Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1696 (3.11.1923)
- Date
- 1923-11-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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: 7NNV -r AMU, Exrmsrag Eine ganze Anzahl von Reden wurden.au§ diesem Anlässe gehalten. Prof. Fodor betonte irtSbasondere, daß ohne große Bibliothek die Universität ein leeres Mort fein wird, das uns leine Ehre eintragen wird. Prof. P i cf, der im Namen der Zionistischen Exekutive sprach, bedauerte, daß der Bau. der großen Bibliothek, welcher von der Wcklf^ sohn-Stistung in Aussicht gestellt worden ist, noch nicht be« gönnen hat, so daß die Nationalbibliothrk seht gezwungen ist, eine besondere.Abteilung in einem anderen Hause unterznbringen. Herr U s s i s ch k i n warf daS Problem von Form und Inhalt bei der Schaffung unsere« wissenschaftlichen Literatur auf. Er wies darauf hin, daß fast alle Bücher der medizinischen Bibliothek in fremden Sprachen geschrieben sind und der Besucher der Bibliothek schmerzlich das Fehlen der hebräischen Form vermißt. Dr. Masse, ein verdienstvoller Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der jüdischen Medizin und der hebräischen medizinischen Terminologie, sprach davon, wie Steinschneider, als er die literarische Wirksamkeit der jüdischen Aerzte des Mittelalters darstellcu wollte, ein Buch schreiben mußte, da? den Titel führte: „Tie arabische Literatur der Juden", weil so viele jüdische Aerzte arabisch geschrieben hatten. Wir erhoffen, fügte er hinzu, daß in Palästina ein Aerztegefchlecht ausstehen wird, das die Resultate seiner Forschungen in hebräischer Sprache veröffentlichen wird. Dazu bedarf es vor allem einer Sammlung aller hebräischen medizinischen Handschriften des Mittelalters, und es wird eine nächtige Aufgabe der neuen Bibliothek sein, in Photographien all die Schätze zu vereinigen, tvrlche heute in den Bibliotheken der ganzen Welt zerstreut sind. Dr. Berg man n> der dann namens der Nationalbibliothek sprach, zählte die Schmierigkeiten aus, welche der Schaffung einer großen, wissenschaftlichen Bibliothek in Jerusalem im Wege stehen, solange unsere Bibliothek aus Spenden allein augewi-stn ist und keine Möglichkeit hat, Bücher systematisch zu kaus-'n. Es sprachen noch Tavid Keltin, namens des Ward Lenmi, Mordechai ben Hillel Hakvhcn namens des Viblrorhekskvinirees und Dr. Oplat ka im Namen der Negierung sowie Herr Kurier für die amerikanischen Aerzte. Nach den Reden wurde die Bibliothek von den Aerzren benchrigt (wobei nicht wenige bemerkten, daß das ZeiVschrisienzimmer die meisten amerikanischen, aber rast kerne europäischen, ärztlichen Zeitschriften enthielr). Die Bibliothek ist natürlich auch nichtjüdischen Aerzten zugänglich und wiro vielleicht die Möglichkeit gesellschaftlicher Berührungspunkte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Aerzten schaffen. Noblstse. Wie erinnerlich, wurden in Pins k zur Zeit des Einzugs der Polen im Jahre 1919 aus Grund willkürlicher Beschuldigungen und ohne jeden.Prozeß s ü n f u n d d r e i ß i g I u d c n standrechtlich erschossen. Vor geraumer Zeit hat nun der polnische Landtag aus Antrag der jüdischen Deputierten beschlossen, die Familien jener 35 Juden für den Verlust ihrer Ernährer materiell zu entschädigen. Bis jetzt ist dieser Bcsschluß infolge formaler Schwierigkeiten, die die zuständigen Behörden bereiteten, nicht durchgesührt worden. Nunmehr wird auB Pins! mitgeteilr, daß dank dxr Intervention des Pinsker Sekretariats des Klubs der Deputierten und Senatoren beim Jüdischen Nationalrat die Störungen beseitigt worden sind, und daß bereits 3 3.000 Polenmark zur Auszahlung an die 35 jüdischen Familien überwiesen wurden. Jede Familie wird also je 1000 Mark ausbezahlt bekommen. Ein Kommentar zu dieser Nachricht des I. E. B. ist wohl überflüssig. BMkischer Mel. Wie das „Berliner