Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1700 (7.11.1923)
- Date
- 1923-11-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 39feti, Mittwoch Die ohnmächtige Reichsregierung. Die Putschisten rüsten. — Die Aufrufe der Koalitionsparteien. — Die Separatistenbewegung. Berlin, 6. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Das Reichskabinett befaßt sich mit der Besetzung her freigewordenen Ministerposteu; den Rüsttlngen der Rechts- Putschisten aber, welche immer weiter sortschreiten, wird keine entschiedene Haltung entgegengesetzt. Die Rolle.Stresemanns fängt an, zweideutig zu werden. Es ist allgemein bekannt, daß auch im nördlichen Deutschland, nicht bloß an der bayrischthüringischen Grenze, Putschvorbereitungen erfolgen. Ans Pommern und Oberschlesien wird gemeldet, daß die Trupps der rechtsstehenden Organisationen dortsclbst eine rege Tätigkeit entfalten. Inzwischen begnügt si chdie Reichsregiemng damit, zu melden, daß sie die Truppen in Thüringen verstärkt hat^ Stresemcmn hat sich dagegen gewendet, daß in den Parteipnaufrufen freiwillige Hilfskrästc zunr Schutze der Republik ansgesordert werden und weißt darauf hin, daß sich die Regierung auf die Reichswehr verlassen könne. Der Aufruf de? sozialdemokratischen Parteivorstand e s fordert alle Sozialdemokraten uni Republikaner auf, sich für den Notfall bereitzuhalten. Die Demokratische Partei hat einen ähnlichen Ausruf erlassen. Alle diese Enunziati onen atmen geradezu Hilflosigkeit. Die Parteien und die Regierung, welche die Republik schützen sollen, erweisen sich in der höchsten Gefahr als vollkommen unfähig. Die Separatisteubewegung in der Pfalz macht tveitere Fortschritte. In Kaiserlautern haben die Sonderbündler Verstärkungen erhalten, es kam zu Zusammenstößen, bei denen vier Personen verwundet wurden. Die Sonderbündler haben Vorstöße rach Kirchheim, Kusel und Simmer« gemacht. Der neue sächsische Landtag. Dresden, 6. November. (Wolfs.) Im Landtage gab heute Ministerpräsident Fellisch die Regierungserklärung ab. Er führte ans, es sei geboten! erschienen, die dem allgemeinen Volkswillen widersprechende reichskommifsarische Verwaltung in Sachsen durch eine ordnungsmäßige Regierung zu ersetzen, die in der Beachtung und in dein Schutz der Reichs- und Landesverfassung ihre oberste Pflicht sieht. Die Regierung stelle fest, daß bei dem Vorgehen gegen die bisherige sächsische Regierung eine Form angewendet worden sei, die mit der Würde einer Landesregierung unvereinbar «und stir ein Volk in einem parlamentarisch regierten Lande unerträglich sei. Die neue Regierung werde ernsthaft versuchen, aus verfassungsmäßiger parlamentarischer Grundlage die Militärdiktatur zu beseitigen und die ordentliche Regierungsgewalt in Sachsen wieder herzustellen. Die Entente gegen die Rückkehr des deutschen Kronprinzen. Paris, 6. November. Die Agenee Havas meldet: Der englische Botschafter Lord C r e w e hat mit dem Mnisterpräsidenten Poincare bezüglich einer von den Alliierten gemeinsam zu unietnehmenpen Demarche Fühlung genommen, die bezwecken soll, den ehemaligen deutschen Kronprinzen an der Rückkehr nach Deutschland zu verhindern. Wie verlautet, stimme Poiucare einer solchen Demarche zu. Hoöver — Ernähruirgsdiktator für Deutschland? Paris, 6. November. „New Aork Heratd" meldet, Hoover werde WahrschsiMch beauftragt werden, die. Ernährung der deutschen Bevölkerung im hmvigm Winter sicherznstellen. Er werde hierzu die Organisation benützen, die bereits in Rußland gute Dienste geleistet habe. Jüdische Kinder aus Deutschland in Wien. Der Verein Machsike Haidath, 2. Bez., Schissamtsgasse 20, hat eine Hilfsaktion für die hungernden jüd is ch en K i nder in Deutschland ins Leiben gerufen. In den nächsten Tagen trifft bereits der erste Kindertransport hier ein, wo die