Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1704 (11.11.1923)
- Date
- 1923-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980786--16742-3003684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rvten, Vvnitmg vrrre s- Wiettev MorgenzeiKmg. 11. Nov.'mbrr 19L) 1704 /ch auf Ausdehnung der Münchener Putschbewegung richteten, rasch unterdrückt. Heber den Gang der Untersuchung gegen Ludrudorfs und die anderen festgenouunenen Rädelsführer des Tave. zierrrvutsches ist noch nichts Näheres bekannt geworden; es scheint, daß vieles vertu'cht werden wird, da die Putschisten anscheinend über die Nolle des Herrn vonKahrz« viel wissen. Mit welchen Phrasen der Putsch in Szene gesetzt wurde, davon gibt die Rede des tapferen Ludendorff ein deutliches Beispiel. „Es geht um das Ganze" — begann er und setzte, da er sich im Bürgerbräu Wohl aufgehoben fühlte, fort: „Diese Stunde bedeutet den Wendepunkt in Unserer Geschichte. Gehen wir in sie hinein mit tiefem sittlichen Ernst, überzeugt von der ungeheuren Schwere unserer Aufgabe, überzeugt und durchdrungen von unserer 'chweren Verantwortung. Gehen wir mit dem übrigen Volk an unsere Arbeit! Wenn wir reinen Herzens diese Arbeit tun -- deutsche Männer, ich zweifle nicht daran —, wird Gottes Segen mit uns sein, den wir herabflehen auf diese Stunde. Ohne Gottes Segen geschieht nichts. Ich bin überzeugt und zweifle nicht daran — der Herrgott!m Himmel, wenn er steht, dag endlich wieder d«»tkche Männer da sind, wird mtt uns fein." Da es nachher etwas weniger gemütlich zu« ging als im Bürgerbrau, ließ Lndendorff feine und Gottes Sache rasch im Stich und verpflichtete sich e h r e n w ö r tl i ch, nicht mehr an ihr Teil zu haben. Wenn auch ein Ehrenwort für Herrn Lndendorff, wie schon sein Jnterviewprozetz zeigte, wenig bedeutet, so ist dvch anzunehmen, daß er eS nicht mehr riskieren wird, persönlich Bürgerkrieg zu führen. Ein Sürgerkrieg ist kein Krieg im Salonwagen. Kahr mW Lossow gegen Hitler. München, 10. November. K a h r hat heute Vertretern der Presse Wer die Vorgänge der letzter Tage fchzende Austlärmtgen gegeben: Der beivaffnete Uebechrü Hitlers und seiner Genossen war erat Band iten streich'gegen eine Versammlung, die zu einer nationalen Kundgebung zustwrmengetreten war. Die Gestikulation Hitlers und seiner Bewaffneten konnte auf mich, Lossow und Seißer keinen Eindruck machen. Ich und die Genannten standen unter dem ungeheuren Eindruck der Beranttvortung -nicht nur für Bayern, sondern auch für die großen Interessen Deutschlands. Denrgegenüber konnte diese Pistolenkomödie wich, Lossow und Ssißer nicht einschüchtern. Ich habe die zu erwartenden katastvophaleu Folgen Hitler gegenüber Mm Ausdruck gebracht. Uns war völlig klar, daß die von Hitler und Ludendorff unter Mitwirkung des früheren Mitzechräsidenten Pöhner eingekeitete Unternehmung in wenigen Tagen vollständig in sich zusammenbrechen müsse, pol-itisch u-nd wirtschaftlich. Unter diesem schweren Druck vaterländischer Verum lvortung haben wir drei Männer in der gegebenen Lage sofort unseren Entschluß gefaßt: Es war uns klar, daß, wenn wir nicht scheiubarauf dir Forderungen Hitlers emgingen und nur sHtgchalten würden» wir nichit die Frsiheff des .Handelns hätten, die allein noch ermöglichen konnte, das schwerste Unglück zu vermeiden. Die Folgen wären gewesen, daß Reichswehr und Landespolizei sowie weite Kreise vaterländisch Gesinnter vollständig direktionslos den Proklamationen Hitlers ausgeliefert gewesen wären und daß dann das Unglück des unausführbaren Marsches auf Berlin blind vor sich gegangen wäre. Dieser Marsch nach Berlin wäre so ziemlich an der bayrischen Grenze erledigt