Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1703 (10.11.1923)
- Date
- 1923-11-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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fcfiie 3 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung. 10. November 1923 Nr. 1708 In der Zeit der gröifteu außen- und innenpolitischen V^»rängnis haben sich verblendete anü Werk gemacht, nm das Deutsche Reich zu zerschlagen. In München hat eine bewaffnete Horde die bayrische Regierung gestürzt, den bayrischen Ministerpräsidenten v. Knikling verhaftet und sich angematzt, eine Reichsregierung zu bilden, General Ludendorss zum angeblichen Befehlshaber der deutschen Armee, Herr» Hitler, der erst vor kurzer Zeit die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hat. zum Leiter der Geschicke Deutschlands zu bestimmen. Es bedarf feinem Hinweises darauf, datz diese Putschversuche null und nichtig ßnd. Wer diese Bewegung unterstiitzt, macht sich zum Hochu n d Landesverräter. Statt unseren Brüdern in« Rheinlande und an der Ruhr zu helfen, die für Deutschlond kämpfen, st ü r; t man Deutschland ins Unglück, gefährdet die Erniihnng, bringt uns in die Gefahr e i n es 'fe i n d li che n Einmarsches und zerrüttet aste Aussicht auf die Anbahnung wirtschaftlicher Gesundung. Die letzten Maßnahmen der Reichsregierung ans wäh« dimgspolitischem Gebiete haben dazu geführt, daß sich die Mar! im Auslände in den letzten 24 Stunden um das Vielfache gebesiert hat. Alles das ist dahin, wenn das wahnwitzige Beginnen Erfolg hat. das in München versucht wird. Zn der Schicksalsstunde des deutschen Volkes und des Deutschen Reiches fordern wir alle freunde des Vaterlandes auf, sich einzusehen für di? Bewahrung der Reichsoin heit, deutscher Ordnung nnd deutscher Freiheit. Alle Maßnahmen für die N?eder!8u'.pfung des Putfches «nd zur Wiederherstellung der Ordnung sind ge- . troffen und werden mit rücksichtsloser Energie durchgefubet. Der Kabinettsrat dauerte bis 2 Uhr nachts. Es wurde beschlossen, falls in Norddenischland im Zusammenhang mit dem Putsch in München Putschversuche erfolgen sollte, diese sofort niederzu sch.lagen. Nach dem Kabinettsrat setzte Reichskanzler Strese mann gemeinsam mit dem Staatssekretär v. Maltzahn eine Note auf, durch welche die Vertreter der an.sw8rtigen Machte in Berlin von den Ereignissen in Kenntnis gesetzt werden. Sofort nach Eintreffen der Münchner Nachrichten waren von der Berliner Polizei umfassende Maßnahmen getroffen worden. Insbesondere war das Regierungsviertel von einem starken Aufgebot gesichert. Die Absperrung des Regierüngsviertels durch Polizei wurde jedoch heute morgens wieder aufgehoben, fo datz die Stadt ihr gewöhnliches Aussehen wieder erlangt hat. " Polizeipatrouillen mit geladenem Gewehr durchziehen truppenweise die Straßen. Heute nachts wurde die Ruhe in Berlin nirgends gestört.. Eine Umsturzgesahc für Berlin erscheint gänzlich ausgeschlossen. Tie Revolution i« Mrgerbrst«. „Entweder Sieger oder tot!" Ueber die Szenen, die sich in der Nacht auf Freitag im Bürgerbräu abspielten, liegt der folgende Bericht vor. Der Saal ist ziemlich klein und süßt im ganzen etwa 400 Personen. Der Generalstaatskovrmiffär K ach r hatte kurz nach Eröffnung der Versammlung erst einige Worte gesprochen (das in die Welt hinanstelegraphierte Manifest hat er n i ch t verlesen), als der nationalsozialistische Führer Hitler, von zwei Schwerbewaffneten begleitet, in den Saal eindrang und mit hocherhobenem R ev o l v er Ruhe verlangte. Er rief m den Saal: „Die Sache geht nicht gegen Kahr!" Ein Stabsoffizier der Hitler- Truppe erklärte darauf: „Heute beginnt die nationale Revolution! Sie richtet fich ansschließlich gegen die Berliner I u d e n r e g i e r u n g. Die neue Regierung Hitler- Ludendorff-PLhner, sie lebe hoch!" Die Versammlung stimmte hierauf