Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1704 (11.11.1923)
- Date
- 1923-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980786--16743-3003685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mr. I7D5 WM, VoMWg Wiener Morgenzeitung. 11. November 1923 fraget Schuhen Riegel, aber die Spelunke in der Bierhausgasse bildet noch immer das Hauptquartier der Jrredentisten und Pogromhelden, und Gömbös, ldas Haupt der Verschwörer, hat noch immer freie .Hand, die Intrigen weiter zu spinnen. Nicht ganz freie Hände, scheint die ungarische Negierung zu haben und auch darin zeigt sich eine Aehnlichkeit mit den Zuständen in Deutschland, denn die eine Hand wird, falls sie aus die Häupter der Putschisten niedersausen wollte, von Horthy aufgehalten, der der moralische Gefangene des Stephan Friedrich und des G ö m 'b ö s ist. während die andere Hand des Grasen B e t h l e n von Haus aus zögert, Gerechtigkeit walten zu lassen, weil Ulain und andere im Besitze nicht nur von Putschdokumenten, sondern auch von Panamadokumenten sind, die Bethlen und andere Regierungsmänner in hohem Maße kompromittiert erjciVi* wen lassen könnten. —<fr. Die Verschwörer vor dem Staatsanwalt. Budapest, 10. November. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Abgeordneter Ulain, Chefarzt S z e m e r e und Architekt B o- Ib u l a, die sich bisher in Polizeigewahrsam befunden hatten, sind heute mittags der Staatsanwaltschaft eingeliefert worden. _ Sie Alliierte» gegen den Kronprinzen. Paris, IO. November. (Havas.) Die Botschafter- Konferenz hat gestern dem deut'Hen Geschäftsträger m Paris folgende Note zur dringlichen Wovtergabe nach Berlin übermittelt: Nach Pressemeldungen hat die deutsche Regierung dem früheren Kronprinzen die R ü ckkehr nach Deutschland gestattet. Trotz einer amtlichen Bestätigung aus Berlin wollen die Alliierten noch nicht glauben, daß die deutsche Reichsregierung einen so schwerwiegenden Entschluß habe fassen können. Welches immer auch die Beweggründe zu dessen Rechtfertigung feilen, kann die deutsche Regierung doch nicht über den Eindruck im Zweifel sein, den eine solche offiziell gestattete oder bloß geduldete Rückkehr in sämtlichen alliierten Staaten Hervorrufen würde. Die Alliierten haben daher die Pflicht, die ernsteste Aufmerksamkeit der deutschen Regierung auf die Lage zu lenken und sie zu bitten, ihr mngcheud bekanntzugeben, ob jene Meldungen auf Nichtigkeit Lerchen. Die Note im Haan überreicht. Haag, IO. November. Die Gesandten Frankreichs. Englands, Belgiens, Japans und Italiens haben heute rm Ministerium des Aeußern die Note der Botschasterkonferenz betreffend den ehemaligen deutschen Kronprinzen überreicht. Die Reichsregierung hat die Einreise des Kronprinzen gestattet. Berlin, IO. November. Der deutsche Geschäftsträger in Paris ist angewiesen worden, die Note de.r Botfchasterkonfereng vom 9. November, in der gefragt worden ist, ob die deutsche Regierung dem ehemaligen Kronprinzen die Ermächtigung zur Rückkehr nach Deutschland tatsächlich erteilt habe, wie folgt zu beantworten: „Der frühere Kronprinz hat bereits vor mehreren Wochen bei der deutschen Regierung den Antrag gestellt, ihm die Rückkehr nach Deutschkmfo zu gestatten. Die deutsche Regierung hat -bei der Prüfung des Antrages keinen Grund rechtlicher oder tatsächlicher Art erkennen können, der es gerechtfertigt -Me, diesem deutschen Staatsangehörigen die Heimkehr zu seiner Familie zu verwehren. Sie