Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1702 (9.11.1923)
- Date
- 1923-11-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980784--16720-3003660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
a. NkovenMv iM Sette 8 Wien, Freilag_ Zum ZionUschm VartettN. Bon Dr. Wilhelm Stein. Die Situation, in welcher bic. Vertreter der österreichischen .Zionistischen Orgainisation Heuer zusammentreten, ist wesentlich schwieriger und verantwortungsreicher als in -früherer! Jahren. Schon die Beschlüsse des Karlsbader Kongresses -bedeuten ein? prinzipielle Aenderung in unserer Taktil nach außen und wirken damit auch auf die innere Konstruktion des Parwiorganisrnus. Dabei haben uns die Ergebnisse der letzten Wahlen eine Gefahr ausgezeigt, die eigentlich viel drohender empfunden werden müßte als cs bei uns geschieht. Wir haben die Gewohnheit, bei Mißerfolgen, -wie es die letzten Wahlen waren, rasch unsere Zuflucht zu Vem Gedanken zu nehmen, daß Mahlen schließlich doch nicht Wesen und Programm nuferer Organisation erschöpfen, sondern lediglich einen Versuch auAkrückcn, auch die politische Aeußerung unserer Existenz im Gcrluth jüdisch zu machen. Diesmal aber muß uns der Ausgang der Wahlen zu denken geben. Tenn mögen es auch keineswegs die Prinzipien der SozaldemeLvat-i« gewesen sein, die dieser Partei, so große Akassen jüdischer Wähler zuführten, mag auch der Gegensatz der beiden alles zernmlmenden großen Parteien nur recht wenig mit dem Klassenkamps ^;u tun haben, mag auch gern zugcstanden werden, daß die jüdischen Wähler der Angst vor der Aufhebung des Mieterschutzes und vor dem Einzug glorreicher reichsde.udscher Verhältnisse, also durchaus negativen Argumenten erlegen sind, all das ohne weiters zugegeben, bleibt doch die psychologische Wirkung dieser Wahlen bestehen. Die eben vernachlässigten oder bester verhöhnten Ostjuden sind umworben und umschmeichelt worden, man zeigt ihnen sogar den Weg in die mächtige sozialdemokratische Partei. Sind das nicht Momente, die uns zu dettken geben müsten und uns nahe legen, einmal allen Ernstes auch unsere Kräfte in voller Bedeutung auf die Judenschaft des 2. und 20. Bezirkes wirken zu lasten. Es ist ein Gemeinplatz und doch noch nie durchgeführt worden, daß man nicht erst zwei Monat« vor den Wahlen aktiv werben darf, sondern daß die Bearbeitung und Durchdringung dieser Bezirke nur bei kontinuierlicher Tätigkeit zu erzielen ist. Aber die Intensivierung der VersammlungstätigLeit allein würde keineswegs ausreichen. Es ist vielmehr die jüdische Bevölkerung bei ihrem unstillbaren Drange nach Wissen, besonders jüdischem Wissen zu gewinnen. Nur muß man über die zufälligen und isolierten Kurse und Vorträge hinaus zu einem Wohlorganisierton System der Bildungs- Vermittlung gelangen, muß etwa den alten Plan einer jüdischen Volksuniversität wieder aufnehMen und praktische und theoretische, hebräische nnd allgemeine Fächer bieten. Geschickte örtliche Verteilung, kluge Auswahl des Gebotenen und der Lehrenden würde auch im ungünstigsten Falle einen Men Stock jugendlicher Elemente heranziehen. Natürlich wäre die Errichtung eines jüdischen Volks-Heims tre idealste Förderung solcher Bestrebungen, aber die technischen Schwierigkeiten werden -da Wohl unübersteigliche Schranken setzen. Eine andere Avbeitsrichtung zeigen uns die zahllosen kleineren Sportvereinigungen, die neben dem Sport selbst vor allem der Sehnsucht der Jugend nach Geselligkeit ihre Entstehung verdanken. Das Beispiel des Vereines Tikwath Jchuda vm 8. Bezirk zeigt uns, wie hier die einzelnen Zionisten in der Errichtung von gesellschaftlichen Gruppen, Die aber ihr eigentliches Hochernstes Ziel nicht aus den Augen verlieren, ungeheures für die jüdische Bewegung leisten könnten. Die „Tischgesellschaften", wie sie vor zwei Jahren ins Leiben traten, lha-ben damals ihren Zweck -darum verfehlt, Werl sve nur von Zionisten