Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1704 (11.11.1923)
- Date
- 1923-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Aber in der stürmischen Hast der Ereignisse wird man bescheiden, und so ist auch dieses Datum in seiner Art ein Jubiläum, das Oesterreich inmitten eines grandiosen Politischen Erdbebens in Sorgen zwar, aber doch in ziemlicher Behaglichkeit begehen darf. Der kleine Staat wird von außen nicht angefochten, er ist der behutsamen Obhut des Völkerbundes anvertraut und kann immerhin den Nutzen Preisen, den es bringt, wenn man nicht groß ist. Es kann dir nix g'scheh'u! Die fünf Jahre, auf die diese Republik zurücksieht, sind nicht sonderlich erfreulich gewesen. An einem trüben Novembertag hat die neue Geschichte begonnen und sie ist lange Zeit so regenverhangen gewesen. Es gab Krisen und Stürme. Sie sind heute ziemlich gemiloert, aber doch nicht vorbei. Das große Weltgeschehen schlägt auch hier hinein itnd erinnert die Menschen daran, daß sie nicht allein für sich leben können und daß sie doch wirtschaftlich und politisch irgendwie mit den übrigen Bewohnern des Erdballs in Verbindung stehen. Sie vergessen das gern und nieinen jeder für sich, es könnte nur nach seinem, von den Parteien punzierten Dogma gehen. Aber das ist nicht wahr, und so oft man hierzulande dies vergaß, wurden die Schädel verbeult, die sich-an die- Grenzen der Dinge stießen. Als eine demokratische Republik trat der Staat ins Leben, in der Bürger, Bauern und Arbeiter einander die Hand zu reichen Vorgaben. Es ging in den fünf Jahren zu unterschiedlichen Malen so wie in der Haydn scheu Abschiedssymphonie. Ein Musiker nach dein andern löscht sein Licht und drückt sich zur Türe hinaus. Erst gingen die Bürger beiseite, dann die Bauern. Jetzt sind die Arbeiter an der Reihe; Bürger und Bauern regieren, so weit ihnen das der Herr Genevalkommissär und die hohe Bureaukratie gestatten. Denn inzwischen hat sich herausgestellt, daß Bürger und Bauern das Regieren nicht treffen und daß ihnen alles weltenfern ist, )vas man so gemeiniglich als Idee und Grundsatz des geordneten Zusammenlebens der Menschen m einem. Staate anspricht, nänilich die geradlinige Logik. Daß dies fehlt, ist ja kein Wunder. Der österreichische Staat ist ja nicht organisch entstanden. Damals vor fünf Jahren organisierten sich aus denr Körper der Monarchie die Nachfolgestaaten. In der Mitte blieb ein Rest, auf dem allerhand Schutt, f,ich aufhäufte. Diesen Nest erklärte man als Staat -H-.stnd da es eben nickt anders ging — als Republik. Diejenigen, die diese Republik führen und einrichten sollten, stolperten alle Nasen lang über ihre von der Monarchie geleitete Erziehung. K. k. Politiker als Republikaner. Wo sollte da die politische Konsequenz Herkommen? Fünf Jahre lang sind hier Erfahrungen gesammelt worden. Es wäre heute, am Geburtstag zu wünschen, >>aß sie auch beherzigt werden. Bor allem die Lehre, daß eine Gesellschaft, die einen ihrer Teile aus dem oder Mem Grund unbedingt braucht, diesem Teil doch nicht fortwährend mit denr Hinauswnrf drohen kann. In Oesterreich ist das so mit den Juden. Während alle anderen über den neuen Staat und ihre Zwangslage räsonnierten und einander die Schuld an dem Elend an den Kopf warfen, arbeiteten die Inden an der Sicherung und Organisierung des Staates. Sie ließen es sich keiner Mühe verdrießen, mit Tschechen, Polen und Italienern die alten Verbindungen, die man mit einem Scherenschnitt gelöst hatte, wieder einzurichten. Sie gingen nach Frankreich, nach England und Amerika und erzählten überall, daß der Staat, wenn man ihm unter die Arme greift, lebensfähig sei, daß er über ungeahnte wirtschaftliche Energie verfüge und daß er eine -^nsel des Friedens sei, wenn man ihm nur Ruhe und Zeit ließe. Die Juden griffen überall ein. Sie organisierten die in Unordnung geratene Wirtscha ftsmaschine, sie schaffen Vertrauen, Kredit, Lebensmöglichkcit. Und das alles in einem Regen von Beschimpfungen; sie arbeiteten unverdrossen, während jeder Lausejunge über sie seinen Spott ausgoß. Sie halfen Oesterreich, weil sie ihm und seiner Kraft glaubten, und Oesterreich dankte lener m fscn«cno*»iewaKll i tschech. K 1.