Kinder einen vier- bis sechs-' wöchigen Aufenthalt genießen sollen. Diejenigen Familien, die gewillt sind, einem Ende für vier bis sechs Wochen Obdach und Verpflegung zu geben, werden höflichst ersucht, dies unverzüglich in der Kauzlei. des Vereines, 2. Dez., Schiffamtsgasse 20, bekanntgeben zu wollen. Ebenso werden Familien, die aus Raummangel keine Kinder übernehmen können, ersucht, durch Geldspenden zu ermöglichen, daß den Kindern anderweitig, das heißt gegen Bezahlung geholfen werden könnte. Anmeldungen für die Uebernahme von Kindern und Geldspenden für diesen Zweck werden täglich mit ^Ausnahme von Freitag von 6 bis 9 Uhr abends, an Sonntagen auch von 10 bis 12. Uhr vormittags, im Vereinslokal, 2. Bez., Schifsamtsgaffe 20, dankend entgegengenommen. Militärische Pläne Sowjetmßlandr? Angst in Estland. Paris, 6. Novem'bex. (Tel.Komp.). Wie. die Agenee Delegraphique Universelle aus Rcval meldet, lassen es die aus Rußland vorliegenden Nachrichten als unzweifelhaft erscheinen, daß die Moskauer Negierung gewisse, nrit den Ereignissen in Deutschland in Zusammenhang stehende militärische Vorkehrungen trifft. Alls diesem Anlaß empfing der Chef des estländischen Genetalstades, Oberst WWarch, die Vetter der auswärtigen Presse in Reval Wiener Morgenzeitung. 7. November 1S23 Nr. 1700 Pogromorganisation in Sesterreich. Ter Vaterländische Schutzbund von der Negierung genehmigt. 3. November, dein Tage, an delll die Konzentration der Hitler-Bauden im Raum um Koburg ihren Einfluß aus die deutsche Reich Krise zu üben begann, hat die osterreichische Regierung die Statuten des Vaterlärchischen Schutzbundes genehmigt. Dteser Bund ist die Zusammenfassung der Wiener Hitler-Verbände. Deine Errichtung wurde in den aufgeregten Tagen beschlossen, die der Auslösung der Nowosatschen Terrorbrigaden folgten. Damals hatte man aus den Publikatioueu der W i ener Polizei dircktion erfahren, welche politische Erziehung die Jugend in. diesen'Vereinen erhalt. Es ist die Erziehung zum politischen Mord und znm Judenpogrom. Der Vaterländische Schutzbund hat sich noch am Tage seiner Genehmigung konstituiert. Er war dazu sicherlich berechtigt, da ja die österreichische Regierung ihm ihren Segen erteilt hatte. In einer Parteikonferenz der Wiener Nntionaffo.zialisten, die am Sonntag im Saale der Bäckergenossenschast stattsand, wuldc. mitgetellr, daß dieser Bund in Wien 3000 Mitglieder und in ganz Oesterreich angeblich 30.000 Mitglieder zähle, die nach allen Vorschriften des Hitlcrschcn- Reglements ausgerüstet sind. Den Vorsitz in dieser Konferenz führte der Nachfolger Dr. Walter Riehls, Werkmeister Karl Schulz, der mm mit denselben Bollmachten wie Hitler in Bayern die Exekutive der österreichischen Partei mit Hilfe eines Vollzugs ans^ schusses in der Hand hält. Der Versammlung lag ein Schreiben Dr. Riehls vor, in welchem dieser von vornherein Beschlüssen dieser Konferenz die Gültigkeit absp-richl. Sämtliche Ortsgrnppenvertrcter, mit Ausnahme des Vertreters der Orrsgruppe Wien-LeoPoidstM, sprachen sich gegen Riehl aus. Ueber den Schutzbund teilte Herr Schulz mit, daß sein organisatorischer Ausbau sich an das bayrische Muster anlehne. Der Bund werde sich jedoch nicht allein auf Nationalsozialisten beschräicken, sondern mtd) anderen völkisch Gesinnten die Reihen öffnet,. Der Zweck dieses Schutzbundes sei die AusvechthaWung der Ordnung und der Widerstand im Falle ernst zu nehmender Bestrebungen, die habsbnvgische. Herrschaft wieder enWsühron oder ein links radikal es Regime durch Terror zu etablieren, zur Abwehr zu zwingen. Die Ration a l s o z i a I i st i s ch e Partei in Oesterreich befasse sich selbst nicht mit Pläueu, in diese», Lande eine Diktatur anzustreben und Putsche zu machen. Den,gemäß werde dem Vaterländischen Schutzbund auch ein rein defensiver