Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1704 (11.11.1923)
- Date
- 1923-11-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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m. iM Wim, Sonntag wiener A'lorgenzeituns. n. Nvvember iüzs Serk 5 es* Aum Berliner Pogrome. Bon Ing. Moritz Freundlich. Schon die in Oesterreich für die Zionistische Landeskonferenz gebräuchliche Bez-cichnung „Parteitag" ist'geeignet, den zionistischen Gedanken zu-schmül>ern und zu verkleinern. Seit der völkerrechtlichen Anerkennung Palästinas als jüdischer Heimstätte ist der Zionismus über den Rahmen einer Partei hinausgewachsen und beginnt allmählich Gemeingut des gesamten bewußten Judentums zu werden. Dieser Tatsache hat die Zionistische Organisation in Oesterreich bisher nicht Rechnung getragen. Sie blieb in ihren alten Organisationssormen stecken, die einer Verbreiterung und Verankerung des zionistischen Gedankens in allen Kreisen des Judentums hinderlich sind. Dies führte zu einer rein mechanischen Einstellung der Bewegung, statt zu ihrem organischen Neuaufbau. Die Zahl der gewonnenen Mitglieder schwoll vor jedem Kongreß und jedenl „Parteitag" plötzlich zu unerwarteten Ziffern an, ohne daß die so Neugewonnenen innerlichen Zusammenhang mit ihren Sektionen hatten und an der zionistischen Bewegung tätigen Anteil nahmen. So entsprach der äußeren ziffernmäßigen Stärke eine innere Schwäche, welche man gar nicht empfand. In ähnlicher Weise gestaltete sich die Jugendbewegung. Die beispiellosen Erfolge der Hakoah, deren unvergängliche Verdienste um die körperliche Erstarkung und Regenerierung unserer Jugend nicht geschmälert werden sollen, spornte unsere Jugend zur Gründung zahlloser Sportvereine an und führte zu matzloser Ueberschatzung der Sportbewegung. Sie hatte die Bildung einer Kaffee'hansgeselligkeit zur Folge und stihrte zur geistigen Verarmung unserer Jugend. Was Wunder, wenn solch ein blutleerer Zionismus Anfälle von Schwäche zeigte und schließlich zu einem Stillstand der Bewegung führte, wenn in der Zeit der Not unsere zionistische Tätigkeit nicht zutiefst von unserem heiß ersehnten Ziele und der ernsten Verantwortung erfüllt war, sondern unsere Energie sich an keineswegs unvermeidlichen inneren Reibungen zersplitterte. Die innere Ursache dieser Erscheinungen muß '-ansgedeckt werden, wenn nach Mitteln und Wegen zu ihr« Beseitigung geforscht werden soll.! Es ist nicht Aufgabe dieses Aufsatzes, in zwölfter Stunde Thesen für den Delegiertentag aufzustellen. Diese haben doch nur mehr formalen Wert und bleiben blutleeres Schema, wenn die Leitung, die mit ihrer Durchführung betraut wird, nicht von ihrem Sinn'und Geist erfüllt ist. Eine Homogenität der Leitung ist darum erforderlich, aber nicht eine Homogeirität der Persönlichen Gruppierung, sondern der Geistigkeit und sachlichen Auffassung nach. Die Stockung des Palästina-Werkes erfordert die Anspannung aller unserer Kräfte für die Palästina-Abbe it. Die palästmozentrische Einstellung unserer Bewegung ist ein Gebot der Stunde. Soll jedoch unsere Tätigkeit fruchtbringend sein und der Zionismus seine alte Schwungkraft wieder erlangen, muß er von frischem, lebendigem Geist erfüllt sein und die Blutleere giner Pulsierenden Blutzivkulation weichen. Der Delegiertentag — nicht Parteitag — der österreichischen Zionisten steht vor einer verantwortungsvollen Aufgabe. Er kann einen Wendepunkt in der Geschichte de.r zionistischen Bewegung Oesterreichs bedeuten, wenn er den Weg findet, den österreichischen Zionismus organisch neu zu beleben und mit frischer Tatkraft zu beseelen, ein Weg, der um so leichter gefunden werden kann, als sachliche Gegen» sätze