Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1703 (10.11.1923)
- Date
- 1923-11-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Hitler-Putsch im Münchener Bürgerbrauhaus kst nicht durchgedrungen. Die groteske, nach den Regeln der Schmierenkomödie aufgeführte Szene war nicht der erste Akt eines großen historischen Dramas. Hitler drang schreiend und aus einem Revolver schießend in die Versammlung ein, in der der Generalstaatskommissär eine von blutigem Immer feste druff! gespickte Proklamation gegen den Marxismus verlesen hatte. Eitler ernannte Kahr, Pöhner, Lossow, Ludendorff uuö Seißer zu obersten Funktionären der neuen Epoche, Hitler setzte den Reichspräsidenten und den Reichskanzler cch und proklamierte sich selbst als Kanzler, Hitler ließ die legale Regierung verhaften, Hitler besetzte die Stadt. Dann ging er schlafen in dem seligen Belvußtsein, seinen Namen in die Weltgeschichte geschrieben zu haben und gemeinsam mit Ludendorff ein neues Kapitel der deutschen Entwicklung aufzublattern. Als er erwachte, war der Steckbrief gegen ihn draußen und ein Aufruf des Reichspräsidenten nannte ihn den Führer einerbewaffneten Horde. Und gleichzeitig trifft die Achterklärung den großen Erich Ludendorff, der an der Seite seines Kumpans verhaftet wurde. Der oberösterreichische Tazierer Hitler uns der blutige Marschall geraten in das unbarmherzige Licht der Lächerlichkeit. Aber dieses Münchener Ereignis ist keine Episode, dir rasch vorbeigeht. Es ist gescheitert, weil in den Köpfen der Männer, die ihre bayrische Sepa'ratpolitik betrieben haben und wohl noch weiter betreiben werden, noch ein letzter Rest von Respekt vor der Gesetzmäßigkeit, schläft, den der manische Hysteriker Hitler unsanft wach rüttelte. Es ist aber doch nur ein Knalleffekt fehl gegangen. Sachlich hat sich gar nichts geändert. In Bayern besteht die Diktatur, die eben im Begriffe war, sich ein gesetzliches Mäntelchen zu schaffen und die ganz das Gleiche versucht hätte wie Hitler und Ludendorff, aber mit ganz anderen Mitteln und mit dem Applomb des auf seine Reservatrechte und auf eine erschwindelte Mission zur angeblichen Rettung des Deutschen Reiches gestützten souveränen Staates. Sie verfolgen jetzt den dummdreisten Hitler, entledigen sich des ihnen lästigen Ludendorff und werden unter Berufung auf ihre so bewiesene Reichstreue den Kamps gegen Berlin, gegen die Judendemokratie und gegen den inneren Frieden unter der Gloriole der vor dem Revolver gezeigten Festigkeit fortführen. Es mag jein, daß in Berlin die Stellung Stresemanns durch den Hitler-Putsch gefestigt wurde. Aber das kann sich im Augenblick gar nicht auswirken, weil der Reichstag nicht versammelt ist und demgemäß die Völkischen im Reich, die Berlin in einen Kreis bewaffneter Banden gebannt haben, Zeit gewinnen, sich von dem ersten Schreck zu erholen. Das Gespenst der gewaltsamen Umwersung der deutschen Republik geistert fort und es ist, wie die inzwischen aus Budapest kommenden Nachrichten über die Main-Affäre zeigen, gewiß, daß eine von langer Hand vorbereitete Verschwörung zur Revolutionierung Mitteleuropas besteht, der einstweilen. nur ein paar Köpfe abgenommen wuvden. Diesem Projekt lag vor allem der Gedanke einer großen Hudenfchlächterer zugrunde und es bestanden zwisckM München und Budapest detaillierte Vereinbarungen, die sich Wohl nicht bloß ans diese Städte bezogen, sondern ein durch eine gut vorbereitete Organisation überwachtes Gebiet von großer Ausdehnung umfaßten. Ein Teil dieses Planes ist jetzt gefallen. In Budapest fühlte sich Graf Bethlen bedroht und in München wehrte sich der bodenständige Kahr gegen den Gedanken, sich von dem aus Oesterreich zugelaufenen Hitler und von dem aus Preußen eingewanderten Ludendorff einspannen zu lassen. Freunde einer friedlichen, geordneten Entwicklung können sich dieser Demaskierungen nicht freuen, so lange nicht die mittelbaren und unmittelbaren Ursachen dieser tollen Projekte beseitigt sind. Die unmittelbaren Gründe liegen bei der jphynxhaften Haltung des deutschen Reichskabinetts, das vor Bayern zuvückweicht und die bewaffneten Heerhaufen in Koburg duldet, dagegen alle Energie gegen die hungernden Proletarier in Sachsen und Thüringen entsetzt. Dies hat zu Erpressungen geradezu herausgefordert. Mittelbar aber liegen die Ursachen bei dem Krieg, den die Mittelmächte anzündeten und verloren, bei der Rachsucht der Sieger, die mit Deutschland so verfahren, wie Ludendorff mit ihnen Verfahren wäre/ und bei der ins Stocken geratenen Revolution vom 9. November. Den fünften Jahrestag begeht die Republik in beklommener Angst .Vor jeder neuen Stunde, die ihr Ende bvinaen