Charakter innewohneu. In Deutschland liegen, sagte der Redner, die Verhältnisse anders. Das Losschlagen Hitlers sei für die nächsten Wochen zu erwarten. Es werde den Meck verfolgen, in Deutschland eine Regierung der nationalen Verteidigung zu ctaMieoetu Ein aktives Eingreifen der Sturmtrupps, der österreichischen Nationalsozialisten anläßlich der Mion in Deutschland sej nicht vorgesehen. In der weiteren Debatte wurde daraus verwiesen, das; man an den, Ausgang der Wahlen, von denen sich die Partei, dem Salzburger Beschluß entsprechend, ferugchaltcn habe, nicht achtlos vorübergehen könne. Es werde eine stärkere Werbetätigkeit einsttzen, um den unzufriedenen nationalen Elementen einen Sammelpunkt zu bieten. Die nnaufhaltsaure Auslösung, der Großdeut'sche» Partei ,nache dies unerläßlich. Der Vertreter ans Kärnten teilte mir, daß die bisher in den He imwehren organisierten Nationalsozialisten austreten und eigene Ortsgruppen des Vaterländischen Schutzbundes bilden werden, da sie'in den Heimwehven nur eine Schntztruppe des Unternehmer« rums sehen, die mit dem Programm der Partei nicht zu vereinbaren sei. Die Partei wird an, 8. d. zwei Versammlungen in Wien abhalieu, wogegen Dr. Riehl am gleichen Tage eine selbständige Versammlung cinberuft, die wohl den Auftakt seines AbschweNkens zu K. H. Wolf bilden dürste. mtb erklärte, daß bei der Ulsiicherhoit der Ztlsrände in Rußland Uoberraschuttgen durchaus möglich feien. Mobilisierungen haben bisher in Rußwnd nicht stattgefunden, doch werden gewisse Umgruppierungen der Roten Armee vorgenommen. Die B u de n n y s ch c Kavallerie wurde in denletzten Wochen aus dem nördlichen Kaukasus näher zur Westgrenze verlegt ru,d stcht jetzt teilweise um Moskatl, eine Division bei Petersburg. In Petersburg wird eine Proklamation verbreitet, die das Eintreffen der Armee Bndennys 'begrüßt uuv erklärt, daß man mit ihr „den' eisernen proletarischen Bataillonen Deutschlands zu Hilft. e,ilen. müsse." Die strategische Lage Estlands bezeichnetc der Generalstabschef als nicht günstig. Ein betvassneter Konflikt mit Sowjetrußland würde einen äußerst blutigen Charakter tragen, da Rußland verhältnisniäßig schnell leichtbewegliche Truppengattungen, besonders Kavallerie, nach Estland Wersen könnte. Unter solchen Umständen suche Eststand bei seinen Nachbarn und bei den großen europäischen Staaten jene Anlehnung, welche die gespannte Situation erfordert. Alle bürgerlichen Staaten seien an einem Konflikt Estlands mit Rußland interessiert. . Generalstäbsches Torwand äußerte, sich auch über, die Möglichkeit, ans welchem Weg die SvwjettvnpPen den, deutschen Kommunisten zu Hilfe komnten könnten. In erster Linie käme der Seetvvg durch der« Finnischen Meerbusen und die Ostsee in Betracht. Der Landweg würde über Litauen führen, wobei der polnische Korridor von der Roter, Armee Passiert werden rnüßte. Jedenfalls, schloß Oberst Törwand, sei es int Auge zu ^behalten, daß sich Sowjetrußland in militärischer Hinsicht <vrrs alle Eventualitäten Vvr>bereitet. ' * Der l«ittrsche Ministerpräsident Meierowitsch erklärte Pressevertretern mtch Abschluß der estländisch-lett-' ländischen Konferenz, daß die Interessen Estlands und L'e t t l a n d s gegenüber Rußland identisch feien*. Falls die politische JnteressenkombiNation Rußland und Deutschland sich verwirklicht, würde dies die Le-bensinteressen Lettlands und Estlands berühren. Der Ministerpräsident glaube aber u i ch t, -daß Rußland gegenwärtig einen Krieg wolle. Sollte in Deutschland ein kommunistischer Umsturz emtreten, so wird Rußland mit einer solchen Umwälzung sympathisieren, aber schwerlich sich zu einer militärischen Intervention entschließen. Der Kongreß der Liga Kr Menschenrechte. Paris, 6. November. In der Schlußsitzung des Kongresses der Ligen für Menschenrechte