kaum bestehen. zionistischer Parteitag. Die Eröffnungssitzung des Parteitages findet beute inr Saale des Ingenieur- und Architektenvereins, 1. Bez., Eschenbachgasse 9, statt. Die Tagung beginnt um 9 Ubr vormittags. Die Delegierten werden aufgefordert, pünktlich zu erscheinen : Tages ordnung: Sonntag vormittagsr 1. Eröffnung, 2. Begrüßungen, 3. Referat über den Aufbau Palästinas (D r. N u p p i n, Mitglied der Palästina-Exekutive.) Nachmittags : 4. Wahl des Präsidiums, 5. Wahl der Perinainenzkoinniission, Organisations- und Statutenkommission, Resolutionskommission, politischen und Budgetkommission, 6. Bericht über die Tätigkeit des Landeskomitees (D r. Gelber), 7. Politischer Bericht (Ing. Stricker), 8. Generaldebatte. Montag vormittags r 9. Referat über Jugendarbeit und 'fragen (Dr. K l a b e r), 10. Die Keren Hajessod-Arbeit im verflossenen Jahre (Dr. S o f e r), 11. Unsere nächsten Keren Hajessod-Arbeiten (Dr. A b e l e 8). Nachmittags: 12. Debatte zum 9., 10., 11. Punkt, 18. Revlutionen, 14. Bericht der Permanenzkommission, 16. Wahlen. Für das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich! Dr. Gelber. Dr. Friedman n. Die Exzesse, die am 5. und 6. d. in Berlin stattfanden, trugen, wie bekannt, antisemitischen Charakter. Dies geht aus den amtlichen und privaten Schilderungen hervor, vor allein aber daraus, daß die Hakenkreuzler gerade das Scheunenviertel zum Schauplatz wählten, daß die vom Mob angefallenen Personen Inden sind und daß nur Juden zu Schaden gekonrmen sind. Selbstverständlich ist die Tatsache von blutigen antisemitischen Unruhen in der deutschen Hauptstadt eilt Ereignis von nicht alltäglicher Bedeutung und es mag den Negierenden in Deutschland sehr peinlich sein, daß sich die Weltpresse eingehend damit beschäftigte und darauf hinwies, daß sich zu dem „trockenen Pogrom" des Herrn Kahr in Bayern auch ein absolut nicht trockener in Berlin gesellte. Die Aufmerksamkeit des Auslandes, insbesondere des englischen und amerikanischen Publikums, wurde darauf hingelenkt, daß. wie schon so oft. auch diesmal das Judentum für Sünden hatte büßen müssen, die es nach der Lage der Dinge niemals begehen konnte. Daß die deutschen Junker mit dem Brotgetreide wuchern, hat der Reichskanzler selbst dem Grafen Westarp sehr deutlich ins Gesicht gesagt, und daß durch diesen Wucher Brvtkvawalle entstanden, die sich plötzlich ins Scheunenviertel zogen, ist doch zu auffallend, als daß hier nicht die bewußte Absicht des Ablenkens erblickt werden könnte. Dies war so klar, daß. wie wir bereits berichteten, die drei großen Berliner Gewerkschaften, die Allgemeine Gswerkschaftskommission, der Allgemeine freie Angestelltenbund und der Allgemeine deutsche Beamtenbund, am 6. d. einen gemeinsamen Aufruf hinausgaben, in dem sie unter anderem das folgende sagen: „Deutschvölkische Agitatoren haben mißleitete Massen zu Pogromen ausaepeitscht. Der große Sturm auf das Berliner Judenviertel ist sorgfältig und mit kühler Berechnung von deutschvölkischen Demagogen vorbereitet worden, um die zerfahrene politische Lage in Deutschland katastrophal zu steigern und die Massen den dunklen Zwecken des F a s z i s m n s nutzbar zu machen. Die deutschvökischen Führer wollen nicht allein gegen die Inden aufwiegeln, sie wollen zugleich durch diese Ausschreitungen den Beweis führen, daß nur eine Rechtsdiktatur den Bürgerfrieden in Deutschland noch sichern kann." „Arbeiter! Genossen! Durch Ausplünderung von Juden kommt ihr der kapitalistischen Ausbeutung nicht. bei. Wenn Kohn heute nicht mehr wuchern kann, wuchern morgen Thyssen und Stinnes um so mehr. Der jüdische wie der christsiche Ausbeuter, der schwarze wie