das Deutschland-Lied an. Sodann erschien Hitler vor den Beisammelten, nachdem er sich vorher durch einen Revolver, schuß Ruhe verschafft hatte. Er schlug vor, das Kabinett Knilling für a b g e s e tz t zu erklären. Die bayrische Negierung solle aus dem Laudesverweser v. Kahr und dem mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Ministerpräsidenten Pöhne, gebildet werden. Die Berliner Regierung sei als abgesetzt zu erklären, ebenso Reichspräsident E b e r t. Die dentfchnationale Reichsregiernug werde in München gebildet werden. Hitler schlug ferner die Bildung einer deutschenNationalarmer vor. Die Leitung der Politik dieser provisorischen nationalen Regierung wolle er (Hitler) übernehme«, während Ludendorss die Leitung der deutschen nationalen Armer übernehmen solle. General v. Lossow werde deutscher Reichswehrminister. Die Aufgabe der provisorischen deutschen nationalen Regierung fti, den Marsch gegen das Sündenbabel Berlin anzutreten. Den Ausführungen Hitlers folgte unbeschreiblicher Jubel. Hitler schloß: Der morgige Tag findet entweder in Deutschland eine nationale Regierung oder uns tot. Es gibt nur eines von beiden. Während dieser Szenen besetzten seine Scharen, earvnter 150 Innsbrucker Studenten, die Postämter und Regier» ugsgebände. «n* authentische Schilderung de» Putsche». <$in schwacher Rechtfertigungsversuch Kahrs. München, 9. November. (Süddeutsches Kor- ^espondenzbnreau.) Die Korrespondenz Hofsmann veröffentlicht folgend«? anchentische Erklär:,na " >ev d»,r KitlereBuMr Am Donnerstag um 0 Uhr nachmittags legte der Geueralstaatskommissär vor einer Versammlung der Führer ,der Vaterländischen Verbände, darunter auch einem Führer dos „Kampfbimd", seine Auffassung über die Lage dar, und zugleich den bestimmten Willen, demselben Ziele zuzustreben wie die vaterländischen Verbände. Dabei wurden die Führer ausdrücklich vor Putschen gewarnt mit dem Hinweis daraus, daß gegen solche mit militärischen Mitteln cingeschritten werden müßte. Am 8. d., nachmittags, wurde eine Besprechung zwischen Kahr, Ludendorss, General v. Lossow und Oberst v. Seist er im Generalkommissariat abgehalten. In dieser Besprechung wurde Einheitlichkeit in bezug auf die zu. erstrebenden Ziele seftgestellt. Gleichwohl wurde wenige Stunden später in der Versammlung im Bürge-s-pänkeller, während Kahr seine Rede hielt, von Hitler mit einem starken bewaffneten Anhang ein e r p r e s s e r i s ch c r 11 ebersall nuternomuw»», wobei Kahr, Lossow und Srißer mit vorgehaltencr Pistole gezwungen wurden, bei der Verwirklichung der von Hitler schon lauge gehegten Pläne, nämlich bei Ausstellung einer Reichsdiktatur H i t l er -Ludendorss in Bayern mitzutun. Wenn Kahr, Lossow und Setßcr unter dem Zwange der Ver hältnisse die von ihnen erpreßten Erklärungen abgaken, so geschah dies, weil die Herren von der Nebcrzeueung erfüllt waren und sind, daß mit in einem einheitlichen Zusammengehen nnd Vorgehen dieser drei Personen noch die Möglichkeit gegeben war, die Staatsautorität innerhalb Bayerns ansrechtzuerhalten und das Anseinandersallcn aller Machtmittel zu verhindern. Außen diesen Erwägungen allein baden Kahr, Lossow und Seißer es über sich gebracht, die ihnen unter brutaler Vergewaltigung angesonnene Zumutung mit scheinbarer Zustimmung zu beantworten, um die Freiheit des Entschlusses nnd des Handelns wiedenugewinnen. Nach diesenr Vorgehen wurden im Saale, von den meisten unbemerkt, mehrere Personen von den N a t i o n a l s o z i a l i ft e n f e st g e u o m m e n, darunter auch die Minister Tr. v. K n i l l i ng, S ch w e y r r, G ü r t n e r und W u tz e! h o f r r. Hitler ertlärte sodann, Knilling sei abgesetzt, als Landesverwescr würde Kahr fungieren. Kahr gab darauf die folgende Erklärung ab: In höchster Not übernehme ich die Leitung der Staatsgeschäfte als Statthalter der