Tageblatt" berichtet, wurde am Abend des 22. Oktober im ,/DeHauer Garten" eine jüdische Tst chgesellschaft von einem, Haufen Dentschvökkiischer, darunter einem General, den MgeordMten Gräfe und Wulle und zwei Schweden, Überfällen. Es kam zu einer Rauferei, die erst von der Polizei gelöst wurde. Einer der Schweden erklärte: „Jetzt ist es Zeit! Wir werden euch zeigen, wer wir sind!" Ans Nürnberg Ivird berichtet: In den letzten Tagen fiäufcrt sich die Uebersälle uniformierter Jugendticke r aus jüdische Passanten, die manchmal sogar lebensgefährliche Verletzungen zur. Folge haben. Uckterfälle auf Kaffeehäuser, friedliche Passanten und sogar Wohu u u gsdur ch such u ng en stehen auf der Tagesordnung. Tiese Zustände kamen auch im Stadbrat zur Sprache. Der S'derbürgermeister erklärt, daß diese mchaktbvren Zustände darauf zurückzwführen sind, daß die staatlichen Behörden die Hake nkr epzl er als Ordnungspolüge i organiiier»n. Ta die Nürnberger Polizei aufgehört hat zu bestchen, ist es Sache der Staatspolizei, ihre Funktionen -u übernehmen. Mn entsprechender Antrag wurde einstimmig angenommen. Zer erste Organisator des Bagdadbahuvrojettes. Sine Abenteurerlaufbahn. Bor kurzem starb in einem kleinen Or!e in der Nähe M'n London einsam und vergessen in hohem Mer ein Mann, dessen Name einst in der MM Welt fre&nutf war und heute gänzlich vergessen ist. Der europäischen Diplomatie, welche in den Jahren nach dem Berliner Kongreß ihre Fäden in Konst antinopel spann, war der Name Bernard Maimon sehr geläufig, aber die tvenigfsten wußten, daß der vornehme Engländer, der überall Zutritt hatte imd sich die geheimsten D8r«n zu önncn verstand, der Sohn eines ga l i z i s ch c u :«! .i b b i wa- Sein SkammbL'u» nihrt fteÜ»4, ms einen viv VERSTEIGERUNG Kunstwerke und Mobiliar aus Schloss Plankenwarth Ti, yftflcmoen&tf Wiener Morgeirzerr«ng ferner eine hochwertige Sammlung aus Privatbesitz: Besichtigung: Heute undmorgen(10-6). Auktion: GemUlde, Miniaturen, Steinglilscr, Porzellan, Antiquitäten 5. bis 9. Hov. in Leo Sohldlofs Kunstauktionshaus, Wien Telephone: 67*8-05, 67-2-89 I., Tuchlauben Nr. 8 Telephone: 67-8-05,67-2-89 löucfrten Ahnherrn, einen Fürsten des Geistes, zurück, auf Moses Maimanides. Dieser Sproß des großen jüdischen Philosophen von Cordöwa ist eine merhvürdige Erscheinung; er zählte zu den glänzendsten Abenteurern, welche unsere an Abenteuern so arme Zeit hervorbrachte. Als zwölfjähriger Knabe verließ er heimlich das Elternhaus und kam nach Berlin. Dort wurde er von der englischen Mission getauft und dann nach London gebracht, wo er auf Kosten der Mission eine sorgfältige Erziehung genoß. Er sollte Pastor werden. Eines Tages kam der N'NiAe Kandidat zun: Bischof von London mit dent Vorschlag, eine englische Mission im Irak (Arabien) zu gründen. Dem Bischof fleiiti ror Plan und Vernarb Maimon wurde nach Bagdad geschickt, um den Plan auszuführeu. In Bagdad führte der junge Pastor ans rabbinischem Hause ein fürstliches Leöen; der Champagner floß in Strömen und die Ronlet'e kam in seinem Hause nicht zur Ruhe. Eine Londoner Unter« snchungskommission, welche rach Bagdad kam, fand diese Tätigkeit des Missionärs ji'i: Nicht gerade zweckentsprechend und er mußte verschwinden.. Aber den Aufenthalt i> -''-abien hatte Maimon nicht ungenützt vorübergehen lassen'. Erhalte es verstanden, sich m'r: den Arabern auf guten Fuß zu stellen. Ihre Sprache te* herrschte er bald ausgezeichnet, so gut, daß arabische Gelehrte es nicht wagten, sich mir dem 'Warnt in ein Gespräch einpilassen, der ihre Sprache und Literatur besser kannte als sie, fast alle europäischen ittid orientalischen Sprachen in unglaublich kurzer Zeit sich auzneigucu verstanden hatte und überdies eine umfassende Bll-dnng Matz. Das alte und neue Teftameni. den Talmud und den Koran kannte er bis in die kleinsten Details, viele» davon anÄvendig. Im Jahre 1887 