hat daher die zuständige deutsche Auslandsvertretung ermächtigt, dem früheren Kronprinzen auf seinen Antrag einen Paß für die Einreise nach Deutschland auszustellen." Seite L Blutige Strasienkämpse in Speyer. Speyer, 10. November. Heute nachmittags griffen die Sonderbündler mit Handgranaten und Maschinengewehren das Regierungsgebäude an, das von der Polizei verteidigt wurde. Auf beiden Seiten gab es T o t e. t JSu$ Landau sind die Sonderbündler zum größten Teil a b g e z o g e n, da die Bevölkerung sich ihnen gegenüber völlig ablehnend verhält. Angriffe gegen die SondevbÄndler. Düsseldorf, IO. November. In Bergzabern haben Nationalisten, in Lambrecht Kommunisten die S o n d e r b ü n d l e r a n g e g r i f f e n. Zwei Personen wurden getötet, etwa fünfzehn verwundet. Die Separatisten haben die öffentlichen Gebäude in Kandel besetzt. Errichtung einer Rheinischen Notenbank. Düsseldorf, 10. November. T i r a n d und der Präsident der Kölner Handelskammer pflegen Beratungen über die Errichtung einer Rheinischen Notenbank. Die cheinländischen Republikaner bereiten die Schaffung einer Staatsbank vor. Buchdruüerftreik in Berlin. Berlin, IO. November. In den Noten- und Z e ltungsdruckereieu Groß-BeEnS ist heute «m Streik ausgebrochen. Infolgedessen sind sowohl die Berliner Mittagszeitungen als auch ein großer Teil der Abendblätter (ausgenommen die „Deutsche Zeitung", der „Vorwärts" und das christliche GelverckschaftÄblatt „Der Deutsches nicht erschienen. Auch die Betriebe ber N o t e n d r u ck e r e r e n mir der Reichsdvuckerei sind vom Streik erfaßt. 'Zurzeit finden im H e rrenmodehoMS (SW/ciw< Ithof MnCtVaAe o)erienverkauf! Frack oder Smoking aus feinstem engl. Material aus reiner Seide Orig. engl. Herrenanzug nach Mass Orig.engl.Raglan, fertig u.nachMass Seidenhemden . . . . . . . . . Abendhemden mitfranz.Piquebrust Ia. weisse Rayehemden ..... Engl. Wollzuesten. . Herrenhüte, beste Qualität . . . Ia. Florsocken ....... Seidenkrawatten. . etc. etc. NUR EINIGE ,7 K 2,500.000 K 1,800.000 K 1,200.000 K 250.000 120.00(1 110.000 170.000 130.000. 18.000 40.000 A G Ei ReichsrvbeiitAmiuisterium V erhaudlunge n zwischen den Vertretern der Gewerkschaften und der Arbeitgeber über die Frage der Buchdruckerlöhne statt. Henry Morgenthau MlkerbuadsikommMr für die griechischen Flüchtlinge. t Aus New-Aork meldet I. C. B.: Der frühere amerikanisch? Gesandte in h>er Türkei Henry Morgenthau wurde zum.Geschäftsführer der internationalen griechischen Flüchtlingshilfe ernannt. Mische Flüchtlinge nach Kanada. Wie I. C. B. meldet, gibt die Jca einen Bericht her» aus, aus dem hervorgeiht, sie habe 12.000 russisch-jüdische Flüchtlinge aus Polen gebracht. Aus Rumänien würben. 4000 rm Laufe weniger Monate in die verschiedenen Einwaudevnngsläuder geleitet, da einer Einreise nach, bett Vereinigten Staaten und Argentinien noch immer Schwierigikeiten entgogenfteheen. Auf die Bemühungen der Jca und der Herren Abgeordneten Lyon-Cohen und Jacobs hin, die Mitglieder des kanadischen 'Komitees der Jca sind, hat die kanadische Regierung jetzt der Zuilasfung von 10 0 jüd ischen Fluchtlingen pro Woche zugestiimnt..,Tie Vertreter der kanadischen Reigierung in Antwerpen und Bukarest haben entsprechende Anweisungen erhalte,r. Am besten u. billigsten kaufen 111» im ttiSchiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 ln flros Ew detai „Unser Kant" Von Sigma. Jener große deutsche Dichter, dessen Meister und Führer