lvurden die Statuten für die Gründung einer internationalen Liga beschlossen. Die Zick der neuen Organisation lverden folgendermaßen umschrieben: Der Ztveck des Verbandes ist,, in allen Ländern ohne Mcksichtnahme ans die i Nationalitäten, die politischen Parteien oder Konfessionen die Gmndsätze der Gerechtigkeit, Freiheit, G t e i ch h e i t, u n d V o l k s s o u v e r ä n i t ä t zu vellbrerten und ihnen, zum Durchbruche zu verhelfen. Der Verband verteidigt die Rechte der Völker und Minderheiten und, arbeitet an der Organisierung des Friedens. Zur Sekretärin des Verbandes wurde Frau Menard D o r i a n bestellt. An den Beranlngen fyu als öst e creichischer Vertreter Prof. Gold'scheid teilge- MMMeNe Sesterreich. Die Konstituierung des Nationatrater. Gestern haben die Vorbereitungen flir die erste Session des Nationalrates nüt einer Borstandssitzung der Christlichsoziälen begonnen. Innächst lverden sich die parlatneittarischen Klubs konstdtrvierLN und die KluAeitungen Wählen, lvelche berufen sein lverden, in den interparteilichen Besprechlmgen die Interessen ihrer Fraktionen »u vertreten Die Zusammontsetzuug der Parteivorstände wird im neuen Hause keine besonders ausfallende u B e r ä n d e r u n g e u ersahveu. Der chvistlichsozia le Parte'Vorstand hielt gestern voru nd nachmittags Beratungen ab, um die erforderlichen Vorschläge für dir heute statisvndende erste Vollverfanmtlmrg der Parteiabgeordneten vorzubereiten, zu der auch der Legitim i st e n s ü h r e r W e n s e eirtgeladen worden ist. Er wird das christlichsoziale Neststinnnenmandat des Wiener Wahlkreisver-bandes erhalten. In der Klubsitzung der Christlichschialeu wird beschlossen werden, an die Großdelltschen und an den. Landbund mit der Aussorderuug hevanzutroten, die mit dem Erde des alten Natrionalrates erloschene Arbeitsgcmei nschaft zu erneat orn und einen neue n K oalitionspakt ab zu schließen. Die Großdeutscheu werden an, Freiwg die chriistlichsvzialen Vor--' schlage in Beratung ziehen; die Entscheidung über den Wiedereintritt der Großdeutschen in die Negierungstnehrheit bleibt jedoch der für Sanlstag astbsranlNten Sitzm^ der großdeutschen Rei chsparteilditung vortbshaitten. Die SoziMemolvaten werdet, ihre Bewtttngen evst indev kommeltzden Woche aufmhmen. Der Lanid'bund, dem durch die Entscheidungen der Wchlbeihüvden 72.000 Stiurmen ,md vier Mandate verloren gegangen stütz, hat einen Protest an die Hauptivahlbehörde gerichtet und will auch den Berfass-mlgsgerichtshof anvusen. Sollte er auch h, diesen beiden Instanzen sachsällig lverden, so will er sowohl im Mtionalrat als auch im Bundesrat in die Opposition gehe n. Uebrigens haben auch die Sozialdenlokraten gegen, die Entscheidung der WalMhöride für den westlichen Wahlkreisvev'band einen Protest be> der .Hauptwahlbehörde evhoben, weil die LandbüMer im Lungau Stimmzettel mit dam Untertitel „Lnnganer Bauevntbnüd" abgegeben haban. Die VerbandAvahlbehörde Hai den Einspruch abgeiviesen und die Neststinmtennmndate so verteilt, daß j e drei ans die Sozi a l d c m okraten und ans die gerneinfame Liste der Großdetftschen und des LatMundes und zwei Mandate an.k die Christlichsozialein entfallen. Der neue Kiirntner Landtag. Klageusurt, 0. Novenrber. Der neugewählw st8rüstig Landtag trat heute zu seiner er st e n Sitzung zusammen/ zu der sämtliche 42 Abgeordneten erschienen waren. Zun, ersten Präsidenten wurde Zug. Dr. Franz Fattinger (Gvoßdeutsch, Kärntner Einheitsliste), zum zweiten Präfix denten Julius Lukas (Sozialdemokrati und zum dritten Präsidenten Dr. Karl NokitnnSkY (Christlichsoz'ase Einheitsliste) gewählt, worauf d-e Wahl 'in die fünf Laiwtagsausschüsse vollzogen wurde. Zun, Land e s h a u p tmcutit tourbe mit 25 Sti.ujueu bei 17 Stiimueuent- »laltunaen Viuaeuz Schumy (Landbund, Efuheitsliste)!