tauchte Maimon zum ersten Male in 'Ko nst a n t ino-pel auf und war dort bald so bekannt, daß fick um ihn die beste europäische und mohammedanische Gesellschaft gruppierte. Eines Tages erschien Maimon vor dem Scheich-nl'Jslam und gab die Erklärung ab, er sei entzück! von den Lehren des Koran mrd wolle stun Islam übertreten. Gleichzeitig zog er einen Koran aus der Tasche unb gab za mehreren Koraitstellen so geistreiche ErAär-ungen, daß der Scheich-A-Jslam voll Bewunderung und Entzücken sofort die- Anfnahme des Sprossen des Rambcnn in die Gl-auKensgememschüft des Propheten vornahm. Bald wurde Maimon ein Betrauter des SultanS Abdul-Hamid und dessen täglicher Gast. Der SEan vertraute ihm seine intimsten Staats¬ und Privatzgeheimmsse an und konnte seinen Rat nicht «nöbchren. Äernard Maimon aber wurde bobd Liebkind an allen europäischen Hofen und in allen diplomatischen Zianzlc'en Europas. Er tourte der Mertoeltsfpion, jedoch nicht im gewöhnlichen Sinn und auch wicht aus -materiellen Grünten, fostder-u weit mehr cms Lust an Abenteuern. BaVd waren rbm all« Geheimnisse der Dipkomati« offen und er wußte vieles, wovon sÄbst die verantwortlichen Minister keine Ahnung hatten. Dieser Katze- und DknrsfM nnt den Diplotna'.en mochte ihm Spaß und belebt« seine Abentenrerenergie« stets aufs neue. ' Doch nicht nur als politischer Agent, soMrn auch als Fi nanzmann und finanzieller Vermittler hatte Maimon geradezu geniale Züge. Konzefstoneit in Porttrgal, Finanztransaktionen in Griechenland, finanzielle Vermittlungen in der Türkei vermehrten sein Vermögen unaufhörlich. Er war der erste, welcher den Bau der Bagdad bahn vorschlug, und gerate dieser Plan lag ihm sehr an: Herzen. Gr grüntet« «in großes englisch-russisches Syndikat und es gelang ihm, -in London für feinen Plan den Bankier Ernst Richnitzer zu gewinnen. Dieser gab Vernarb Maimon die ungeheure Summe von einer Million Franken „als Gründungsspesen". Hinter dem Konsortium Richnitzer stand übrigen» das Londoner Haus R o t h s ch i l b. Mit dem Gelte, da8 ihm mm zur Verfügung stand, entfaltete Maimon blendenden Litxus und streute es mit vollen Häuten aus. Er kam nach Koustantinopel, tvo er den ganzen Hof mit Geschenken überschüttete, es sogar wagte, bei einer Audienz dem Sultan als Geschenk eine göltene Uhr z>r überreichen, auf deren ganz -mit Brillanten besetztem Deckel die projektierte Route der Bagdadbahn in Jiubinen ausgeführt war. Maimon arbeitete mit seinem Geld und seinem Einfluß für fein Projekt, aber im Jahre 1898 kam der deutsche Kaiser nach Konstantinopel und setzte persönlich beim Sultan die Uebertrügung einer Konzession für den Ban der Dagdadbckhq an ein deutsches Syndikat durch. Da also Marmon für sein englisch-russisches Konsortium nichts ausrichten konnte, verließ «r Konstantinopel und ging nach Paris. Dort wandte er sich der Journalistik zu. Sein Hang zu Abenteuern verwickelte ihn jedoch auf diesem Gebiete in eine Affäre, die seiner glänzenden Laufbahn ein schlimmes Ente bereite,! sollte. Mainwrr wurde nr Paris mit einem jungölt Beamten im Staatsarchiv bekannt, den er vcranlaßte, ihm täglich einige DoluNteute des Archivs zum Durchlesen „zu leihen", und da machte te bald 'nnationelle E»,^-iruiia. die seiner Am- 860 bitiou in dem neugewähtten Beruf entsprach. Er fand unter ten Archivpapieren jene Dokumente, welche genaue Aufklärungen über die Zusammenkunft des Zaren Nikolaus des Zweiten mit dem deutschen Kaiser in Potsdam gaben. Einige Stunden später stand diese sensationelle Entdeckung Maimous in ten „Evening Times" als Brief ihres Pariser Korrespondenten. In Paris zerbrach man sich den Kopf, wie dieses Geheimnis au den Tag kommen konnte. Eine lauge Untersuchung förderte ten Sachverhalt zutage und Maimon, d:r damals sechzig Jahre alt war, wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gcifängnis brach die ckbentemerlichen