Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-11-06 · Heft 1699 (6.11.1923) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1699 (6.11.1923)
Date
1923-11-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980781--16688-3003625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1899 MM, DKlMÜtz Set Parteitag der österreichischen Sioniften. Der Vevotstchende Ziockstische Parteitag begegnet in; allen Kreisen der österreichischen Zionistischen Organisation dem lebhaftesten Interesse. Die wachsenden Aufgaben des: Zionismus, der sich gegenwärtig vor die Notwendigkeit^ gestellt sieht, immer weitere jüdische Kreise zun: Ausbau eines jüdischen Palästinas heranzuAiehen, rollen verschie--. dene Probleme auf und erfordern eine feste Fundierung^ der Zionistischen Organisation, welche ihre Tätigkeit den Bedürfnissen der Zeit anpassen und mit gesteigerter Intensität fortsetzen muß. Im folgenden veröffentlichen wir eine knappe programmatische Darlegung eines zionistischen Funktionärs, welche die Diskussion über die Probleme des Parteitages einleiten soll. Wir fordern... Aus der Erkenntnis heraus, daß die Leitung der österreichischen Zionistischen Organisation nicht in der Lage war, ihre Tätigkeit nach innen und nach außen erfolgreich zu gestalten, so zwar, daß die Anzahl der organisierten Zionisten nicht gewachsen, die öffentliche Propaganda vollkommen aufgehört und die materiellen Leistungen sowohl für die zionistischen Notwendigkeiten, vor allem für den Keren Hajessod, als auch für die Erhaltung der Organisation versiegten, wollen wir einige Vorschläge zur Reorganisation und zu produktiver Arbeit für den kommenden Parteitag nrachen. Wir wollen dies tun aus der Erwägung heraus, daß heute nur eine straffe und wohlorganisierte Zionistische Partei ihren Verpflichtungen nachkommen kann. Wir wollen nicht die kostbare Zeit verlieren, um anzuklagen und zu kritisieren, sondern wir wollen Arbeit, produktive Tätigkeit. Im folgenden sei eine Reihe von Thesen aufgestellt: 1. Die Zionistische Organisation Oesterreichs stellt sich bedingungslos hinter ihrem Führer Weizmann und seine Mitarbeiter, erklärt eindeutig, daß sie bereit ist, die gefaßten Kongreß- und Jahreskonferenzbeschlüsse bis zur letzten Konsequenz durchzufühven und der Gesamtpartei an Propaganda und Geldmittel das Geforderte zur Verfügung zu stellen. 2. Die Zionistische Organisation Oesterreichs muß eine homogene Leitung bekommen, in der nur eine Richtung vertreten ist, soweit es sich um zionistische Arbeit handelt. Diese Leitung hat alle Befugnisse. Ihr wird es anhcimgestellt, die Leitung von Sektionen, Gruppen oder Sonderverbänden, wenn ihre Tätigkeit nicht den Intentionen der Parteileitung entspricht, wenn die geleistete Arbeit in keinem Verhältnis zu deren Möglichkeiten steht, oder wenn die Vorstände, respektive Gruppen gefaßte Beschlüsse nicht restlos durchfiihren, ihres Amtes zu entsetzen und in weiterem Verfolge eventuell die einzelnen Gruppen zu suspendieren. 3. Die Institution des Parteirates soll aufgehobelt und an ihre Stelle die Befugnisse des bestehenden Lokalkomitees in der Weise erweitert werdet!, daß dieses nicht nur die ganze organisatorische Kleinarbeit überwacht, sondern daß gerade diese Behörde auch herangezogen wird, um die wichtigen politischen und palästinensischen Angelegenheiten nritzuberaten. Dadurch wird auch die Arbeit der obersten Leitung nur auf das Wichtigste und Wertvollste beschränkt sein. 4. Wir verlangen die sofortige Einsetzung einer F i n a n z k o m m i s s i o n unter Führung der obersten Leitung, welche das Finanzwesen des Landeskornitees auf kurzem Wege saniert, dort abbaut, wo es möglich ist, aber dort, wo die Erhaltung des Betriebes notwendig ist, die dazu notwendigen (Mdmittel sicherstellt. Diese Sicherstellung ergibt sich aus der tu einer straffen Organisation uitb einer mit allen Mitteln ausgestatteten Leitung selbstverständlichen korrekten und rechtzeitigen Abführung der Parteisteuer, deren Höhe den Bedürfnissen, die heute ganz klar festgelegt werden können, entsprechen muß. Dem Landeskomitee steht natürlich auch der Weg besonderer Einnahmen offen, um besondere Mehrerfordernisse zu decken. 5. Bon der künftigen Leitung wird verlangt, daß sie zuerst die Verhältnisse in den jüdischen Hauptzentren, im zweiten und zwanzigsten Bezirk, prüft und hier mit allen Mitteln eine Organisation schafft, die den gegebenen Verhältnissen entspricht. Nach dieser Reorgamsation soll die Leitung in Form von zwei- bis dreiwöchigen Drrves die anderen Bezirke und dann auch die anderen Gruppen uitb Sonderverbände einer gründlichen Reorganisation unterziehen. Diese Drives sollen verbunden fein mit der Abhaltung von innerhalb dieser Zeit stattfindenden Zirkelabenden, Vortrags-, Lichtbilder- und Kinoabenden. Es ist innerhalb der einzelnen Gruppe für diese Zeit ein Bureau zu errichten, die Sekretariate einheitlich zu gestalten, die Erfahrungen in der einen Gruppe find der anderen zu vermitteln, die Nationalfonds- und Keren Hajessod-Arbeit ist zu überprüfen, Schekelsammlungen sind vorzunehmen. 6. Wir fordern von der neuen Leitung die Organisierung von jüdischen, respektive hebräischen Kindergärten und hebräischen Kinderkursen in allen Bezirken; ferner die Förderung des bestehenden jüdischen Schulwerkes und der jüdischen Kinderheime und die Schaffung von jüdischen wirtschaftlichen Organisationen. 7. Wir fordern die zionistische Studentenschaft aus, sich an der Parteiarbeit wieder aktiv zu beteiligen und ihre Kräfte der Gesamtarbeit zur Verfügung zu stellen. _Wiener MorgenzeUung. ~ _' 6. Hrovkmöer I9S3_ Seit* 8; Ae tzrzShltmgen des Iyonis Mbo. Mörder und Automobllhöudler. Der Bluthund von Transdanubien Dyonis Bibo war drei.Jahve lang der.gefürchtetste Judenhenker des weißterroristischen Kurses in Ungarn. Als er genug gemordet, erpreßt und gefoltert hatte, zog er sich mit der Amnestie Horthys in der Tasche 'in das anständige Bürgerleben zurück und wurde eiü ehrsamer AutoniobilhäMer. Da kam er plötzlich mit den Gerichten in Konflikt. Er Hatto das Pech, als anständiger Auto besitz er zwei Menschen mederzufahren und sich dadurch gegen die Verordnung über das Schnellsahren zu vergehen. Dre-i Jahre lang durfte Bibo nahezu sämtliche Paragraphen des Strafgesetzes in perversester Weise verletzen, ohne daß sich ein Gericht darum geschert hätte und jetzt mußte er wegen so einer Bagatelle sich zu Gericht bemühen. Er wurde auch pünktlich zu einer Geldstrafe von 400.000 Ungar. Kronen verurteilt. Bibo vor. Gericht war eine Sensation und es ist kein Wunder, daß ein flinker Journalist diese Gelegenheit ergriff, um den einst so gefürchteten Judenfresser über seine Laufbahn auszusragen. Im Bewußtsein der Ungefährlicheit seiner Aeußerungen war Bibo recht mitteilsam. Er erzählte unter anderem: Ich habe den Krieg mitgenlacht und nahezu sämtliche Auszeichnungen erworben. Ms in Ungarn die Kommune ausbrach, brachten cs die Verhältnisse mit sich, daß ich gezwungen war, eine Stellung als Chauffeur bei der Komni u n e anzunchmen. Ich habe diese Stellung jedoch dazu benützt, die Personen, die zur Verhaftung ausersehen waren, rechtzeitig zu,warnen, damit sie sich in Sicherheit bringen können. Als ich erfuhr, daß ich verdächtig geworden war und gleichfalls hätte beseitigt werden sollen, entfloh ich nach Szeged in, wo ich als Leutnant in die Nationalarmee eintrat. Ich wurde in Kommunisten zu säubern, damit bis zu dein Zeitpunkt, wo dst Gerichte und die öfentlichen Aemter ihre Tätigkeit wieder aust nchnten würden, all diejenigen, die das Wiedererwachen denationalen Gedankens zu verhindern vernröchben, bereits be. s e i t i g t seien. Leider konnten wir 'diese Sänbevungsarbeft nicht so radikal Vollsühven wie es 'in unseren Plänen lag. Auf die Frage, ob er bei verschiedenen Hinrichtungen, so auch bet der Ermordung des Albert Freund von Dioszeg zugegen war, antwortete Bibo ausweichend: Ich war wohl zugegen, ckber ich möchte mich über diese Dinge nicht äußern. Er fuhr dann fort: Im September jenes Jahres wurde ich nach Wien entsendet, von wo ich mit großer. Spitzfindigkeit auf schlE Art sechSunddreißig berühmte Kommunisten nach Ungarn zurückschmuggelte, von denen ein großer Teil hier zum Tode verurteilt wurde. Später, als ich sah, daß einzelne Detachements große Gemeinheiten begehen, zog ich mich von der Schlagwortepolitik zurück, hängte die Uniform in den Kasten und kehrte zu meinem Automobil zurück. Dieses kurze Selbstbekenntnis des Massenmörders erweckt die Erinnerung an Hunderte von Tragödien unschuldiger Juden. Bibo lügt auch fetzt noch, wenn er die Sache so darstellt, als wären jene unglücklichen Emigranten, deren Verschleppung aus Wien seinerzeit die Oeffentlichkeit in große Unruhe versetzt hatte, durch ordenÄiche Gerichte verurteilt worden. Die meisten dieser plötzlich aus Wien verschwundenen polizeilichen Flüchtlinge erlebten cs gar nicht, vor die Gerichte zu gelangen. Sie wurden noch unterwegs, manche von ihnen sogar noch auf öfter rechlichem Gebiet, ermordet. Dieser Bibo und alle seine Movdkomplicen spielen das Pronah-Detachement eingereiht, welches die Aufgabe hatte, Transdanubien von den heute nicht nur den ehrsamen Bürger, sondern dürfen auch iifrpr iTitp 3jfttp.it Maudern. 8. Wir fordern von der jüdischen Turnerschaft und den bewußt jüdischen Sportlern die regste Mitarbeit. - 9. Wir fordern von der neuen Leitung die intensivste Anteilnahnre an der Arbeit des Nationalfonds und des Keren Hajessod und selbstverständlich die Erfüllung der Keren Hajefsod-Pflicht von allen Zionisten. 10. Wir fordert! von der neuen Leittmg die Veranstaltung großer allgemein zugänglicher Propagandaversammlungen zwecks Verbreitung des zionistischen Gedankens in den weitesten Kreiseil der Bevölkerung. 11. Die Heranziehung der nichtjüdischnationalen Gruppen zur Palästina-Arbeit ist unbedingt zu pflegen, doch dürfen die Kräfte, die sich mit dieser Arbeit zu beschäftiget? haben, nicht gleichzeitig jene sein, die die rein zionistische- Arbeit fiihren und leiten. Diese Richtlinien für die zukünftige zionistische Arbeit in Oesterreich erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber sie scheinen geeignet, den Weg zur künftigen Arbeit zu weisen und den österreichischen Zionismus neu zu beleben. Es wird Aufgabe des Parteitages sein, seine Beratungen in strenger Sachlichkeit zu führen und unter Vermeidung von Kritik sowie überflüssigen Debatten die Bahn zu fruchtbarer zionistischer Arbeit zu eröffnen, die wir für uns und für die österreichische Iudenschaft fordern im Interesse der Bewegung und zum Heile Palästinas. Sesterreich. Der Handelsvertrag mit der Lschecho-Aowakei. Wie die Politische Korrespondenz erfährt, wurde zwischen der. t s ch e ch o - s l o w a k >i s ch e n und der ö st e r r e i ch i s ch e n Regierung vereinbart, die auf die Handelsvertrags- Verhandlungen bezüglichen Forderungslisten zu Beginn des Monats Dezember auszutauschen. Der Beginn der Verhandlungen selbst wurde für anfangs Jänner festgesetzt. Italien nnd Wien. Rom, 4. November. „Corriere d'Jtaüa" bespricht ausführlich die technische und strategische Unzulänglichkeit der Eisenbahnlinie Pontebba—Tarvis und die Unmöglichkeit, die Verbindung Italiens mit Wien auf diese Linie zu beschränken. Italien müsse eine neue Verbindung mit der benachbarten Republik Oesterreich, insbesondere mit Wien als dem Zentrum, suchen, wo die Waren aus Mittel- und Nordeuropa zusammen- und durchfließen. Günstige Verbindungen und die Elektrifizierung der Predilbahn würden auch eine bedeutende Ersparnis mit sich bringet:. Ungarn. Nationalifierungsversuche der Jude«. Budapest, 5. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Im Heimatsrechtansschuß des Budapester Gemeinderates liegen die Gesuche jüdischer Petenten um Erteilung des Heimatsrechtes zu Hunderten und werden, nicht erledigt. Tie christlichnationale Majorität hat sich eine Verschleppungstaktik znrechtgelegt, die den Berufsprotektoren in der Partei die beste Gelegenheit zu Erpressungen und Erwirkung von Jnterventionsgeldern bietet. Jetzt, wo es inehr als wahrscheinlich ist, daß die Herrschaft der gegenwärtigen Majorität mit Ende dieses Jahres gleichfalls zu Ende geht und die unerläßlich gewordenen Neuwahlen mit einer vernichtenden Niederlage der rassenschiitzlerischen Antisemiten im Gemeindevate abschließen werden, bieten die Antisemiten alles auf, um noch rasch diese jüdischen Naturalisierungsgesuche in ihrem Sinne zn erledigen. Es wurde ein sogenanntes R e f e r e n> t e n k o m i t e e aus zwei Mitgliedern bestellt nnd die Auswahl dieser zwei Mitglieder, Eugen Berebely und Paul Joanovics, beide Mitglieder des äußersten rechten Flügels der christlichnationalen Partei, bietet der Majorität die Gewähr, daß die jüdischen Heimatsrechtwerber abgewiesen werden. Polen. Der Direltor des Minoritiilendevartements beim Völkerbund — in Warschau. Warschau, 6. November. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung".) Der Direktor des Departements für Minderheitsangelegenheiten beim Völkerbund, C o l b a ist hier eingetroffen. Colban soll an Ort und Stelle die Frage der Minderheiten studieren. Korsantys Projette. Eine Regelung der Minoritatenftage? Warschau, 5. November. (Tel. d. „Wiener Morgen, zeitung") Der neue Vizeminister Korfanty hat bereits die Geschäftsführung im Ministerrate übernommen. Das Hauptgebiet seiner Tätigkeit bilden die Finanzangelegenheiten und M i n d e r h e i t s f r a g e n. Zur Lösung der Finanzfvage will sich Korfanty um das Zustandekommen einer ausländischen Anleihe bemühen. Jnr Zusammenhange damit beabsichtigt er, auch die Regelung der Minderheitsfrage durchführen. Vor allem will er versuchen, den Jüdischen Klub für das Kabinett zu gewinnen, und ist offenbar bereit, den Numerus clausus fallen zu lassen, wie auch Konzessionen auf dem Gebiete des Schulwesens zu gewähren. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er in den nächsten Tagen ein Gesetzprojekt über die Schaffung eines Unterstaatssekretariats für die nationalen Minderheiten einbvingen wird; um die Weißrussen und Ukrainer zn gewinnen, ist er sogar bereit, ans die Militärkolonifation in den östlichen Randgebieten zu verzichten. Der «eue Außenminister Wer den Numerus rlaujus. Eine „innere Angelegenheit" Polens. Warschau, 3. November. (Tel. d. „Wiener AtorgXlzeitung".) Der neue Außenminister D m o w s k i äußerte sich in einem Gespräch mit dem Warschauer I. C. B.-Bertreter dahin, daß der N n m e r u s c l a u s u s eine i u u e r p o l i t i s ch e Angelegenheit Polens sei, über die einzig die polnische Regierung zu entscheiden habe. Eine auswärtige Kritik sei nicht am Platze. Der Streik. Warschau, 4. November. Die Polnische Telegraphen» agentur meldet über die Streiklage. Die polnische Sozialistische Partei richtet einen Aufruf an die Arbeiter, Montag den 6. d. mit dem Generalstreik zu beginnen, für den Fall, daß die von der Negierung zwecks rascher Beendigung der Teilstreiks der Eisenbahner ergriffenen Maßnahinen nicht zurückgezogen werden. Am besten u.biHigstenSf.1 kaufen Wären im Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47*1-79 Engros En detail

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.