., ■ , , . ig IG. November 1923 ■ Nr. 170f Sesterreich. Los Schiedrgerichtsabkommen mit Bolen. Warschau, 14. November. (Poln. Tel.°Ag.) DaS politisch - österreichische Sch i edsgcrt chtsabkomm c tt ist heute unterzeichnet worden. Jugoslawien. Basic erkrankt. Voraussichtliche Demission des Ministerpräsidenten. Rom, 15. Noventber. Aus Belgrad wird gemeldet, daß sich das Befinden des Mimstsopräfidentett P a f i e vorschlÄnmcrt habe. Man spreche davon, daß er ans Gesundheit^- rücksichtcu sein Amt nieder legen werde. Ungam. Me Berhandlungen mit Rumänien und der Mecho-Slowakei. Budapest, 15. November. (Tel.-Komp.) Tic rtttitäuisch - uttgarischett Berhandlungctt, 51t dsren Anknüpfuttg eine u u g a r i s ch c D e l e g a t i 0 tt gestern abgereist ist, werden sich dem Vernehmen nach in gleichem Rahmett bewegen wie die tschechisch-ttngarischctt Besprechungen. Es kotnmeu einzelne finanzielle Fragen, ferner Fraget:, die mit der Durchführung des Fr icve n svc rt rag es zusammcnhängetr, sowie Fragen des Bankdepots, der Kotumunalstistungen und Archive in Betracht. Desgleichen wird eit: H a n d e l s ü b c r e i tt k 0 m m c n stoischen Ungarn und Rtnnänien angestrebt. lieber die Verhattdluugen mit der Tschecho-Slowakei verlautet, daß bezüglich der Frage des G r e n z v e r k e h r s imb der Grenztvachen ein regelrechtes Elaborat zttstande gekommen sei. Eitte der Bestimmtlngen soll dahin gehen, daß zur Verhütung vor: Grertzztvischensallen Grenztwach- Patrouillen von ntehr als zehn Mann sich höchstens bis auf einen Kiloutcter der Grenze nähern dürfen. Polen. Allgemeine Wehrpflicht. Warschau, 15. November. Die Sejmkonvmission für Heerwesen hat heute in dritter Lesung den Gesetzentwurf über die allgeikeine Wehrpflicht angenommen. Lärmszenen im Seim. Warschau, 15. November. (Tcl.-Konrp.) Im Sejm kam es bei Vor Besprechung dev Krakauer Straßctrk ä m P f e zu uttgehettren L ä r m s z e n e tt. Der Minister des Iunern wurde ttiedergcschrie 11. als er eine Erklärung abgebett wollte. Ter Sozialdemokrat Ctapiuski brachte einen Antrag seiner Partei ein, die den Rücktritt der Regiev tt« g fordert. Sodann wollte der Sozialdemokrat Mare f, Abgeordneter von Krakau, sprechen, aber schot: bei seinem Erscheinen auf der Tribüne erhob die Rechtspartei eiueu derartigen Spektakel, daß die Sitzung a b g e b r 0 ch c tt werdet: ttmßte. Nationaldemokratische Fudenhetze. Aus Warschau wird uüs geschrieben: Anläßlich des sünfführigen Bestandes der polnischen Republik fand in Warschau eine Reihe von Bersammltlttgen statt. In der von den Nationaldemokraten veranstaltetet: Versammlung tourden j u de n hetz e r is che Reden gehalten. A'bg. 2 i p s k i evklärte in seiner Rede, d'as; die Juden die Sanierung der wirtschaftlichen Verhältnisse hindert:. Anläßlich der letzten Vorfälle in Krakau hätten jüdische Fuhrwerke bcm kämpfenden Proletariat Mhruttgsmittel zugeführt, die jüdische Jugend habe Waffen und Munition verteilt. Auf diese Weife sucht die Nationaldemokratie die Arbeiter-stveiks der letzten Tage inantisemitischem Sinne auszubeuten. — Die Nationaldetuokraten treffet: bereits eifrige Vorbereitungen für den Kongreß der „Jude »- kenne r", der auf den 8. Dezember anberattmt ist. Auf dem Kongreß sollen Referate angeblich wissenfchaftlichett Inhalts gehalten werden. Der eigentliche Zweck dieser Konferenz ist jedoch die Entfaltung einer möglichst großen Jude nhetze in: Dienste der R0zw0 j -Orgatlisatiou Rundschau. Allgemeines Wahlrecht für Japan. London, 14. Noveurber. Das Rettterfche Bureau meldet aus Tokio: Heute wttrde die Politik der Negiermtg vom Premiertnmister vor einer Konferenz der Gouverneure ttnd Präfektett dargelegt. Das angetündigte Progvanu» uursaht in der .Hauptsache die Einführung des all ge. meinen W a h l r echt c s, .Verminderung der Ausgabet: itttb Förderung der Landwirtschaft ttnd des Außenhandels. Der Prenriertttiuifter betonte die Notwendigkeit größte' Sparsamkeit im öffentlichen und privaten Lebet:. ««nähme der italienischen Wahlreform. Rom, 15. Novomher. Der Senat hat gestern die Wahlr e f 0 rmVortage mit 105 gegen 11 Stinnnen stngö» n 0 «nt 11t t ui.

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