der weiße Jude werden erst falten, wenn der Kapitalismus fällt. Nur ein wurzeltiefer Eingriff in die kapitalistische Ausbeutungswirtschaft kann das deutsche Volk retten." Zum Schlüsse werden die Arbeiter, Awaestellten und Beamten aufgefordert, auf die Provokationen i n d e n Betrieben zu achten und sie den Organisationen zu melden." Dieser Aufruf kann sicherlich nicht als philosemitisch anfgefaßt werden, zumal er den christlichen Ausbeuter kurzerhand als schwarzen Juden denunziert (was lebhaft an Wiener ^sozialdemokratische Gewohnheit erinnert). Trotzdem läßt er deutlich erkennen, was sich in Berlin zugetragen hat. Es ist darum nur als Ausfluß des Schamgefühls über diese Dinge zu verstehen, wenn die deutsche Regierung durch das Wolff-Bureau die folgende Ableugnung in die Welt schickt. Die Opfer der Exzesse werden sich kaum damit einverstanden erklären, kurzwegs wegdementiert zu werden: „Gegenüber den unrichtigen, im Anslande verbreiteten Nachrichten über Plünderungen in Berlin wird von amtlicher Seite mitgeteilt, von einem planmäßigen antisemitischen Charakter der Plünderungen könne keine Rede sein. Von 207 Geschäften, die in der Zeit vom 3. bis zum 7. November beimgesucht wurden, gehören 146 christlichen und 61 jüdischen Inhabern, wobei zu berücksichtigen ist, dak unter beit Geschäftsinhabern der hauptsächlich betroffenen Gegend diejenigen jüdischen Glaubens einen außerordentlich starken Prozentsatz bilden. Bei den Ausschreitungen am 5. November in jener Gegend sind etwa 40 Personen a ü.f d e r S t r a ß e überfallen worden. Die Tatsache, daß die Mehrzahl der Ueberfallenen sogenannte Ostjuden waren, erklärt, sich daraus, daß die b e t r e f f e n d e Stadtgegend vorzugsweise von in den letzten fünf Jahren nach Berlin zugewanderten Leuten israelitischen Glaubens bewohnt wird. Me Nachrichten von Judenpogromen in Berlin und in Deutschland sind erfunden. JVienJ. JVtMpreimarki 2. Jßobes, KostumeS'JflanteauXt feag&nms et Totirrurea {Telefon C5Ö73. ZMitvebrachte Stoffe werden zurtyerarbeitung angenommen v? der deutschen Regierung. Obzwar diese Darstellung nichts über die Verwundeten und nichts darüber sagt, weshalb das Scheunenviertel der Schauplatz der Unruhen war, halten wir es doch nicht für überflüssig, dein Dementi den Bericht eines Augenzeugen gegenüberzustellen. Vorgestern ist der Wiener Metallwarensabrikaut Herr Hans K a f o w i von einer Reise ans Berlin zurückgekehrt. Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, mit ihm über seine Berliner Erlebnisse und Eindrücke zu sprechen.1 Herr Kafo w i, der von Sonntag bis Mittwoch, also gerade in der Zeit der wüstesten Exzesse, in der deutschen Reichshauptstadt weilte und selbst den Angriffen des aufgehetzten Pöbels ausgesetzt war, schildert seine Berliner Erlebnisse folgendermaßen: „Am Montag vormittags hatte ich geschäftlich in der a r l st r a ß e zu 'tun und fuhr mit einem Mietauto hin. Schon unterwegs waren mir die zahlreichen konfiszierten Gestalten, die in ständiger Bewegung waren, ausgefallen. Plötzlich wurde ment Wagen von einer Ddenschenmenge umringt und aufgehalten. Rufe ertönten: „Jude heraus! Schlagt den Juden tot!" Das war überhaupt die Parole dieser Tage. Jude — Ostjuden — in allen Tonarten und in allen Nuancen des' Haffes konnte man es überall, selbst in den großen Hotels hören. Und schon hatte sich ein verdächtig aussehender Kerl ans das Trittbrett des Wagens geschwungen und versuchte, in das Coupe einzudriitgen, um mich herauszuzerren. Ich hatte aber die Geistesgegenwart, die Tür rasch aufzustoßen, so daß der Kerl vom Trittbrett hinabfiel. Gleichzeitig rief ich dem Chauffeur zu, durch die Menge weiter zu