Energien dieses merkwürdigen Mannes und seither verschwand er aus der Welt der großen Politik und der Sensationen. In seinem Wohnsitz bei London lebte er einsam, Tag und Nacht in Bücher und Studien vergraben. In seinen letzten Lebensjahren hat des großen Rambam zur englischen Kirche übergetretener Nachkomme. der jetzt als hoher Siebziger verstorben ist, sich in die ferne Welk des Talmud versenkt. Die große Welk, in der er so vic! von sich reden gemacht hatte, war für ihn hhö von ihm still geworden. MassenversammlUW der Fndnftrieangefteüte«. Der Bund der Industrieangestellteu hatte für gestern abends eine Vollversammlung in die Volks balle einberufe u. Der Besuch tvar ein derart massenhafler, daß Tause,lde von Angestellten itt der Vvltshalle nicht Platz fanden und eine Parallelversammlung auf dem Rathansplatzc veranstaltet worden ist. Der Hanptreferent, der Präsidettt des Bundes Seidel, führte aus, daß die Industriellen, als sie bei Beginn der Wirtschaftskrise einen Abbau der Angestelltenbeznge verlangten, bei Besserung der Konjunktur entsprechende Gehaltserhöhungen znsicherten. Dieser Zeitpunkt sei jetzt gekommen. Es wurde verlangt: Mitwirkung der Betriebsräte bei Aufnahme und Entlassung von Personal und bei Festsetzung der Gehalte, Einführung eines Tarifvertrages, Regelung der. Grundgehalte, generelle, ans einige Monate verteilte Erhöhung um 25 Prozent. Die Delegiertenversammlnng des Jndustviellenverbandes habe diese Forderungen abgelehnt und erklärt, 'daß sie nur gewillt sei, für die oberen und mittleren Schichten etwas zu tun, aber stets nur individuell, das zeige, daß die Unternchrner lediglich von der Absicht ausgehen, die Angestellten zu spalten und ihre Organisation zu schädigen. Die Unternehmer haben eine neuerliche Vollversammlung einberufen, deren Ergebnis abgewartet werden muffe. Sollten abermals die Forderungen äbgelehnt^ werden, Io nckffe mit all c » g e w vr k f ch a f t l i ch e n M i t t e l n d e r Streik oder die passive Resistenzdurchgeführt werden. Nach Schluß der Versammlung formierten sich die Teilnehmer zu einem D e m o n st r a t i o n s z n g über die Ringstraße zum Jndnstriehause am Schwarzenbergplatz. Den Weisungen der Leiwng entsprechend, zogen sie lautlos am Gebäude vorüber. Drohender Streik in der MetMndnstrie. In der Metallindustrie ist die Lage feh r kril isch geworden. Mit der lanfendeir Lohnauszahlung endet die letzte provisorische Lohuvertragsverläirgerung und die Arbeiter verlangen einen neuen. Lohnvertrag. Die gestrige Versammlung des Metallarbeiterverbaudes und der Vierzig c rausschuß der Betriebsräte haben den Beschluß gefasst.' die Unternehmer von ben Forderungen der Arbeitevschasl gu verständigen. Die Delegiertenvcrsammlungen des I u b u ft r {c 11 c nverban1> es haben sich bisher den Forderungen der Arbeiter gegenüber ablehnend ausgesprochen und auch die Arbeiterschaft von diesen Beschlüssen verständigt. Eine Vollversammlung des Jndustriellenverbaildes am Dienstag wird sich darüber schlüssig werden, ob mau weitere Fühlung mit der Arbeiterschaft behalten wird, oder ob der Konflikt unvermeidlich ist. Diese Vollversammlung wirb gleichzeitig-auch bezüglirl' der Forderungen der Judust riebea mten, übel welche feit geraumer Zeit Verhandlungen geführt iverdcn. eine Entscheidung treffen. Die Wach, und Schlkeßgesellschast strM. Eigentlich stvM wicht sie, fontem ihre hmtdSnch-erab^ ge-zahlten Angestettt'eu. Da die Gesellschaft sich geiweigert hat, die Fostternngeik der Bediensteten zu erfüllen, sind 105 Wächt'tt in den AuSstaiwd gstbebsn. Mt AuSnähnre des Direktors, des Bötvicibsbe'iters und der ObevnrspeLtoren ist die gantze Beankitenschafl in den Streik getreten. Die' EMlvhmking lbeAmg bisher für eine zwölfftündige Arbeitszeit, von halb 8Uhr M'nds bis halb 8 Uhr früh, 18.000 K. AchanWohn, in der/ Wocte st^tl.ono K. im Monat unter EmvechtvMl der '?L>