Kant gewesen ist, Friedrich Schiller, wurde von den Juden als „unser Schiller" bezeichnet. Der Anteil, den die Juden sich derart an Schiller bei,näßen, beruhte nicht nur darauf, daß dieser Dichter auf sie einen Einfluß ausgeübt hat wie kein zweiter, daß er von allen Juden, namens lich in Osteuropa, in der Ursprache gelesen und auswendig gelernt wurde, sondern auch darin, daß er wiederholt ins Hebräische übersetzt wurde. Man vergleiche die Studie „Schiller in hebräischem Gewände" (Ost und West 1905, Maiheft), wo alle hebräischen Ueberschrmgen von Schillers Gedichten, Dramen und prosaischen Schriften aufgezählt werden, die insgesamt eine stattliche hebräische Ausgabe von Schillers Werken ergeben würden. Ein viel engerer Kreis unter den Inden sagte „unser Kant!" Obgleich Hegel dem grossen jüdischen Geschichts- Philosophen N a ch m an K r o ch m a l den ersten Anstoß Zur Konzeption seines grundlegenden Werkes „Morch Nel>ushe ha zeman" gegeben hat, war die Erkenntnistheorie und die Ethik Kant s doch von ungleich tieferein und breiterem Einfluß ans das Denken und Fühlen der jüdischen Intelligenz, namentlich in Osteuropa. Kant war, neben Maimonides, der Erzieher der Ostjuden zum philosophischen Denken. Der Spiritualismus der Kantischen Erkenntnistheorie sagte den Juden besonders zu, die ja von jüdischreligiösen, Denken her gewöhnt waren, den Primat des Geistes über die Materie als einen Lehrgrnndsatz arrzuerkermeir. Und erst die Ethik Kants, die in der Lehre vom Kategorischen Imperativ gipfelt, mußte auf die Juden faszinierend wirken. Erinnerte doch der Kategorische Imperativ an den echtjüdischen Begriff „Mizwah", der in seiner vollen Bedeutung kein Analogon in einer arideren Sprache hat. So ward Immanuel Kant „unser Kant." Ein wenig in demselben Sinne und ans denselben Motiven war er es auch für seinen Zeitgenossen Dr. M a rkn s Herz in Berlin, der als erster durch seine erläuternden Borträge Kants Philosophie dem Verständnis dxr Gebildeten näher brachte. Es mich betont werden, daß die Bewunderung und Liebe der Inden fnr^ Kant nicht etwa bestochen ivarcn durch günstige und liebenswürdige Aeußerimgen des Philosophen über das jüdische Volk. Im Gegenteil: der kühne und trotzige Denker stand, was den „Judenpunkt" anbetrifst, im Banne der Vorurteile, von welchen die mittelmäßigsten seiner Zeitgenossen, die kleingeistigsten Philister beherrscht waren, und seine Acußerungen in dieser Hinsicht haben nicht wenig zur Begründung des modernen Antisemitismus beigetragen. „Größe schützt vor Kleinlichkeiten nicht", sagte einmal der feine jüdische Denker und Psychologe Moritz Lazarus. Auch Goethe hat bekanntlich seinen Tribut an das Philisterinm gezollt und einige durchaus unschöne und unwürdige Aeußerungen über die Juden getan, obgleich sein philosophischer Abgott der Jude Spinoza und seine Prophetin m Berlin Rahel Lewin war. Sogar „unser" Schiller, der vielgeliebte Schiller hat in der „Sendung Moses" — die übrigens zweimal ins Hebräisch« übertragen wurde — einige törichte und für ihn beschämende Aussprüche über Juden und Judentum getan. Es ist sehr bemerkenswert, daß die wahrhaft Großen wegen dieser ihrer Kleinlichkeiten vor den Augen der Juden nicht gesunken sind. Von Kant, dessen Geist über den denkenden Teil der Juden in Osteuropa seit Beginn des 19. Jahrhunderts schiveüte, besitzen wir nur „Die Macht des Gemütes" in hebräischer Uebcrsetzung, die in der, fünfziger Jahren in Krakau