gewesen. Denn all das, was geplant war auf mÄitävischoin, wirtschaftlichem und politischem Gebier — von der Außenpolitik gar nicht zu reden — war so ungeheuerlich, daß cs in Ärgster Frist zusammen brechen mußte. Nach Kahr sprach Wehrkreiskommandant v. Lossow, dessen Worte tiefen Eindruck machten. Er bezeichnet« es als unerhört, daß die Truppe, die den gestrigen Tag mit weißer Weite überstanden habe, sich nun dafür vom Pöbel und von verführten Massen anspucken lasten wüste. Er (Lossow) sei in den letzten Wochen am intratjten vertrant gewesen mit der drohenden Entwicklung und habe sich Mühe gegeben, Hitler in der Hand zu behalten. Er habe Versprechungen erhalten, die gebrochen worden seien. Das irreführende Spielen mit der nationalen Armee, der. Versuch, die nationale Jugend hevauszulocken ■ritt s clb sts ü ch t ig e Partei zwecke, sei ein miserables Verbrechen. Tiefes Lockmittel der nationalen Armee sei für die Drahtzieher nur ein Mittel gewesen, ihre AnHänger zu bezahlen, zu verpflegen und damit ganz in ihre Abhängigkeit zu bringen. Nicht um den Krieg gegen Frankreich zu führen, sondern zu ganz anderen Zwecken wurden diese Kinder, (!) die Sah n e von a> l t e n Generäle n (!) und B ca m 1 e n, (!) verführt. Er habe Ludedorff und Hitler mit alter Energie zu verstehen gegeben, daß die Reichswehr nicht hinter ihnen siche, und 'habe erklärt, daß die Reichswehr gegen Lndendorff-Hitler fein werde, wenn solche Sachen gemacht werden. Wern: diese sogenannte nationale Armee weiter mmfchiext locke, so hätte eS in einige« Tagen ein neues 1866 gegeben. In seinem Schlußworte wandte sich Kahr noch einmal gegen die systematische Verführung der Jugend. Reue Schiebereien lu München. München, 10. November. In den Nachmitwysqtunden gab es in der Nähe der Residenz wieder große Ansammlungen. Reichswehr und Landes- Polizei mußten emgrmstn. ES kann auch *u% ch t« ß <« reien. In der Münchener BevMerung war die Auffassung verbreitet, daß die ReichSlvchr am Odeonplatz nach dem Anmarsch der HiÜer-Äoute am Freitag ohne jede Warnung das Feuer auf diese eröffnet hatte. Nach den Informationen der ,Münchener Neunten Nachrichten" ist dies unzutreffend. Ein Offiziere der Regiernngskuppen hatte den Hitler-Leuten ausdrücklich zugerufen und sie §wm Äuseina übergehen aufgefordert. Erst als dieser Aufforderung keine Folge gegeben ttmrfce, machte die Reichswehr von der Schußwaffe Gebrauch. Wie nun feststcht, hat sich bedauevlicherlvei.se die Zahl der Todesopfer des Zusammenstoßes am Freitag auf achrzehn erhöht. In den Krankenhäusern liegen noch Schwerverletzte. Tie Landespolizei hat vier Tote zu oe« Kagen. _ Frmtteich und Kahr. Aus Wunsch der französischen Regierung hatte der Oberste Rat der Entente für Freitag eine Sitzung der Bot- - schasterkonfercuz angesetzt, die cäuc Demarche nach Berlin beschließen sollte des Inhalts, daß die Entente der Aufrichtung einer nationatistisch-imilitärischen Diktatur in Deutschland nicht züstimmen könne. Zu diesem Schritt kam es nicht, da die Eintagsrevolution des Generals BumMum in München in fämnkerlicher Lächerlichkeit zusammenfiel. Aber an der französischen Anregung sind verschiedem Umstände bemerkenswert. Vor allen! der Zeitpunkt dieser Schung. Sie war ans die Meldungen aus München hin projektiert wo oben. Nun lvar es ja nichts Neues, auch für Frankreich nicht, daß es in München eine schr große, vor! dem Genevafftaatskommistär Kahr selbst geleitete Partei gibt, die zur vermeintlichen Rettung Deutschlands aus seiner Mat die Diktatur als das einzige Mittel betrachtet. Der tragikomische Putsch des HiÜer und des Lndendorff konnte doch nur in der überhitzten Atmosphäre dieser dlgitation