Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1697 (4.11.1923)
- Date
- 1923-11-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1697 Wien, Vonntag Wiener Morgenzeitung. ’4. November 1923 Seite 8 {teilten, genossen sie cs gierig, denn sie waren dem Verdursten Nahe. Wer die Luft in der Nähe des Wassers!var znrn Ersticken. Außer einer einzigen Schnitte Brot, die gleich am ersten Tag in fünf Teile ging, haben sie n e u n T a g e l a n g n i ch t s gegessen. Sie hatten seit dem Einbruch des Wassers kein Tageslicht mehr gesehen und hatten bereits jegliche Hoffnung auf Befreiung aufgcgebeu. Sie lauerten da, schicksalergeben, ohne ein Wort zu sprechen. Da kamen Plötzlich die ersten Klopfzeichen, und die fünf Männer faßten wieder Lebensmut, klopften sich die Hände wund, ohne zuerst gleich gehört zu werden. Um festzustellen, ob das Wasser weiter steige oder falle, hatten sie am äußerstell Rand Steine aufgeschichtet. Einige Stunden später fanden sie 31t ihrem Entsetzen, daß das Wasser über einen Meter weiter vorgedrungen war. Sie markierten die Grenze von neuem. Das nächste Mal traten sie nur zögernd näher, dann stellte sich aber heraus, daß das Wasser diesmal zuvückgegangen war. Daraus schlossen sie, daß die Kameradell an ihrer Rettung arbeiteten. Nun bekamen sie auch ein H u n g e rgefühl. Sie unterdrückteu es, indem sie Streichhölzer und Kohlenstücke kauten. Jeder der fünf Eingeschlossenen hatte einen Abschiedsgruß auf die oberste Kohlenschicht geschrieben. Sie konnten ohne Hilfe an die Oberfläche kriechen. Sie bestandeü sogar darauf, auf ihren eigenen Füßen zur Rettungsstation zu gehen. Nur zwei von ihnen mußten getragen werden. Später fand man an einer anderen Stelle die Leichen von elf Bergleuten. Zurzeit fehleil noch füufunddreißig Bergleute. Me polnisch-hebräische Kinderzeitschrift. Seit kurzer Zeit erscheint in Lemberg eine Polnischhebräische Kinderzeitschrift Maschachar" unter der Redaktion der Frau D r. R 0 s e n z w e i g - F r ä n k e l. Der hebräische Teil wird vom bekannten hebräischen Lehrer Siegel geleitet. Bisher sind zwei Hefte erschienen, die eine reichhaltige Auswahl an kleinen Erzählungen, Gedichten und Schilderungen in Polnischer und hebräischer Sprache enthalten. Deutsche M Die Kunstbelange. Wels in Oberösterreich, sonst nur durch sein itt der Bahn- Mrestcmration erhältliches warmes Bier bekannt, hat nun die Mitwelt durch die Entschleierung seiner bisher ängstlich behüteten Kulturschätze überrascht. Man erfährt zunächst, daß es sin Sladttheater in Wels gibt und daß an diesem Stadttheater auch Opern und Prosastücke gespielt werden. Aber Wels in Oberösterreich hat nicht bloß ein Stadttheater, sondern auch ein Herz für sein Stadttheater. Die Gemeinde Wels subventioniert diese Stadttheater in wirklich munistzenter Weise. Sie hat nämlich alle Opern und Prosastücke von der Lustbarkeitsabgabe befreit. Während in anderen Städten —• Weiser aus Oberösterreich, denkt an das von den Judensozi regierte Wien! — von Opern und Prosastücken gewaltige Lustbarkeitssteuern eingehoben werden, ist der Gemeindeausschuß von Wels und Oberösterreich, wo Christlichsoziale und Großdmtsche trotz Wahlkampf brüderlich vereint regieren, ein eifriger Förderer guten Theaters, indem er Opern und Prosastücke von der drückenden Steuer befreit. Wer der Gemeindeausschuß von Wels in Oberösterreich will auf seine braven Bürger auch erzieherisch wirken und sie vor dem Schund, der, ach so häufig auf dem Tbeater zu schen ist, bewahren, damit die unehelichen