Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1697 (4.11.1923)
- Date
- 1923-11-04
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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©cfl« * Wien. Sonntag Meiler Morgettzettrms. L Novemiber 1988 Kr. IM JUEDISCHF Jt IQFND ... » Was erwarte ich vom Leben? I Preisarbeii. Ich sitze im Eisenbahnzug, stmnm, zurückgelehnt.! Fiebernd sehe ich hin, wie die Landschaft sich am Fenster abrollt wie ein schöner, bunter Film. In meinem Kopfe gefu cs jit >vie in einem Hexenkessel. Hunderte von Gv-- danken entstehen in der Sekunde, wachsen, schwellen unförmig an, bis sie mir säst die Stirne sprengen. Ich hab§ für immer voll meiner Kindheit Abschied genommen. Habe mW) gewaltsam von dem schönen Orte losgerissen, der mir meine letzten Ferien mit Stimmung und Musik erfüllt hat. Es ivar ein starkes, unwiderstehliches Gefühl, das nüch zu diesem Entschluß gezwungen hat, allen fremden Meinungen, Ratschlägen und Ahnungen' zum Trotz: Ich bin erwachsen, ich will selbständig sein. Wer es liebt, mag stillhalten, fremde .Hände über seinem Schicksal dulden, im sicheren Hein: die Zeit verträumen und warten, bis das Leben hereinkommc und ihn abholt. Vielleicht kommt cs auch nie. Ich habe feine Geduld dazu. Ich springe in den' dahinbrausenden Zug und fahre ins Leben hinein. i llitb kenne das Leben doch eigentlich noch gar nicht. Aber ich habe viel darüber sprechen gehött. Von klugen, erfahrene,t Menschen. Und sie haben alle wie verschmähte Verliebte gesprochen, manche wehmütig und enttäuscht, mmtvfte spöttisch und bissig. Haben daL arme, schöne Leben gescholten und Verleumder und ihm alle möglichen schlechten Tinge nachgesagt. Jetzt, in diesem Augenblicke höre ich ihre stimmen, sie klingelt alt und überlegen: „Wie kann man nur so unklug sein, so nilvorsichtig, so urtpraktisch. Du hättest in Ruhe unb Sicherheit leben können, behütet und beschützt, und rennst ins Ungewisse, nur um deinen jungen Trotzkops durchzufetzen. Dir kennst das Lebert nicht. Wir kennen das Leben. Weißt dn, was du vom Leben zu erwarten' hast? Entbehrung, Enttäuschung. Unbeftand aller Freuden, , und Mühe, Mühe, oft ganz nutzlose, iminer unsägliche, zermürbende Mühe." Ueber den bunten Film da draußen haben sich indessen .die zarten, silbergrauen Schleier der Dämmerung immer dichter und dichter gezogen. Der enge, göüngepolsterte Raum verliert sich ganz in schwarzen, weichen Schatten. Rur der kleine Spiegel, der dem Fenster gegenüber hängt, hat den letzten Schimmer des Tages in sich aufgesogen und bildet einen einzigen, tiefblau leuchtenden Lichtsleck. Plötzlich verliere ich die Grenzen der Wirklichkeit und bin mitten im Märchen. Ich sehe keinen Raum mehr. Fühle mich mit rasender Schnelligkeit durch das lausende Dunkel getragen und über mir brennt eine kleine, blaue Flamme, spicgeltics, in stummer Schönheit. Und ich schaue und schaue in die blauleuchtende Tiefe hinein, bis ich eine Stimme heranShöre', eine leuchtende Märchenstimme: „Ich bin das Leben. Sieh' mich an unb sage mir, ob ich nicht schön bin." : „Und wenn du schön bist, sage mir, warum reden sie bann so schlecht über dich, die Alten, Erfahrenen, die dich kennen?" „Niemand kennt mich. Siehst du denn nicht, daß ich ein Spiegel bin? Den Leuchtenden leuchte ich und den Trüben bin ich trüb." „Und was habe ich von dir zu erwarten?" „Wenn dn es nicht selbst weißt, dann erwarce auch nichts von mir." „Doch, ich weiß. Dasselbe, was die Erfahrenen sagten, nur daß sie die Dinge nicht beim Namen zu nennen wissen/ .Hoffnungen ohne Fahl, groß und beglückend, geschaffen, daß, wenn eine stirbt, zehn andere auferstehen. Augenblicke, welche die Schönheit von Ewigkeiten enthalten. Und Kamps, Kampf, oft nur um seiner selbst willen, aber immer heißen, starken, alle Kräfte erquickenden Kampf" „Du hast mich verstanden. Leb' Wohl!" Die blaue Flamme verlischt. An der Wand hängt der kleine Spiegel, leise glänzend. Es ist Nacht geworden. Ich springe ans, öffne mit einem Ruck das Fenster. Noch einmal schaue ich zurück in die Ferne, woher ich gekommen bin. Leb' wohl, Kindheit, Sonnenland, Tranmland. Und dann schaue ich vorwärts. Dort in der Ferne liegt die große Stadt,' ein Heller Lichterkranz. Jedes einzelne Licht ist ein Sinnbild des Lebens. Es leuchtet über Arbeitenden, Leidenden, Genießenden. Es leuchtet über dem ungeheuren Großstadtgetriebe, das ich liebe wie den Pulsschlag meines eigenen Lebens. Jedes einzelne Licht ist eine Helle Stimme. Und Mir ist, als ob mich diese Stimmen rufen würden: „Bald HÜ dn bei uns, unter uns . . Und ich freue mich . . . Wien, im Oktober 1923. Klara Blum. Fahrerseier der Bundes jüdischer gungwMdner. Viele Veranstaltungen unserer Jngendvereine halben wir schon besucht und uns an ihrem Spielen und Angen erfreut» wenige aber gab es bisher, die so restlos gelungD waren als o!» Fei-»- •«» «wfott FMaale der Wiener Mania. Scklag baw zehn eröffnet* Herr Hugo Äomtnif, der Präsident des Bundes jüdischer Jungwanderer, mit wenigen Worten der Begrüßung die Veranstaltung. Gespannt 'lauschte jung und alt den trefflichen Worten des Herrn Dr. David Rotblum, der über das Wesen der Eiterndere ine sprach und die Erfolge vor allem der Elternvereinigung des 16. Bezirkes als beispielgebend für alle Bezirke hervochob. Nicht bloß Erziehung des Kindes sei das Ziel, sondern auch Erziehung der.B.äter und-Mütter tue not. Nach entzückendem Klavier- und Violinvortrag der Schwestern Goitein betrat der Führer des Bundes, Herr Hans Engel, von Wanderern, Wanderinnen und allen, die ihn kennen, stürmisch begrüß:, vas Podium, um an der Hand einer Unmenge von Lichtbildern über die drei großen Sommersahrten zu berichten. Es gab wohl selten so frohe Gesichter der Großen und Kleine:, als beim Anblick dieser lebenslustigen Wanderer,He wir durch Tirol und die Schweiz marschieren sehen, wie sie im Zelt wohnten, wie sie kochten und wie sie sich ,-schön" machten, bevor sie in eine Stadt wie Luzern oder 0t. Moritz kamen. Die Paßrevision haben sie im Bilide festgchaltcn und Herr- Engel versteht es, in launiger Weise alle die kleinen Hemmungen zu erwähnen, und die Znsoher kommen aus dem Staunen über die Schönheit der Berge, Seen und Städte nicht heraus. Die Jungen und Mädels, die die Fahrt mitgemacht haben, werden, beneide:. Schon glaubt' der eine oderandere der Erwachsenen, den es gefreut hat, von der Züricher Ha-koah und der Gründung eines Schweizer Wischen Jugendbundes ans dem Munde des Vortragenden gehört zu haben, daß die Jungen ebenso mit einem „interkonfessionellen" oder „cmationalen" Bund hätten wandern kömren, um Nürnbergs Schätze zu üe:rach:en. als wir uns plötzlich i-m Getriebe des 16. Zionistcnkongresses ::: Karlsbad besuchen. Das Leben und Treiben unseres Parlaments, die Rednertribüne, unsere Führer We'izmann und Sokolow und alle die Großen, sie wc 'den bewundert, und die wenigen Ä?orte des jungen Führers lassen erkennen, daß Zionismus für all diese Jungen eine Selbstverständlichkeit Und kern Problem ist, wie für uns etwa vor zehn und 20 Jahren. Tie herrlichen Prager Aufnahmen vom Judenfriedhof und der Altnen.schul schließen die Reihe der Bilder. Nicht euven-wollender Beifall wird dem Vortragenden zuteil, der selbst die Seele seines Bundes ist. Bejubelt wurden die turnerischen Leistungen der Mädchen und -Knaben. Hebräischer Gesang zeigt deutlich das Verständnis der Kleinsten für unseres Volkes Sprache. Den Abschluß bot ein in Versen geschilderter Entwicklungsgang eines Jugendwanderers. illustriert durch Schattenbilder, die einen Lachstnrm aller auslösten. Idee und Form dieser Schattenbilder waren ausgezeichnet. Der ungelenkige, typische, kleine Junge ans der S-cküv-arz!ngcr-Schule, im Kaipark beim Fußballspiel. die Tiegeszahlcn der Fußballmetlspiele' :m Gehirn, und schließlich der aufrechte fröhliche Wanderer im Wr'de und im Kreise der Kameraden, die Geschickte seines VoTcS lehrend, wirkten besser als manche ernste Rede -und zeigten die Bedeutung der Erziehung durch die Wandcrbnnde im Gegensatz zur KasseelMlsjugend. Zum Schlüsse fand die Verlesung einer Anzahl jüdischer Bücher, eines Fahrrades, eines photographischen Apparates, eines lebenden Kätzchens und einer Anzahl von Goidsisclsthen statt. Beim Abschied gab es Tränen einiger kleinen Wichte, die um keinen Preis, selbst um den frischer Maroni nicht, weg wollten, weil es so schön gewesen sei und sie den Müttern nicht glaubten, daß Scbluß sei. Wir alle freuen uns mit Führern und Wanderern über ihren Erfolg. Dr. I. K labe r. SöMMMM. (Aus einem Brief.) Du. fragst nach der Stellung der silbischen Jugendvrweguug zum Sozialismus. Die Antwort ist nicht einfach und kann nur subjektiv sein. Drt bist auch in einem unglücklichen Zeitpunkt zu dieser Frage gekomnreu. Die großen Diskussionen darüber sind abgeschlossen, freilich ohne eine allgemein-gültige Lö'ung gebracht zu haben. Was jeder einzelne geben konnte, war; „Wiener Morgenzeitmg"; persönliche Meinung. Wenn Dir an der meinen gelegen feilt sollte, hier ist sie. Wir von der jüdischen Jugendbewegung, sichen auf dem Standpunkt der Volksgemeinschaft, auf dem Standplmkte dev Einheit oller, die durch Geschichte, Blut und Schicksal verbunden sind. Und so muß auch unser Verhalten dem Sozlaltsmus gegenüber daldnvch bestimmt werden. Wenn wir darunter «das Mitleid mit derunterdrückten Kreatur verstehen, das Gefühl, nicht satt zu sein, solange ein einziger Hunger leidet, dann sind wir Sozialisten. Den Klassenkampf (ob von oben oder unten, ist gleich) lehnen wir ab. AuS Kampf und Unterdrückung kann niemals jenes Gemeinsamkeitsgefühl geboren werden, das wir als unser letztes und höchstes Ziel anstvebcn. Daraus geht genugsam hervor, daß unser SozialiSinns Weltanschauung, aber nicht Partei bedeutet. Denn (abgeseheu von altem übrigen) keine der sich irgendwie mit dieser Idee in Verbindung bringenden Parteien Hut die Menschen bester 311 machen vermocht. Und hier liegt der Angelpunkt. Man kann einen Menschen nicht dadurch bester machen, daß man seine Lebenshaltung