reisen und sein Mißglücken macht ihr kein Ende. Der Herr v. Kahr, Ver sich höchst zweideutig benommen hat, kann jetzt seinen Freunden von gestern nur Vorhalten, daß sie ungeschickt zu Werke gegangen seien lmd daß die Gegenrevolution, wenn sie durchdringen wolle, nicht von der Münchner Eck« aus in Gang gesetzt werden dürfe. Sie kann nur so gelingen, wie sie Kahr und sein« politisch raffinierteren Genosten von heute vovbereiten, durch Der ungarische Abgeordnete Ulain, der auf dem Wege von Budapest nach München festgenÄnmen wurde, war als diplomatischer Kurier von! Hauptquartier der ungarischen Erwachenden Ungarn, das sich in der Biechausgasse (Svrhaz-utva) in Budapest aufgeschlagen 'hatte, geradeaus in das bürgerliche BräuhauS nach Nönnchen entsendet worden. BierhauLgasse konspirierte m i t B r ä u h a u s. Noinen est Een. Spiritisten und Okkultisten mögen darin einen ursächlichen Zusammenhang finden. In der Bierhausgaste in Budapest ivurde von ständig betrunkenen Bierbank- oder Weinfatzpolitckern die blutige Mord- Politik ausgcheckt, die vier Jahve lang Ungarn in ständigen! Schrecken und in unausgesetzter Unruhe hielt; im Münchner Bürgerbrän sollte die Verbrüderung der Budaposter und der Münchner Movdbande ein blutiges Fest feiern. Franz Ulain hat in Ungarn daS Wort geprägt, daß ein echter Volkspolitiker vom Weinfaß herunter das Volk gewinnen müsse und nicht erst eine Parlamentstribüne dazu brauche. Zwischen der Weinspelunke in der Budapest«« Bievhausgaste und dem bürgerlichen Bräuhaus in München halben schon zur Zeit der kommunistischen Aeva in beiden Ländern die intimsten diplomatischen Beziehungen bestanden. Das bürgerliche Brauhaus hat seine Intellektuellen und in der letzten Zeit auch seine nicht genug beschäftigten Msvdevaspivanten der Bierhausgasse in Budapest zur Verfügung gestellt und umgekehrt hat die Bierhausgaste dem Bräul)aus ihre erprobten Mord- Nuicchöhlung des Rechtsbelvnßtftins (wozu die Answeistmv gen und Expropriationen von Juden ein treffliches Mittel sind) und durch die in ein System gebrachte Aushungerung, der deutschen Arbeiter,nassen. Er will das Proletariat znm Aufstand treiben und dann nur seinen Kampfverbärwen, bin1 Hitler-Truppen und der Reichswehr, als der große Retter aus der Not nach Berlin komme,!. Die Diktatur soll nicht erzwungen, sondern höchst legal vom Volk selbst seinen Helden auf dem Kissen entgegengebracht werden. Eine Form also, gegen die die Entente nichts einzuweuden hätte, da sie doch das 'Sel'bstibestimnlungsrecht der deutschen Nation respektieren mnß. Ist cs also der französischen Regierung ernst mit ihren! Widerspruch gegen einen Bruch der deutschen Verfassung, so hätte sie dies vor drei Wochen evklären wüsten. Sie hatte, -damit das Kabinett Stresemann auf den rechten Weg zwingen können und sie hätte damit den Zynismus der rechtSboffchewikischen Hetzer vor einen unÄbersleighareu Damm geführt. Tie deutsche Demokratie hätte neuen Mut fassen können und die Toten in den sächsischen Fabrrksstädten und' in München wären heute noch am Leben. Es warq vielleicht auch von München nach Budapest das Signal ergangen, die geplante Bartholomäusnacht wieder abznsagen. Fwnkreich hat cs aber unterlassen, rechtzeitig zu warnen; ja, cs hat die rheinischen Separatisten, deren Zusannnen spiel mit Lndendorff und Kahr offtnkund'ig war. unter seinen besonderen Schutz genommen und so allen Gleichgesinnten in Deutschland ein sichtbares Aviso gegeben. Mit der Forderung einer Demarche in Berlin will sich Herr Poincare ein Alibi schiffen, ebenso mit seinem Verbot kt Einreise des deutschen Kronprinzen, daS just zu der Zeit bc- 'kannt lvird, in der de.r Kronprinz