Geburten zu. neigenden Jumgfrauenherzen nicht gefährdet und vom, Teufel -der Wollust geködert werden. Das aber (nämlich di« Bewahrung vor dem — na, sagen wir, Afterthe-ater) kann nur dadurch geschehen, daß man der bodenständigen Knnst pflegt und das heilige Feuer des christlich-germanischen Schönheitsideals nicht durch die Sudler jüdischen und französischen Stanmies beschmutzen läßt. Darum hat der löbliche Gemeindeausschuß von Wels in Oberösterreich beschlossen: so der T'heaterdirektor es wagt, Opern- und Prosastücke Wischer und französischer Skribenten in dem der christlich-germanisch«» Muse geweihten Kunsblempel' von Wels cmtzusüihren, werden solche mit 'der Luftbarleitsabgabe belegt, ans daß die Kunst röm bleibe von hebräischem mtb gallischem Schmutz. Wacker gehandelt, Gemeindearisschnß von Wels in Oberösterrelch! Kein Schnitzler, kein Kaiser (um Mißverständnissen über die Gesinnung von Wels in Oberösterreich vovzuibeugen, sci bemerkt, daß Georg Kaiser gemeint ist). Korn Rostand, kein Moliere, kein Halovy und — kein Wagner werden fürderhin die Bretter, 'welche Wels bedeuten, verunzieren. Was dem eisigen Morold-Millenkovich nicht gelungen ist, als er (um mit Glücksmann zu sprechen) das Burgtheaterzepter swang, das hat der Geineindeausschuß von Wels in Oberösterreich mit dem Ingenium sozusagen des Kolumbuseis sertiggebracht: Die Herrschaft des reinen christlich-germanischen Schönheitsideals. Mit durchdringendem Scharfblick hoben die Gemeindeväter Salzmann und Gen offen in Wels in Oberösterreich erkannt, daß der Weg zur Aufrichtung des christlich-germanischen Schönheitsideals aus den: Theater nicht durch die Herzen, sondern durch die Taschen geht. Deshalb haben sie die Juden- und Franzostnsteuer, alias Lustbarleitsabgabe, eingeführt. Und während in Wels in Oberösterreich die Stücke des Germanen Hans Breischka das Theater zum Brechen — Men werden, weil die Bürger von Wels in Oberösterveich dabei die Lustbarkeitsabgabe ersparen, wird es bei dem heiteren Moliere oder Schnitzler leer sein. Man nmß die Kräfte kennen, die die Welt regieren, dann kann man die hehren Ziele errechnen, die ein Volk sich steckt. Fürwahr, der Oestevveicher hat ein Wels, er l?ebts, und hat auch Ursache, es zu lieben: Dort „fußen" Theater und Lustbarkeitsaibgabe auf dem christlich-germanischen Schönheitsideal — nur im umgekehrten Verhältnis! Heil! Milliarden... . In Berlin macht gegenwärtig eine Anekdote die Runde, die den furchtbaren Ernst der Situation mit letzter Hmnoranstrengung, sozusagen mit Galgenhumor, . ins Lächerliche ZN ziehen sucht' Ein Schaffner weift einen die Straßenbahn besteigenden Fahrgast zurück, da dieser eilten allzugvotzen Sack bei sich hat. Traurig-bescheiden bittet der also Zurückgewicsene um Entschuldigung: in dem beanständeten Sack habe er lediglich-.das Fahrgeld — heute vier M ill ia rd en für eine einfache Fahrt! — mitgenommen. Und in der Tat: Berlin, ist heute die Stadt der Milliarden. Mit Millionen gibt sich heute niemand mehr ab! (Nur ein Besuch in den kleinen Häuschen an den Straßenecken kostet noch 509 Millionen.) Wohin man blickt, überall stößig man auf „Milliarden". Die Nullen selbst werden nicht" gebraucht. Matt sagt „Zehn" und jeder versteht sofort richtig „Zehn Milliarden". Der Preisanzeiger des Lebens schreibt einfach oben hin: Preise in Milliarden! und jeder lieft: Ein Ei — 6 Milliarden. Ein Brot — 25 Milliarden. Ein Pfund Butter — 66 Milliarden. Ein Pfund Fleisch — 110 Milliarden. Ern Pfund Gemüse — 10 bis 25, Milliarden. Und so