Monarchie. In der Nacht war die Festnahme Pöhners erfolgt; ebenso wurde der von den Nationalsozialisten als Polizeipräsident eingesetzte Polizeirat Frick festgenommen. Um 11 Uhr vormittags wurden die kommunistischen und sozialdemokratischen : Münchner Stadträte ebenso der sozialdemokratische erste Bürgermeister Schmidt von einem nationalsozialistischen Trupp mit Gewalt ans dem R a t h a n s e geholt. Durch den Einsatzder Münchner Truppen, der Landespolizei und der von auswärts herangezogenen Kräfte war bis 3 Uhr nachmittags der Putsch restlos in sich zusammengebrochen. Me bayrische Regierung in Regensburg. R e g e n s b u r g, 9. November. (Wolfs.) Die „Regensburger Zeitung" verbreitet folgende Erklärung der bayrischen Regierung: Infolge des heute nachts in München unternommenen Putfches begaben sich die Staatsministcr Dr. Matt, Dr. von Meine!, Dr. Kr aus neck nach Regensburg, um zunächst von hier aus die Regierungsgeschäste weiterzuführen. Sie haben alsbald die Verbindung mit dem Regierungspräsidenten ausgenommen. Von Regensburg aus sind die entsprechenden militärischen und polizeilichen Maßnahmen bereits ergriffen. Verstärkungen sind nach München abgegangen. Die Fühlungnahme mit dem Generalkommissär von Kahr und mit dem Landeskommandanten von Lossow in München ist ausgenommen. Die von den beiden und von Oberst Seitzer in der Versammlung am Donnerstag abgegebenen Erklärungen waren mit Waffengewalt erpr-eßt nnd sind bereits widerrufen. Die Reichswehr nnd die Landespolizei stehen treu zur verfassungsmäßigen Regierung. Nach hierher gelangten Nachrichten ist der Putsch im Abflauen begriffen. Die ordnungsliebende Bevölkerung, insbesondere die Beamtenschaft, bringt der Regierung das vollste Vertrauen entgegen und wird sie bei der Wiederherstellung geordneter Zustände, die in kürzester Frist zn erwarten ist, einmütig unterstützen. Gin Aufruf Des General» tzeeitt. Berlin, 9. Noveniber. Der Chef der Heeresleitung und Inhaber der vollziehenden Gewalt, General von S e e ck 1, erklärt in einem Aufruf an die Reichswehr u. a.: Ich weiß, daß ich auf Armee und Marine felsenfest vertrauen kann und daß alle Teile der Wehrmacht zu mir stehen. Zwischen dem Norden und dem Süden bestehe kein Zwist. Eingriffe Unberufener in die Ordnung des Reiches und der Länder wird die Reichswehr unter meiner Führung mit Nachdruck zurückweisen, von welcher Seite sie auch kommen mögen. Ein Avsrus der preußische« Regierung. Berlin, 9. November. Die preußische Staatsregierung erläßt folgenden Aufruf: Staatsbürger Proußens! In München ist von H o ch v e r r 8 t e r n versucht worden, die bayrische Regierung, zu stürzen. Dse Einheit des Reiches und seine Verfassung sind bedroht. Die Reichsregierung hat zn ihrer Verteidignng aufgerufen.. Es war stets Preußens Ruhm, der festeste Eckpfeiler des Reiches zu fein Die vreutzffibe Reaierruia Lebt aluck ietzt rückbaltlas der Reichsrcgiernng in dem ihr anfgedrungenen Mitbürger, tretet einmütig hinter eure Regierung und helft so alle mit, die Einheit des Reiches zu erhalten. Auch die Deutsche Bolkrpartel ist empört. Berlin, 9. November. In einem Aufruf der Deutschen Polkspartei heißt es u> a.: Die Reichstagsfrak« tion der Dänischen Bolkspartei spricht ihre tiefe Empörung über den verbrecherischen Staatsstreich in München ans. Sir erklärt feierlich, daß sie einig und fest hinter der Verfassung s m n ß i g e n Gewalt des Reiches stehe. Urteile der Berliner Preise. Berlin, 9. November. (Tel. der „Wiener Morgen» zeitung".) Tie Ereignisse in München werden von der gesamten Presse eingehend kommentiert. Mit Ausnahme der deutschnationalen Blätter verurteilen sie durchwegs die Vorgänge in Bayern scharf. Der „B o r w ä r t s" spricht von einem u c> v e r.t b c rlichen FastnachtSspuk in München und bezeichnet die Erklärung Kahrs und Lossows von der