~ Italien: Monatl. 10 IJr^ Rumänien Mon. 90 Le» Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25*282. Tel.- Adr.^Morgenzeittff Wien Oesterreichisches Postspar* kassen- Konto Nr. 150.693 Wien. Sonntag, 11. November 1928_._5. iiabrnang PWenkomödie. Sie mittlere Industrie hat Hitler finanziell unterstützt. die Schwer- Industrie nützt heute dar Khans aus. — Etinues gegen Sttefeman». Berlin, 10. November. (Tel. d. ,MZr. Morgenzeitung".) Der Hitler-Ludendorff-Putfch ist klagl'ch zusammengebrochen, weil es Herrn v. K a h r, der offenbar bereit war, sich der Putschregierung anzuschließen, von sozusagen autoritativer Seite naheaelegt wurde, seine schützende Hand von der Hitlerei zurückzuziehen. Als Kahrs Auftraggeber werden Prinz Rupprecht und der Kardinal Faulhaber genannt. Die Drahtzieher sind aber anderwärts zu suchen. Es hat sich hier einfach um eine Aktion der mittleren gegen die Schwerindustrie gehandelt, bei welcher die Schwerindustrie Siegerin geblieben ist. In dem politischen Konzept der S t i n n e s und Konsorten patzt das Varieteprogramm, welches der Revolverschutz Hitlers einleitete, nicht in die wohlerwogene Rechnung. Die mittlere Industrie, welche, wie heute erwiesen ist, die Hitler- und Ludendorff-Kampagne reichlich finanziert hat, ging von dem Gedanken aus, daß ein rascher, gewaltsamer Umsturz ihre geschäftliche Situation durch Umstellung ßer Betriebe auf Kriegsarbeit bessern könnte. Geschäftlich viel weitsichtiger ist jedoch die Schwerindustrie, welche durch eine legale Evolution zum Putsch in Verbindung mit den Industriellen jenseits des Reiches ihre geschäftlichen Ziele und die Entwicklung ihrer Unternehmungen weit mehr gesichert sieht. Dieselbe deutsche Schwerindustrie, welche fiir die projektierte rheinländische N ational bank 5Y Prozent des Grundkapitals bsiznsteuern bereit ist, ist auch' bereit, jede Bewegung in Deutschland zu unterstützen/ welche auf die Zerreißung des republikanischen Reiches ausgeht. Darum wird der bayrische Königsgedanke liebevoll gehegt und die Separationsbewegung im Rheinland zur Vorbereitung der industriellen Konzernerwetterungen gefördert. Deshalb aber läßt auch jetzt nach dem Zusammenbruch des Münchner Plüsches die Schwerindustrie und die Landwi rtschaft ihre parlamentarische «Vertreter gegen dieRegierungStresemann Sturm laufen. Stresemann, der „junge Mann des Herrn Stinnes", als welcher er ins politische Leben eintrat, hat, auch als er die große Koalition bildete, nicht aufgehört, eine Stinnes-Puppe zu sein. Wohl hat er anfangs aufzumucken versucht, aber als er sah. daß der Kampf zwischen der mittleren und der Schwerindustrie für die erste aussichtslos sei, schwenkte er mit der ihm eigenen Commis Voyageur-Vorsicht langsam wieder zu seinem ersten Vrotgeber zurück. Die Schwelung scheint zu langsam gewesen zu sein. Herr Stresemann mutz doch seinen Kops verlieren. Seme eigene Partei, die Deutsche Volkspartei, läßt Stresemann fallen und die Deutschnationalen kündigen in ihrem Blatte, wohl auf genügend Hilfs-, mittel gestützt, eine ausgesprochene Rechtsregierung an. Das Parlament wird ausgeschaltet werden und die Rechtsdiktatur, welche die Hitler-Lndendorfl-Oyeretie anfrichten wollte, wird auf legalem Wege wohl in kürzester Frist zur Wirklichkeit werden. Nach dem Münchner Putsch hat die Botschafterlen f e r en z eine Ennnziation von sich gegeben, in welcher eine abwartendc Haltung gegenüber der Entwicklung in Deutschland ausgesprochen wird. Das bedeutet, daß Frankreich die legale Rechtsdiktatur gutheißt und daß hinter allen den Bestand des Reiches und der Republik gefährdenden Aktionen Frankreich s M i twissenschaft steht. Die Schwerindustrie, welche auf dem Rücken des Reiches, das sie zu einem ruinösen Widerstand gegen Frmrkreich gebracht hat, nunmehr mit detürmt Ausweisung, Sekkatur und Hakenkreuz. Sie sorgten sich fiir bic hungernden Kinder, für die wissenschaftlichen Institutionen, für die Spitäler, und alle politischen Schuster und Professoren, die -ohne jüdische Mühe verhungert wären, erklärten sich eins mit Erwachenden und Völkischen. Trotzdem aber wissen sie, daß sie ohne die jüdische