verbessert. Ein guter Mensch wird man nur durch die Idee, wobei freilich ein gewisses Maß von täglichen Sorgen und Mühen, um Raum für anderes zu gewinnen, beseitigt werden muß. Zkber die Parteien bleiben da stehen, ohne den letzten Schritt zu gehen; wenn sie «dazu Versuche machen, dann sind es höchstens Spiele, die sie zum Brote des Alltags fügen. Alle überragend großen Menschen im Sozialismus waren schlechte Politiker. Rosa Luxemburg schrieb einmal in ihren Briefen an Sonja Liebknecht: „Ich bin lieber im Wald als auf einem Parteitag." Ja, wir auch. Gerade deshalb, weil uns Juden die Idee von dem Gutsein des Menschen mehr ist als eine bloße Formel, gerade weil wir Inden (bis vor kurzer Zeit wenigstens) soziale Unterdrückung dank unseren Religionsgesetzen und unserer ganzen Veranlagung nicht kannten; gerade deshalb werden wir jungen Juden, die wir auf dem Boden «der Volksgemeinschaft stehen, nie die Idee von der Gleichberechtigung aller Menschen (die die Menschheit dem Judentum verdankt) zum Parteidogma degradieren. Wir Jüden haben der Welt den Sozialismus gebracht. Er wird uns für immer untrennbar mit unserem Judentum verknüpft sein. Was wir wollen, höhere, bessere Menschen, werden wir ohne beides nie erreichen. Aber deshalb wird uns das eine und das andere nie etwas andere» fein als ras Leckste, das wir kenne::, als eine Idee, der wiv uns hingeben und für die wir leben. —b. geruschalaimr Kruder. Rabbi Jehoschua traf aus seinem Wege einen Knaben, bet ein bedecktes Geschirr in der Hand trug. Er redete ihn an und sprach: ,WaS trägst 'du da in dem Geschirr S" Der Knabe erwiderte: „Wollte meine Mutter, daß du erfahrest, was ich trage, hätte sie mir nicht gesagt: Bedecke das Geschirr!" . . . Als R. Jehoschua in die Stadt kam, sah er ein Mädchen «m einem Brunnen Master schöpfen. Er spracht „Laß mich au» deiner Kanne Wasser trinken!" „Dir und deinem Kamele will ich Wasser schöpfen." antworte das Mädchen. Als R. Jehoschua getrunken hatte sprach er: „Wahrlich mein Kind, du tatest wie einst Riwkcch." Da8 Mädchen antwortete: „Aber du tatest nicht wie einst Elieser." . . . (Midrasch EchabJ Uebersetzt von Aharon S., Praktikant, 17 I. Vom Bund jüdischer Jugendwanderer. Bei beii 01m b 0 la, die anläßlich der Jahresfeier des Bundes jüdischer Ingendwanderer am 28. Oktober im Großen Saale der Urania stattfand, wurden folgende Nummern gezogen: 86, 176, 258, 286, m, 450, 569, 587, 628, 887, 1190, 1196, 1254, 1278, 1887, 1(508, 1740, 1876, 1886, 1948, 1998, 2170, 2252, 2387, 2314, 2603, 2645, 2699, 2760, 2789, 3057, 3208, 3420, 3530, 3615, 3782, 3873, 4282, 4436, 4494, 4539, 4728, 4769. Die Preise sind ehestens 18. Bez., Eottagegaste 12, bei Hern: Engel abznholen, da sie sonst zugunsten der Bundes verfallen. Brieftafte«. Preisvusschttziben. Die Zuerkennuug der Preise kann erst nach genauer Prüfung der vielen Einsendungen erfolgen. Wir bitten daher um Geduld. — Zionist Nt. Diesmal leider ungeeignet. Uebersetzungen auS dem Hebräischen immer erwünscht. — P. S. XIII. Wir bauten für Ihren Beitrag. - Sch. V. «. Die Behandlung Wischer Literatur ist uns immer erwünscht. OKKASIONS-VERKAUF! Von einer SLuslandskollektion zurückgebliebene erstklassige *W int er mo d eile KOSTUKIIIJB _ KLEIDER _ IMAEIVTEL •* Vierden xu halben Preisen verkauft! 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