angeblichen Erzwingung ihrer Teilnahme am Putsch als eine s charu lose und unwürdige Au Sred e. Das „Berliner Tageblatt" bezeichnet es nunmehr als ausgeschlossen, daß die verfassungstreuen Parteien mit der T e u t s ch n a t i o n a l c n Volksarte, eine gemeinsame Regierung bilden könnten. Die „Vvssische Zeitung" meint, die gestrigen Vorfälle in München bedeuten einen Gewinn für das Steich, da sich General Ludendorff endlich demasiert habe. Die „Germania" fordert energisches Eingreifen. Im übrigen erklärt das Blatt, daß Dr. K a h r als Hüter der Ordnung und Sicherheit schmählich betagt habe. Die „Deutsche Allgemeine Z e i t u ng " (das )rgan Stinnes') spricht von einer Episode und bedauert im höchsten Maße, daß eine Persönlichkeit wie Ludendorss daran beteiligt sei. Kim Demarche der Entente. Paris, 8. November. (Havas.) Wie der „T e m p s" meldet, hat die Negierung den französischen Botschafter in Berlin angewiesen, die deutsche Reichsregierung in Kenntnis zu setzen, datz Frankreich die Einsetzung einer diktatorischen Regierung in Deutschland n i ch t d u l d e n würde. Berlin, 8. November. Die Expretzkorrespondenz meldet aus Paris: Nach Informationen aus unterrichteten Kreisen bedeutet der heutige französische Ministerrat, der unter dem Vorsitz M i l l e r a n d s stattsand, einen Markstein in der ftanzösischen Politik. Entgegen seinen ursprünglichen Absichten habe Poineare sich aus Anregung des Präsidenten der französischen Republik dazu entschlcssen, dem französischen Botschafter in Berlin den Auftrag zu gebe»«, zu erklären, daß die französische Regierung die Einsetzung einer Diktatur in Deutschland nicht zulassen würde. Gleichzeitig habe der Ministerrat beschlossen, die neuen Instruktionen Poincares an den ftanzösischen Botschafter in Washington gntzuheitzen, in denen Poineare ein gewissesEntgegenkommen gegenüber dem amerikanischen Standpunkt zeigte. Die beiden Beschlüsse des heutigen Ministerrates ständen unzweifelhaft in einer engen Verbindung miteinander. Sie suchten einerseits die Teilnahme Frankreichs an den Bemühungen für eine Stabilisierung der innerpolitischen Lage Deutschlands zu gewährleisten, andererseits die Teilnahme der französischen Regierung an den Bemühungen für die Wiederauftichtnng der deutschen Wirtschaft zu sichern. Von authentischer Seite wird dazu mitgcteilt, daß der französische Botschafter diesen angekündigten Schritt der ftanzösischen Regierung gegen eine Diktatur in Deutschland vis jetzt noch nicht ausgeführt hat. D e r l i n, 9. November. Die Telegraphenunion meldet aus Paris vom 8. d.: Aus Aeußerungen in der Botschasterkonscrenz ist zu schließen, daß eine Ausdehnung der mit itarischen Besetzung Deutschlands in Er- Wägung gezogen worden sei. Diese Wendung wird vom „Temps" dahin berichtigt, datz den alliierten Regierungen vorerst Vorschläge in dieser Angelegenheit unterbreitet werden sollen. Gintontftmg der Botschasterkonferenz. Paris, 9. Noveniber. (Havas.) Die alliierte;. Regierungen haben stch über die infolge der gegen wärtigen Ereignisse in Deutschland, insbesondere der Diktatur in Bayern, dem Deutschen Reiche gegenüber einzunehmende Haltung geeinigt. Die Botschasterkonferenz, die wahrscheinlich beauftragt werden wird, die Entwicklung der Dinge zu verfolgen und die erforderlichenfalls notwendigen Maßnahmen zu treffen, wird heute nachmittags zusammentreten. Der Protest der Botschafterkonfereuz gegen eine Rülttehr der Kronprinzen. Paris, 9. November. Die Botschasterkonferenz hat den Text der Noten, die wegen der angeblichen Rückkehr des deutschen Kronprinzen nach dem Haag nnd nach Berlin gerichtet werden sollen, ausgearbeitet und den Regierungen Englands, Italiens, Belgiens und Japans zur endgültigen Ratifizierung unterbreitet. Die Gerrehmigurrz des Texte» durch mehrere dieser Staaten i!t bereits in ein» AAtAAOJu