bereits in seinem schlesischen Schloß die Re ist Müdigkeit ausschläft. Man weiß in Paris über diese Tinge iveit mehr als in Deutschland und der verrückt gewordene Hitler n,ag alle Ursache haben, feinen Pariser Protektoren zu fluchen. Die Trnmrchc. hätte, wenn sie jetzt boschlossen worden wäre, nur Sinn gehabt, wenn man sie an die neue Regienlng hätte adressieren können. Denn ivas hätte Herr Direstniann, der in diesem Augenblick wie seinerzoit Herr Noske in cinenr .Ort fern von Berlin über die Vergänglichkeit alles Irdischen nachgcfonnen hätte, mit der Note ansallgen sollen? Er hätte nur höflich antworten können, er sei der gleichen Meinung. Daß Ne Botschafterkonferenz wieder vertagt wurde, zeigt, daß in dem von Frankreich dirigierten Orchester ettvas nicht stimmt. Sie hätte gerade jetzt ihre Erklärung a'bgeben müssen, jetzt, wo der Herr Kohr Zeit und Muße findet, seine Pläne besser und sicherer zu fundieren als der Lndendorff, der als General nichts anderes tvifft wie; Schießen und auf den Tisch hauen un^ der diese Gelegenheit nur doz-u benützen konnte, seine movalische Verläßlichkeit zu zeigen und seine Freunde im Stich' zu lasten. Wenn die Botschasterkonstrenz die Entwicklung tatsächlich auf einen für Deutschland und für die Welt gedeihlichen Weg bringen will, dann kann dieses Ziel nur so erreicht werden, daß sie klipp und klar für die Berfassung und für die Republik sich einsttzt. Sie nrüßte ferner die Vermittlung ztvischen Deutschland und Frankreich übernchmen und den Kviegsgeist aus der Politik hirmusweisen. Das rvird sie aber nicht tun, weil sie vertagt worden ist- Dü Hitler-Episode ist beendigt, die Gegenrevolution rollt nun unbeschwert von Phantastereien tveiter. Es ist noch Kahr da und hinter ihm steht der lirhle und nnsentimenmle Stlnncs. Professorenaustausch zwischen dem unterirdischen nnd unverantwortlichen Budapest und d'crnjenigen von München. Jetzt hielten beide, die HeMn der Bierhausgaste nnd die Volksbeylücker vom Brällhans, die^Zeit für gekommen, sich von i'hrer nnvemntwortlichen Wellung mit Vem höchsten Maß von UnverantwortlichEeit in verantwortliche Stellungen durchmorden zu können. Der Puffch auf beiden Seiten ist vorläufig ins Master gefallen. In der Biechansgaste von Budapest scheint jemand für besseres Geld, als es die Erwachenden zu bieten vermögen, einen Verrat geübt zu haben und im Münchner Bürgeckbräu 'haben sich die gleichgesinnten schönen Seelen Hitler. Äudendorff. Kahr und Komp, gegenseitig übertölpelt. Der Glücklichere ist unstreitig -Franz Ulain, denn der Kriminalbeamte von Budapest, der ihn in Hegheshalom hoppnahm, hat ihn vor einer der grüßten Blamagen bcwaihrt. Seine noch in Freiheit befindlichen noch immer genug mächtigen Geisinmmgsgenosten nützen auch bereits!?.cse ferne günstige Position zu seinem Nutzen aus. Will rnan ans diesem verkrachten dualistischen Putsch die Bilanz Ziehen, so rmrß man mit tiefer Trauer feststellen, daß in München irohl einige Verhaftungen vorgenommen wurden und vierzehn Leute starben, während die Idee des Putsches in Kahr nach wie vor verkörpert bleibt. In Ungarn sitzen wohl Ulain unv noch einige zu arg kompromittierte Spießgesellen vorläufig hinter Schloß und Zwischen Matts und Brauhaus. Sie Putschisten in Budatzeft und München. gesellen geliefert. Es bestand so eine Art Pogrom- — ^Zionistische Ärbeitspartei „Hitachdnth“ Ollt 6 Sonntag den 11. November, halb 8 Uhr abends, in den Reichshallen, I., Dorotheergassc 6, Spi?i©lit Dr. ARTUR RUPPIN Mitglied der Exekutive der Zionistischen^Weltorganisation (Jerusalem) über „Die jüdisehe Arbeit in Erez Israel“ HMHNnBHHHMHHNHi Der Saal wird schon um 7 Uhr gsöllnet gHHHMHMHHHHBH