gebildet wurden. Ziorusten aber sollen nur Anreger und Lenker dieser Tätigkeit sein. kerneLwegs das Publikum selbst. Die Parteileitung muß ge rode solche Gründungen anbahnen und in ihrem Sinne beeinflußen. Sie soll dabei immer das Niveau uxchren, um dem letzten Ziel solcher Institutionen zu dienen, der Schaffung einer wirklichen jüdischen Gemeinschaft, die naturgemäß nicht nur von intellektueller Wahrung loben wird, sondern sich an den ganzen Menschen wenden soll. Der Mangel eines wahren zionistischen Gefellfchaftslevens ist sicherlich auch eines der Grundübel unserer Belegung in Wien, die zwanglosen Zusammenkünfte hatten ihren Sinn, solange wir eine e.nge Gruppe persönlich einander nahestehender Gefinnungsgenosten waren. Heute ist selbst dieser spärliche Ersatz beinahe vollständig verschwunden. Es gäbe aber eine wahrhaft große Aufgabe, hier Wandel y.i schaffen. Den meisten ist wohl noch der „Alte Herrenverband" aus der VoÄkvrvgszert in Erinnerung, der nicht nur eine würdige Geselligkeit geschaffen hatte, sondern auch ein ernstes geistiges Zentrum für die Wiener Betvegung geworden war. Uns fehlt heute ein kultureller Mittelpunkt, ein Ort, an welchem über das Niveau der Bezirksgruppen hinaus, die aktuellen Fragen und tieferen geistigen Probleme des Zionismus zur Sprache kämen. Diese Stelle;n bilden, entspräche durchaus der Funktion, die die zahllosen Akadamiker in nnsere.n Reihen aus'zuü'ben hätten, wobei es unnütz ist, auszusprechen, daß eine solche Institution allen zur "Verfügung stünde und die Akademiker nur den Kern -bildeten. Haben wir uns totebet einmal mit der Frage befaßt, wie in das nüchterne Getriebe der Partei mehr Bewegung gebracht werden könnte, dann erübrigt rau, noch die Tätigkeit'in dem mehr westjMschen .Kreisen zu besprechen. Hier haben wir bei den Wahlen verhältnismäßig günstige Erfahrungen gemacht. Wir dürfen wohl schließen, daß auch in diesen Schichten -das Gefühl tfet Einheit des Judentums : Wd m Mev MM: Wiener Morgenzeitung. zu erwachen beginnt. Die Brücken in diese Kreise könne» nur in urchr persönlicher Weife geschlagen werden. Massen- Propaganda dürfte hier wohl nur nebenhergehen. Wichtiger ist wohl die Art, wie seinerzeit für dett Keren Hnjessod agitiert wurde, nämlich inkleinen, durch Freundschaft, Beruf oder Branche verbundenen Gruppen, wobei individuell auf daö Sachliche, etwa bei der Gewinnung für Palästina, in _mm» Kreisen von Geschäftsleuten, mehr aittif das Ideelle -bei Mwdemikern Gewicht zu legen wäre. Nur weniges konnte über.Prinzipien und Methode der Arbeit hier angedeutet werden. Das Gefühl für den Ernst der Stmtde ini österreichischen ZioniSmtlS ttvu$ alle ernsten Kräfte beseelen, denn es gilt, zu erneut starken Anbau unserer Organisation den Grund zu legen. Budapeft-Wien-Mnchen. Ae Mare Mai«. — Ae Verhaftungen in Budapest. — Der verabredete Putsch. Budapest, Y. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die gestern erfolgte Anhaltmrg des antisemitischen Abgeordneten Ulain im Budapest-Wiener Schnellzug hat in allen Kreisen Sensation hervorgernfen. Es ist merkwürdig, daß man überall in dieser Maßregel das Bestreben des Ministerpräsidenten erblicken will, vor der Volkerbundkommission, die sich zurzeit hier aufhält, den starken Mann zu spielen und gleichzeitig sich eines Menschen zn versichern, der über gefährliche Kenntnisse nnd Akten verfügt, die der Negierung das Lebenslicht ausblasen können. Es ist zumindest lkusfallend, daß die Budapester Polizei angeblich schon seit mehreren Tagen in Kenntnis der Putfchplane derGömbös-Leute war, aber die erste Maßregel nicht gegen Gömbos selbst, sondern gegen den Abg. Ulain, eines der verhältnismäßig harmloseren Mitglieder dieser Parafitengesellschaft, ergriff. Ulain ist noch aus dem Prozeß gegen die Mörder Tiszas als derjenige Verteidiger bekannt, derStephanFriedrichmit allerhand gefälschten Dokumenten in den Gerichtssaal zog und ihm so zu bengalischer Beleuchtung seiner Makellosigkeit verhaft. Diesmal hat er eine andere Rolle gespielt. Er sollte die Verbindung zwischen den in Budapest von Hitler und Ludendorff stationierten bayrischen Agenten und dem in München eingesetzten magyarischen Putschkomitee Herstellen. Auf höheren Befehl wurde er aus dem Zug herausgeholt und mußte die mitgeführten Akten abgeben. Er kehrte mit dem nächsten Zug nach Budapest zurück und ging zu seinem Freund, dem Leiter des Presseamtes und Abg. Tibor Eckhardt, dem er bestürzt das Borgefallene mitteilte. Dann ging er in seine Wohnung in der Max Falk-Straße Nr. 30, wo er sich umkleidete. Bei dieser Tätigkeit störte ihn eine Polizeikommisiion, die eine Hausdurchsuchung vornahm und Ulain zur Oberftadthauptmannschaft brachte. Dort wurde er für verhaftet erklärt. Die Angelegenheit wurde mit einer in Budapest sonst seltenen Feierlichkeit behandelt. Detektivs und Konstabler sperrten alle zum Präsidium, in dem Ulain verhört wurde, führenden Korridore ab, um die Geheimhaltung zu sichern. Am Nachmittag wurde dann der Primarius des Weißen Kreuz-Spitals Dr. Bela Szemere in seiner Wohnung am Uellöi nt verhaftet und nach einer Haus« durchsuchung abgefiihrt. Er ist der Präsident der A. B. R., der Vertrauten des staatlichen Sicherheitsdienstes, einer nach der Niederschlagung der Kunschen Kommune von der Regierung geschaffenen zivilen Spitzelorganisatiou, die letzthin ausgelöst worden war und sich in die Ungarische Kullurliga mngetauft hatte. Ferner wurde der Herausgeber einer Zeitschrift „Amerika", der Ingenieur Titus Bogula im Hotel „Gellert" ausgehoben. Im Laust des heutigen Tages wurden noch elf weitere Verhaftungen vorgenommen, so daß im Ganzen 14 Personen im Polizeigefängnis fitzen. Bon einer amtlichen Persönlichkeit erhält Ihr Korrespondent die folgenden Mitteilungen: Es ist erwiesen, daß die in Budapest weilenden Münchener Delegierten in den letzten Tagen mit der Main- Gruppe unausgesetzt Konferenzen abgehalten haben und daß der Plan bestand nach erstlgreichem Putsch Ulain znm Minister des Innern und Gömbös zum Ministerpräsidenten zu machen. Die bei Ulain gefundene Namensliste der Regierung enthält serner die Namen Bela Szemere rmtz Stephan Szabo-Nagyatad. Ferner ist bekannt, daß eine gemeinsame Aktion zwischenMLnchenund Budapest bis ins Detail vereinbart war. Unter dm beschlagnahmten Allen des Abgeordneten Ulain wurde ein formaler Staatsvertrag mit der Hitler- Gruppe gesunden. In diesem Vertrag Übernimmt Ulain für den Fall, als ein Kabinett der Rechtsradikalen gebildet wird, die Verpflichtung, eine Hitler-Regierung durch Truppen- und Getreidesendungen zu unterstützen. In München sitzt ein Komitee der Ulain-Gömbös- Grvppe und in Budapest ein solches der Hakenkreuzler. Ulain war nun daurit beauftragt, die endgültigen Abmachungen, welche seine Gruppe mit dem Budapester Komitee der Münchener Hakenkreuzler, daö seinen Sitz in der Kulturliga hatte getroffen hatten, über Men nach München zu bringen. Die Mitglieder der Kulturliga sind ebenfalls in Hast gmommen worden. Die G'ömbös-Gruppe sucht den Sachverhalt so darzustellen, daß man Ulain unschädlich machen wollte,,weil er der Verteidiger im Ezkytt-Prozch war und überdies schwer , wlAMW Material über die Geschäfte Sohnes des Ministerpräsidenten Bethle« und anderer RegierunMente in der Hand hat. Es dürfte Wohl richtig sein, daß Ulain tatsächlich diese kompromittierenden Beweisstücke besitzt, der Hinweis ans diesen Umstand schafft aber nicht die heute bereits offen zutage liegenden Beweise für die Putschverschwörung Ulain-GömböS aus der Welt. Die Untersuchung gegen alle Verhafteten wird Wege; Hochverrats geführt. Nach Abschluß der Akten dürste Main wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Bon der ungarischen Regierung wurde heute abends die folgende amtliche Mitteilung ausgegeben: Ueber die Gründe der Brrhastung des Abg. Ulain verlautet, die Polizei habe vertrauliche Mittei. lungen erhalten, daß Ulain eine Verbindung mit dem bayrisch-völkischen Nationalausschnß anstrebe, um sich die Unterstützung bayrischer Irregulärer für den FM zu sichern, als es in Ungarn gelänge, eine rechtsradikale Bewegung mit Hilfe eines Putsches ins Werk zu sehen. Bei der Durchsuchung des Gepäckes des Abgeordneten Ulain sei' der schriftliche Entwurf eines Vertrages gefunden worden, dm er mit den bayrischen Rechtsradikalen abschlichen wollte. Mit Rücksicht darauf, daß ein solches Vorgehen dem Hochverrat gleichkomme, habe Ulain, da er auf frischer Tat ertappt worden sei, ungeachtet seines JmmunitatsrechteS sofort stftgenommen werden können. Da die Nationalversammlung gegenwärtig nicht tagt, brachte Gömbös die Affäre im Ausschuß für Bodenreform zur Sprache. Er forderte die Abgeordneten Mer Parteien auf, das Jmmunitatsrecht zu schützen. Minister Szabo- Nagyatad, der mit allen Salbm geschmierte Agrarier, erwiderte, daß ihn die Sache nichts angehe, weshalb er sich nicht äußem könne. * An den Wiener amtlichen Stellen war gestern aus Budapest keinerlei Bericht eingelangt. Die Wiener Polizei hat sich deshalb telegrahisch nach Budapest um nähere Informationen gewendet. Es wird hier erklärt, daß man dieBerbindungender Wiener Hakenkre uzler mit München genau kenne, doch bezweifelt man, daß die Wiener Nationalsozialisten, deren politische Bedeutung weder hier noch in München überschätzt wird, für die politische Vorbereitung eines Pntschplanes ernst in Erwägung kommm können. Der „ftoflette Pogrom" in München. Aus München gehl uns der folgende Situationsberich! zu: Die Lage in Bayern und die Situation der dortigen Juden verschlechtert sich täglich. Der pogromlüsterne Hitler und dev etwas vorsichtigere Kahr haben sich ans das System des admmistrativen Pogroms geeinigt, der ähnlich durch geftiht wird wie einst im zaristischen Rußland. Damit soll freilich nicht ge sagt sein, daß nicht jeden Tag den „trockenen" der blutige Po grom ablösen kann; er wird es nach allgemeiner Meinung, tvenn Kahr von Hillen abgelöst werden sollte, oder aber, wen» das Reich Zwangsmaßregeln gegen Bayern treffen wird. Bayern, vor allem aber München und die nordbayrische, Großstädte, wimmeln von mri'formierten Soldaten illegaler Fonnationen, die, daö Hakenkreuz am Arm und auf ihren Fahnen, überall in geschlossMen Formationen oder in Gruppen sichtbar sind. Neuerdings zeigen sie sich in München bereits öffentlich mit dem Seitengewehr, am Koppel.- Sie sind die eigentlichen Träger der Macht nnd des Judenhasses und verfügen über alle Arten von Bewaffnung. Die Reichswehr und die Polizei in Bayern f r a t e r n i sieren mit ihnen; die Stimmung der Gerichte geht aus eine», Zwischenfall beim Prozeß des Generals Lndendorff gegen den Syndikus des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Wiener, hervor. Der Verteidiger des Dr. Wiener, Rechtsanwalt Graf Pestalozzn, erklärte, bei Gericht tonne es sich nur um Recht oder Unrecht handeln; darauf der Borsitzende: „Vor allen Dingen wird hier „deutsches Recht" gesprochen." Die Presse ist ganz in Händen der alldeutschen Py' gromisten. Die Linkspresse ist vollständig unterdrückt; der Belagerungszustand richtet sich scharf gegen die Juden, tut aber nichts zn ihren! Schutz. In Nürnberg und München ' werden täglich Juden von einer Ueberzahl uniformiertter Burschen an gerempelt und niedergeschlagen oder niedergestochen. In den letzten acht Tagen wnvde" in Nürnberg eine Anzahl ange-' scheuer jüdischer Bürgermißhandelt; schwer verletzt der in der Esperantobewegung bekannte Rechtsanwalt Dr. Ort ha t und lebensgefährlich zwei 16jährige: Knaben Deith und Emmerich, die mit Dolchen niedergestoHen wurden. Aehnliche Zustände herrschen in Kihingen, Bambevtz, Kronach und überall in den Landstädten. Dysternatisch« UHMlle lMH.M.EM MM,