kann. Der «echtsputsch niedergeschlagen! München von der Hskentteuzherrschast wieder befreit. — Hitler verwundet entflohen! — Lndendorsi zuerst verhaftet, später gegen Chrenwott sreigelaflen. — Staudrecht in München. — Auflösung der MLionglsoziaWischen Partei. Stuttgart, 8. November. Das Wehrkreiskommando 5 teilt mit: Ein hier ringe» lanfener, in München um 3 Uhr nachmittags aufgegebener Funkspruch meldet: München ist vollkommen in den Händen der Reichswehr und der Landespolizei. München, 9. November. Generalftaatskommissar v. Kahr hat heute vormittags einen Aufruf gegen die Putschisten veröfftlicht und die NationalsozHalistis che Partei aufgelöst. Mittags wurde das Standrecht proklamiert. Bei dem Zusammenstoß der Reichswehr und der Landespolizei mit den Nationalsozialisten aus dem Odeons-Platz wurde Ludendorffgefangen. Er wurde nachmittags gegen Ehrenwort wieder in Freiheit gesetzt. Hitler wurde verwundet, sein Verbleib ist unbekannt. Es gab auf beiden Seiten einige Tote und Verwundete. In den späteren Nachmittags st unden waren die Nationalsozialisten bereits entwaffnet, die Macht ist fest in der Hand Kahrs. Die Mitglieder des Ministeriums Knilling befinden sich zum Teil noch in Schutzhaft. Die Stadt ist ruhig. Nürnberg, 9. November. (Wolfs.) Münchener Meldungen besagen, daß Ludendorfs in Schutzhast genommen worden sei. Im Laufe der Säuberungsaktion gegen das Reichsweyrgebändr kam es ohne Ursächlichen Zusammenhang mit dieser vor der Residenz zu einem Feuergefecht mit Nationalsozialisten, wobei es 14 Tote, bezw. Schwerverwundete gegeben haben soll. Auch ein Hauptmann der Land es Polizei soll hierbei den Tod gefunden haben. Das Reichswehrgebaude ist von Hauptmann Roehn bedingungslos übergeben worden. Die Verbünde „Oberland" und „Reichsflagge" sowie die natiorialfo ialistische Arbeiterpartei find aufgelöst worden. Ser gescheiterte Aussta»-- Berlin, 9. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die ersten Mitteilungen über die Münchener Vorgänge trafen hier gegen 11 Uhr nachts ein. Das Reichslabinett trat sofort zusammen. Gegen Mitternacht wurde der Relchskanler S tr esc mann vom Prüsidenten Ebert empfangen, dem er den Text des im M'mifterrat beschlossenen Aufrufes vorlegte und über die zu ergreifenden Maßnahmen berichtete. Es wurden für alle Fälle die südbayrischen Kontingente auf München in Marsch gesetzt, alle Beziehungen zu Bayern abgebrochen, die Geldleistungen sistiert und so eine Art Kriegszustand hergestellt. Der Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht wurde dem General von SeeSt übertzggeu, dem auch die vollziehende Gewalt zugesprochen wurde. Politisch ist durch diese Vorgänge eine Beschleunigung der Kri e eingetreten in dem Sinne, daß die Deutschnationalen sehr viel Wasser in ihren Wein gegossen haben. Wohl schrieb die Stinnessche „Deutsche Allgemeine Zeitung" noch am Morgen einen Jnbelartikel über den Bürgerkrieg, aber I diele Freude wv^de bald aetrübt. die nähere» Mitteilungen aus München einliefen und erkennen ließen, daß zumindest Hitler und Ludendorff das Spül verloren hatten. Beide haben darin eine gewisse Uebung. Ludendorsf hat die Kriegsniederlage verschuldet und den K a p p - P u t s ch geleitet, Hitler hatte sich am 1. Mai bereits eine Blöße gegeben, als er die Sozialdemokraten nich* anzugreisen wagte. Was nun beiden in München passiert ist, das ist bis zur Stunde eigentlich noch in vielem rätselhaft. Insbesondere ist x die Rolle Kahrs nicht ganz durchsichtig. Hat er den beiden im Bewußtst!» ihrer politi'chen Kindlichkeit eine Falle gelegt od.r hat er sich von ihnen überraschen lassen? Der Draht funktioniert noch immer nicht und man ist auf Nachrichten aus den Städten, wie Nürnberg, Wirr'bürg, Stuttgart, angewiesen, die in der Hauptsache übereinstimmen und das Mißlingen des Putsches melden. Die verhafteten Minister Knilling und Schweyer sind wieder auf freiem Fuß, Lossow, Kahr und Seißer erklären, ihr Eintritt in die Hitler-Regierung sei ihnen von dem Äbergeschnappten Tapezierer mit dem Revolver abgepreßt worden. Gegen ihre Unterführer Kühnlein, Rehm, Gröbel und Schalk« er-Richter find Haftbefehle erlassen worden. In Bamberg sind die Häkenkreuzler entwaffnet worden. Daß Kahr dies wagt, besagt sehr viel. Er hat die Patzlontrolle verschärft und Haftbefehle gegen alle Mitglieder der „Reichsflagge" und des „Oberland" erlassen. Die Stuttgarter, Nürnberger und Regensburger Militärkommandanten haben sich für die Regierung erklärt und marschieren nach München, dessen Kasernen im Besitz der Regierung Knilling M sollen. Der Anftus der deutschen Reichsregierung ist von Eb«rt u»b Stresewann gezeichnet und lautet: