Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1702 (9.11.1923)
- Date
- 1923-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElnzelmmmerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., T abor str. 1 -3, oder in einer Verschiebst eile (Trafik! monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I. Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts checho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. 3st.K 22.000, Deutschi.: Mon.ost.K28000.Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 WM' Nachzahlungen tei Preiserhohuncen Vorbehalten ■—■■iiiiin iimiii wiwi ui iw teuer Morgenrettung Tsehaeho-Slowakei i tsehech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire, R u m ä n i e o Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lews, Schwell «red das übrige Ausland m-onntfteh Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Übrabds. 19-483,25-282 Tel- Adr.Morgenzeitung** Wien Öesterreichisches Postspar* kassen-Konto Nr. 150.693 ran Nr. 1702 Die Versuchskaninchen. —y. W i en, 9. November. Unmittelbar nach der Reichstagsabstimmung über hie legale Diktatur Stresemanns hatten die bayrischen Vaterländler Vorsorge getroffen, daß ihr Feldzug gegen die Republik sich auf der breiten Basis einer internationalen Aktion entwickeln könne. Sie hatten in Wien die Bestätigung des nationalsozialistischen Schutzbundes einer bewaffneten Organisation durchgesetzt, was bei der Vizekanzlerschaft des Dr. Frank keine sonderliche Mühe kostete. Sie hatten weiter Emissäre nach >dem befreundeten Ungarn entsendet, um dort ein gemeinsames Vorgehen zu erzielen. Die deutsche Gegenrevolution, die als. ihr Ziel die Herstellung einer starken Autorität mit einer eisernen Faust bezeichnet, vollführt ihr Werk in der Weise, daß sie zunächst die noch bestehende Autorität angreift und dies in allen Ländern, die ihr erreichbar sind. Sie hat mit Hilfe des brüsk zum Gehorsam gezwungenen Stresemann die sozialistische Regierung in Sachsen durch den bekannten Leutnant mit zehn Mann hinauswerfen, dann ihre Heerhaufen gegen Thüringen aufmarschieren lassen und in Berlin die Apachen gegen das jüdische Ghetto mobil gemacht. In Ungarn bedient sie sich der in der Regierungspartei ausgebrochenen Zwistigkeiten. Graf Bethlen, der einer Samerungsanleihe nach österreichischem Muster zustrebt, muß auf das Ausland gewisse Rücksichten nehmen und hat darum Maßregeln getroffen, die das Mördergesindel der Erwachenden zu einige : Reserve zwingen. Eine Absage an den christlichnationalen Kurs, unter dem alle Tagediebe und Beutelschneider ihren. einträglichen Patriotismus betreiben konnten, hat Graf Bethlen nicht vorgenommen. Aber feine vieLeutigen Erlässe, die die Staatsangestellten zum Verlassen der unverantwortlichen Körperschaften auffordern (in einem anderen Staat hätte man diese Unverantwortlichen selbst gefaßt), haben ihm das Mißtrauen des Diebsgelichters eingetragen. Seine zweite Maßregel, die im Hinblick auf die Anwesenheit der Völkerbundvertreter vorgenommene Entfernung der im Ministerium des Innern eingenisteten Gömbös-Spione, erweckte Bestürzung bei den Rassenschützlern. Diese Kreise begrüßten darum den Vorschlag der Münchener Freunde mit brausendem Elfen und es ward beschlossen, zur gleichen Zeit in Budapest, in Wien und in Deutschland loszuschlagen. In München wurde ein magyarisches Komitee installiert. Herr Ulain, seines Zeichens rassenschühlerischer Freund des Generalstabshauptmanns Gömbös, des lieben Tibor Eckhart und des Bürgermeisters Karl Wolfs von Wolfenau, war ausersehen, nach München zu reisen und unterwegs in Wien mit den Nowosat-Sozialisten sich zu besprechen. Das läßt sich Bethlen nicht gefallen. Juden ausrauben — schön. Aber die Minister stürzen?! Polizei! Herr Ulain wurde aufgehalten und trotz seiner Abgeordnetenimnmmtät verhaftet. Alle Hakenkreuzler, die sich auf dem Bereich des ungarischen Globus umhertreiben, wurden dingfest gemacht und den erprobten Budapester Polizeifäusten übergeben. Es wird allen diesenLeuten nicht viel geschehen. Sie wissen zu viel und so wird man die einen ausweisen, die anderen irgendwie verschwinden lassen. Herr Ulain wird bald im Abgeordnetenhaus erscheinen und eine dringliche-Anfrage wegen Verletzung seiner Immunität an- ' melden. Der große Generalpogrom zur Feier des völkischen Sieges in Deutschland muß demnach derzeit abgesagt werden. Man wird etwas anderes suchen und finden, die Juden in neue Bestürzung zu treiben. Es ist seit der Zeit der Emanzipation das Charakteristische aller politischen Bewegungen, daß sie immer irgendwo bei den Juden enden. Die Ereignisse der letzten Zeit tragen diesen Stempel in besonders empfindlicher Deutlichkeit. Diese Funktion des Judentums als Versuchsobjekt und Blitzableiter, ist die furchtbarste Folge der schiefen und wurzellosen Stellung der Juden, die, wie und wo immer sie im Zustand der Minorität leben, als Fremde gelten. Die Juden Ungarns haben dies bereits an ihrem Leib erfahren, in Polen und in Oesterreich hindern nur außenpolitische Momente die Entrechtung, und in Deutschland sind eben jetzt die Inden in sehr nachdrücklicher Weise daran erinnert worden, wie leicht es ist, auf einer schiefen Ebene ins Gleiten zu kommen. Dieser Zustand mag durch seine jahrhundertelange Dauer historisch geweiht sein, aber nichts kann das Judentum zwingen, ihn anzuerkennen oder sich ihm auch fürderhin unterzuordnen. Die Jndenfrage steht wieder oinnuU in ihrer quälendsten Aktualität auf der ffiieit, Freitag, 9. November 1923 8. Fahrgang >———■■. ..» 1 ...—I—■Will—. ———«—'■II* Hitler stürzt die badrifche Regierung und fetzt eine natiouMWe Matur ein! M ü n ch e n, 8. November. Heute um 8 Uhr 40 Minuten abends fuhren vor dem Bürgerbrä« wahrend einer Bersammlungsrede des Generalstaatskommissars von Kahr acht Lastkraftwagen mit bewaffneten Nationalsozialisten vor. Diese besetzten alle Ausgänge des Saales, zogen Schützenlinien und sperrten die Straßen um das Gebäude in weitem Umkreis ab. Um 10 Uhr 15 Miauten ist nach der Beendigung der Rede von Kahrs Hitler mit ungefähr 600 Bewaffneten in den Saal eingedrungen. Er erklärte die gegenwärtig bayrische Regierung für abgefetzt und setzte eine neue Regierung ein. Diese besteht aus dem . frieren Polizeipräsidenten Pöhner als Landesver- - Weser, . , . General Ludendorff als Landesbefhkshaber, General von Lossow als Roichswehrminister, itler als politischem Berater und Polizeioberst Seißer als Polizeiminffter. Der Bürgerbraukeller ist noch immer von Hitlertruppen abgesperrt. Zurzeit rücken die Kampfverbände „Oberland" und „Reichsflaoge" gegen die Stadt vor und besetzen vev« schiedene Plätze. Ueber die Haltung der Reichswehr ist nichts bekannt. Angeblich soll sie mit den Hitler-Truppen fraternisieren. Wie um 11 Uhr nachts gemeldet wird, ist das Telegraphen-Amt besetzt worden. Die Rolle von Kahrs ist noch nicht bestimmt. E? ' »fett angeblich Verhandlungen im Zuge sein. * Weitere Meldungen waren aus München nicht mehr zu erhalten, da die telephonische Verbindung vollständig unterbrochen wurde. im volitWer Manifest Kahrr. München, 8. November. Irr der nationalen Kundgebung im Büvgerbräukeller verlas Gernralstaatskonnnissär Kahr ein politisches Manifest an die Nation. In München, heißt cs in dem Manifest, ist zum -ersten Mal der Kampf gegen den Marxismus als wesentlicher Punkt des Programmes deutscher Zukunft ausgestellt worden. Die erste und wichtigste Aufgabe vor dev das deutsche Voll heute stcht, sei zweifellos die W i e d e r h e r st e l l u n g seiner Freiheit. Gelinge es ihm nicht, diese wieder zu. erlangen, so scheide es aus der Reihe der großen Nationerr ans und werde langsam, aber sicher verschwinden. Dem Marxismus das Wasser abgraben, kann man nur dann, wenn man den Menschen den Gedanken des freien, sich selbst sein Schicksal schaffenden Menschen zur zentralen Idee' ihres Gefühlslebens macht. Das Problem, vor dent wir heute in Deutschland stehen, ist ein Problem der Führung. Die heutige Ausgabe ist mehr als b ismarck isch. Nur eine Erfüllung der Sl-aatspflicht ist es, wenn der Staat von der männlichen fugend ein A r -b e i t s j a h r fordert, um gemeinnützige Unternehmungen durchzusühren. In der Schaffung -des neuen deutschen Menschen liegt die filtlich >e Berechtigung cher Diktatur, denn sie bietet die einzige Möglichkeit, -die Grundlagen für die Erziehung des neuen Geschlechtes freier Deutscher zu -schaffeir. Mit den parlamentarischen Auswüchsen der Vergangen-- heit muß gebrochen werden. Gewerbsmäßige Parlamentarier und Volksführer haben zu verschwinden. Kahr, schloß: Machen wir Deutschland zu einem Lande, in dcnr alle tüchtigen Kräfte sich frei entfalten können. Heute vor fünf Jahren ist Deutschland zusainmengebröche n, hewe und aus -den Grundsätzen -der nationalen Frecheil soll Deutschland wieder auferstehen. Ungeduldige Putschisten. München, 8. November. (Tel. -d. „Wiener Morgenzeitun-g".) Die in Nordbayern versammelten rechtsradikalen Verbände haben den Generalstaatskommissär v. Kahr telegraphisch aufgefordert, endlich den Befehl zum Einsatz aller kampfbereiten Kräfte zu geben. Die Spannung sei a»mf das höch ste gestieg e n. Tagesordnung. Sie kann zu einem Teile durch den Zionismus gelöst werden. Dies zu beschleunigen ist eine Aufgabe, gleich ernst für die Zionisten, für den ihnen noch nicht angeschlossenen Teil des Judentums und für die europäische Politik. Das Judentum darf sich nicht damit absinden, daß es eine Mission des Leidens babe und daß es stets so bl-iben müsse. Es muß sich Frankreich will in Badem die MMrkontrolle wlederherstellen. Paris, 8. November. Nach dem ,Zntmnsig>eant" verlangt die französische Regierung, daß die Militärkontrolle zuerst in Bayern wiederherge, stellt werden soll, imd zwar durch französische Offiziere in Uniform, deren Sicherheit von der Reiichsregierung garantiert wevden müßte. Die Regierungskrise. Berlin, 8. November. Hinsichtlich der R e g r e r un g Z, bildung ist die Lage noch immer unklar, doch erwartet man von der morgen stattfindenden Tagung der Deutschen Volkspartei, in der ihre Stellung zur Regierungskrise festgelegt werden soll, eine endgültige Klärung der Verhältnisse, da die gegenwärtige Situation daran krankt, daß man nicht weiß, wie weit die Strömungen gegen Dr. Stresemann die Kanzlerpartei selbst beherrschen. Der „Vorwärts" stellt fest, daß in diesem AugeMick in Deutschland nichts feststehe, als der militärische Belagerungszustand. Die „Vosfisch e Zeitung" kommt auf das von den Deutschnationalen gepinnte Direktorium zurück, das die Namen Dr. Minoux, Dr. Wiedfeldt, Henrich und Graf B e e r - B e e r e n h o f sowie des Generals v. Seeckt aufweist, und stellt an die besonnenen Elemente der deutschnationalen Kreise die Frage, ob sie sich schon ernnial Rechenschaft darüber abgelegt haben, wie eine solche Diktatur der Schwerindustrie und der Großagrarier, dir sich lediglich aus die Rechtsradikalen und auf die illegalen K a m p f v e r b ä n d e stützen könnte, außenpolitisch bekämpft wü.rde. Die Botschatterkonferenz gegen eine RMeht de« kxkronpr'mzen tradi LrniMand. Paris, 8. Novomlber. Die Botschaftevkonserenz beschloß, einen Schritt 'bei der holländisch e lt R egierun g zu unternehmen, um sie aufzusordern, die A u s re i se de s d e u ts ch e n K ro n p ri uzen aus ihren: Gebiete zu v e r h i n d e r n, desgleichen einen Schritt bei der deutschen Regierung mit der Aufforderung, den Kronprinzen nicht nach Deutschland zuzulassen, weil er auf der Liste der Kviegsbeschudlglen stehe, deren Ausliesevung die Alliierten verlangt hätten. sein eigenes Recht auf seinem eigenen Boden schaffen Es darf nicht liquidieren und es darf cs nicht dazu kommen lassen, daß man es liquidiert. Das Judentum muß unter allen Umständen die Palästina-Frage fest in die Hand nehmen. Es muß politisch aktiv werden. Wehe ihm, wenn es in die Pvgrompanik. versinkt und seine Kräfte lähmen läßt 1 l 1 i ii i m fciii ■iiffliiiilfrlf