geht das weiter. Das Groteske dieser Zahlen wird abe* auch auf allen anderen Gebieten erreicht. So kostet ein einfaches Telephongespräch im Ortsverkehr bereits eineinhalb Milliarden, die Grundgebühr für ein Telegramm beträgt 2,4 Milliarden, wozu noch die Worttaxe kommt. Die'nächste Tariferhöhung führt auch schon bc' der P 0 st Milliardenziffern ein. Goldrechnung. Die Mark sinkt weiter. Man spricht nicht mehr von Tiefstand, von neuem Sturze, von abermaliger Berfchlechterunig. Auch die Bezeichnung Rekordtiefstand ist schon abgedroschen. Matt sagt einfach: 'ne neue Null! Jede neue Null, die in Z ü r i ch v 0 r den phantastischen Nenner jenes Bruches gesetzt wird, die den „Wert" der Mark ansdrücken soll, wird in Berlin hinter den Nenner gerückt. So werden ans Millionen — Milliarden, aus Milliarden — Billionen! Kein Wunder, wenn, da einzelne Behörden zu einem festen Wertmesser, zur Goldvechrmng übergehen. Daß das einzelne machen, ist nur für die chaotischen Verhältnisse in Deutschland charakteristisch. So ist die W s e n ü ahn Müde« «ad Wissenschaft. Der Rasl-ÄlSifinn. Aus Wiener akademischen Kreisen wird uns geschrieben: Der abtretende Rektor Professor' Diener hat offenbar geglaubt, seine glorreiche Amtstätigkeit nicht würdiger abschließen zu können als damit, daß er noch einmal das Kapitel O st j u d e n anschmtt und diese in ungemein herabsetzender Weife charakterisierte. Demgegenüber erlaube ich mir einige ostjüdische Persönlichkeiten namhaft zu machen, um die es wirklich schade gewesen wäre, wenn ein schon zur Zeit ihrer Jugend bestandener Numerus clausus sie daran gehindert hätte, .das zu werden, was sie dann geworden sind: Ein solcher Ostjude war z. B. der verstorbene Berliner Philosophieprofessor Lazarus, der aus Posen stammte. Solch ein Ostjude war ferner — wenn man bedenkt, daß für die Zeit, in der diese Männer jung waren, die Grenzen der sogenannten Ostjudenschaft mehr nach Westen zu ziehen waren als heute — auch der Begründer der Völkerpsychologie Professor Steinthal und das Haupt der Marbuvge'r Philosophenschule Hermann Coden. Ein solcher Ostjude war endlich auch der einstige Präsident des Frankfurter Parlaments und der spätere erste Präsident des neugegründeten deutschen Reichstages m v\ <&VienJ. JOildpreimarkt H tJTlodeles , Jtl,azJHav>£enrit ffiobes, K&stumes,JfUinteauXt Seagorons et pourrures *Telefon G&3 73. ZM.it%ebra.chte Stoffe werden zur^Verarbeitung angenommen 'Traget Bf* A Schuhe! zum G0ldtar if übergegangen. Ihr ist die Berliner Stadtbahn gefolgt. Wie freut sich da der Berliner, wem: er hört, daß seine Karte — fünfzehnPfennige kostet, und wie betrübt wird er schon im nächsten Moment, wenn er erfährt, daß die GoldumrechnungSz i f f'« r siebzehn Milliarden beträgt! Nun führen auch die S t e u e r b e h ö r d e n Goldrechnung ein. Ein Zufall, vielleicht ein allzu bezeichnender, fügt es, daß die erste in Gold erstellte Steuer die — H u u d e st e u e r sein wird. (Alan ist eben schon ganz auf den Hund gekommen.) Auch die Berliner Blätter berechnen für Inserate Gebühren in Goldmark, und zwar jede Druckzeile im Reklamteil mit acht Goldmark. Wovon leben die Akademiker? Das „Aerzteblatt der Provinz Brandenburg" schreibt: Für Frage 10 d.:r neuen deutschen Steuererklärung wurde folgende Fassung vorgeschlagen: „Haben Sie einen akademischen Berns? Wenn ja, von was leben Sie?" Katastrophen-Humor. Daß aber auch in der deutschen Wrrtschastskatastrophe der Humor noch nicht ganz verloren gegangen ist, beweisen die folgenden Verse, welche