Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1700 (7.11.1923)
- Date
- 1923-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EinzelMunmerKIOOO Wien: Zorn Abholen in der Expedition, IITabor str. 1-3, oder in einer Verschleyistelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I, Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien n. Oeaterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutsch!.: Mon.ost.K 28000. Frankr., Belgien: Monatl. Fr cs. 8 teuer AM- Naehzahlun bei Preiterhohunjren Sren *V8 Vorbehalten 95t. 1700 Wien. Mittwoch. 7. November 1023 . ..—— Me (fit Deutschland. —y. Wien, 7. November. Aus einem Brotkrawall ist ein Pogrom geworden. In Berlin, dem wohlgesitteten, geordneten Zentrum des ebenso wohlgesitteten, geordneten Reiches. Am Montag früh harten die Bäcker den Brotpreis aus das Zehnfache hinaufgesetzt. Das Bäckergewerbc ist im allgemeinen kein jüdisches, auch in Berlin nicht. Aber die Entrüstung der Hungernden wurde sehr bald in das antisemitische Geleise geführt. Und so kam das Scheunenviertel Berlins, bisher nur aus den Romanen der Elendsliteratur und den Zeichnungen Zilles bekannt, in die Politik hinein, nämlich in die angewandte, nach den Ludendorffschen Grundsätzen organisierte. Gut gekleidetes Gelichter zog von Laden zu Laden, von Haus zu Haus. Urid wo es vorbei war, lagen mißhandelte Menschen in ihrem Blut, starrten zertrümmerte Fenster ins Leere. Hinter den Ueberfallkommandos — im Betrieb des Rutschen Militarismus gibt es für alles eine Bezeichnung — kam das Lumpenproletariat, armes, verzweifeltes, zerlumptes Volk, das alles aufrafft, was es findet, und dem Messer und Schlagring befreundete Mittel zum Leben sind. Das war im Scheunenviertel. Inzwischen hielten Hakenkreuzlerbanden in der Friedrichstraße Reden, stellten jüdische Passanten zu einer körperlichen Untersuchung und schlugen sie dann halbtot. Überflüssig zu sagen, daß die Banden überall, so wie es die Kriegsregel' vorschreibt, in der Mehrheit waren. Überflüssig, zu sagen, daß die Polizei gar nicht oder zu spat kam, und daß sie so amtshandelte, wie das die Polizei überall tut: sie ‘ sperrte die UeberstrllenM ein. Die Hakenkreuzler nicht. Die sind nämlich die Herren Deutschlands, noch ehe ihr großer Putsch erfolgt ist. Die Stimmung, die ihnen vorausgeht, arbeitet für sie ebenso gut als dies Maschinengewehre könnten. Lange vor ihren in Koburg stehenden Kontingenten ist ihr Geist in die Zentrale des Reiches eingezogen und findet überall willige Heiser und die freundliche Unterstützung der Behörden. Alles, was mit Deutschtum prahlt, was in deutscher Geburt allein schon den Beweis der Ueberwertigkeit sieht, was Geist und Freiheit und Frieden als undeutsch und jüdisch verachtet und bespuckt, ist mH ihnen. In allen Reichskanzleien, in den Polizeistuben, in den Gerichten und Schulen sitzt diese mit Recht so genannte Gesinnung, für die das Volk nur Maschinenfutter und Kasernenmaterial ist und die das jüdische Gehirn fürchtet wie die Vergeltung für Kriegsschuld und Kriegsverbrechen. Es sind das dieselben Menschen, die in Belgien und in Frankreich, und in Polen und in Serbien, und in der Türkei das Wesen demonstrierten, an dem die Welt genesen soll, und die aus das gutgeartete, sinnige deutsche Volk Schande und Schmach gehäuft haben, Lakaien, deren Sehnsucht das Strammstehen ist, und die, seit die höchsten Herren vor dem Volkszorn davongelaufen, mit der Freiheit nichts anznfangen wissen. Sie verstehen darunter die Freiheit, die Juden zu erschlagen, die Freiheit, die Teinokratie zu erwürgen, die Freiheit, den: Arbeiter sein Reckt zu nehmen. Das ist die Freiheit, die sie meinen. Bei dieser Freiheit kommt Deutschland immer tiefer ins Elend. Aber das kümmert diese Helden der Ludendorffschen Prägung nicht. Ihre Aktivität hat sich am Montag so herrlich ausgelebt, daß der Frundsberg und der Magister Lauckhardt, die ja auch etwas von der Sache verstanden, beschämt zur Seite treten müssen. Aber sie können andererseits ihre Helle Freude haben. Das Landsknechttum lebt wieder auf. Ehedem kriegte man Geld von den teutschen Fürsten, von irgendeiner Großherzogin, heute aber von Frankreich. Die frumben Fähnlein nahmen es nfit ihrer Pflicht immer genau. Wer sie bezahlte, dem dienten sie. Gestern dem Kaiser gegen Frankreich, heute Frankreich gegen Deutschland. Früher verbrannten sie die Juden auf dem Scheiterhaufen, heute prügeln sie sie. Morgen? Morgen werden sie singen: „Wir treten znm Beten" und werden von ihrem Volk reden, das vergewaltigt und gepeinigt wird, und sie werden Hilferufe an die ganze Welt hinaussenden, vor allem aber an die indische. Die Plünderungen und antisemitischen Exzesse gaben sich gestern in Berlin wiederholt... mm Berlin, 6. November. (Tel. der „Wr. Morgenztg") Der Reichskanzler hat einen Aufruf erlassen, in welchem er seine Entschlossenheit zur Niederwerfung eines Rechtsputsches bekräftigt. Während er noch diesen Ausruf schrieb, tobten die Vorposten der: Kahr-Hitler-Revolution sich bei hellem Tage bis in die späte Nacht in einem Exzeß aus, wie man ihn in Berlin noch niemals erlebt hat. Es war ein organisierter Jubenprogrom, dessen Spuren noch lange sichtbar sein werden und die wohl schon jetzt zu einer Intervention der Ententestaaten führen werden. Nach einer ans Paris kommenden Radiomeldung findet bereits in dm Kreisen der alliierten Mächte ein Gedankenaustausch über die Maßnahmen statt, die man zum Schutze der ausländischen Missionen und der in Berlin wohnenden Ausländer treffen soll. Die französische Negierung beantragte die Entsendung von Schutzdetachements aller alliierten Mächte. Auch wird der militärische Schutz der Haupteisenbahnlinim erwogen. Fassungslos hat das Berliner Judentum dieses Treiben üby: sich ergehen lassen. Man hätte es nie für möglich gehalten, daß die Manieren der Plewa- Hnligans sich in der preußischen Weltstadt so ungeniert und so ungehindert entwickeln können, wie dies gestern geschehen ist.. Die Unruhen begannen Mlder niichstenNKhe &§ tzMWsiLiistdtums und griffen dann fast auf das gesamte Zentrum über. Das Scheunenviertel, eine ärmliche Proletariergegend, beherbergt eine große Zahl jüdischer Handwerker, Kleinhändler und Kleinbürger. Diese Gegend hatten sich die Agitatoren Hitlers, Studenten, Handlungsgehilfen, aktive Offiziere — alle mit ihren Damen ausgesucht. Es hatten infolge des von den Wucherbäckern, die mit dem Westarpschen Wucherbauer« gemeinsam operieren, Plötzlich in die Höhe gesetzten Brotpreises. Demonstrationen von Arbeiterfrauen und Arbeitslosen stattgefunden. In der Menge erschienen mit einem Male Gruppen junger, gutgekleideter Leute, die alsbald auf die jüdischen Kleinkram- und Trödlerläden hinwiesen. Es wurden die bekannten Flugschriften verbreitet und verlesen und als die Menge noch zögerte, begannen die Hakenkreuzler mit einem Sturm auf die jüdischen Häuser. Daß die Sache organisiert war, geht daraus hervor, daß wiederholt Automobile neue Straßenredner heranbrachten, die mit Häuserpläne» ausgerüstet waren. Es entstand ein furchtbarer Tumult. Fenster und Türen wurden in Trümmer geschlagen, die Männer aus die Straße geschleift und mit Eisenstangen geschlagen. Die Polizei hatte nur schwache Posten aufgestellt, die aber offenkundig mit dem Gesindel sympathisierten. Die Wache war auf die Weise scharf gemacht worden, daß man ihr seit mehreren Tagen ihr Gehalt nur in fast wertlosen Papiermark auszahlte (während die Arbeitslosen die Unterstützung in Dollarscheinen erhalten) und sie außerdem mit Hitler- Broschüren bearbeitete. Diese Polizisten gingen entweder davon oder sie nahmen die Mißhandelten in „Schutzhaft". Dies ermunterte noch die Ueberfallkommandos, die unter unausgesetzten Pfiffen und den Rusen: „Tötet die Juden! Hängt sie!" ihr Werk taten. Es war ein furchtbares Bild. In das Schreien der Ueberfallenen mischte sich das Geklirr der Fenster und Rollbalken. Die Geschäfte wurden planmäßig erbrochen und ausgeleert. Die Waren wurden auf die Straße geworfen und sofort verschleppt. Viele jüdische Passanten wurden ausgezogcn, blutig geschlagen und dann von dem johlenden Pöbel durch die Straßen gejagt. Diese Szenen gingen ununterbrochen bis in die Morgenstundenfort. Um 6 Uhr früh noch wurde der Schuhladen der „Salamande r"-Firma ausgeplündert. Insbesondere richtete sich dieser organisierte Raubzug gegen die jüdischen Lebensmittel-, Konsettions-, Tuch- und Schuhwarengeschäfte. Die Zahl der Plünderungen wird, soweit sie der Polizei zur Kenntnis gebracht worden sind, mit mehreren hundert angegeben. Mindestens ebenso hoch ist die Zahl der der Polizei nicht gemeldeten Plünderun- Tschcche-SlowiMl fschech. K 1«— Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien. II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0*38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 T el.- Adr. :„Morgenzeitung“ Wien Qösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang W- ♦ gen einzuschätzen. Zahlreiche jüdische Bewohner der betreffenden Straßen und jüdisch aussehende Passanten wurden durch Messerstiche und Schläge zum Teil erheblich verletzt. Einrr der. Ueberfallenen, der nackt ausgezogen worden war, flüchtete in das Geschäft eines Schlächtermeisters, der ihn in Schutz nahm. Da die Menge, die ihn verfolgte, sich darauf anschickte, den Laden zu stürmen, traten ihr der Schlächtermeister und sein Schwiegersohn mit den Schlächterbeilen in der Hand entgegen. Es kam zu einem blutigen Handgemenge, bei dem mehrere Personen durch Beilhiebe verletzt wurden. Auch der Schwiegersohn des Schlachters wurde durch Messerstiche verletzt. Die antisemitischen Ausschreitungen erstreckten sich bis in die Hauptstraßen der Stadt. Gestern abends zog ein Trupp von Hakenkreuzlrrn die Friedrichstraße und die Straße Unter die Linden entlang. Er hielt die Passanten an und verlangte von ihnen Auskunft, ob sie Inden seien. Diejenigen, die im Verdacht standen, Juden zu sein, wurden mißhandelt. Mißhandlungen werden auch aus anderen Teilen der Stadt gemeldet. ' * "*• Die Plünderungen und UriruW dauerten heute fort. Sie haben die ganze Stadt ergriffen. Doch entwickelte heute die Polizei größere Energie und streifte in Lastautos die gefährdeten Viertel ab. Die Zahl der verhafteten Plünderer ist seit gestern auf mehr als hundert gestiegen. Die Erregung der Bevölkerung ist unbeschreiblich. Vielfach wagen es die Passanten nicht mehr, Uhren und Geld mit auf den Weg zu nehmen, da sich die Fälle mehren, wo am hellichten Tage Passanten beraubt und vollkommenentkleidet werden. Auch im Westen, auf dem Kurfürstendamm und in der Kantstratze wurden Geschäfte ausgeräumt und Autos angehalten. Die „Deutsche Zeitung", das Organ der Völkischen, nennt diese Ereignisse „Rache an der Grenadierstratze", konstatiert somit den antisemitischen Charakter, den man gestern noch bestritten hatte. Unter den Schwerverletzten befindet sich der jüdische Arzt Dr. Bernhard, Pen die Polizei in Schutzhast nahm, wobei ihm der rechte Arm gebrochen wurde, und der Schriftführer des Verbandes der deutschen Staatsbürger mosaischen Glaubens. Amtliche Meldungen. Berlin, 6. November. (Wolfs.) Gestern kam es in den späten Abendstunden und in der.Nacht im Norden und im Zentrum der Stadt zu Zusammenstößen zwischen Plünderern und Schutzpolizei, wobei ein Mann g et ö t e t u n d e i n e r v e r l e tz t wurde. Die Plünderungen von Geschäften, die heute in Berlin West und in C'harlottenburg einsetzten, deuten auf eine gewisse Planmäßigkeit hin. Die Polizei griff überall ein und zerstreute mit Hilfe von Bereitschaftskommandos, die in Lastkraftivagen hevbeieilten, die Ansammlungen. Zu größeren Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Verbot einer antisemitischen Hetzversammlung. Berlin, 6. November. Nach denr „LoManzeiger" hat der P o l i z e i p r ä s i d e n t von Berlin e-me für heute -anberaumte Versammlung mit antisemitische m Charakter verboten. Rekurs der aus München ausgewiesenen Juden. München, 6. November. Die „Münchner Neuesten Nachrichten" melden: Die meisten auf Grund der Verfügung des Generalstaatskommissärs aus gewiesenen Juden (nichtbahrische Staatsbürger) haben die B es ch w e r d e an das Geueralstaatskommissariat ergriffen. Wie man hört, sei einem Teil dieser Beschwerden stattgegeben worden.