fahren. Der Wagen setzte sich in Bewegung — die Menge wich, zur Seite und wir fuhren davon, hinter uns den brüllenden, tobenden Mob. Während der Fahrt sprang ich aus dem Wagen, und es gelang mir, in ein Haus zu flüchten. Ich lief in rasender Eile .bis ins dritte Stockwerk und atemlos läutete ich bei einer fremden Wohnung an. Eine Frau öffnete, ich stürzte ins Vorzimmer und bat sie um Himmels willen, mich bei sich zn verbergen. Die Frau sah mich an, und als sie werkte, daß ich Jude sei, wies sie mich hinaus. Sie hatte wohl Angst vor der Wut des Pöbels. Inzwischen waren die Verfolger ins Haus eingedrungen; da aber das Harts mehrere Treppenaufgänge hatte, wußten sie nicht, welchen ich benützt hatte. Aber es konnte sich nur um Minuten handeln, bis sie mich entdeckt hätten, und daun wäre ich schutzlos der Wut der Menge preisgegeben gewesen, die die Berliner Berbrecherviertel ausgespien hatte. So rannte ich bis ms Mezzanm> und zum Glück batte eine mir bekannte Wiener Firma ihre Filiale dort. Man nahm mich auf und von hier aus telephonierte ich an die Polizei. Die Schupoleute ließen sich aber noch eine ganze Weile Zeit, bis sie erschienen und die Menge zerstreuten. Von halb 10 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags mußte ich in meinem Versteck bleiben, da ich es nicht wagen durste, die Straße zu betreten. Auf meine telephonische Bitte holte rmch ein mir bekannter Fabrikant mit zwei Arbeitern ab und geleitete mich zurück ins Hotel Continental, wo inzwischen der Chauffeur seinen Fuhrlohn von 500 Milliarden einkassievt und dabei gesagt hatte: „Der Herr wird wahrscheinlich nicht wieder kommen, den hat Man inzwischen erschlagen." Ich kam also noch glimpflich davon. Nicht allen aber, ist es so gegangen. Wer nur einigermaßen jüdisch aussah, wer nicht wlonde Haare und blaue Augen hatte, wurde bis aufs Hemd ausgezogen, aus ge plündert und halb totgeschlagen. Das ereignete sich nicht nur in den minderen Vierteln, sondern auch Unter den Linden und in der Friedrichstraße. So soll auch der Vorstand der österreichischen Gemeinschaftsküche der Frau Dr. Schwarzwald verprügelt worden sein. Die Polizei griff in den ersten beiden Tagen der Exzesse erst daun ein, wenn die Opfer bereits ausgeplüwdert und halb totgeschlagen waren. Daun wurden sie obendrein noch verhaftet. Am tollsten trieb es die Menge auf dem Alexanderplatz, in unmittelbarer Nähe des Polizeipräsidiums. In der Alten Schönhauser st ratze entfernten die jüdischen Geschäftsleute ihre Firmenschilder oder schrieben in Eile deutsch klingende Namen darauf. Ueberall in der Menge verwahrloster Gestalten sah man besser gekleidete Leute, die offenbar die Aktionen leiteten. Die Plünderer trugen sämtlich Rucksäcke, um die Beute fovtzuschaffen. Bewaffnet waren sie mit Knütteln, schweren Äöcken und teilweise auch mit Revolvern." Diese Mitteilungen bestätigen nur das, was die Blätter aus Berlin gemeldet haben, und sie zeigen, zu welch unmenschlichem Hasse gegen die Juden die Hitlerei und die Wühlarbeit des Kriegsverlierers Ludendorff die Menge ausgehetzt haben. Ein Todesopfev. Berlin, 10. November. (I. C. B.) Wie wir erfahren, fft der . während der pogromartigen Ausschreitungen am Montag im Ostjudenviertel von der Menge grausam mißhandelte und schwer verletzte jüdische Händler Silberberg seinen Verletzungen erlegen. Silberberg war auf ^offener Straße von mehreren Huligans angefallen worden, die ihm die Kleider vom Leibe rissen und ihn tierisch Relche Auswahl neuester 4»eizmo<Me in sbmtl. Pelzarten - Pariser u. Wiener Geschmack vereint - I erzeugt nur In eigenen Werkstätten, unter pers. ■ LeitungMdleslbestren^ Inhabers der Firma PratmtraBeüH 1.2-6