der „Frankfurter Generalanzeiger" veröffentlicht: Wenn du noch einen Anzug hast. Wenn du noch einen Anzug hast, So sollst du ihn behutsam schonen. Zumal, wenn er dir Leidlich paßt — Ein neuer kostet Billionen. Und nennst du ein Paar Stiefel dem, So wandle ohne Kapriolen Und meide Glas und spitzen Stein, Weil unerschwinglich das Besohlen. Wenn du noch einen Mantel hast. Ob Ulster, Paletot, ob Schlüpfer, Ob neu, verschobt, ob ausgeblaßt, So hüpfe einen Freudenhüpfer. Und wenn du gar ein Pärchen hast, Von alledem, mein lieber Prasser, Vermindre die gepaarte Last * Und gib die Hälfte dem D erfasse». Eduard S i m s 0 n, der in Ostpreußen geboren war. Schließlich kann man ja auch Moses Mendelsohn in diese Reihe einstigen, ganz von den Söhnen solcher Ostjuden zu schweigen, die bei Bestand der Barriere des Numerus clausus für ihre Väter auch nicht das geworden wären, was sie geworden sind, so z. B. der Münchener Physvkprofessor Leo Graetz. Aber auch in Oesterreich haben wir einige ostjüdische Persönlichkeiten, die sich, was Charakter und Leistungen für die Oeffentlichkeit anbelangt, mit Herrn Professor Diener ganz gut messen können, so z. B. den Völkervechtslehrer der Wiener Universität Professor S t r is 0 w e r, dessen vornehmer Charakter Wohl auch von seinen Feinden nicht bestritten werden wird. Eine Ostjüdin ist aber auch die unvergleichliche und unermüdliche Schöpferin zahlreicher Wohlfahrtswerke, die der Oeffentlichkeit in ganz außerordentlicher Weise zustatten kommen, nämlich Frau Dr. Eugenie Schwarzwald. In einer der von dieser DaMe gegründeten Gemeinschaftsküchen hat sogar Professor D i e n e r es nicht verschmäht, mit seiner ganzen Familie jahrelang Mittag und Abend zu speisen, ebenso wie viele andere Universitätsprofessoren und sogar — man höre und staune — die deutsch nationale Studentenschaft zu der Zeit, als ihre Mensa in den Sommermonaten gesperrt war. Damals, ein paar Monate, bevor sie die jüdische Mensa demoliert hatten, haben es diese deutschvölkischen Jünglinge durchaus nicht unter ihrer Würde gehalten, Lei der Ostjüdin bittlich zu werden, um dort Aufnahme zu sinken, wo, wie sie ganz gut wußten, ihnen das furchtbare Schicksal zuteil werden mutzte, mit zahlreichen Oft- und Westjuden in demselben Raume zu speisen. Wahrhaft eine Kumulierung von Charakterproben, wie sie eben nur bei Deutfchvölkischen möglich ist. _ R. M. Sie Beschlüsse des Men Fnternationale« Polizeitongresses in Wien. Eine internattonale kriminalpolizeiliche Kommission. Der 1. Internationale PoliMongreß, der in den Tagen vom 3. bis 8. Sepiembcr unter dem Vorsitze des Wiener Poltzeilpräftdenten Schober hier oibgchalten wurde, hat bedeutsame Beschlüsse gezmGgt, die das angeistvelbte Ziel!, die Bekämpfung des imerrononalen Verbrechertums, fördern werden. Der bedeutsamste Beschluß ist die Errichtung einer internationalen kriminalpolizeilichen Kommission, deren Sitz in Wien ist, die die gegenseitige weitestgehende Amtshilfe aller Sicherheitsbelhörden int Rahmen der in den einzelnen Staaten bestchenden Gesetze verbürgen und Sorge für die Schaffung und Ausgestaltung aller Polizeilichen Einrichtungen tragen soll. Der Kommission gehören eine große Zähl von europäischen und überseeischen Staaten an, die alle durch bedenkende Poildzeisachleute vertreten sind. Reiche Auswahl neuester ^eizmodelle In sämtl7 Pelzarten — Pariser uAViener Geschmack vereint erzeugt nur in eigenen Werkstätten, unter pers. Leitung desbasf renommierten Inhabers der Firma PraMaBeS-11 .2-6 PBÄjStomb*