erschien. An die „Kritik der reinen Vernunft" hat man sich bisher wohl ans dem Grunde nicht herangewagt, weil dieses Buch ebenso wie die „Kritik der Urteilskraft" besondere Schwierigkeiten bietet, auch in der Originalsprache. Zudem fehlten im Hebräischen die passenden Bezeichnungen für die technischen Ausdrücke der modernen Philosophie und Psychologie, die zu prägen nicht jedermanns Sache war. Allein, inan muß auch bedenken, daß eine Nebersetzung von Kant ins Hebräische ein reiner Luxus ist. Denn jeder Jude, für den die Lektüre der „Kritik der reinen Vernunft" ein Bedürfnis ist, kann sich dieses Buch ohne Ztveifel in» Original zu Gemüte führen. Aber ist eine solche Uebersetzung ein Luxus, so ist es ein Luxus von jener Art, von dev das Wort Voltaires gilt: „Le superflu — chose la Plus Necessaire." Der Jude hat das Gefühl, daß eine' hohe geistige Schöpfung erst dann sein lvahres seelisches Eigentum wird, wen>, sie in die hebräische Sprache gekleidet ist. Bor, dieser Uebcrzeugung getrieben, hat ein jüngerer indischer Gelehrter in Jerusalem, Dr. Jehnda Junov i ch, es ni'.ternonlmen, Kants „Kritik der reinen Bernunkt" ins Hebräische zu übertragen. Es liegt das erste Heft zur Probe vor (gedruckt in Jerusalem 1923, in der Arbeiterdruckerei; zu beziehen durch den Verfasser), enthaltend die beiden Vorreden, die Einleitung und die „Transzendentale Aesthetik". In der Vorrede sagt der Uebersetzer: „Kein Wort ist zu verlieren über die Wichtigkeit und die Dringlichkeit, das System dieses Genius des menschlichen Gedankens in hebräischem Gefäße darzubieten. Wie könnte das jüdische wissenschaftliche Leben, das jetzt in der Gestalt der hebräisch e n Nniv ers it ä t zu Jerusalem neu ersteht, diese Grundsäule des modernen wissenschaftlichen Denkens entbehren? . . . Was ich jetzt biete . .. . unters breite ich den Kennern, um deren Rat und Beistand ich bitte . . . aber die vier Kapitel sind geeignet, einen Begriff von Kants Philosophie zu geben, besonders von seiner Lehre über Raum und Zeit, die jetzt abermals zum vielumstrittenen Problem geworden ist, infolge der Relativitätstheorie von Einstein . . ." Es ist höchst erfreulich, einen von denen, die berufen sind, in dem neuen Zentrum jüdischen Geisteslebens, das die hebräische Universität in Jerusalem zu werden versprich!, eine führende Rolle zu spielen — so sprechen zu hören. i Nach der Oede und Hohlheit der Haeckel-Periode lechz: die Menschheit wieder nach Vertiefung. Als eine der besten Einführnngen in Kants Gedankenwelt muß das schöne Buch von Reininger.' „Kant, seine Anhänger und seine Gegner" (München 1923, Verlag von Ernst Reinhardt), bezeichnet werden. Was dieses Buch für uns Inden besonders interessant macht, ist der Umstand, daß darin unter den „Gegnern und Fortbildnern Kants" Salomon Maimon eine eingehende Würdigung erführt. Dieser geniale polnische Jude (der. ein polnischer Philosophie-Historiker den „erstell polnische» Philosophen" nannte) hat das Systenl Kants in einigen Punkten weit über Karrt hinaus entwickelt, was nicht im Smue des Meisters war und ihm den Ausspruch erpreßt haben soll: „Mainion lvar der eirre, der rnich ganz verstanden, und er hat mich mißverstanden." Maimon hat in seinem hebräisch geschriebenen Kommentar zu Maimonides: „Gib'ath ho Moreh" den, .-allerdings sehr gewagter:, Versuch unter uommerr, den Knutschen Kritizismus in beit Gedankens gangen bcS Maimonides wiederznfinden, oder richtiger - ' hineinzülefew K -V