Kraft nur ein armseliger Sandhaufen wären, sie appellieren immer an die Juden oder an die geehrten Mitbürger ohne Unterschied der Konfession. Sei's drum. Wir freuen uns dessen, daß in der Erhaltung und Ausstattung dieses Staates das Judentum kine so selben Frankreich verhandelt, muß ja, um als Der- Handlungsfaktor ernst genommen zu werden, dem Gegenpart ihre politischen und wirtschaftlichen Ziele genau dargelegt haben. Frankreich kennt also den politischen Weg, welchen die Schwerindustrie in Gemeinschaft mit der Landwirtschaft dem Deutschen Reiche aufzwingen will, und arbeitet Hand in Hand mit den Verrätern, welche agitatorisch mit der Legende vom Verrat selbst den Dolchstoß gegen den Bestand des Reiches führen. Heute vormittags ist . der deutsche Exkronprinz i n B e r l i n eingetroffen und, von einem Beamten der Bei> liner politischen Polizei auf der Fahrt durch ganz Deutschland begleitet, nach seinem Gute O e l s weitergereist. Der formelle Protest, welchen die Botschafterkonferenz gegen die Rückkehr des Kronprinzen eingelegt hat, trifft vollendcteTatsachen und es ist zu vermuten, daß auch dieses Ereignis ans der L'nie der Frankreich bekannten politischen Entwicklung liegt. Man kann ja immer sagen, datz ein Sohn an den Verbrechen des Vaters, gegen die man sich verteidigt hat, unschuldig ist. Wie heute die D'nge liegen, hat der Putsch in München ein Opfer gefordert: die Republik des Deutschen Reiches. Hitler nach Oesterreich geflüchtet? München, 10. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitnng") Der Hitler-Ludendorff-Putsch ist, wie hante bereits feststeht, von den Kampfverbänden Hitlers über Beschwerden der Brigade Erhardt wegen deS immer fühlbarer werdenden Geldmangels aur Donnerstag mittags beschlossen worden. Am Abend kam mitten in einer Rede des Generallommissärs Kahr Hitler an der Spitze eines b'waffneten Trupps in den Bürgerbräukeller und Proklamierte mit dem aus amerikanischen Varietes bekannten Pistolenschutz den Beginn der nationalen Republik. Seme Rede schloß mit den Worten: „Der Morgen findet entweder in Deutschland eine deutschnationale Regierung oder uns tot." Worthalten ist Hitlers Sache nicht; es ist weder das eine noch das andere eingetroffen, aber der im Bnrgerbräukcller schußbereite Held ist, als er im Kamps aus dem Odeonplatz von einem Reichswehrsoldaten eine über die Hand bekaur, eilig geflüchtet. Sein Aufenthalt ist unbekannt. Er dürfte sich nach seinem Vaterland Oesterreich gewendet haben. Der zweite Held der Donnerstagnacht, der den Erfolg hatte, daß z w ö l f P e r s o n c n umkamen, wurde von dem ihn verhaftenden Reichswehrossizür „aehorsamst" um Seht Ehrenwort gebeten, daß er weiterhin nicht mehr mitmachen werde. So wurde Herr Lndendorff enthaftet, was übrigens von der „reichstreuen" Reichswehr ohne Wissen und Fühlungnahme mit der Reichsregierung erfolgte. Angeblich wird General Ludendorff jetzt vor dem Standgericht München verhört. Kahr und der bayrische Ministerpräsident Knilling, welcher mit einigen Mitgliedern seiner Regierung von den Hitler- Leuten verhaftet wurde und nach längerem Suchen sich wieder gesunden hat, haben das Standrecht in München erklärt. Di: vor Hitler geflüchteten bayrischen Minister befinden sich in Augsburg. Die in München eingerückten Truppen, welche in der Stärke von 15.000 Mann ans dem Norden und aus Nürnberg herangezogen worden waren, wurden zum Teil wieder abkommandiert. München selbst ist vollkommen rnhig. Die Bevölkerung hat gegenüber dem Putsch völlige Teilnahmslosigkeit gecigt. Alch in Nordbayern wurden die Versuche der Nationalsozialisten, welche schöne Probe seiner staatsbildenden Fähigkeit abgelegt hat und sind vergnügt in dein Gedanken, daß wir an den Fehlern, die hier begangen wurden und die noch zu begehen sich das deutschösterreichische Voll felsenfest vorgenommen hat, nur passiv beteiligt sind. Wir sind das Element der Tat. Am Rat nehmen wir nicht teil, da wir nicht einmal im Natu-nalrat vertreten sind. Es ist ein wohltuendes Bewußtsein, daß wir arbeiten, aufbanen und lernen können. In biejem Bewußtsein wünschen wir als treue Sramsburacr der Republik alles Gute iy die Zukunft.